R. v. Detten (Hrsg.): Das Waldsterben

Cover
Titel
Das Waldsterben. Rückblick auf einen Ausnahmezustand


Hrsg. v.
von Detten, Roderich
Erschienen
München 2013: Oekom Verlag
Umfang
156 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Zechner, Friedrich-Meinecke-Institut, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin

„Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“: Seit Anfang der 1980er-Jahre prognostizierten westdeutsche Forstwissenschaftler in teilweise dramatischem Tonfall ein großflächiges „Waldsterben“. Fotos schwer geschädigter Bäume im Erzgebirge und Fernsehsimulationen kahler Schwarzwaldkuppen halfen, ein drohendes Ende der deutschen Wälder bis spätestens zur Jahrtausendwende einprägsam zu visualisieren. Infolge der sich intensivierenden gesellschaftlichen Debatten reagierte die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Helmut Kohl mit diversen umweltpolitischen Maßnahmen, etwa der Umstellung auf bleifreies Benzin und der verpflichtenden Einführung des Fahrzeugkatalysators sowie der Reduktion der Immissionsgrenzwerte für Industrie und Kraftwerke. Die Forstwissenschaft profitierte von einem enormen Mittelzuwachs für Forschungsprojekte zu Ursachen und Folgen der Waldschäden, darunter die jährlichen „Waldschadensberichte“.

Und heute? Erzgebirge wie Schwarzwald sind offensichtlich immer noch baumbestanden, und die aktuellen Erhebungsergebnisse werden unter dem semantisch optimierten Titel „Waldzustandsberichte“ veröffentlicht. Mittlerweile beschäftigt sich die Umweltpolitik vorrangig mit dem ökologischen Globalthema „Klimawandel“, die Forstwissenschaft spricht lieber von „neuartigen Waldschäden“. Knapp drei Jahrzehnte nach den Ereignissen hat sich mithin die Debatte verlagert, weswegen die Zeit für eine geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung und Bewertung gekommen scheint.[1] Dieser Aufgabe widmete sich das Freiburger Forschungsprojekt „Und ewig sterben die Wälder“[2], in dem Historiker und Forstwissenschaftler zusammenarbeiteten. Nach siebenjähriger Laufzeit liegt nun über die „vielleicht prägendste Umweltdebatte der deutschen Nachkriegsgeschichte“ (Klappentext) eine Art Abschlussbilanz vor.[3]

Einführend schildert Martin Bemmann die Geschichte der Waldschadensforschung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.[4] Er konstatiert Parallelen zwischen den frühen „Rauchschäden“ und dem späteren „Waldsterben“ hinsichtlich der überregionalen Schadensausbreitung und der Notwendigkeit wie Beschränktheit wissenschaftlicher Expertise. Deutlich werden aber auch Unterschiede in der Metaphorik: So war die Vorstellung eines sterbenden Waldorganismus – statt sterbender Bäume, wie es botanisch korrekter formuliert wäre – anfangs von holistischen Konzepten wie dem „Dauerwald“-Gedanken geprägt. Erst nachdem weltanschauliche Umbrüche sowie ökonomische und politische Entwicklungen einen tiefgreifenden „Problemsichtwandel“ (S. 28) bewirkt hatten, habe es um 1980 zu einer in dieser Emotionalität vorher nicht denkbaren Debatte in weiten Teilen der Gesellschaft kommen können.

Daran anknüpfend untersucht Birgit Metzger, wie sich das Problemfeld „Waldsterben“ so rasch und so diskursdominierend in der Öffentlichkeit etablieren konnte.[5] Als Voraussetzungen benennt sie eine Sensibilisierung der westdeutschen Bevölkerung für ökologische Fragestellungen, aber auch eine apokalyptisch angehauchte Zeitstimmung. Dennoch sei es „kein Zufall“ (S. 81) gewesen, dass ausgerechnet der Wald fast einhellige Umweltbesorgnis auslöste. Die vorherige mythische Aufladung des „deutschen Waldes“ habe es erlaubt, ein scheinbar über allen Milieus und Parteien stehendes Kollektivsymbol zu etablieren. Weil die Konsenskoalition dabei von konservativen Waldbesitzern bis zu alternativen Umweltschützern reichte, konnten im Gegensatz zur Atomkraft-Debatte aufreibende politische Grabenkämpfe weitgehend vermieden werden.

Zwei Autoren erweitern den geographischen Rahmen dann auf die DDR beziehungsweise auf Europa. Tobias Huff hebt hinsichtlich des zweiten deutschen Staats die bekannten undemokratischen Rahmenbedingungen, das Veröffentlichungsverbot für Umweltdaten und den Vorrang der Planwirtschaft hervor. Trotz erheblicher Schadensintensität blieb die Diskussion damit auf Experten und Engagierte beschränkt, wobei im europäischen Vergleich allerdings die breite westdeutsche Debatte den „Sonderfall“ (S. 119) dargestellt habe. Laurent Schmit beschreibt grenzüberschreitende Aspekte unter anderem am Beispiel der vom „sauren Regen“ besonders betroffenen Staaten Skandinaviens und Frankreichs. Im Nachbarland habe es zwar durchaus die vielzitierte Verwunderung über die drastischen Reaktionen auf „le Waldsterben“ jenseits des Rheins gegeben, aber ebenso die Rezeption deutscher Forschungsergebnisse und Verweise auf den Kulturwert des Waldes.

Der forstwissenschaftlichen Perspektive widmen sich drei Beiträge: Ernst Hildebrand unterstreicht die Komplexität des Ökosystems Wald, auf Grund derer selbst nach 30 Jahren intensiver Forschung immer noch kein einhellig akzeptierter Hauptschadensverursacher feststehe. Ähnlich spricht Roland Wagner diesbezüglich von einem „Minimalkonsens“ (S. 37), der indes viele Detailfragen weiter offen lasse.[6] Zudem hätten Forstwissenschaftler im Sinne des Vorsorge-Gedankens dramatische Szenarien offensiv verbreitet, aber zu Lasten der disziplinären Reputation revidierte Schadensprognosen später nicht gleichermaßen nach außen kommuniziert. Klaus von Wilpert zeigt, dass einzelne Schadensparameter wie Kronenverlichtung oder Nadelverlust gegenwärtig fast wieder die damaligen Werte erreichen – jedoch ohne annähernd vergleichbare gesellschaftliche und mediale Resonanzen zu erzeugen.

Den Schluss bilden Roderich von Dettens bilanzierende Betrachtungen über die Ergebnisse des Forschungsvorhabens. Einerseits wendet er sich unter Verweis auf damals wie heute tatsächlich zu beobachtende Waldschäden gegen radikalkonstruktivistische Stimmen, welche das „Waldsterben“ als ein bloßes Medienphänomen verstehen wollen. Andererseits betont er ausdrücklich die emotionale Intensität der Debatten, die alleine von der forstbotanischen Realität her nicht zu verstehen sei. Das Geschehen sei „prototypisch für moderne Umweltprobleme“ (S. 141) hinsichtlich der Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Grundstimmungen, medialen Erregungszyklen, politischen Entscheidungszwängen und wissenschaftlichen Detailabwägungen.

Neben überwiegend allgemeinverständlich geschriebenen Aufsätzen zum „Waldsterben“ in Medien, Politik und Wissenschaft enthält das Buch Kurzinterviews mit früheren Protagonisten und Zeitzeugen – etwa der GRÜNEN-Politikerin Marieluise Beck, dem SPIEGEL-Redakteur Jochen Bölsche oder dem Göttinger Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich. Zudem finden sich so genannte Schlaglichter zu Kontext-Feldern wie „Mythos Wald“ oder „Umweltbewusstsein“, ein Zeitstrahl der Geschehnisse von 1979 bis 2010 sowie zahlreiche Abbildungen von Karikaturen, Fotos und Plakaten. Dabei zeigt sich ein gewisser regionaler Schwerpunkt auf dem Schwarzwald, der wohl dem universitären Standort des Projekts geschuldet ist.

Klimaneutral auf Recyclingpapier gedruckt, gleicht der schmale Band vor allem auf Grund des umfangreichen Bildmaterials, des ansprechenden Layouts und der weitgehenden Stringenz einem gut gemachten Ausstellungskatalog. Er hebt sich damit positiv ab von vielen eher Bleiwüsten und Buchbindersynthesen ähnelnden Sammelbänden und sei daher Interessierten zur Einführung ausdrücklich empfohlen. Durch die Kombination geschichts- und forstwissenschaftlicher Zugänge gelingt tatsächlich an einigen Stellen ein Brückenschlag zwischen den Disziplinen, wie ihn wissenschaftspolitische Sonntagsreden oft einfordern. Ganz ähnlich könnten in absehbarer Zukunft die Debatten um den „Klimawandel“ der nächste große Untersuchungsgegenstand für eine Umweltzeitgeschichte werden, die sich zunehmend den Jahren „nach dem Boom“ verschreibt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. als frühe Veröffentlichungen bereits Peter Moser, „Der Wald stirbt!“ – „Der Wald stirbt nicht. Das steht heute fest.“ Aufstieg und Niedergang des Waldsterbens 1983 bis 1990, in: Manuel Eisner / Nicole Graf / Peter Moser, Risikodiskurse. Die Dynamik öffentlicher Debatten über Umwelt- und Risikoprobleme in der Schweiz, Zürich 2003, S. 152–182; Kenneth Anders / Frank Uekötter, Viel Lärm ums stille Sterben. Die Debatte über das Waldsterben in Deutschland, in: Frank Uekötter / Jens Hohensee (Hrsg.), Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme, Stuttgart 2004, S. 112–138; Franz-Josef Brüggemeier, Waldsterben: The Construction and Deconstruction of an Environmental Problem, in: Christof Mauch (Hrsg.), Nature in German History, New York 2004, S. 119–131.
[2] Vgl. <http://www.waldsterben.uni-freiburg.de> (25.11.2013).
[3] Vgl. als weitere Publikationen aus dem Projektkontext etwa Martin Bemmann / Birgit Metzger / Roland Schäfer, „Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“. Was hatte das Waldsterben mit dem deutschen Waldmythos zu tun?, in: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.), Mythos Wald, Münster 2009, S. 43–53; Roderich von Detten, Umweltpolitik und Unsicherheit. Zum Zusammenspiel von Wissenschaft und Umweltpolitik in der Debatte um das Waldsterben der 1980er Jahre, in: Archiv für Sozialgeschichte 50 (2010), S. 217–269; Franz-Josef Brüggemeier, Totgesagte leben länger. Der gefährdete Wald als Realereignis und Medienphänomen, in: Ursula Breymayer / Bernd Ulrich (Hrsg.), Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald, Dresden 2011, S. 257–263.
[4] Vgl. dazu ausführlicher Martin Bemmann, Beschädigte Vegetation und sterbender Wald. Zur Entstehung eines Umweltproblems in Deutschland 1893–1970, Göttingen 2012 (rezensiert von Ute Hasenöhrl, in: H-Soz-u-Kult, 22.08.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-096> [12.11.2013]).
[5] Vgl. als medienwissenschaftlich-soziologische Analysen auch Rudi Holzberger, Das sogenannte Waldsterben. Zur Karriere eines Klischees: Das Thema Wald im journalistischen Diskurs, Bergatreute 1995; Wolfgang Zierhofer, Umweltforschung und Öffentlichkeit. Das Waldsterben und die kommunikativen Leistungen von Wissenschaft und Massenmedien, Wiesbaden 1998.
[6] Vgl. dazu ausführlicher Roland Schäfer, „Lamettasyndrom“ und „Säuresteppe“. Das Waldsterben und die Forstwissenschaften 1979–2007, Freiburg 2012 (online verfügbar unter <http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/8512/pdf/diss_rs_130313.pdf> [12.11.2013]).

Zitation
Johannes Zechner: Rezension zu: von Detten, Roderich (Hrsg.): Das Waldsterben. Rückblick auf einen Ausnahmezustand. München  2013 , in: H-Soz-Kult, 09.12.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21725>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.12.2013
Redaktionell betreut durch