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Titel
Valerian. Kaisertum und Reformansätze in der Krisenphase des Römischen Reiches


Autor(en)
Glas, Toni
Erschienen
Paderborn 2014: Schöningh
Umfang
410 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Körner, Historisches Institut, Universität Bern

Die Gefangennahme des Kaisers Valerian durch die Perser unter Šābuhr I. im Jahr 260 n.Chr. gilt häufig als Höhepunkt der so genannten „Reichskrise“ des 3. Jahrhunderts. Umso überraschender ist es, dass bislang eine Monographie zu Valerian ein Desiderat geblieben ist, zumal der Kaiser immerhin acht Jahre regierte, eine für die Verhältnisse des 3. Jahrhunderts ungewöhnlich lange Regierungsdauer.[1] Toni Glas schließt nun diese Lücke mit ihrer Dissertation, die 2012/13 an der Humboldt-Universität zu Berlin angenommen wurde. Die Arbeit fügt sich in eine Reihe von Untersuchungen zu einzelnen Soldatenkaisern, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind.[2] Mit Glas’ Werk und Geigers jüngst erschienener Gallienus-Biographie wird endlich auch die Licinische Dynastie, die mit Valerian und seinem Sohn Gallienus die Mitte des 3. Jahrhunderts prägte (253 bis 268), durch zwei umfassende Monographien abgedeckt.

Die „Problematik der valerianischen Herrschaft“, so der Titel des ersten Kapitels (S. 13–18), sieht Glas offensichtlich vor allem in der Forschungsliteratur, der sie den größten Teil des Kapitels widmet. Hier hätte man sich anstelle der Abgrenzung von der früheren Forschung eine klare Darlegung der im Titel versprochenen Problematik gewünscht. Immerhin geht Glas auf die Frage nach dem Krisenbegriff ein und spricht sich – trotz des Untertitels der Monographie – für die Deutung der Umwälzungen des 3. Jahrhunderts als Transformationsprozess aus[3], wobei sie Valerians Regierungszeit als „wichtige Etappe in diesem Transformationsprozess“ sieht (S. 14). Glas stellt daher die Regierungsmaßnahmen der Reichszentrale ins Zentrum ihrer Arbeit und verfolgt das Anliegen, die von Valerian getroffenen Entscheide als Suche nach Reformansätzen zu deuten. Der methodische Zugriff besteht in einer minutiösen Quellenanalyse unter jeweiliger Heranziehung der Forschungsdiskussion.

Ein ausführlicher Überblick stellt die Quellen zu Valerian vor (S. 19–61), wobei auch außerrömische Texte angemessene Berücksichtigung finden. Besondere Aufmerksamkeit widmet Glas der unvollständig erhaltenen Vita des Kaisers in der Historia Augusta. Dabei macht sie deutlich, dass der anonyme Biograph die Gestalt des Valerian als einen „senatorischen Idealkaiser“ (S. 34) entwirft und ihn als Gegenstück zu dessen in der Historia Augusta sehr negativ stilisierten Sohn Gallienus vorstellt. Bereits der athenische Historiograph des 3. Jahrhunderts Dexipp dürfte Valerian mehrheitlich positiv beurteilt haben, wie die auf ihn zurückgehenden Passagen in der Historia Augusta und bei Zosimos zeigen. Das demgegenüber äußerst kritische Valerian-Bild bei den Breviatoren des 4. Jahrhunderts führt Glas über die Enmannsche Kaisergeschichte in die konstantinische Zeit zurück, als Konstantin sich auf Gallienus’ Nachfolger Claudius II. berief und die unter seiner Herrschaft schreibenden Autoren daher wohl die vorangegangene Licinische Dynastie zum Höhepunkt der außenpolitischen Krise stilisierten. Schließlich bemächtigte sich die christliche Perspektive der Deutung Valerians und reduzierte ihn weitgehend auf seine Rolle als Christenverfolger.

Nach einem umfassenden chronologischen Überblick über die Ereignisgeschichte der Jahre 253 bis 260 n.Chr. (S. 115–186) folgen zwei großangelegte Kapitel zur Außenpolitik (S. 187–240) und zur Innenpolitik Valerians (S. 241–318). Insgesamt beurteilt Glas die außenpolitischen Reformansätze Valerians als „innovativ und sinnvoll“ (S. 240), auch wenn sie nicht durchgehend erfolgreich waren, wie die Gefangennahme des Kaisers zeigt. Eine wichtige Innovation zum Schutz des Reiches sieht Glas in Valerians Konzept der Samtherrschaft, das über vergleichbare Ansätze des 2. und frühen 3. Jahrhunderts hinausging, insofern als Gallienus einen eigenen geographischen Herrschaftsbereich erhielt. Glas sieht darin einen Vorläufer der tetrarchischen Ordnung. Neu war auch die Einsetzung minderjähriger Caesares unter der Aufsicht eines Tutors (Ingenuus für Valerianus iunior und Silvanus für Saloninus). Daneben nutzte Valerian das bereits von Philippus Arabs etablierte Instrument von Sonderkommanden, die auch mehrere Provinzen umfassen konnten.

Glas’ nachhaltigster Beitrag zur Forschungsdiskussion dürfte in der Beurteilung der dritten Agoge Šābuhrs im Jahr 260 liegen, die bisher als reine Aggression des Perserkönigs angesehen wurde: Šābuhr sei mit seiner Offensive vielmehr einem von Valerian geplanten Angriff auf das Perserreich zuvorgekommen, mit dem der Kaiser sich in die Tradition Trajans habe stellen wollen.

Im Kapitel zur Innenpolitik befasst sich Glas zunächst mit der Herrschaftslegitimation Valerians. Diese bewegte sich in den etablierten Mustern der früheren Kaiserzeit. So wurde die bereits vor Amtsantritt verstorbene Ehefrau Egnatia Mariniana vergöttlicht, Gallienus’ Ehefrau Salonina 254 zur Augusta erhoben und mit weiteren Titeln geehrt. Neben Gallienus wurden auch Valerians Enkel Valerianus iunior und Saloninus in die Herrschaft mit einbezogen. Sehr unbefriedigend ist die Behandlung der 89 im Codex Iustinianus überlieferten Reskripte des Valerian und Gallienus: Glas analysiert diese lediglich als Teil der kaiserlichen Repräsentation. Eine systematische Auswertung ihrer Inhalte, die wertvollen Aufschluss über die Arbeit der kaiserlichen Kanzlei in der Mitte des 3. Jahrhunderts hätte geben können, bleibt aus (S. 260f.).

Glas sieht entgegen der Forschungsmeinung in der Christengesetzgebung keine Antwort auf äußere Niederlagen: Vielmehr habe der Kaiser bei Erlass des ersten Gesetzes eine positiv zu bewertende außenpolitische Bilanz vorzulegen gehabt und die Ruhephase genutzt, um sich der innenpolitischen Frage der Christen zuzuwenden. Die zwei Christenedikte sind nach Glas eine Folge von Decius’ Opfererlass. Dieser habe Valerian das Ausmaß der Christianisierung des Reiches verdeutlicht, so dass er gezielt gegen diese Gruppe vorzugehen versucht habe. Die von ihm erlassenen Christengesetze stellen die ersten explizit gegen christliche Gruppen gerichteten Maßnahmen des römischen Staates dar. Dass dabei die Kleriker ins Visier genommen wurden, erklärt Glas mit Valerians Versuch, durch die „Enthauptung“ der Kirche deren innere Strukturen zu zerstören.

Glas wertet Valerian als einen Kaiser, der „gezielt und zu großen Teilen erfolgreich auf die Erfordernisse seiner Zeit“ reagiert habe (S. 343), wobei seine Maßnahmen damit zum Strukturwandel des römischen Kaisertums beigetragen hätten. Es gelingt ihr, Elemente der Vorwegnahme der tetrarchischen Ordnung, aber auch Kontinuitätslinien zur hohen Kaiserzeit herauszuarbeiten. Insgesamt legt Glas eine hervorragende Analyse nahezu sämtlicher Primärquellen vor (umso bedauerlicher ist die fehlende Auswertung der Reskripte). Künftige Untersuchungen zum 3. Jahrhundert werden an ihrer umfassenden Darstellung der Regierung Valerians nicht vorbeikommen.

Anmerkungen:
[1] Lediglich die Kaiser Gordian III. (238–244), Philippus Arabs (244–249), Valerians Sohn Gallienus (260–268), Aurelian (270–275) und Probus (276–282) können vergleichbar lange Regierungszeiten vorweisen.
[2] Christian Körner, Philippus Arabs. Ein Soldatenkaiser in der Tradition des antoninisch-severischen Prinzipats, Berlin 2002 (vgl. die Rezension von Udo Hartmann in: H-Soz-u-Kult, 12.08.2002 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/AG-2002-027>); Gerald Kreucher, Der Kaiser Marcus Aurelius Probus und seine Zeit, Stuttgart 2003 (vgl. die Rezension von Udo Hartmann in: H-Soz-u-Kult, 15.03.2004 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-155>); Karen Haegemans, Imperial Authority and Dissent. The Roman Empire in AD 235–238, Leuven 2010 (vgl. meine Rezension in: H-Soz-u-Kult, 05.07.2010 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-3-011>); Michael Geiger, Gallienus, Frankfurt am Main 2013; Katrin Herrmann, Gordian III. Kaiser einer Umbruchszeit, Speyer 2013 (vgl. die Rezension von Erich Kettenhofen in: H-Soz-u-Kult, 09.09.2013 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-136>); Klaus Altmayer, Die Herrschaft des Carus, Numerianus und Carinus als Vorläufer der Tetrarchie, Stuttgart 2014.
[3] Zum Transformationsbegriff vgl. Christian Körner, Transformationsprozesse im Römischen Reich des 3. Jahrhunderts n. Chr., Millennium 8 (2011), S. 87–123, hier S. 95–97.

Zitation
Christian Körner: Rezension zu: : Valerian. Kaisertum und Reformansätze in der Krisenphase des Römischen Reiches. Paderborn  2014 , in: H-Soz-Kult, 05.05.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22163>.
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05.05.2014
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