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Titel
Partner im Kalten Krieg. Die politischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Chile


Autor(en)
Dufner, Georg
Erschienen
Frankfurt am Main 2014: Campus Verlag
Umfang
420 S.
Preis
€ 43,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Stahl, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Chile ist für viele ein Symbol des Kalten Krieges: Hier folgte auf das erste sozialistische Experiment Südamerikas unter Salvador Allende (1970–1973) eine rechte Militärdiktatur unter Augusto Pinochet (1973–1989), deren „Kampf gegen den Kommunismus“ Tausende zum Opfer fielen. Ausgehend von der Debatte über die Rolle der USA in Chiles Kaltem Krieg gilt das Hauptaugenmerk der Historiker den chilenisch-amerikanischen Beziehungen.[1] Georg Dufner hingegen untersucht am westdeutsch-chilenischen Beispiel die internationalen Beziehungen jenseits der Machtpole des Kalten Krieges. In seiner Dissertation, die am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin entstanden ist, fragt er danach, welche staatlichen und wirtschaftlichen Akteure, welche Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen und anderen Institutionen die Beziehungen der beiden „Partner im Kalten Krieg“ geprägt haben und wie sich zwischen den 1950er- und den 1980er-Jahren die Gewichte verschoben. Dabei stützt er sich auf zahlreiche Archive staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure auf beiden Seiten des Atlantiks.

Auf bundesdeutscher Seite wurde im Zuge der Wiederaufnahme der zwischenstaatlichen Beziehungen darüber gestritten, wer berechtigt sei, dem Verhältnis beider Staaten seinen Stempel aufzudrücken. Sowohl die Führungsfiguren der Deutschen Evangelischen Kirche in Chile als auch diejenigen der deutsch-chilenischen Handelskammer hatten sich in den Augen einiger NS-Gegner aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus disqualifiziert. Letztlich sei diese Kritik aber wie in so vielen Fällen folgenlos geblieben. Vor allem jene Akteure, die sich für wirtschaftliche Fragen stark machten, prägten die Beziehungen zwischen beiden Staaten während der 1950er-Jahre. Auf ministerieller Ebene trat Ludwig Erhard für eine engere Kooperation ein, um den Zugang zu Chiles Rohstoffen zu sichern. Dass allerdings der Kalte Krieg für die wirtschaftlichen Beziehungen in dieser Phase so bedeutungslos war, wie Dufners Darstellung es suggeriert, mag man nicht recht glauben.

Erst mit dem Beginn der 1960er-Jahre geraten die nationalen und internationalen Konstellationen des Kalten Krieges in den Blick. Dufner macht drei Ereignisse der Jahrzehntwende aus, die den westdeutsch-chilenischen Beziehungen eine stärker politische Prägung verliehen: die kubanische Revolution 1958, ein Erdbeben in Chile mit Tausenden Toten 1960, über das in der Bundesrepublik ausgiebig berichtet wurde, und den Bau der Berliner Mauer, der den Status quo in Europa endgültig festgeschrieben habe. Diese Ereignisse hätten dazu geführt, dass sich die Aufmerksamkeit deutscher Akteure stärker auf die sozialen Probleme in Lateinamerika und speziell auch auf Chile richtete; es galt, weitere Revolutionen zu verhindern. Auch die USA drängten zu einem verstärkten Engagement. Infolgedessen kam der staatlichen und nichtstaatlichen Entwicklungshilfe sowie den politischen Stiftungen eine wichtige Rolle zu. Sie finanzierten nicht nur Forschungs-, Sozial- und Infrastrukturprojekte. Auch die seit 1964 regierenden chilenischen Christdemokraten, die trotz ihrer vergleichsweise linken Ausrichtung in den Augen der CDU die verlässlichsten Partner im Kampf gegen den Kommunismus waren, wurden mit Geldern des Entwicklungsministeriums, des Auswärtigen Amtes und der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt. Erst nach massiver öffentlicher Kritik seitens der chilenischen Linksparteien wurde man in Bonn vorsichtiger mit solchen Zuwendungen.

Nach der Wahl Allendes zum Präsidenten 1970 herrschte in Bonn zunächst Ratlosigkeit. Die Sozialdemokraten hatten stets Distanz zu Chiles Sozialisten gewahrt, deren Positionen ihnen als zu radikal erschienen. Erst allmählich setzte eine Neubewertung ein. Dabei spielten einzelne Mitarbeiter in Erhard Epplers Entwicklungsministerium eine wichtige Rolle. Sie setzten sich für eine Fortsetzung der Entwicklungshilfe ein. Willy Brandt hingegen stand Allendes Projekt „skeptisch abwartend“ gegenüber. Karl Schillers Finanzministerium und das Außenministerium unter Walter Scheel plädierten für einen restriktiven Kurs bei der Gewährung von Finanzhilfen. Letztlich sei es dem Entwicklungsministerium gelungen, sich durchzusetzen: Obwohl Santiago 1971 die DDR anerkannte[2], gab das Finanzministerium unter Schillers Nachfolger Helmut Schmidt ein Jahr später seinen Widerstand auf. Dufner führt dies auf einen Wandel der Entwicklungspolitik zurück: In zunehmendem Maße habe man die globalen Wirtschaftsbeziehungen als Ursache für die Misere der Entwicklungsländer gesehen und eine „moralische Verpflichtung“ des Westens ausgemacht (S. 216).

Doch erst der Putsch des chilenischen Militärs am 11. September 1973 und die von der Junta im Zuge der Kommunistenverfolgung begangenen Menschenrechtsverletzungen führten dazu, dass sich die breite Öffentlichkeit in Westdeutschland für die Ereignisse in Chile und das gescheiterte sozialistische Projekt Allendes zu interessieren begann. Überall fanden sich Gruppen unterschiedlicher politischer Couleur zur Chile-Solidaritätsbewegung zusammen, um gegen die Junta zu protestieren. Die westdeutsch-chilenischen Beziehungen hörten auf, lediglich das Metier einiger weniger Experten und Politiker zu sein. Als klar wurde, dass die Junta die Macht nicht nur vorübergehend übernommen hatte und selbst die Christdemokraten von der politischen Verfolgung erfasst wurden, schloss sich auch die CDU der Kritik an. Lediglich Strauß’ CSU stärkte Pinochet öffentlich den Rücken. Vor dem Hintergrund der Proteste entschied sich die Bundesregierung für eine zurückhaltende Wirtschaftspolitik gegenüber Chile: Die Entwicklungshilfe wurde gestoppt, Investitionen und Handel stagnierten bis 1979/80.

Die Stärke der Studie liegt darin, dass sie ein detailliertes Bild jener Akteure zeichnet, die auf deutscher Seite die Beziehungen zwischen Chile und der Bundesrepublik prägten. Man erfährt Aufschlussreiches über die Rolle politischer Stiftungen, über das Agieren des Entwicklungsministeriums und darüber, wie sich dessen Ansätze von denen des Außenministeriums oder des Finanzministeriums unterschieden. Dabei macht Dufner nicht nur deutlich, wie die Auffassungen zwischen Erhard und Adenauer, zwischen Brandt, Eppler und Schiller auseinandergingen. Auch einigen Schlüsselfiguren der zweiten oder dritten Reihe verleiht er Konturen. Der Lobbyarbeit des CDU-Abgeordneten Heinrich Gewand zugunsten der chilenischen Christdemokraten räumt er breiten Raum ein; ebenso zeigt er, wie der SPD-Abgeordnete und parlamentarische Sekretär des Entwicklungsministeriums Hans Matthöfer seine Partei auf eine Allende-freundliche Linie zu bringen versuchte.

Vergleichbares gelingt für die chilenische Seite nicht. Nur in wenigen Fällen wird erkennbar, wer die chilenische Linie gegenüber der Bundesrepublik prägte. Auch wird nicht danach gefragt, welche Rückwirkungen die Ereignisse in Chile auf die westdeutsche Gesellschaft hatten. Diese Frage drängt sich beispielsweise mit Blick auf die Menschenrechtsbewegung auf, die durch die Kampagnen gegen das Pinochet-Regime wesentliche Impulse erhielt.[3] Die Studie ist deshalb nur mit Einschränkungen eine Geschichte der deutsch-chilenischen Beziehungen. Eher handelt es sich um eine Geschichte der westdeutschen Chile-Politik.

Am schwersten wiegt jedoch, dass die Ergebnisse der neueren Forschungen zum Kalten Krieg nur selektiv aufgegriffen werden. So begreift Dufner Liberalismus und Modernisierungstheorie nicht als Teil einer westlichen Ideologie, deren Instrumentalisierung im Zuge der Systemauseinandersetzung es zu historisieren gilt.[4] Stattdessen übernimmt er die aus dieser Ideologie abgeleiteten Wertungen unhinterfragt: Erhards 1954 an die chilenische Regierung adressierte Anregung, die Förderung von Rohstoffen nicht weiter zu bremsen, sei verhallt – Santiago habe an seiner „ebenso konzeptions- wie erfolglosen Wirtschaftspolitik“ festgehalten (S. 87). Der Regierung des konservativen Präsidenten Jorge Alessandri (1958–1964) hält er zugute, die Außenhandelspolitik von „den schlimmsten bürokratischen Hindernissen und Zollschranken“ befreit zu haben (S. 173). Man könnte noch weitere Beispiele anführen. Ideologie spielt nur im Zusammenhang mit Allendes Wirtschafts- und Außenpolitik eine Rolle. Dessen Kritik am Welthandel als „Instrument der Ausbeutung“ wird als „ideologische Symbolpolitik“ abgetan (S. 228f.). Und die Anerkennung der DDR sei ein Beispiel für die „ideologisch unnötig verhärtete Außenpolitik“ der sozialistischen Regierung (S. 266).

Die Frage nach dem ideologischen Unterbau ist aber nicht nur mit Blick auf die ökonomischen Beziehungen wichtig. Melvyn P. Leffler hat in einem lesenswerten Essay von 1999 anhand jüngerer Forschungen gezeigt, wie zentral Ideologien die Wahrnehmung von Bedrohungen im Kalten Krieg geprägt haben.[5] Aus dieser Beobachtung lassen sich einige Folgerungen für die westdeutsch-chilenischen Beziehungen ableiten: Weder sollte man die Warnungen der chilenischen Linksparteien vor „imperialen Einflussnahmen“ lediglich als „geschickte Ausschlachtung und Überzeichnung“ (S. 137) westdeutscher Interventionen abtun, noch sollte die Angst der westdeutschen Akteure vor den lateinamerikanischen Linksparteien als Selbstverständlichkeit hingenommen werden. Stattdessen müssen Bedrohungswahrnehmungen und ihr Konstruktcharakter näher erforscht werden. Es gilt zu analysieren, wie die Akteure der westdeutsch-chilenischen Beziehungen politische Entwicklungen interpretierten, welche Zukunftsprognosen und Bedrohungsszenarien sie auf der Grundlage ihrer ideologischen Überzeugungen entwarfen und wie darüber transatlantisch kommuniziert wurde.

„Partner im Kalten Krieg“ hält vor allem mit Blick auf die Rolle der westdeutschen Entwicklungshilfe und der politischen Stiftungen in der globalen Systemkonfrontation aufschlussreiche Erkenntnisse bereit. Eine Historisierung der deutsch-chilenischen Beziehungen im Kalten Krieg gelingt hingegen nur teilweise – zu stark bleibt die Analyse der westdeutschen Perspektive sowie den Konzepten und Paradigmen des Untersuchungszeitraums verhaftet.

Anmerkungen:
[1] Siehe beispielsweise Peter Kornbluh, The Pinochet File. A Declassified Dossier on Atrocity and Accountability, New York 2003.
[2] Zum ostdeutsch-chilenischen Verhältnis siehe etwa Georg Dufner, Chile als Bestandteil des revolutionären Weltprozesses. Die Chilepolitik der DDR im Spannungsfeld von außenpolitischen, ökonomischen und ideologischen Interessen 1952–1973, Saarbrücken 2008; Inga Emmerling, Die DDR und Chile (1960–1989). Außenpolitik, Außenhandel und Solidarität, Berlin 2013.
[3] Vgl. Jan Eckel, „Unter der Lupe“. Die internationale Menschenrechtskampagne gegen Chile in den siebziger Jahren, in: Stefan-Ludwig Hoffmann (Hrsg.), Moralpolitik. Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010, S. 368–396.
[4] Siehe beispielsweise Odd Arne Westad, The Global Cold War. Third World Interventions and the Making of Our Times, Cambridge 2005, besonders S. 8–38.
[5] Melvyn P. Leffler, The Cold War: What Do „We Now Know“?, in: American Historical Review 104 (1999), S. 501–524. Zur Umsetzung am Beispiel Lateinamerikas siehe Hal Brands, Latin America’s Cold War, Cambridge 2010.

Zitation
Daniel Stahl: Rezension zu: : Partner im Kalten Krieg. Die politischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Chile. Frankfurt am Main  2014 , in: H-Soz-Kult, 10.07.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22106>.
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Veröffentlicht am
10.07.2014
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