Cover
Titel
Kollektive Gewalt in der Stadt. Europa 1890–1939


Hrsg. v.
Lenger, Friedrich
Erschienen
München 2013: Oldenbourg Verlag
Umfang
XV, 204 S.
Preis
€ 54,80
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Frank Rochow, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

Im Jahre 2008 lebte zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten.[1] Dieser Fakt illustriert die Bedeutung, die urbane Lebensräume im besonderen Maße seit der Industrialisierung gewonnen haben. Das moderne Leben ist geprägt vom Städtischen, was umgekehrt bedeutet, dass ein Verständnis moderner Prozesse ohne eine Auseinandersetzung über Vorgänge in städtischen Umgebungen nicht erreicht werden kann. In besonderem Maße trifft dies auf das Thema Gewalt zu, die während des 20. Jahrhunderts ungeahnte Dimensionen erreicht zu haben schien. Die kollektive Gewalt in Abgrenzung zur derjenigen, die von Individuen ausgeübt wird, spielt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Der von Friedrich Lenger herausgegebene Sammelband, als Band 89 der Reihe „Schriften des Historischen Kollegs“, erschienen 2013, behandelt als Ergebnis eines Kolloquiums im Oktober 2011 eben diese Thematik: Kollektive Gewalt in europäischen Großstädten während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts.

Was zunächst als irritierend anmuten mag, erweist sich als Stärke des Bandes: die zeitliche Eingrenzung des Untersuchungszeitraumes. Kohärent gelingt es den zehn Autoren, einen Bogen zu schlagen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis kurz vor den Zweiten Weltkrieg, um so dem gestellten Ziel näher zu kommen, Kontinuitäten und Zäsuren über den Ersten Weltkrieg hinweg herauszufiltern. Eine weitere Perspektive gewinnt die Untersuchung durch eine Weitung des geografischen Fokus. Neben Analysen zur deutschen Gewaltgeschichte, die einen Schwerpunkt des Bandes bildet, stellen sich Vergleiche mit anderen europäischen Großstädten. Den Anfang macht der Herausgeber selbst, indem er den Band einleitend in die Forschungslandschaft einordnet und betont, dass das Anliegen der versammelten Aufsätze einerseits darin liegt, das Gewaltgeschehen und damit die ihm innewohnende Dynamik ins Zentrum zu rücken. Andererseits soll dem spatial turn Rechnung getragen werden, indem stadträumliche Strukturen ebenfalls einen Platz in den Untersuchungen finden. Darüber hinaus soll der Band einen Beitrag zu größeren Themenkomplexen leisten. Darunter befinden sich in erster Linie die These von einer Brutalisierung der Gesellschaft durch den Ersten Weltkrieg[2] und die Frage nach dem Stadt-Land-Verhältnis.

Im Anschluss führt Wolfgang Hardtwig in die Gewaltgeschichte der Weimarer Republik ein. Neben allgemeinen Entwicklungstendenzen, die er seit Ende des 19. Jahrhunderts ausmacht, stellt er heraus, dass der Erste Weltkrieg und die Revolution von 1918 eine neue Phase in der Gewaltgeschichte der deutschen Städte einläuteten. Er weist außerdem auf verschiedene Akteure und den entstehenden Großstadtdiskurs hin. Daran schließt sich ein ähnlicher Überblick von Malte Rolf an, der sich mit den Städten des späten Zarenreichs auseinandersetzt. Diese kann er in einen gesamteuropäischen Kontext einordnen, in dem ein allgemeiner Anstieg städtischer Gewalt verortet wird. Darüber hinaus sensibilisiert er für die Fragestellung, ob rurale Gewaltkulturen durch die Wanderung der ländlichen Bevölkerung in urbane Siedlungen einen Beitrag zum Anstieg städtischer Gewalt geleistet haben. Er relativiert jedoch deren Einfluss, indem er auf die genuine Modernität des Gewaltgeschehens hinweist.

Es folgen nun Vergleiche und Fallstudien, zu denen Pierre Purseigle den ersten Beitrag liefert. Er untersucht anhand der Beispiele des englischen Northampton und des französischen Bézier, wie sich das Verhältnis zwischen militärischer und Heimatfront während des Ersten Weltkriegs entwickelte. Er hebt die Bedeutung von Identitäten, politischen Akteuren sowie deren Praktiken auf lokaler Ebene hervor. Soldaten nahmen hierbei eine besondere Rolle ein, da sie nicht nur als Transmissionsriemen zwischen beiden Fronten dienten, sondern als Verkörperung der nun verbreiteten neuen Ethik angesehen wurden. Das Verhältnis von Stadt und Staat unterlag, Purseigle zufolge, während der Kriegsjahre einer Redefinition, die unter anderem zu einem Ausbau der rechtlichen Grundlage für Freiwilligenorganisationen führte. Klaus Weinhauer schließt an diesen Vergleich mit einer Fallstudie über Hamburg an, in der er sich insbesondere auf die Nachkriegsjahre konzentriert. Er macht hier eine Bewegung aus, die sich während der letzten Kriegsmonate formierte und bis etwa 1923 wieder zerfiel. Dabei handelte es sich, Weinhauers Analyse folgend, um eine „diffuse soziale Bewegung“, die Elemente einer „kleingruppengestützte[n] ,Versammlungsdemokratie‘“ (S. 79) beinhaltete. Er untersucht außerdem unter Einbezug räumlicher Umgebungen die Dynamiken, denen diese Bewegung im Wechselspiel mit den Aktionen der städtischen Obrigkeiten und den Ordnungskräften unterlag. An Beispielen arbeitet er heraus, wo welche städtischen Maßnahmen konfliktverschärfend wirkten und wie gleichzeitig der Diskurs in der öffentlichen Presse das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten guthieß. Es folgen im Anschluss zwei weitere Vergleiche. Der erste, von Robert Gerwarth, beschäftigt sich mit Gewalt von rechten Gruppierungen von 1918 bis 1923 in Berlin, Wien und Budapest. Den Nachkriegszeitraum unterteilt er in Phasen des latenten bzw. offenen Bürgerkrieges, des punktuellen Bürgerkrieges und des „symbolischen Terrainkampfes“ (nach Dirk Schumann). Es gelingt ihm insbesondere in der Sozialstruktur der Eliten in den verschiedenen Ländern Gemeinsamkeiten herauszukristallisieren. Für die Metropolen des ehemaligen Habsburgerreiches betont Gerwarth die Bedeutung der Nachkriegsschlachtfelder in Mittel- und Osteuropa, die einen Großteil der gewaltbereiten Rechten anzog und sie so von den städtischen Sphären fernhielt. Der zweite Vergleich beschäftigt sich mit den Großstädten Turin und Barcelona zwischen 1890 und 1923. Martin Baumeister stellt die Ähnlichkeit der beiden „Red Cities“ (S. 124) heraus, indem er ihre allgemeine wirtschaftliche und demografische Entwicklung nachzeichnet. Die unterschiedlichen Grade der Gewaltanwendung in den beiden Städten im Kampf der Unterschichten um eine Besetzung des öffentlichen Raums führt er auf unterschiedliche Gewalttraditionen zurück, die Barcelona Ende des 19. Jahrhunderts bereits den Namen „Stadt der Bomben“ (S. 131) einbrachten. Die im Gegensatz dazu eher gemäßigte Richtung der Arbeiterbewegung in Turin verhinderte aber nicht, dass Unruhen 1917 ebenfalls wie in Barcelona eine antiklerikale Komponente annahmen. Symbolische Gewalt gegen Objekte gewann an Bedeutung. Beide Protestbewegungen wurden dann zu Beginn der 1920er-Jahre durch die Etablierung neuer Regime unterdrückt. In der letzten Fallstudie untersucht Christoph Mick die kollektive Gewalt in Lemberg 1918 bis 1939. Die vielfältigen Ausschreitungen im Anschluss an den Krieg versucht er in zweifacher Hinsicht einzuordnen: erstens, in eine Matrix kultureller und relationaler Distanz der Gewaltparteien zueinander und zweitens, in Kategorien nicht-staatlicher kollektiver Gewalt nach Roberta Senechal de la Roche. Mick illustriert anhand der verschiedenen Konfliktsituationen während des Untersuchungszeitraums die ethnische bzw. nationale Aufladung, um schließlich herauszufiltern, dass die kulturelle Distanz einen wesentlichen Einfluss auf den Grad der angewandten Gewalt ausübt. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise konnten diese Cleavages jedoch auch ihre Bedeutung zugunsten sozialer Konfliktlinien verlieren.

Im thematisch letzten Teil nimmt zunächst Heinz-Gerhard Haupt eine Kontextualisierung von Teuerungsunruhen vor. Während der drei von ihm vorgestellten Wellen (vor, während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg) hebt er die Bedeutung von Frauen als „Kern der Protestierenden“ (S. 174) hervor. Dieser Punkt wurde zwar von anderen Autoren auch erwähnt, aber eine nähere Betrachtung erfolgt erst an dieser Stelle. Darüber hinaus betont Haupt das Netz von Interaktionen, in dem sich Konflikte entwickeln, um schließlich drei strukturelle Erklärungsmuster vorzustellen. Das erste bezieht sich auf die Versorgungspolitik als Wechselspiel zwischen Regierenden und Konsumenten, die letztlich aufgrund staatlicher Unfähigkeiten zur Selbsthilfe greifen. Der zweite Ansatz erfolgt nach dem Konzept der „moral economy“ nach E. P. Thomson, demzufolge das Ziel der Protestierenden die Herstellung eines gerechten Marktes sei. Das dritte mögliche Erklärungsmuster betont Aushandlungsmechanismen in lokalen „communities“ in Anlehnung an John Bohstedt. Haupt hebt hervor, welche Rolle auch gruppeninterne Disziplinierungsmaßnahmen haben, um die Solidarität zu stärken. Wolfgang Knöbl schließt den Band mit einer Reflexion über die Beiträge und den allgemeinen Forschungsstand ab. Er betont als einen wesentlichen Punkt für weitere Analysen die Notwendigkeit Betrachtungen auf der Mikroebene zu kontextualisieren. Er warnt außerdem vor voreiligen Herleitungen von Konflikten entlang ethnischer, religiöser und sozialer Bruchlinien und plädiert für eine differenzierte Betrachtung von Gewaltakteuren sowie der Beziehung zwischen Staat bzw. Herrschaftslegitimität und Stadt. Am Ende des Bandes befindet sich dann noch eine Übersicht der Beitragenden mit den jeweiligen Kurzbiografien.

Der Band hat sich viele Ziele gesetzt und kann letztlich aufgrund seines bescheidenen Umfangs und der überschaubaren Zahl von Autoren nicht jedem gerecht werden. So gelingt es zwar einen Zeitraum zu untersuchen, der etwa ein halbes Jahrhundert umfasst. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch eindeutig auf der unmittelbaren Nachkriegszeit, die in vielen Beiträgen im Jahre 1923 endet. Für diesen Abschnitt hat der Band aber eindeutig eine Breite von Ansätzen geliefert, die weitere Forschungsfragen aufgeworfen haben. Knöbl und Rolf kritisieren, dass der spatial turn bisher „kaum erkennbar“ (S. 195) Einfluss auf die Gewaltgeschichtsschreibung genommen hat. Dem versucht dieser Band ebenfalls entgegenzuwirken, was am erfolgreichsten in Weinhauers Beitrag gelungen ist. Darüber hinaus werden wichtige Argumente in den Debatten über den Zäsurcharakter des Ersten Weltkriegs und bezüglich der Brutalisierungsthese Mosses’ aufgezeigt. Eine dezidierte Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen bleibt leider aus, was letztlich das wiederkehrende Aufwerfen dieser Punkte etwas unkoordiniert wirken lässt. Der große Verdienst dieses Bandes ist in der Verbindung von Fallstudien und deren Einbindungen auf der Makroebene zu finden. Insbesondere die europäische Perspektive verspricht noch weitere fruchtbare Untersuchungen, die das Bild über Prozesse der städtischen Gewalt weiter schärfen können.

Anmerkungen:
[1] Das Jahrtausend der Städte, Homepage der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland <http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Magazine/MagazinEntwicklungspolitik/068/s0-jahrtausend-der-staedte-bmz.html> (02.03.2014).
[2] Vgl. George L. Mosse, Gefallen für das Vaterland. Nationales Heldentum und namenloses Sterben, Stuttgart 1993.

Zitation
Frank Rochow: Rezension zu: Lenger, Friedrich (Hrsg.): Kollektive Gewalt in der Stadt. Europa 1890–1939. München 2013 , in: H-Soz-Kult, 21.03.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21747>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.03.2014
Beiträger
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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