K. Altmayer: Carus, Carinus und Numerianus

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Titel
Die Herrschaft des Carus, Carinus und Numerianus als Vorläufer der Tetrarchie.


Autor(en)
Altmayer, Klaus
Erschienen
Stuttgart 2014: Franz Steiner Verlag
Umfang
506 S.
Preis
€ 82,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Unfug, Seminar für Alte Geschichte, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Die Arbeit von Klaus Altmayer zur Herrschaft des Carus und seiner beiden Söhne Carinus und Numerianus (282–285) belegt das anhaltende Forschungsinteresse am 3. Jahrhundert und an der Zeit der „Soldatenkaiser“.[1] Diese anhaltende Forschungsintensität hat dazu geführt, dass das klassische Bild einer Krise des Reiches im 3. Jahrhundert aus der älteren Forschung mehr und mehr revidiert und der Blick für Wandlungs- und Entwicklungstendenzen geschärft wurde.[2] In diesem Forschungskontext untersucht die Studie von Klaus Altmayer diverse Entwicklungs- und Transformationsprozesse für die Herrschaftszeit des Carus und seiner Söhne, den letzten drei „Soldatenkaisern“.

Zu Beginn seiner Untersuchung gibt Altmayer eine knappe Einführung zur Forschungs- und Quellenlage (S. 21–55). Hierbei ist insbesondere die auf das Thema zugeschnittene Quellenproblematisierung hervorzuheben, die die relevanten Quellengattungen der Epoche berücksichtigt.[3] In dieser detaillierten Zusammenschau wird sowohl das Carus-Bild in seinen literarischen Traditionslinien und Abhängigkeiten reflektiert als auch die Bedeutung der Primärquellen für die Herrschaftsrekonstruktion aufgezeigt.

Im folgenden ersten Hauptteil liefert Altmayer einen ereignisgeschichtlichen Überblick (S. 57–183). Dazu versucht der Autor, die chronologische Ereignisfolge zu rekonstruieren und divergierende Aussagen in den Quellen zu harmonisieren. In dieser Untersuchung können zahlreiche Widersprüche in der Überlieferung zur Herrschaftsakklamation des Carus, zur Herrschaftsteilung zwischen Carus und seinen Söhnen, zu den militärischen Auseinandersetzungen der Zeit und zu den Todesumständen der drei Herrschergestalten aufgelöst werden. Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei das herrschaftliche Itinerar, das unter anderem mithilfe des numismatischen Materials (also etwa mit den Prägungen zum Adventus der Kaiser) und Distanzabwägungen rekonstruiert wird. Trotz der lückenhaften und problematischen Überlieferung versucht der Autor hierbei, ein möglichst vollständiges Bild der Ereignisabfolge zu entwerfen. Wie aber bereits die Darstellung der Herkunft und des Werdegangs des Carus am Anfang des Kapitels zeigt (vgl. S. 69), müssen oft Vermutungen und Analogieschlüsse die Überlieferungslücken überbrücken.

Parallel zur Ereignisdarstellung werden in diesem Kapitel einzelne Probleme und politische Bedingungen thematisiert, die die Rekonstruktion der Ereignisgeschichte unterstützen und in ihrer Bedeutung über das Moment hinausgehen. Erwähnenswert sind dabei Altmayers Überlegungen zu den römisch-sasanidischen Beziehungen der Epoche und die Thematisierung des Provinzstatus von Mesopotamia (vgl. S. 87f.). Hierbei konstatiert der Autor die dauerhafte römische Kontrolle über die Provinz Mesopotamia in den Jahren 261 bis 282[4], sodass das Ziel des Perserfeldzugs des Carus nicht mit der Provinzrestauration identifiziert werden sollte. Vielmehr sei die Politik des Carus und seiner Söhne durch einen offensiveren Charakter geprägt gewesen, der in der erfolgreichen Eroberung der sasanidischen Metropole Ctesiphon seine Bestätigung gefunden habe. Zuletzt wird in diesem Kapitel, trotz der kurzen Regierung des Carus, Carinus und Numerianus, eine positive Zwischenbilanz gezogen. Dabei werden die Herrschaftsgestaltung des Carus durch ihre „Schnelligkeit“ und „Zielstrebigkeit“ gelobt und die familiäre „Herrschaftsteilung“ gewürdigt. Nach der Wiederherstellung der Reichseinheit durch Aurelian und der Sicherung der primär gefährdeten Grenzen im Westen durch Probus wertet der Autor die militärischen Erfolge des Carus und seiner Söhne als Überwindung der langen militärischen „Krise“ des 3. Jahrhunderts. Altmayer sieht Carus und seine Söhne deshalb als „typische Soldatenkaiser“ (vgl. S. 182).

Im zweiten Hauptteil seiner Arbeit stellt der Autor einen entwicklungsgeschichtlichen Bezug zur Herrschaft Diokletians her, indem die Regierung des Carus, Carinus und Numerianus als „Vorläufer der Tetrarchie“ gewertet wird (S. 185–317). Hierfür wird ein Maßnahmenkomplex analysiert und mit der Herrschaftsgestaltung Diokletians verglichen. Dabei sieht Altmayer den Vorläufercharakter etwa durch das Konzept der Herrschaftsteilung in der Dynastie des Carus bestätigt. Dass ein Entwicklungszusammenhang zwischen der Herrschaft des Carus und der des Diocletian bestand, wird in diesem Kapitel plausibel dargelegt. Ob diese Art der Herrschaftsteilung aber das Ergebnis einer planvollen Errichtung oder doch eher das Resultat eines sukzessiven Entscheidungsprozesses war, wie dies der Autor für Diocletian postuliert, ist nicht leicht zu entscheiden.[5]

Im Folgenden zeichnet der Autor anhand des Bedeutungsverlustes des Senats und der wachsenden Zahl von ritterlichen Funktionsträgern verschiedene Entwicklungslinien in den Reichsstrukturen nach. In dieser Skizze wird deutlich gemacht, dass die Herrschaft des Carus für den Bedeutungsverlust des Senats keine Zäsur darstellte. Vielmehr wird dieser Eindruck durch die literarischen Quellen vermittelt, die die Vorgänger Tacitus und Probus zu senatsfreundlichen Herrschern stilisierten. Mit dieser fundierten Kritik schließt der Autor an aktuelle Forschungsergebnisse an.[6] Von höherem Gewicht für die Untersuchung ist jedoch das Kapitel „Religionspolitik und kaiserliche Selbstdarstellung“ des Carus (S. 219–243): In einer Analyse des numismatischen Materials werden hier der dynastischen Selbstdarstellung des Carus auffällige Parallelen in den tetrarchischen Herrscherprofilen gegenübergestellt. Sowohl die Darstellungen als deus et dominus als auch die Funktion des Jupiter und des Hercules als conservator werden für Carus und Diocletian belegt.

Weiterhin zeigt der Autor das stete Anwachsen der ritterlichen Funktionsträger und zivilen Amtsträger im 3. Jahrhundert auf, wofür Beispiele aus der Zeit des Carus angeführt werden.[7] Dabei wird deutlich, dass die Trennung der zivilen und militärischen Bereiche das Ergebnis einer längeren Entwicklung und nicht einer Reformmaßnahme Diocletians war. Weitere Vergleichsparamater dieser Untersuchung sind sodann die imperiale Politik, die Finanz- und Wirtschaftspolitik, die kaiserliche Rechtsprechung und die Militärpolitik (S. 259–309). Untersucht wird zudem der Entwicklungsprozess grenznaher Residenzstädte, wobei für Carus und seine Söhne Städte wie Lugdunum, Mediolanum, Sirmium oder Antiochia als bevorzugte Aufenthaltsorte festgehalten werden. Weiterhin schließt der Autor aus den epigraphischen und numismatischen Befunden auf umfangreiche infrastrukturelle Restaurationsmaßnahmen (etwa auf der spanischen Halbinsel) und eine intensive Rechtsprechungspraxis (in Form von kaiserlichen Reskripten). Damit lassen auch die intensive Rechtsprechung, die präferierten „Residenzen“ und die Grenzpolitik Parallelen zur diocletianischen Herrschaftsgestaltung erkennen. Dagegen bleibt das von Altmayer gezeichnete Bild der Geld-, Bau- und Militärpolitik des Carus eher blass, wofür aber die relativ kurze Herrschaftsphase des Carus und die dürftige Quellenlage ursächlich sind. Dies muss beim Leser den Eindruck erwecken, dass gegenüber den militärischen und monetären Maßnahmen der Vorgänger und Nachfolger die kurze Herrschaft des Carus und seiner Söhne in diesen Feldern nur Episodencharakter trug. Dagegen lassen die Herkunftsübereinstimmungen der betreffenden Herrscher und die personelle Kontinuität unter den Regierungen des Carus und Diocletian, die in Ansätzen aufgezeigt werden kann, abschließend wieder die Entwicklungslinien zwischen beiden Kaisern erkennen (S. 309–317).[8]

Es gelingt Altmayer, die Herrschaft des Carus und seiner Söhne in die ereignis- und entwicklungsreiche Periode des 3. Jahrhunderts einzuordnen und einen fundierten Vergleich mit den Herrschervorgängern und dem Nachfolger Diocletian vorzunehmen. Ein umfangreicher Appendix gestattet es dem Leser schließlich, die verwendeten Münzen, Inschriften und Papyri einzusehen und die wichtigsten Amtsträger und Titel des Carus nachzulesen. Auch wenn die Quellenlage und die historischen Bedingungen der Herrschaft des Carus nicht immer eine systematische Vorstufe zur Tetrarchie erkennen lassen, legt die von Altmayer vorgelegte Untersuchung zu Carus, Carinus und Numerianus erfolgreich die Entwicklungslinien offen, die die tetrarchische Herrschaftsgestaltung ermöglichten und beeinflussten.

Anmerkungen:
[1] Siehe zum Epochenbegriff „Soldatenkaiser“ Matthäus Heil, „Soldatenkaiser“ als Epochenbegriff, in: Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio Romano. Transformationsprozesse des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert und ihre Rezeption in der Neuzeit, Stuttgart 2006, S. 411–428. Vgl. die Rezension zum Band von Erich Kettenhofen, in: H-Soz-u-Kult, 30.04.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-062> (25.04.2014).
[2] Für eine kritische Revision des Krisenbildes siehe etwa Christian Witschel, Krise – Rezession – Stagnation, Frankfurt am Main 1999, S. 12–19 und Karl Strobel, Das Imperium Romanum im ‚3. Jahrhundert‘, Stuttgart 1993, S. 299f.; für ein aktuelles Krisenmodell siehe hingegen Clifford Ando, Imperial Rome AD 193–284. The critical century, Edinburgh 2012 (vgl. meine Rezension in: H-Soz-u-Kult, 01.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-001>, 25.04.2014). Vgl. zum Krisenbegriff Thomas Gerhardt, Zur Geschichte des Krisenbegriffs, in: Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio romano, Stuttgart 2006, S. 381–410 und Wolf Liebeschuetz, Was there a crisis of the third century?, in: Olivier Hekster / Gerda de Kleijn / Daniëlle Slootjes (Hrsg.), Crises and the Roman Empire, Leiden 2007, S. 11–20 (vgl. die Rezension zum Band von Klaus-Peter Johne, in: H-Soz-u-Kult, 21.01.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-054>, 25.04.2014). Vgl. zu den Entwicklungen der Reichsstrukturen in der Zeit Peter Eich, Zur Metamorphose des politischen Systems in der römischen Kaiserzeit, Berlin 2005 (vgl. Klaus-Peter Johnes Rezension, in: H-Soz-u-Kult, 30.07.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-071>, 25.04.2014).
[3] Zur Quellenlage vgl. den Überblick in den entsprechenden Artikeln bei: Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Die Zeit der Soldatenkaiser, Berlin 2008, S. 15–123. Vgl. die Rezension zum Band von Matthias Haake, in: H-Soz-u-Kult, 23.03.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-236> (25.04.2014).
[4] Vgl. auch Bruno Bleckmann, Die Reichskrise des III. Jahrhunderts in der spätantiken und byzantinischen Geschichtsschreibung. Untersuchungen zu den nachdionischen Quellen der Chronik des Johannes Zonaras, München 1992, S. 130ff.; Andreas Luther, Roms Mesopotamische Provinzen nach der Gefangennahme Valerians (260), in: Josef Wiesehöfer / Philip Huyse (Hrsg.), Ērān und Anērān. Studien zu den Beziehungen zwischen dem Sasanidenreich und der Mittelmeerwelt, Stuttgart 2006, S. 203–219, hier S. 210f. Vgl. die Rezension zum Band von Erich Kettenhofen, in: H-Soz-u-Kult, 20.11.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-135> (25.04.2014).
[5] Siehe zu diesem wissenschaftlichen Diskurs Frank Kolb, Diocletian und die Erste Tetrarchie, Berlin 1987. In seiner Arbeit betont Kolb die Weitsicht Diocletians und den Planungscharakter der Herrschaftsteilung. Siehe dagegen die „Improvisationsthese“ bei William Seston, Dioclétien la tétrarchie, Bd. 1, Paris 1946.
[6] Siehe zu den Darstellungen des Tacitus und Probus Gerald Kreucher, Der Kaiser Marcus Aurelius Probus und seine Zeit, Stuttgart 2003, S. 105–122 (vgl. die Rezension von Udo Hartmann, in: H-Soz-u-Kult, 15.03.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-155>, 25.04.2014) und Gerald Kreucher, Probus und Carus, in: Johne, Soldatenkaiser, S. 395–423, hier S. 417; Klaus-Peter Johne, Der „Senatskaiser“ Tacitus, in: Johne, Soldatenkaiser, S. 379–393.
[7] Vgl. zu den iudices Michael Peachin, Iudex vice Caesaris, Stuttgart 1999; zu den correctores rei publicae siehe Werner Eck, Die staatliche Organisation Italiens in der hohen Kaiserzeit, München 1979, S. 190–230; zur Vermehrung der ritterlichen Funktionsträgern prägnant Matthäus Heil, Der Ritterstand, in: Johne, Soldatenkaiser, S. 737–761, hier S. 744f.
[8] Vgl. zur Herkunft Klaus-Peter Johne, Die Illyrischen Kaiser als Herrscher neuen Typs, in: Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio Romano, Stuttgart 2006, S. 125–134, hier S. 126f.

Zitation
Christian Unfug: Rezension zu: : Die Herrschaft des Carus, Carinus und Numerianus als Vorläufer der Tetrarchie. Stuttgart  2014 , in: H-Soz-Kult, 12.05.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22262>.
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12.05.2014
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