B. Metzger: "Erst stirbt der Wald, dann du!"

Cover
Titel
"Erst stirbt der Wald, dann du!". Das Waldsterben als westdeutsches Politikum (1978–1986)


Autor(en)
Metzger, Birgit
Erschienen
Frankfurt am Main 2015: Campus Verlag
Umfang
665 S., 6 Abb.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Zechner, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

„Tief im Wald, zwischen Moos und Farn, / Da lebte ein Käfer mit Namen Karl. […] Karl der Käfer wurde nicht gefragt, / Man hat ihn einfach fortgejagt.“ Zumindest einigen älteren Semestern dürfte das gefühlige Lied, mit welchem die Gruppe „Gänsehaut“ 1983 für die Rechte bedrohter Bäume und dort lebender Krabbeltiere intervenierte, Teil der akustischen Erinnerung geblieben sein.[1] Regelrecht eingebrannt sind im visuellen Gedächtnis des Rezensenten die computergenerierten Simulationen der Fernsehdokumentation „Kahlschlag“ von 1989, denen zufolge die Mittelgebirge bis 2010 weitgehend entwaldete Brachflächen geworden wären. In höheren Kulturlagen griff etwa Günter Grass für sein baumschützerisch motiviertes Schaffen auf etablierte Waldvorstellungen der Romantik zurück, vor allem auf die beliebten Märchen der Brüder Grimm. Das sind nur einige Belege für die kulturelle Popularität, die dem „Waldsterben“ in der westdeutschen Öffentlichkeit der 1980er-Jahre zukam.

Bemerkenswert an diesen gesellschaftlichen Mahnungen und Warnungen war ihre im europäischen Vergleich außerordentliche Emotionalität mit zahlreichen apokalyptischen Anspielungen – während in der DDR die Pressezensur und ein Veröffentlichungsverbot für Umweltdaten eine ähnliche Aufmerksamkeit verhinderten. Aus dem relativ sicheren Abstand von fast drei Jahrzehnten kann allerdings konstatiert werden, dass sich damalige Schreckensvisionen einer baum- wie menschenlosen Zukunft nicht erfüllt haben.[2] Ganz im Gegenteil stieg die Waldfläche über die Jahre weiter an und bedeckt heute ein knappes Drittel der Bundesrepublik, was im europäischen Rahmen einen durchaus soliden Mittelwert darstellt.[3] Daher verschob sich der deutsche Emotionalitätsfokus im Laufe der Zeit auf sterbende Wälder im tropischen Raum, sodass der Gedanke des Regenwaldschutzes bei uns so populär ist wie kaum irgendwo sonst.[4]

Birgit Metzgers Dissertation, entstanden im Rahmen des Freiburger DFG-Forschungsprojekts „Und ewig sterben die Wälder“[5], will nun einem wichtigen Teilaspekt des Gesamtphänomens in einer „dichten, vielschichtigen und multiperspektivischen Betrachtung“ (S. 33) nachgehen. Anhand eines kultur-, medien- und politikwissenschaftlichen Ansatzes untersucht sie ausführlich und überzeugend, auf welche Weise die „sterbenden Wälder“ zuerst im öffentlichen Diskurs etabliert und anschließend Erklärungs- beziehungsweise Lösungsansätzen unterworfen wurden. Dabei hatten Forstwissenschaftler, Journalisten, Politiker, Umweltaktivisten und Verwaltungsbeamte außer einer meist beruflich bedingten Beschäftigung mit dem Thema und einer bildungsbürgerlichen Sozialisation eigentlich wenig gemein, was immer wieder Missverständnisse und Spannungen zwischen diesen Akteursgruppen zur Folge hatte.

Umso erklärungsbedürftiger ist es in der Rückschau, warum das „Waldsterben“ in vergleichsweise kurzer Zeit einem Großteil der Bevölkerung als drängendes Problem erscheinen konnte. So forderten bereits im Bundestags-Wahlkampf 1983 neben den jungen Grünen als selbsterklärten Bündnispartnern der Umweltbewegung auch die anderen Parteien konsequente Abhilfe. Den entscheidenden Grund für eine Breitenwirkung „quer durch soziale Milieus und politische Lager“ (S. 10) sieht Metzger im Gegensatz zu den damaligen Protagonisten nicht in der Größenordnung tatsächlich zu beobachtender Waldschäden – diesbezüglich habe weder in der Bundesrepublik noch andernorts eine direkte Relation zur Intensität medialer und öffentlicher Debatten bestanden. Vielmehr benennt sie als wesentliche Voraussetzung, dass sich um 1980 bis dahin getrennte Denkbewegungen zu verbinden begannen: aus dem wissenschaftlichen Bereich die organizistisch orientierte Ökosystemtheorie, aus der gesellschaftlichen Sphäre Diskurse des Krisenbewusstseins und der Zukunftsangst.

Dieses ideengeschichtliche Amalgam umfasste auch die „gezielte Wiederaufnahme“ (S. 406) älterer Identitätsstereotype, wie sie von romantischen Dichtern und Denkern entwickelt worden und dann in der Imagination eines germanisch-deutschen „Waldvolkes“ kulminiert waren.[6] Erst die vorherige weltanschauliche Aufladung habe es ermöglicht, den „deutschen Wald“ wieder als über den Teilinteressen stehendes Kollektivsymbol, als gesellschaftspolitisches Vorbild und als Zeichen der Abgrenzung von Frankreich zu verstehen. So war die angebliche Tradition der Waldliebe in den 1980er-Jahren ein häufig gebrauchtes Argument, um entweder schnelles Handeln zu loben oder im Gegenteil Zögerlichkeit zu beklagen. Mit ihrer vom Quellenbefund gestützten Bewertung bezieht Metzger die Funktion des Waldes als „kulturelle Projektionsfläche“ (S. 32) angemessener in die Analyse ein, als dies umwelthistorischen Arbeiten sozialgeschichtlicher Prägung gelingt.[7]

Besonders aufschlussreich sind dabei kulturgeschichtlich inspirierte Beobachtungen zur suggestiven „Krankheits- und Todessemantik“ (S. 371), die den dramatisierenden Schritt vom individuellen „Baumsterben“ zum kollektiven „Waldsterben“ vollzog und Entrüstungsvokabular wie „Dritter Weltkrieg“, „Gaskammer“ oder „Holocaust“ einschloss. Informative Ausführungen der Autorin problematisieren die „Überzeugungskraft des Augenscheins“ (S. 44) anhand der Waldschadensberichte sowie die mediale Verbreitung nostalgischer Mischwald-Bilder, die der effizienzorientierten Realität forstlicher Monokulturen klar widersprachen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die habituelle Performanz der Akteure von Förstern und Waldbesitzern bis hin zu städtischen Gruppierungen aus dem Umfeld der Neuen Sozialen Bewegungen, deren Argumentations- und Aktionsformen sich partiell anglichen und durch ihren Erfolg letztlich eine „Entpolitisierung“ (S. 604) des vorher oft systemkritischen Umweltschutzes bewirkten.[8]

Birgit Metzgers Arbeit bietet mittels innovativer Methodenkombination sowie auf breiter Quellen- und Literaturbasis zahlreiche neue Erkenntnisse, die Anregungen für weitere Studien liefern können. Sie benennt auch offen für diesen Untersuchungszeitraum charakteristische Probleme wie den teilweise noch schwierigen Archivzugang oder die generationelle Nähe von Zeitzeugen und Wissenschaftlern als Mitlebenden des untersuchten Phänomens. Demgegenüber sollen nur zwei kleinere Kritikpunkte angebracht werden: Angesichts eines Textumfanges von knapp über 600 Seiten hätte noch deutliches Kürzungspotenzial vor allem bei der Schilderung der Vorgeschichte bestanden. (Teil I, „Voraussetzungen und Anfänge“ in den Jahren 1949–1981, nimmt gut 150 Seiten ein – gegenüber Teil II, „Die Entfaltung der Waldsterbensdebatte 1982–1983“, mit rund 230 Seiten und Teil III, „Die Bearbeitung des Problems 1983–1986“, mit knapp 150 Seiten.) Zudem wären mehr Abbildungen insbesondere in den Abschnitten zur Visualisierung für den Nachvollzug der Argumentation hilfreich gewesen. Dessen ungeachtet ist das gut lesbare und durch prägnante Zwischenfazits strukturierte Buch ein wichtiger Beitrag zum expandierenden Forschungsfeld der Umweltzeitgeschichte.

Anmerkungen:
[1] Zum Nachhören: <https://www.youtube.com/watch?v=Zf9dOA0EIFs> (14.08.2015).
[2] Vgl. an zeitgenössischen Veröffentlichungen etwa Arbeitskreis Chemische Industrie / Katalyse Umweltgruppe Köln (Hrsg.), Das Waldsterben. Ursachen – Folgen – Gegenmaßnahmen, Köln 1983; Dankwart Guratzsch (Hrsg.), Baumlos in die Zukunft, München 1984; Karl Friedrich Wentzel / Rolf Zundel (Hrsg.), Hilfe für den Wald. Ursachen – Schadbilder – Hilfsprogramme. Was jeder wissen muß, um unser wichtigstes Ökosystem zu retten, Niedernhausen 1984.
[3] Vgl. zu den genauen Zahlen EU-Kommission (Hrsg.), Agriculture, Forestry and Fishery Statistics 2014, Luxemburg 2015, <http://ec.europa.eu/eurostat/en/web/products-statistical-books/-/KS-FK-14-001> (14.08.2015).
[4] Vgl. dazu ausführlicher Klaus-Dieter Hupke, Der Regenwald und seine Rettung. Zur Geistesgeschichte der Tropennatur in Schule und Gesellschaft, Dortmund 2000.
[5] <http://www.waldsterben.uni-freiburg.de> (14.08.2015). Vgl. als weitere Veröffentlichungen aus dem Projektkontext v.a. Martin Bemmann, Beschädigte Vegetation und sterbender Wald. Zur Entstehung eines Umweltproblems in Deutschland 1893–1970, Göttingen 2012 (rezensiert von Ute Hasenöhrl, in: H-Soz-Kult, 22.08.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19777>[14.08.2015]); Roland Schäfer, „Lamettasyndrom“ und „Säuresteppe“. Das Waldsterben und die Forstwissenschaften 1979–2007, Freiburg 2012, <http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/8512/pdf/diss_rs_130313.pdf> (14.08.2015); Roderich von Detten (Hrsg.), Das Waldsterben. Rückblick auf einen Ausnahmezustand, München 2013 (siehe dazu meine Rezension, in: H-Soz-Kult, 09.12.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21725> [14.08.2015]).
[6] Vgl. dazu ausführlicher Johannes Zechner, Politicized Timber. The German Forest and the Nature of the Nation 1800–1945, in: The Brock Review 11 (2011), Heft 2, S. 19–32, <http://brock.scholarsportal.info/journals/brockreview/article/view/315/310> (14.08.2015).
[7] Vgl. für ein solches sozialhistorisches Herangehen exemplarisch Kenneth Anders / Frank Uekötter, Viel Lärm ums stille Sterben. Die Debatte über das Waldsterben in Deutschland, in: Frank Uekötter / Jens Hohensee (Hrsg.), Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme, Stuttgart 2004, S. 112–138; den ideellen Aspekt betonen hingegen etwa Rudi Holzberger, Das sogenannte Waldsterben. Zur Karriere eines Klischees: Das Thema Wald im journalistischen Diskurs, Bergatreute 1995, sowie Carsten Wippermann / Katja Wippermann, Mensch und Wald. Einstellungen der Deutschen zum Wald und zur nachhaltigen Waldwirtschaft, Bielefeld 2010.
[8] Vgl. zu den Akteuren ausführlicher Jens Ivo Engels, Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950–1980, Paderborn 2006 (rezensiert von Silke Mende, in: H-Soz-Kult, 04.01.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7628> [14.08.2015]).

Zitation
Johannes Zechner: Rezension zu: : "Erst stirbt der Wald, dann du!". Das Waldsterben als westdeutsches Politikum (1978–1986). Frankfurt am Main  2015 , in: H-Soz-Kult, 02.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22107>.