Chr. Bischoff u.a. (Hrsg.): Methoden der Kulturanthropologie

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Titel
Methoden der Kulturanthropologie.


Hrsg. v.
Bischoff, Christine; Oehme-Jüngling, Karoline; Leimgruber, Walter
Erschienen
Stuttgart 2014: UTB
Umfang
571 S.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Michaela Fenske, Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Georg-August-Universität Göttingen

Das Wissensformat des (Methoden-)Handbuchs erfreut sich angesichts wachsender Wissensfülle bei gleichzeitig zunehmender Unübersichtlichkeit großer Beliebtheit. So sind auch im Fachkontext der Europäischen Ethnologie in den letzten Jahren mehrere Einführungen in empirische Methoden vorgelegt worden. Mit dem von Christine Bischoff, Karoline Oehme-Jüngling und Walter Leimgruber herausgegebenen Sammelband liegt nun, nach der Einführung von Silke Göttsch und Albrecht Lehmann[1] sowie dem im letzten Jahr erschienenen Band von Sabine Hess, Johannes Moser und Maria Schwertel[2] für die deutschsprachige Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie / Volkskunde / Empirische Kulturwissenschaft ein drittes Methodenhandbuch vor.[3] Für das Vielnamenfach ist dies außerordentlich erfreulich, zeigt es doch die Spannbreite und Vielfalt der methodischen Herangehensweisen dieser Disziplin im engen Austausch mit ihren Nachbarwissenschaften.

Der neue Band wurde überwiegend von Nachwuchswissenschaftler/innen konzipiert und geschrieben. Die noch nicht allzu ferne Erinnerung an das eigene Studium erklärt möglicherweise auch den überzeugenden didaktischen Aufbau dieser Einführung, die sich an Studierende der Kulturanthropologie wendet. Die einzelnen Beiträge halten auf überschaubarer Länge (im Durchschnitt umfassen die Artikel etwa 16 Seiten) die wesentlichen Aspekte des jeweils behandelten Themas fest; Literaturtipps am Ende der Beiträge ermöglichen eine weiterführende Lektüre; verschiedene Textboxen fassen wichtige Aspekte zusammen oder regen zur Übung an; ein internes Verweissystem verbindet die Texte untereinander sowie mit im Web hinterlegten Zusatzmaterialien. Durch diese benutzungsfreundliche Konzeption und das erfolgreiche Bemühen der einzelnen Beiträger/innen um einen anschaulichen Schreibstil erfüllt der Band den Anspruch der Herausgeber/innen, Studierenden ein Selbststudium kulturanthropologischer Methoden zu ermöglichen, aufs Beste.

Seit dem Call for Papers für dieses Buchprojekt Anfang 2011 haben Herausgeberteam und Autor/innen die Inhalte des Bandes unter anderem in zwei gemeinsamen Workshops verhandelt. Das kollaborative und interaktive Werden mag ein Grund für den vergleichsweise stringenten Aufbau des Bands sein. Die insgesamt 34 Beiträge (inklusive einer kurzen Einführung der Herausgeberinnen und des Herausgebers) bilden einen idealtypischen Forschungsprozess ab, von der Konzeption der Fragestellungen über die verschiedenen Herangehensweisen und Analyseschritte bis hin zur Repräsentation der erzielten Ergebnisse. Da Forschen wesensmäßig auf Aktivität setzt, werden die insgesamt acht thematischen Kapitel mit den sie jeweils kennzeichnenden Verben überschrieben. Zur ersten Orientierung wird jedes Kapitel zudem durch einen einführenden Kurztext eingeleitet. Im Kapitel „konzipieren, entwickeln, lernen“ (S. 13–68) geht es in den drei Beiträgen von Christine Bischoff, Karoline Oehme-Jüngling und Esther Gajek um die Inbezugsetzung von Empirie und Theorie, um die Generierung einer wissenschaftlichen Fragestellung sowie um die vielen Möglichkeiten, im Feld zu lernen. Die sechs Beiträge im Kapitel „beobachten, teilnehmen, fragen“ (S. 69–158) behandeln verschiedene Aspekte der Feldforschung: von der teilnehmenden Beobachtung (Miriam Cohn) über Statusunterschiede (Florian von Dobeneck und Sabine Zinn-Thomas), Körpererfahrung (Sebastian Mohr und Andrea Vetter), narrative Interviews (Marketa Spiritova) und bewegte Interviews (Melanie Keding und Carmen Weith) bis hin zu leitfadengestützten Interviews mit Kindern (Laura Wehr). In „historisch und biografisch forschen: archivalische und lebensgeschichtliche Quellen“ (S. 159–209) stellen Jens Wietschorke, Jacques Picard und Markus Walz Methoden kulturhistorischer Forschung vor. Mit sieben Beiträgen ist das Kapitel „visuell forschen – Bilder als Material und Werkzeug“ (S. 210–330) das umfangreichste. Thematisiert werden die Analyse öffentlicher Bilder (Francesca Falk), seriell-vergleichende Fotoanalyse (Nora Mathys), Mental Maps und narrative Raumkarten (Cornelia Helfferich), historisch-kritische Filmanalyse (Ina Merkel), ethnografisches Filmen (Sandra Eckardt und Torsten Näser), Filmnarration und Filmschnitt (Roman Vitt) sowie Erinnerung, Film- und Fotoelicitation (Pierrine Saini und Thomas Schärer). In den drei Beiträgen des Kapitels „im(materiell) forschen: Dinge, Klänge, Web“ (S. 331–382) führen Werner Bellwald, Karoline Oehme-Jüngling und Gertraud Koch jeweils in die Erforschung materieller Kultur, die auditive Feldforschung sowie das Ethnografieren im Internet ein.

Das sechste Kapitel „deuten, theoretisieren, triangulieren“ eröffnet Perspektiven auf das analytische Vorgehen (S. 383–473). Klaus Schriewer erläutert die Analyse lebensgeschichtlicher Quellen; Simone Egger behandelt die dichte Beschreibung, Stefan Bauernschmidt die Inhaltsanalyse prozessgenerierter Daten und Oliver Kiefl die Diskursanalyse; Monika Götzö erläutert Grounded Theory und Gabriela Muri erklärt Triangulationsverfahren. Das siebte Kapitel „organisieren, umsetzen, anwenden“ (S. 474–519) setzt sowohl die Einführung in analytische Verfahren fort als auch in kollaborative Arbeitsformen. Es geht um computergestützte qualitative Datenbearbeitung (Simone Sattler), empirische Gruppenprojekte (Eva Christina Edinger und Anna Lipphardt) sowie studentische Forschungs- und Schreibgruppen (Eva-Maria Lerche). Zwei Beiträge im achten Kapitel „Wissen reflektieren“ (S. 520–556) thematisieren ethische Aspekte der Forschung und Darstellungsweisen: Michel Massmünster schreibt hier darüber, wie man sich selbst in den Text hineinschreibt, Fritz Böhler und Martin Reinhart steuern abschließend Überlegungen über Wissenschaft und Wertewandel bei. Kurzbiografien über die Autor/innen und ein Sachregister runden den Band ab.

Die stichwortartige Wiedergabe des Inhalts illustriert die Fülle an Themen und Zugängen, die dieser Methodenband eröffnet. Er reflektiert einerseits viele der derzeit allgemein üblichen Herangehensweisen und Perspektiven, greift ältere Themenfelder auf und interpretiert sie neu (etwa das Forschungsfeld der Kinderkultur), andererseits werden aber auch Felder und Herangehensweisen, die in den letzten zwanzig Jahren an Bedeutung gewonnen haben, stark gemacht (etwa Aspekte der Kollaboration, Fragen der wissenschaftlichen Repräsentation oder auch der Forschung im Internet). Die Anschaulichkeit geht nicht zu Lasten des Inhalts, die Beiträge informieren mehrheitlich auf sehr hohem Niveau. Dabei sind bei der Konzeption eines solchen Bandes und der einzelnen Beiträge Schwerpunktsetzungen unvermeidlich. Diese ergeben sich nicht zuletzt auch daraus, wer sich jeweils mit welchem Thema an dem Projekt beteiligt hat. Der eine Kollege oder die andere Kollegin wird Themen vermissen oder für einzelne Themen über das Genannte hinausgehende Titel oder Hinweise relevant finden. Wer von Handbüchern allerdings eine enzyklopädische Vollständigkeit erwartet, geht dem Mythos, der diesem Format inhärent ist, ohnehin auf dem Leim. Bei aller Seriosität und angestrebten Nachhaltigkeit des hier versammelten Wissens sowie dem ebenso unternommenen wie dem Format unterstellten Versuch der Normierung stellen auch Handbücher nichts anders als Momentaufnahmen des jeweiligen Wissensstandes dar. Das vorliegende Handbuch wird Studierende und Lehrende der Kulturanthropologie voraussichtlich einen etwas längeren Moment begleiten. Es empfiehlt sich auch für Interessierte aus Nachbardisziplinen als ein wertvolles Instrument in ihrem Arbeitsalltag.

Anmerkungen:
[1] Silke Göttsch / Albrecht Lehmann (Hrsg.), Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie, 2. Auflage, Berlin 2007.
[2] Sabine Hess / Johannes Moser /Maria Schwertel (Hrsg.), Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte, Berlin 2013.
[3] International sind als Neuerscheinungen zu nennen: Regina Bendix / Galit Hasan-Rokem (Hrsg.), A Companion to Folklore, Malden (Mass.) 2013 (mit einigen Methodenkapiteln) sowie Frog / Pauliina Latvala (Hrsg.), Approaching Methodology, Sastamala 2013 (im Kontext der Kultur- und Sozialwissenschaften interdisziplinär ausgerichtet, aber mit Schwerpunkt auf Folklore und Ethnologie).

Zitation
Michaela Fenske: Rezension zu: Bischoff, Christine; Oehme-Jüngling, Karoline; Leimgruber, Walter (Hrsg.): Methoden der Kulturanthropologie. Stuttgart  2014 , in: H-Soz-Kult, 10.07.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22215>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.07.2014
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/