L. Erker u.a. (Hrsg.): Gedächtnis-Verlust?

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Titel
Gedächtnis-Verlust?. Geschichtsvermittlung und -didaktik in der Mediengesellschaft


Hrsg. v.
Erker, Linda; Kienesberger, Klaus; Vogl, Erich, Hausjell, Fritz
Erschienen
Umfang
255 S.
Preis
€ 28,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Ernst, Institut für Germanistik, Universität Potsdam

Mit der Frage nach „Gedächtnis-Verlust“ hebt der von Linda Erker, Klaus Kienesberger, Erich Vogl und Fritz Hausjell herausgegebene Sammelband auf das Verhältnis zwischen einem „sich rasant vollziehende[n] generationelle[n] Bruch in der Erinnerung“ (S. 9) und der Rolle von Medien in der Geschichtsvermittlung ab. Damit reiht er sich in die seit den 2000er-Jahren intensiv geführte Diskussion von Zusammenhängen zwischen öffentlicher Erinnerung, Zeitzeugenschaft und Medialisierung des Nationalsozialismus und des Holocaust und ihrer Rolle für die Geschichtsvermittlung ein.[1] In seinen einleitenden Gedanken setzt der Wiener Historiker Oliver Rathkolb die Frage nach „Gedächtnis-Verlust“ in Relation zu dominierenden Ansätzen der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Der kompakte Überblick relativiert Kritik an einem Gedächtnisbegriff, der Erinnerung an kollektive Identitäten bindet und damit generationell und kulturell homogenisiert. Rathkolbs Forderung nach einer „spezifischen Erinnerung an die Shoa“ als „demokratiepolitische Pflicht“, um auf das „Risiko von Bindestrich-Erinnerungen“ beim „Aufeinandertreffen von verschiedenen multinationalen Erinnerungsräumen“ (S. 22) durch Migration in den europäischen Gesellschaften zu reagieren, wäre in Bezug auf diese Prämissen kritisch zu diskutieren.

Den in Vorwort und Einleitung entwickelten erinnerungskulturellen Konzepten folgen nicht alle Beiträger. Moshe Zuckermann wählt in Auseinandersetzung mit der kritischen Theorie einen anderen Zugang zum Motiv des „Gedächtnis-Verlusts“. Seine Fallstudien zum Shoa-Gedenken in Israel beziehen Verlust nicht auf generationalen Wandel oder kulturelle Entwicklung, sondern erklären ihn politisch als „ideologische Anreicherung“ (S. 29), „Homogenisierung von Heterogenem“ (S. 31) und „symbolisch-ideologische Verkürzung“ (S. 34). So seien offizielle Erinnerungsnarrative an die Shoa vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Konflikte zu kontextualisieren. Geschichtsschreibung und Geschichtsvermittlung stehen, so Zuckermann, in der Gefahr, zur Mythenbildung beizutragen. Von einem solchen Gedächtnis, „das zum Faktor seines eigenen Verlusts geraten kann“ (S. 37), könne sich nur „eingedenkende Reflexion“ (S. 38) emanzipieren. Gedenkstätten komme in diesem Sinne die Aufgabe „heilsamer Verstörung“ zu (ebd.).

Die drei folgenden Beiträge aus der Gedenkstättenpraxis, die sich mit Herausforderungen der Gedenkstättenpädagogik befassen, lassen sich auf diesen Gedanken beziehen. Verena Haug und Wolfgang Meseth untersuchen Einstiegssituationen bei Gedenkstättenbesuchen von Jugendgruppen. Als Problem erweist sich die implizite „Selbstbindung der Kommunikation an den schulischen Kontext“ (S. 58): Sowohl die Reproduktion unterrichtlicher Kommunikationsschemata bei der Abfrage von Vorwissen als auch die bewusste Abgrenzung von schulischen Rollenverständnissen können sich auf die Kommunikation auswirken. Der notwendige Aufbau von Vertrauen als Voraussetzung für thematische Reflexion sei sensibel und zeitaufwendig. Auch Till Hilmar zeigt am Beispiel von Studienfahrten, dass das pädagogische Setting entscheidend für Bildungsprozesse an historischen Orten ist. Er bestimmt diese als diskursive Orte, die als Sender und Medium Teil von Kommunikation werden. BesucherInnen griffen auf kulturelles, visuelles Vorwissen zurück, glichen es mit dem Vorgefundenen ab und würden mit der Tatsache konfrontiert, dass Erwartetes nicht anwesend oder museal überformt ist. Hilmar plädiert dafür, Gedenkstätten nicht als Erinnerungsorte zu kulturalisieren, sondern sie als „politische Orte“ (S. 68) zu begreifen. Entscheidend hierfür seien geeignete thematische Herangehensweisen, die Rekonstruktion von Kriterien des Erinnerns der Gedenkstätte sowie Raum für die Reflexion der Wahrnehmung der Gedenkstätte und der Wirkung des Besuchs. Dies brauche jedoch Zeit und eine „mehrfache Subjektorientierung“ (S. 72).

Dass Letztere durch Einbezug der Kategorie „Gender“ eingelöst werden kann, zeigt Angelika Meyer am Beispiel der Gedenkstätte Ravensbrück auf. In ihrem Beitrag umreißt sie das anspruchsvolle Entwicklungspotenzial entsprechender gedenkstättenpädagogischer Ansätze. Eine Reibung zwischen solch anspruchsvollen Vermittlungszielen und den Erwartungen von BesucherInnen verdeutlicht dagegen Bert Pampel anhand von Ergebnissen der Besucherforschung in sächsischen Gedenkstätten. Sein Fazit, dass „Gedenkstätten mit hoher Authentizität und Anschaulichkeit […] einen besseren Zugang zum historischen Geschehen“ (S. 104) bieten, führt zu der Frage, ob Gedenkstätten ihren Bildungsauftrag durch Kunden- oder Subjektorientierung erfüllen.

Klaus Kienesberger und Lukas Meissel benennen „Chancen und Herausforderungen der Vermittlungsarbeit zu antifaschistischem Widerstand“ in Österreich. Auf der Grundlage eines breiten Widerstandsbegriffs plädieren sie für eine lokal- und regionalgeschichtlich orientierte Bildungsarbeit, die sich „mit teils unvollständigen, teils in sich unschlüssigen Erzählungen“ (S. 110) auseinandersetzen muss, um Narrativen der österreichischen Nachkriegsgeschichte entgegenzuarbeiten. Gerade das Thema Widerstand biete die Möglichkeit, durch die Beschäftigung mit historischen Akteuren „widersprüchliche Faktoren menschlichen Handelns“ (S. 112), Verantwortlichkeiten und Lebensrealitäten einzublenden und einen multiperspektivischen Zugang zur Geschichte des Nationalsozialismus zu eröffnen. Interessant wäre hier eine Bezugnahme auf die Diskussion um Widerstand als Gegenstand historisch-politischer Bildungsarbeit in Deutschland.

Eine vergleichende Perspektive wäre aufgrund der laufenden Fachdebatte in Deutschland auch bei der von Ines Garnitschnig bearbeiteten Frage nach Bezügen Jugendlicher zu Nationalsozialismus und Holocaust in der „postnazistischen Migrationsgesellschaft“ in Österreich wünschenswert. Garnitschnig argumentiert, dass sich historische und soziale Bezugsgruppen vermischen, wenn Jugendliche ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus und Holocaust bestimmen. Die Art der Bezugnahmen erweise sich als abhängig von der jeweiligen Gruppenkonstellation, wodurch ein situativer Typ historischen Erzählens entstehe. Eine Transnationalisierung der Geschichtserzählungen von Angehörigen der Dominanzkultur findet jedoch nicht statt und wäre ein Ansatzpunkt für die Entwicklung pädagogischer Konzepte.

Der zweite Teil des Sammelbandes besteht aus kommunikationsgeschichtlichen Beiträgen. Zwei Aufsätze referieren Ergebnisse von Oral History-Projekten: Erich Vogl und Wolfgang Duchkowitsch stellen eine Studie vor, die Verhaltens- und Argumentationsmuster zum ‚Anschluss’ Österreichs an das ‚Dritte Reich‘ untersucht, und reflektieren Möglichkeiten und Grenzen der Oral History für die kommunikationsgeschichtliche Forschung. Barbara von der Lühes Bericht über ein bereits in den Jahren 2000 und 2001 an der Technischen Universität Berlin mit Studierenden der Medienwissenschaft durchgeführtes Projekt trägt ebenfalls kaum neue Aspekte zur Diskussion um den Zusammenhang zwischen Medien und Oral History bei. Mit starkem Praxisbezug begründet Horst Pöttker journalistische Funktionen historischer Themen und zeigt an Beispielen, wie JournalistInnen „historische Stoffe mit Gegenwart in Verbindung bringen können“ (S. 179), indem sie diese als Kontrast, Produkt oder Parallele zu historischen Ereignissen konstruieren. Pöttker unterstreicht die Mündigkeit der RezipientInnen und plädiert dafür, die Konstruktion von Geschichtsinterpretationen offenzulegen.

Eine Erweiterung bisheriger Studien zum ‚Geschichtsfernsehen‘ nimmt Eva Maria Gajek vor, indem sie vor allem Sendungen der ZDF-Redaktion Geschichte der Jahre 2000 bis 2010 auf inhaltliche Verschiebungen und formalästhetische Neuerungen untersucht. Diese seien auf eine Internationalisierung der Produktionen, aber auch auf Kritik von außen zurückzuführen. Auch wenn neuere Produktionen stärker alltags- und ereignisgeschichtlich orientiert seien und Bezug zur Fachwissenschaft erkennen ließen, würden sich harmonisierende Muster und Mechanismen des ‚Histotainments‘ fortsetzen.

Unter Bezugnahme auf Thesen neurobiologischer Forschung reflektiert Gaby Falböck solche populäre Formen der Geschichtsvermittlung. Sie kommt zu dem Fazit, dass vor allem durch „spannende Impulse“ (S. 228) in Form von menschlichen „Beziehungen, Emotionen und gute[n] Narrationen“ (S. 229) an „künftige Generationen appelliert werden kann“ (S. 231). Damit bestätigt sie einmal mehr die unter dem Begriff ‚Geschichtskultur‘ diskutierte Wirkungsmacht medialer Darstellungen. Dass eine kritische Rezeption entsprechende Kompetenzen voraussetzt, wird jedoch nicht reflektiert. Auch der Beitrag von Hausjell über die Chancen und Probleme des Einsatzes von nationalsozialistischen (NS) Propagandamaterial für das historische Lernen am Beispiel der Projekte „NachRichten“ und „Zeitungszeugen“ des Verlegers Peter McGee, die Artikel aus der NS-Presse aufbereitet im Zeitungsformat abdruckten, bleibt in dieser Hinsicht vage. Aufschlussreich ist dagegen sein Bericht über das völlig unterschiedliche Echo gegenüber diesem Format in Deutschland und Österreich.

Insgesamt bietet der Band ein breites Themenspektrum, fügt der wissenschaftlichen und didaktischen Debatte zu Medien und Gedächtnis jedoch wenig Neues hinzu. Das Potenzial von Kontroversen und internationaler Perspektiven wird nicht genutzt, wichtige Vorträge der Tagung und auch die Podiumsdiskussionen sind nicht dokumentiert. Die Möglichkeit zur wissenschaftlichen und didaktischen Diskussion des Themenkomplexes wird durch diese Leerstellen und das Fehlen eines Fazits leider nicht voll ausgeschöpft.

Anmerkungen:
[1] Der Band geht auf eine gleichnamige, vom Verein „GEDENKDIENST“ und vom „Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung“ im März 2011 in Wien veranstaltete Tagung zurück ; Vgl. Johann Kirchknopf, Tagungsbericht Gedächtnis-Verlust? Geschichtsvermittlung und -didaktik in der Mediengesellschaft. 24.03.2011-26.03.2011, Wien, in: H-Soz-u-Kult, 06.09.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3792> (28.04.2014).

Zitation
Christian Ernst: Rezension zu: Erker, Linda; Kienesberger, Klaus; Vogl, Erich, Hausjell, Fritz (Hrsg.): Gedächtnis-Verlust?. Geschichtsvermittlung und -didaktik in der Mediengesellschaft. Köln  2013 , in: H-Soz-Kult, 11.06.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22024>.