Kirchhof u.a. (Hrsg.): Umweltgeschichte und Geschlecht

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Titel
Umweltgeschichte und Geschlecht. Von der Antiatomkraftbwegun bis Ökofeminismus


Hrsg. v.
Kirchhof, Astrid Mignon; Schibbe, Laura
Umfang
82. S.
Preis
11,50 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Iris Borowy, Institut für Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Die historische Beschäftigung mit Frauen und Umwelt in den letzten Jahrzehnten hat der Geschichtsschreibung jeweils neue Perspektiven eröffnet, thematisieren doch beide Subdisziplinen die Auswirkungen von Macht- und Wirtschaftsstrukturen auf Subjekte, deren Anteil an der Geschichte lange übersehen wurde. Manche Aktivistinnen postulierten eine Parallele zwischen Frauenunterdrückung und Umweltzerstörung, und ähnliche Sichtweisen haben auch die Geschichtsschreibung beeinflusst. So hat bereits 1980 die amerikanische Umwelt- und Wissenschaftshistorikerin Carolyn Merchant weibliche Konstruktionen von Natur vor der Aufklärung als mütterlich oder sinnlich analysiert [1], und in Deutschland hat Marcus Termeer vor einigen Jahren das Thema aufgegriffen [2]. Erstaunlicherweise ist die Rolle von Frauen in Umwelt- und Naturschutz jedoch bislang kaum thematisiert worden. So ist es das große Verdienst von Astrid Mignon Kirchhof und Laura Schibbe, mit dem im November erschienenen Themenheft von Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, erste Pionierarbeiten vorgelegt zu haben.

Wie in der Einführung deutlich wird, sind sie sich der entstehenden konzeptionellen Probleme durchaus bewusst, droht doch die Behauptung einer distinkt weiblichen Form der Umweltarbeit angesichts der großen Diversität sowohl an Aktivitäten und Lebenswegen von Frauen gerade Zuschreibungen von „typisch weiblich“ zu zementieren, welche die Gender Geschichte eigentlich überwinden möchte. In diesem Spannungsfeld bewegen sich alle acht Beiträge im Heft, und alle Autorinnen gehen unterschiedlich damit um. Dabei spannen die Aufsätze einen Bogen über das gesamte zwanzigste Jahrhundert hinweg und nutzen höchst unterschiedliche methodische Herangehensweisen, von der Kollektivbiographie, über die Ausstellungsbesprechung bis zur Erinnerungsanalyse.

Dabei wird deutlich, dass in einer Welt, in der laut rechtlicher und gesellschaftlicher Regeln Männer das Sagen haben, jede Art von wissenschaftlichem und politischen Engagement Teil eines Kampfes um Frauenrechte wird, auch wenn die Beteiligten es selbst nicht so sehen. Am klarsten dargelegt wird dies in dem Aufsatz von Astrid Mignon Kirchhof über die „Mütter gegen Atomkraft“. Zwar gaben Zeitzeuginnen explizit an, dass ihr Engagement der Antiatomkraftbewegung gegolten habe, aber allein die Tatsache, dass sie ihr Anliegen dezidiert als Frauen und Mütter vertraten, machte ihre Handlungen zu einem frauenpolitischen Akt. Für viele Frauen bot das Thema Raum für den ersten politischen Einsatz überhaupt, den sie nicht selten gegen den Unwillen oder die Gleichgültigkeit ihrer Umwelt erarbeiten mussten. Noch stärker gilt dies im Beitrag von Beate Ahr über das Naturschutzengagement einiger Frauen im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Ahr beschreibt, wie der Zugang zu höherer Bildung für Frauen staatlicherseits beschränkt war. Dennoch gelang es einigen bürgerlichen Frauen, sich Kompetenzen anzueignen, dank derer sie mit Forschungen, Veröffentlichungen, Zeichnungen oder Vorträgen im Bereich des Naturschutzes aktiv werden konnten. Allerdings war ihr Engagement immer abhängig von Netzwerken und mit den konventionellen Leben einer Ehefrau und Mutter nicht vereinbar, so dass die meisten dieser Frauen unverheiratet blieben.

Deutlich leichter war die Situation von Frauen im Wiener Tierschutzverein um 1900, deren Zielsetzung bescheidener war und innerhalb der gesellschaftlich vorgegebenen Normen blieb. Birgit Pack stellt dar, dass der Verein eher behördennah als zivilgesellschaftlich agierte und einen bürgerlich willkommenen Rahmen für demonstrative Wohltätigkeit bot. Dennoch wurden nach außen sichtbare Tätigkeiten wie politische Eingaben oder Petitionen meist von Männern übernommen, während sich Frauen aktiv in Diskussionen und der Organisation von Kongressen einbrachten. Eine Sonderstellung nimmt die von Mieke Roscher und Anna-Katharine Wöbse vorgestellte Louise Lind-af-Hageby (1878–1968) ein. Die in England lebende Schwedin setzte sich mit Intelligenz und Selbstbewusstsein scheinbar mühelos über viele Beschränkungen hinweg, unter denen viele Geschlechtsgenossinnen litten. So begann sie 1902 am angesehen Londoner King’s College ein Medizinstudium, um effektiver gegen die Vivisektion eintreten zu können. Ein Gerichtsverfahren gegen die Pall Mall Gazette, die ihr vorwarf, die Vivisektion übertrieben emotional und sachlich falsch darzustellen, bestand Lind-af-Hageby ohne anwaltlichen Beistand und nutzte es als Bühne für den Tierschutz wie auch für Frauen als wissenschaftlich ernst zu nehmende Diskussionsteilnehmer. Bis in die frühen 1930er Jahre war Lind-af-Hageby als sehr gefragte Rednerin international in einem immer breiteren Spektrum von Tierschutzanliegen aktiv und bewegte sich innerhalb der Arbeiterschaft ebenso selbstverständlich wie im Völkerbund. Zweifellos eine Ausnahmeerscheinung, so war sie, wie Roscher/Wöbse betonen, doch repräsentativ für eine Gruppe privilegierter Frauen, deren Erfolg allerdings auch teilweise darauf begründet war, dass sie sich männlich vorgegebenen Verhaltensmustern anpassten und „in ihrem Auftreten (nicht in der Wahl ihrer Themen!) nicht allzu weiblich waren und sich quasi asexuell gaben“ (S. 34).

Der Frage, wie sich Geschlechterkonzeptionen im Verhältnis zwischen Menschen und Natur, im Naturschutz wie in der Naturnutzung, widerspiegelten, gehen Christine Katz und Tanja Mölders nach. Sie zeigen auf, wie sehr diese Vorstellungen verschiedene Bereiche, insbesondere Wald- und Landwirtschaft, beeinflussten, aber auch zeitlichen Entwicklungen unterlagen. Tatsächlich lässt das Themenheft eine gewisse Skepsis gegenüber wiederkehrenden Charakterisierungen aufkommen. So zeigt der Vergleich mehrerer Beiträge auf, wie sich die Zuschreibung weiblicher Emotionalität einerseits als negatives Stereotyp zur Beschränkung weiblicher Handlungsmöglichkeiten und andererseits als positive Legitimierung weiblichen Mitspracherechts konstruieren lassen. So mussten sich hochgebildete Frauen wie Lind-af-Hageby vielfach dagegen wehren, dass ihr Engagement unter Hinweis auf ihre angebliche übertriebene Emotionalität oder „Hysterie“ diskreditiert wurde. Andererseits nutzten Frauen wie Vandana Shiva oder die „Mütter gegen Atomkraft“ diese angeblich stärkere emotionale Verbindung zur Natur, um der „männlich rationalen“ eine positiv konnotierte „weibliche“ Sichtweise auf Umwelt entgegen zu setzen. Dass diese Zuschreibungen nicht automatisch zu einem Konflikt führen mussten zeigt Frauke Paech in ihrem Beitrag über gender-spezifisches Erleben und Erinnern der Hamburger Sturmflut von 1962. Dabei stellt sie heraus, dass die geschlechtsspezifischen Rollen während der Katastrophe klar verteilt waren, jedoch als einander positiv ergänzend empfunden wurden. Auch die Erinnerungen der Zeitzeugen scheinen sich deutlich darin zu unterscheiden, inwieweit das Erleben anhand von objektiven Fakten (Männer) oder deren emotionaler Bedeutung (Frauen) strukturiert wird.

Die Betonung einer eigenen weiblichen Perspektive hatte auch Nachteile. Den „Müttern gegen Atomkraft“ kam mit der zeitlichen Entfernung vom Unfall in Tschernobyl ihre selbstgewählte Legitimierung als Schützerinnen ihrer Kinder vor Strahlenbelastung abhanden. Sie mussten andere Argumentationsmuster suchen, die sich dann jedoch von denen männlicher Atomkraftgegner nur noch wenig unterschieden.

Noch ambivalenter zeigt sich die selbstgewählte Position von Vandana Shiva, wie sie Julia Rometsch und Martina Padmanabhan in einem sehr reflektierten Beitrag herausarbeiten.
Zweifellos hat sich die promovierte Quantenphysikerin Shiva große Verdienste erworben in ihrer grundlegenden Kritik an Kapitalismus, Globalisierung und ihre zerstörerischen Auswirkungen sowohl auf die Umwelt als auch das Leben von Menschen, insbesondere von Frauen, in Ländern des Südens. Allerdings ist es zunehmend fraglich, inwieweit Shiva mit ihrer Theorie eines Ökofeminismus und der Forderung nach einer „weiblichen“ Beziehung zur Natur in Subsistenzwirtschaft und Dorfgemeinschaft tatsächlich die Meinungen und Interessen vieler indischer Frauen vertritt oder vielmehr deren Aktivitäten für ein eigenes Weltbild einer idyllischen Entindustrialisierung instrumentalisiert. In milderer Form stellt Ute Hasenöhrl ähnliche Fragen nach der Beurteilung der Leistungen einzelner Frauen in ihrer Besprechung einer Ausstellung mehrerer Naturschutzverbände, an deren Vorbereitung eine der Autorinnen des Themenheftes Ana-Katharina Wöbse, mit beteiligt war. Die Ausstellung, die im März 2013 im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit eröffnet wurde, zeigt 21 Frauen, die sich in irgendeiner Form für Naturschutz verdient gemacht haben. Letztlich stellen sich dort ähnliche Fragen wie im Themenheft, die jedoch, wie Hasenöhrl bedauernd anmerkt, in der Ausstellung gar nicht angesprochen werden.

Insgesamt bietet dieses Themenheft gut recherchierte und intelligent geschriebene Aufsätze, deren Fragen sowohl für die Frauen- wie für die Umweltgeschichte wertvoll sind. Zu hinterfragen wäre allerdings, warum bei einer solchen Aufsatzsammlung ausschließlich weibliche Autorinnen zu Wort kommen. Wenn die Betrachtung von männlich tradierten Geschichtsnarrativen durch weibliche Perspektiven bereichert worden ist, dann wäre im Bereich der Frauengeschichte vielleicht auch eine männliche Perspektive interessant.

Anmerkungen:
[1] Carolyn Merchant, Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft, München 1987 (Original: The Death of Nature. Women, Ecology and the Scientific Revolution, New York 1980).
[2] Marcus Termeer, Verkörperungen des Waldes. Eine Körper-, Geschlechter- und Herrschaftsgeschichte, Essen 2005.

Zitation
Iris Borowy: Rezension zu: Kirchhof, Astrid Mignon; Schibbe, Laura (Hrsg.): Umweltgeschichte und Geschlecht. Von der Antiatomkraftbwegun bis Ökofeminismus. Kassel  2013 , in: H-Soz-Kult, 23.04.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22016>.
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Veröffentlicht am
23.04.2014
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