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Titel
Die Vermittlung des Unbegreiflichen. Darstellungen des Holocaust im Museum


Autor(en)
Schoder, Angelika
Erschienen
Frankfurt am Main 2014: Campus Verlag
Umfang
371 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Zechner, Berlin

Die im Laufe des 19. Jahrhunderts hart erkämpfte Deutungshoheit der Historiker über die Vergangenheit ist längst selbst Geschichte geworden. Neben Fernsehdokumentationen und Schulbüchern erreichen Ausstellungen wesentlich breitere Bevölkerungskreise, als es sogar die wenigen viel gelesenen Werke unserer Zunft vermögen. Dabei sollen insbesondere Nationalmuseen als staatlich legitimierte und finanzierte Institutionen der eigenen Bevölkerung wie auch ausländischen Besuchern wesentliche Grundlagen des jeweiligen kollektiven Selbstverständnisses vermitteln. Bezüglich ihres mehr oder minder explizit formulierten Aufgabengebietes der Sinnstiftung unterscheiden sich Museen von der universitären Geschichtswissenschaft. Zudem unterliegen sie einer engeren Anbindung an die politische Sphäre durch wissenschaftsfremd besetzte Aufsichtsgremien sowie Sonderzuwendungen gemäß einem repetitiven Kanon von Gedenktagen und Jubiläen.

Derartige geschichtskulturelle Phänomene haben seit den 1990er-Jahren das interdisziplinäre Interesse der anglo-amerikanisch dominierten museum studies[1] geweckt und zunehmend auch deutschsprachige Forschungsliteratur[2] hervorgebracht. Indes konzentrierten sich viele Arbeiten auf die Nachzeichnung institutioneller Gründungsprozesse oder begleitender Pressedebatten, wie sie sich im vertrauten Terrain der schriftlichen Quellen niedergeschlagen haben. Demgegenüber wurden Dauer- und Sonderausstellungen als museales Proprium noch zu selten angemessen in die Analyse einbezogen.[3] Ähnliches gilt für die – mit Ausnahme der Auswertung von Presse und Fachperiodika – nach wie vor vernachlässigte Ausstellungsrezeption, sodass die Besucher als bei weitem größte Akteursgruppe im ‚magischen Dreieck‘[4] von Kuratoren, Gestaltern und Museumspädagogen keinen Platz finden.

Die hier zu besprechende Bayreuther Dissertation aus der Politischen Soziologie ist in einem Forschungsfeld zu verorten, welches sich den Repräsentationen des Holocaust in Museen beziehungsweise Gedenkstätten widmet und dafür meist mehrere Einrichtungen parallel untersucht.[5] Angelika Schoder behandelt mit dem Imperial War Museum (IWM) in London und dem Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin zwei finanz- und besuchsstarke Nationalmuseen, die sie im Anschluss an einschlägige Theoreme von Maurice Halbwachs und Aleida Assmann als „tragende Institutionen des kulturellen Gedächtnisses“ (S. 26) versteht. Insbesondere geht es dabei in vergleichender Absicht um die Klärung der Frage, „inwieweit in den Holocaust-Rezeptionen nationale oder europäische Perspektiven betont werden“ (S. 13). Nach einer knappen Einführung in Forschungsstand und Methodenbesteck werden zuerst jeweils die Kontexte des Erinnerns sowie die institutionellen Werdegänge der Museen zusammengefasst, ein Schlusskapitel erörtert die pädagogischen Begleitprogramme einer ‚Erziehung nach Auschwitz‘ im Sinne Adornos.

Im Mittelteil bietet die Arbeit detaillierte Entstehungsgeschichten der 2000 eröffneten IWM-Dauerausstellung „Holocaust“[6] sowie der gleichnamigen DHM-Sonderausstellung von Frühjahr 2002[7]. Hier gelingt es Schoder auf der Grundlage von akribisch ausgewerteten Aktenbeständen und Mitarbeiterinterviews, die komplexen Aushandlungsprozesse zwischen Zuwendungsgebern, Beiräten, Interessenverbänden und Museen nachzuzeichnen – und damit die vermeintliche Durchschlagskraft geschichtspolitischer Masterpläne deutlich zu relativieren. Diskutiert wurden etwa in London die Darstellung der alliierten Flüchtlingspolitik oder des Widerstandes gegen das NS-Regime, in Berlin der Einbezug nicht-jüdischer Opfergruppen oder damaliger rechtsextremer Entwicklungen.

Schoder konstatiert angesichts des fortgeschrittenen Alters der letzten Überlebenden eine „zentrale Rolle“ (S. 12) der beiden Institutionen für die Vermittlung der NS-Geschichte. Interessanter ist ihre Beobachtung, dass beim Thema Holocaust die ansonsten allerorten geforderte museale Multiperspektivität und Deutungsoffenheit klare Grenzen finde. Und obschon die Museen der ehemaligen Kriegsgegner Großbritannien und Deutschland partiell weiterhin „nationalen Perspektiven“ (S. 313) verpflichtet seien, zeitige die „Europäisierung“ (S. 312) des Gedenkens doch Angleichungen in Inhalten, Gestaltung und Didaktik. Eine weitere Gemeinsamkeit sei die Herausforderung der Geschichtsvermittlung am nicht-authentischen Ort sowie die Vorbildfunktion des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) und der israelischen Einrichtung Yad Vashem.

Die flüssig geschriebene und klar gegliederte Arbeit liefert aus teils erstmals ausgewerteten Quellen geschöpfte Informationen zu den musealen und didaktischen Strategien, kraft derer die untersuchten Holocaust-Ausstellungen den nationalen Erinnerungsdiskurs fortzuschreiben versuchten. Über diese diskursive Ebene hinaus thematisieren Unterkapitel die Expositionen – leider wie das ganze Buch ohne Photographien – und mittels Statistiken deren Besucher. Allerdings verbleibt Schoder über weite Strecken auf einer deskriptiven Ebene und hinterfragt nicht, inwieweit institutionelle Eigeninteressen den Quellenwert eingesehener Protokolle und geführter Interviews beeinträchtigt haben könnten. Zudem ergibt sich eher der Eindruck separater Fallstudien, als dass konsequent komparatives oder transfergeschichtliches Vorgehen erkennbar würde. Im direkten Vergleich verfährt Katrin Piepers Studie über USHMM und Jüdisches Museum Berlin museumstheoretisch reflektierter, Imke Hansens alltagsgeschichtlich inspirierte Arbeit zur Gedenkstätte Auschwitz arbeitet Kooperationen wie Konflikte zwischen den Akteursgruppen anschaulicher heraus.[8]

Schließlich befremdet die theoretische Grundannahme Schoders, dass mithilfe von Museen tatsächlich die „Fixierung eines kollektiven Gedächtnisses“ (S. 26) zu erreichen sei – ungeachtet der Kontingenzen und Konjunkturen des Erinnerns sowie der im Buch geschilderten Gedenkkontroversen. Die rezensorische Gesamtbilanz fällt somit durchwachsen aus, zumal ärgerliche Tippfehler wie „Wieße Rose (S. 130) oder „Eberhard Jäkkel“ (S. 177) ihren Weg in die Veröffentlichung gefunden haben. Es wird künftigen Arbeiten zum Thema vorbehalten bleiben, den multimedialen Charakter von Ausstellungen gebührender zu berücksichtigen und zugleich die Strategien musealer Selbstdarstellung kritischer zu hinterfragen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Robert Lumley (Hrsg.), The Museum Time-Machine. Putting Cultures on Display, London 1988; Ivan Karp / Steven D. Lavine (Hrsg.), Exhibiting Cultures. The Poetics and Politics of Museum Display, Washington 1991; Gaynor Kavanagh (Hrsg.), Making Histories in Museums, London 1996; Steven C. Dubin, Displays of Power. Memory and Amnesia in the American Museum, New York 1999; Timothy W. Luke, Museum Politics. Power Plays at the Exhibition, Minneapolis 2002.
[2] Vgl. als Auswahl bei H-Soz-Kult besprochener Publikationen: Stefan Ebenfeld, Geschichte nach Plan? Die Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft in der DDR am Beispiel des Museums für deutsche Geschichte in Berlin 1950–1955, Marburg 2001 (rezensiert von Gerd Dietrich, in: H-Soz-Kult, 10.03.2002, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-913> (30.07.2015)); Tim Völkering, Flucht und Vertreibung im Museum. Zwei aktuelle Ausstellungen und ihre geschichtskulturellen Hintergründe im Vergleich, Berlin 2008 (rezensiert von Matthias Finster, in: H-Soz-Kult, 22.10.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11381> (30.07.2015)); Joachim Baur, Die Musealisierung der Migration. Einwanderungsmuseen und die Inszenierung der multikulturellen Nation, Bielefeld 2009 (rezensiert von J. Olaf Kleist, in: H-Soz-Kult, 04.01.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13321> (30.07.2015)); Thomas Thiemeyer, Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum, Paderborn 2010 (rezensiert von Peter M. Quadflieg, in: H-Soz-Kult, 17.09.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14238> (30.07.2015)); Wolfram Kaiser / Stefan Krankenhagen / Kerstin Poehls, Europa ausstellen. Das Museum als Praxisfeld der Europäisierung, Köln 2012 (rezensiert von Ines Keske, in: H-Soz-Kult, 07.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18589> (30.07.2015)).
[3] Vgl. als Zusammenstellung verschiedener Ansätze Joachim Baur (Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld 2010.
[4] Vgl. Heike Kirchhoff / Martin Schmidt (Hrsg.), Das magische Dreieck. Die Museumsausstellung als Zusammenspiel von Kuratoren, Museumspädagogen und Gestaltern, Bielefeld 2007 (rezensiert von Fabian Schwanzar, in: H-Soz-Kult, 12.06.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10749> (30.07.2015)).
[5] Vgl. an älteren Publikationen Bernd Faulenbach / Franz-Josef Jelich (Hrsg.), Reaktionäre Modernität und Völkermord. Probleme des Umgangs mit der NS-Zeit in Museen, Ausstellungen und Gedenkstätten, Essen 1994; Sabine Moller, Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl. Die Neue Wache – Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas – Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 1998; Isabelle Engelhardt, A Topography of Memory. Representations of the Holocaust at Dachau and Buchenwald in Comparison with Auschwitz, Yad Vashem and Washington DC, Bruxelles 2002; Matthias Haß, Gestaltetes Gedenken. Yad Vashem, das US Holocaust Memorial Museum und die Stiftung Topographie des Terrors, Frankfurt am Main 2002 (rezensiert von Jan-Holger Kirsch, in: H-Soz-Kult, 15.11.2002, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2031>, (30.07.2015)).
[6] <http://www.iwm.org.uk/exhibitions/iwm-london/the-holocaust-exhibition> (30.07.2015).
[7] <http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/holocaust> (30.07.2015).
[8] Vgl. Katrin Pieper, Die Musealisierung des Holocaust. Das Jüdische Museum Berlin und das US Holocaust Memorial Museum in Washington DC. Ein Vergleich, Köln 2006 (rezensiert von Andrew Gross, in: H-Soz-Kult, 07.05.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7542> (30.07.2015)); Imke Hansen, ‚Nie wieder Auschwitz!‘. Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte 1945–1955, Göttingen 2015 (rezensiert von Stephanie Kowitz-Harms, in: H-Soz-Kult, 03.06.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23762> (30.07.2015)).

Zitation
Johannes Zechner: Rezension zu: : Die Vermittlung des Unbegreiflichen. Darstellungen des Holocaust im Museum. Frankfurt am Main  2014 , in: H-Soz-Kult, 04.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22012>.
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Veröffentlicht am
04.09.2015
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