M. Berg: Karl Alexander von Müller

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Titel
Karl Alexander von Müller. Historiker für den Nationalsozialismus


Autor(en)
Berg, Matthias
Erschienen
Göttingen 2014: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
572 S.
Preis
€ 79,99
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Michael Pammer, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Johannes Kepler Universität Linz

„Es handelt sich ja nicht nur darum, daß sechseinhalb Millionen Deutsche, herrliche Kernländer unseres Volkstums ohne Schwertstreich, wie in einem Frühlingssturm weniger Tage, heimgekehrt sind in ein gemeinsames Deutsches Reich […] Das schönste politische Traumbild unsrer Jugend steht als Wirklichkeit vor unsern Augen und gibt Krieg und Zusammenbruch, gibt allem, was wir seit zwanzig Jahren erlebt haben, einen völlig neuen Sinn […] Wir Älteren kennen die müden Schatten der Abenddämmrung, die sich in den Jahren vor dem Weltkrieg manchmal auch bereits über unser Volk zu senken schienen […] Aber es war nur der Abend eines zur Rüste gehenden Zeitalters und seiner führenden Schichten, der uns umgab.“[1] So das Vorwort des Herausgebers der Historischen Zeitschrift (HZ) im April 1938.

Karl Alexander von Müller (1882–1964) war ein Historiker und politischer Publizist, der als Mitarbeiter der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften begann, von 1928 bis 1945 eine ordentliche Professur an der Universität München innehatte, von 1936 bis 1943 Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und von 1935 bis 1944 Herausgeber der Historischen Zeitschrift war, formell die Münchener „Forschungsabteilung Judenfrage“ (zum „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“ gehörig) leitete und eine Reihe weiterer Ämter und Funktionen ausübte. Unter seinen Dissertanten waren Theodor Schieder, Karl Bosl, Kurt von Raumer, Heinz Gollwitzer, Wolfgang Zorn, Fritz Wagner und Fritz Valjavec (allesamt nach 1945 Ordinarien), dazu exponierte nationalsozialistische Historiker wie Walter Frank und Wilhelm Grau. Der vorliegende Band von Matthias Berg vom Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität ist eine weitere Spezialuntersuchung über Müller nach den Dissertationen Werner Schellings (1975) und Margareta Kinners (1997); auch in anderen Arbeiten wie der Dissertation von Christoph Weisz (1970) war der Münchener Professor Thema.[2] Müller selbst verfasste umfangreiche Memoiren, teils noch von ihm selbst mit erstaunlichem Publikumserfolg veröffentlicht, teils aus seinem Nachlass herausgegeben.

Müller war der Sohn eines Juristen und bayerischen Kultusministers, studierte zunächst auch selbst Rechtswissenschaften und stieg dann auf Geschichte um. Prägend wirkte ein Aufenthalt in Oxford als Rhodes-Stipendiat, der die lebenslange Beschäftigung Müllers mit der englischen Geschichte (auch in seiner Zeit als Professor für bayerische Landesgeschichte) anregte. Müllers Publikationen bestanden aus einer Dissertation über Bayern 1866, der Habilitationsschrift über Joseph Görres aus dem Jahr 1917 (veröffentlicht erst 1926), einer nicht besonders großen Zahl historischer Aufsätze und kleinerer Beiträge sowie einer Vielzahl politischer Artikel, beginnend während des Ersten Weltkriegs, als er begann, ständig und eine Zeitlang fast ausschließlich in den Süddeutschen Monatsheften zu publizieren. Seine Dissertation ist eine nach den Standards des Fachs gearbeitete Untersuchung, manche seiner späteren wissenschaftlichen Beiträge hinterlassen hingegen einen etwas merkwürdigen Eindruck. Zum Beispiel veröffentlichte Müller 1935 in der HZ unter seinem eigenen Namen einen vollumfänglichen Aufsatz unter dem Titel „Ein unbekannter Vortrag Rankes aus dem Jahr 1862“, der in Wirklichkeit im Wesentlichen aus einem Text Leopold Rankes besteht, versehen mit einer kurzen Einleitung und einem Nachwort aus der Feder Müllers; ähnlich verfuhr er mit Texten von Heinrich von Sybel.[3] Als Beiträger war er berüchtigt, weil er Zusagen oft nicht einhielt. Als Friedrich Meinecke 1935 aus politischen Gründen genötigt wurde, die Herausgeberschaft der Historischen Zeitschrift abzugeben, kommentierte der Verleger der HZ, Wilhelm Oldenbourg, den Vorschlag, Müller als Nachfolger einzusetzen, wie folgt: „Was die Persönlichkeit von Herrn Prof. K. A. von Müller anbelangt, so würde sein Name zweifellos eine Zierde für die H.Z. sein, aber wir müssen uns darüber im klaren sein, dass irgendwelche Arbeit, vor allem regelmässige und pünktliche Arbeit, von ihm nicht geleistet werden würde.“ (S. 248)

Als Wissenschaftler war Müller also nicht auffallend produktiv. Die Belobigungen der zeitgenössischen Fachwelt hoben weniger die wissenschaftliche Qualität seiner Arbeiten, aber dafür seine angeblichen stilistischen Gaben hervor, auch seine Qualitäten als „glänzender“ Redner wurden gerühmt. Das Eingangszitat aus einem Text anlässlich der Besetzung Österreichs 1938 illustriert allerdings, dass von einem glänzenden Stil in Wirklichkeit keine Rede sein kann. Müller produzierte gerne politischen Kitsch – hohles Pathos, altertümelndes Vokabular, billige Metaphern, unmotivierte Elisionen – in der jeweils angesagten Version, im Ersten Weltkrieg ebenso wie in der nationalsozialistischen Zeit. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Anerkennung für den „Stilisten“ Müller um den Versuch, in Ermangelung sachlicher Bedeutung sonstige positive Seiten zu entdecken. Sogar seine Tätigkeit als Dekan 1933 bis 1935 wurde vom Nachfolger als „künstlerisch feinsinnige Führung der Fakultät“ (S. 222) belobigt. Es erinnert an Alfred Polgars Widmung für Egon Erwin Kisch, „den mutigen Stilisten und feinsinnigen Revolutionär“.

In Anbetracht der Bilanz, die Müllers Publikationen ergeben, kommt es nicht überraschend, dass er als Wissenschaftler keine prägende Persönlichkeit war. Es gibt keine inhaltliche oder methodische Orientierung, die er angestoßen und mit der er den Kurs des Faches bestimmt hätte. Dies muss gerade angesichts der stolzen Zahl erfolgreicher Schüler betont werden – unter seinen vielen Dissertanten befand sich eben auch die beachtliche Zahl der erwähnten späteren Professoren. Dass er seine Dissertanten intensiv betreut hat, kann man schon aufgrund ihrer enormen Zahl ausschließen: Berg listet im Anhang 226 Dissertationen auf, die bei Müller geschrieben wurden, die meisten davon nach 1930, bis zu vierzehn in einem Semester. Nicht einmal Müllers Teilnahme an der „Judenforschung“ kann als „prägend“ für die Geschichtsforschung seiner Zeit gewertet werden, denn der Großordinarius bot in dieser Hinsicht vor allem einen Mantel für Initiativen und Aktivitäten anderer.

Die vorliegende Untersuchung schildert nach einem kurzen Abschnitt über die Jugendzeit die berufliche Tätigkeit Müllers im Wesentlichen in chronologischer Anordnung. Das Werk ist als Biographie gemeint. Dazu schreibt der Autor in der Einleitung über das angebliche Ende der Biographik nach den sechziger Jahren und eine Renaissance des Genres im letzten Jahrzehnt. Bei allem Verständnis für das Bedürfnis eines Autors, sich als Teil einer „neuen“ Entwicklung zu definieren: Die Biographie war in den letzten fünfzig Jahren immer quicklebendig, und wissenschaftlich hervorragende Werke gab es immer wieder. Gewandelt hat sich das Genre allerdings sehr wohl, durchaus auch aufgrund der inhaltlichen und methodischen Herausforderungen der historischen Sozialwissenschaft und verwandter Tendenzen. Das Ergebnis war eine Reihe von gründlich reflektierten Werken, in denen Handlungsoptionen von Protagonisten im politischen System, in den wirtschaftlichen Verhältnissen, vor den herrschenden Mentalitäten und so weiter bestimmt wurden, was dann explizit Teil der Erklärung des faktischen Handelns und des Lebenslaufs wurde.

Merkwürdigerweise bleibt die vorliegende Arbeit von solchen Bemühungen eher frei. Die hervorgehobene Stellung Müllers als eines der prominentesten Historiker im Wissenschaftsbetrieb ab 1933 würde aber Erklärungen verlangen. Warum brachte es ein nicht besonders guter, nicht besonders anregender, nicht besonders produktiver Historiker zu einer Karriere als Ordinarius und akademischer Multifunktionär, Akademiepräsident und Herausgeber der führenden Fachzeitschrift? Wie konnte er so zu einem der prominentesten Fachvertreter im Land werden? Als Leser kann man nur Mutmaßungen anhand der vielen vom Autor mitgeteilten Einzelheiten anstellen: Müller war von jeher ein rechter Publizist gewesen, hielt sich aber innerhalb eines gewissen Rahmens (zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ galt er noch nicht als ausgewiesener Nationalsozialist). Er war katholisch, aber nicht sonderlich kirchennahe. Er war extrem immobil und nicht willens, München zu verlassen, war aber dafür in der Münchener Szene bestens verankert. Er war biegsam und richtete es sich mit Leichtigkeit in großen und kleinen Dingen – noch 1933 trat er sofort in die NSDAP ein und aus dem Rotary Club aus (im August 1914 hatte er es geschafft, nach wenigen Tagen aufgrund von Ohnmachtsanfällen militäruntauglich geschrieben zu werden). Mit einigen führenden Nationalsozialisten hatte er schon früher an der Universität zu tun gehabt (Rudolf Heß und Hermann Göring hatten bei ihm Lehrveranstaltungen absolviert, Ernst Hanfstaengl war einer seiner Dissertanten, Franz Gürtner war sein Studienkollege). „Absolute“ Hindernisse für eine Karriere im nationalsozialistischen Staat, etwa familiäre Verbindungen zu Juden, gab es nicht. Auch politisch hatte er sich nie nachteilig exponiert (seine Verbindung zu Kurt Huber übertrieb er im Nachhinein sicherlich, wenngleich man zugestehen muss, dass er die Witwe Hubers nach dem Ende der „Weißen Rose“ loyal unterstützte). Er antichambrierte und intervenierte ständig in eigenen und fremden Angelegenheiten. Konflikte scheint er nicht brachial gelöst zu haben, sondern im Versuch, ausgleichend und verbindlich zu agieren. Wieviel erklärt all dies? Warum machten andere, auf die solches mehr oder weniger in gleicher Weise zutraf, nicht diese Karriere? Wieviel liegt an den systematischen Voraussetzungen, wieviel an zufälligen Kontakten, wieviel am persönlichen Naturell, am Temperament, an der Kontaktfreudigkeit, an den diplomatischen Gaben von Personen?

In diesem Zusammenhang wäre es auch nützlich gewesen, etwas über die Art des Austauschs und die herrschenden Umfangsformen zu schreiben, die das Klima an den Universitäten prägten. Liest man nur die Briefe, Grußadressen und Vorworte Müllers, erhält man den Eindruck, dass dieser ein besonders übler Kriecher war, der vor keiner billigen Schmeichelei, vor keiner schamlosen Huldigung zurückschreckte. Tatsächlich war er aber kein Sonderfall, denn an den Universitäten herrschte allgemein ein heute unvorstellbarer Byzantinismus, der bis in die erste Nachkriegszeit überdauerte. Noch 1952 gab Theodor Schieder in einer Ansprache zum siebzigsten Geburtstag Müllers mit Bezug auf dessen runden Geburtstag zwanzig Jahre davor den unglaublichen Satz von sich: „Es ist lange her, daß wir zu Ihren Füßen sitzen durften.“ (S. 420) Und Wilhelm Fichtl, ebenfalls ein früherer Dissertant Müllers, schrieb diesem nach einem von dessen Vorträgen im Bayerischen Rundfunk 1951, „im Radio plötzlich, ohne darauf gefasst zu sein, ‚die Stimme meines Herrn‘“ vernommen zu haben (S. 425). Insofern besagen die Adressen, Loyalitätsbeteuerungen und Bewunderungskundgebungen, die Müller von sich gab, nicht allzuviel, denn das konnte man jederzeit auch von anderen haben.

Es ist anzunehmen, dass Müllers Karriere ab einem gewissen Punkt auch zum Selbstläufer wurde: Wenn ein Amt auszufüllen war, fragte man zuerst bei einem Großordinarius an, der politisch kompatibel war und bekanntermaßen nie Nein sagte. In diesem Sinn war Müller sicher mindestens ab 1936 aufgrund der Funktionen, die er auf sich vereinte, eine erste Adresse für beliebige weitere Angebote, unabhängig von seinen Meriten. Dennoch kam der erste Karriereknick bereits 1943 mit der Abwahl als Präsident der Akademie, die Müller nur verzögern, aber nicht verhindern konnte (Nachfolger wurde der Rechtshistoriker Mariano San Nicolò, ebenfalls Mitglied der NSDAP). Warum er nicht wiedergewählt wurde, wird aus Bergs Darstellung nicht recht erklärlich, da nur der Konflikt um den Wahlvorgang geschildert wird. Der wirkliche Bruch erfolgte dann erwartungsgemäß 1945, wonach Müller sich jahrelang um „Resozialisierung“ bemühte, teilweise mit Erfolg: Er wurde als Mitläufer eingestuft, zahlte 2000 Reichsmark, wurde zunächst pensioniert und erhielt 1956 dann doch den Status eines Emeritus. Aus der Bayerischen Akademie der Wissenschaften allerdings wurde und blieb er ausgeschlossen, auch in die Historische Kommission konnte er nicht mehr zurückkehren. Dafür wurde er Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Die Untersuchung basiert zu einem großen Teil auf Nachlässen von Wissenschaftlern und Politikern und darin enthaltenen Korrespondenzen sowie auf Verwaltungsakten von Universitäten, Akademien und diversen Behörden. Der beträchtliche Umfang des Bandes (schon allen äußeren Merkmalen nach unverkennbar eine deutsche Dissertation) erklärt sich daraus, dass der Autor so gut wie alle Vorgänge, mit denen er sich befasst, und jeden Meinungsaustausch Punkt für Punkt mit umfangreichen wörtlichen Quellenzitaten dokumentiert. So verständlich es ist, dass ein Autor seine mühsam gesammelten Informationen verwerten und vorzeigen möchte, nicht jedes Detail im Nachlass eines Professors ist wissenswert.

Gerade bei dieser Fülle verschiedenartiger Quellen ist es eigenartig, dass Müller als Person wenig Kontur erhält. Man erfährt viel über seine Funktionen, man liest viele seiner Eingaben, aber seine Persönlichkeit bleibt ungreifbar. Dass er ein starkes Geltungsbedürfnis hatte, ist offenkundig. Über sonstige Eigenschaften (Humor? Selbstironie? cholerische Neigungen? Charme?) erfährt man so gut wie nichts. Auch über seine außerberuflichen Interessen gibt es keine Informationen; überhaupt bleibt sein Privatleben, von den notdürftigsten Daten (Eltern, Eheschließung, Kinder) abgesehen, aus der Darstellung ausgespart. Abgesehen davon, dass dergleichen in einer so umfangreichen Arbeit durchaus Platz gefunden hätte, sollte die private Seite bei der Darstellung einer wissenschaftlichen Laufbahn berücksichtigt werden, weil sie sich doch unvermeidlich auch auf die berufliche Sphäre auswirkt.

Resümierend ist festzustellen, dass die vorliegende Untersuchung die berufliche Laufbahn eines bekannten Historikers besonders genau beschreibt und gründlich dokumentiert. Wenngleich vieles an der Karriere Karl Alexander von Müllers bereits bekannt war, wird man in diesem Buch in den Einzelheiten jedenfalls viel Neues finden. Weniger ergiebig ist der Band in der Erklärung des Geschehens – der konzentrierte Blick auf das Tun des Protagonisten hat dazu geführt, dass die Bedingungen für seinen Erfolg und Misserfolg undeutlich bleiben.

Anmerkungen:
[1] Karl Alexander von Müller, Vorwort, HZ 158 (1938), S. 1–2.
[2] Werner Schelling, Karl Alexander von Müller (1882– 1964). Ein Beitrag zur Geschichte der Geschichtswissenschaft und des politischen Denkens in Deutschland, Diss. Wien 1975; Margareta Kinner, Karl Alexander von Müller (1882–1964). Historiker und Publizist, Diss. München 1997; Christoph Weicz, Geschichtsauffassung und politisches Denken Münchener Historiker der Weimarer Zeit. Konrad Beyerle, Max Buchner, Michael Doeberl, Erich Marcks, Karl Alexander von Müller, Hermann Oncken, Berlin 1970.
[3] Karl Alexander von Müller, Ein unbekannter Vortrag Rankes aus dem Jahr 1862, in: HZ 151 (1935), S. 311–331; ders., Historisch-politische Denkschriften Sybels für König Maximilian II. von Bayern aus den Jahren 1859–1861, HZ 162 (1940), S. 59–95, 269–304.

Kommentare

19.05.2016
Replik von M. Renghart zu M. Pammer über M. Berg: Karl Alexander von Müller
Von Martin Renghart
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Zitation
Michael Pammer : Rezension zu: : Karl Alexander von Müller. Historiker für den Nationalsozialismus. Göttingen  2014 , in: H-Soz-Kult, 30.10.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22080>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2015
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/