D. Hamann: Gunther Ipsen in Leipzig

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Titel
Gunther Ipsen in Leipzig. Die wissenschaftliche Biographie eines „Deutschen Soziologen“ 1919–1933


Autor(en)
Hamann, David
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
157 S.
Preis
€ 32,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Schäfer, Berlin

Das vorliegende Buch ist aus einer an der Humboldt-Universität zu Berlin entstandenen Magisterarbeit hervorgegangen und hat einen Protagonisten der völkischen Realsoziologie der Leipziger Universität der 1920er- und frühen 1930er-Jahre zum Gegenstand einer wissenschaftsgeschichtlichen Studie ausgewählt: Gunther Ipsen (1899–1984). In verschiedenen Arbeiten der letzten zwei bis drei Jahrzehnte war der wegen seiner Interdisziplinarität und seiner schwer zugänglichen Sprache nicht leicht fassbare Ipsen zwar – etwa von Johannes Weyer, Carsten Klingemann, Jerry Z. Muller, Matthias Middell, Willi Oberkrome und anderen – immer wieder erwähnt und in die zeitgenössischen soziologischen bzw. bevölkerungswissenschaftlichen Diskurse historiographisch eingeordnet, aber kaum wissenschaftsbiographisch angemessen in einer Gesamtdarstellung gewürdigt worden. David Hamanns Arbeit zeichnet sich durch eine quellengestützte, gleichwohl kritische Sicht auf den in Leipzig sozialisierten und lehrenden Sozialwissenschaftler aus. Die Studie beschränkt sich auf die Leipziger Wirkungsphase, obwohl die Ausblicke auf das „Dritte Reich“ und die Bundesrepublik (Sozialforschungsstelle Dortmund) immer wieder den Kontinuitätsfaden beleuchten, der bis in die gegenwärtigen politischen Debatten (Sarrazin) reicht (S. 133–138).

Gunter Ipsen wird als Sohn des Innsbrucker Gerichtsmediziners Carl Ipsen in eine Familie mit siebenbürgischen Wurzeln hineingeboren, als junger Abiturient noch Offizier der Tiroler Kaiserjäger im Ersten Weltkrieg und kehrt nach schwerer Erkrankung im Sommer 1919 aus italienischer Gefangenschaft zurück. Die vielseitigen Talente des jungen Innsbrucker Professorensohns wurden in der „mit Auszeichnung“ bestandenen Abiturprüfung ebenso sichtbar wie in dem Reserveoffizierslehrgang der Kaiserjäger, den er als „Bester“ abschloss (S. 24). Nach ersten Studien an der Universität Innsbruck setzte er ab 1920 diese in den Fächern Philosophie, Psychologie, klassischer Altertumswissenschaft, Indogermanistik und Orientalistik an der Leipziger Universität fort (S. 35), die nicht nur als die zweitgrößte Universität des Deutschen Reiches galt, sondern auch als hochschul- und wissenschaftspolitisch innovative Institution. Für den vor allem in den völkisch orientierten Zweigen der Jugendbewegung (Deutsche Freischar, später: Boberhaus in Schlesien) sozialisierten Ipsen wurden die Theorien Wilhelm Wundts, Felix Kruegers und des Soziologen Hans Freyer bedeutsam. Lamprechts kulturgeschichtlicher Einfluss, Ratzels geopolitische Raumkonzeption und später Rudolf Kötzschkes Blick auf die Landesgeschichte hinterließen ebenso Spuren wie die Volkslehre Wilhelm Heinrich Riehls (S. 36f.). Die Axiome „Volk“ und „Gemeinschaft“ hatten den vielseitig interessierten Forscher auf das Gleis der Ganzheitspsychologie geführt, dessen Paradigma Ipsen sich in seinen beiden akademischen Qualifikationsarbeiten widmete: Dissertation 1922 „Über Gestaltauffassung (Erörterung des Sanderschen Parallelogramms)“, Habilitation 1924 mit dem Titel: „Zur Theorie des Erkennens. Untersuchungen über Gestalt und Sinn sinnloser Wörter“, beide 1926 im ersten Band der „Neuen Psychologischen Studien“ von Felix Krueger herausgegeben.

Es gelingt David Hamann außerordentlich gut, die politischen und wissenschaftsgeschichtlichen Bedingungen für das im Kaiserreich seit etwa 1890 dominierende Gefühl der „Zerrissenheit“ des Lebens zu skizzieren, um daraus das gesellschaftliche Bedürfnis nach Zusammenfügung, nach Ganzheit in der philosophischen Nachfolge Schopenhauers, Nietzsches und Diltheys zu begründen. Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkten sich diese Denk- und Gefühlsmuster und fanden in den von Krueger, dann auch von Ipsen benutzen Termini wie „Struktur“ und „Gefüge“ die geeigneten wissenschaftlichen Konzepte, um die hinter den psychischen oder auch sprachlichen Phänomenen liegenden menschlichen Identitäten herauszudestillieren. Diese Begriffe, so Hamann, „verweisen […] zumeist auf die metaphysisch verankerte Stellung und Ordnung von ‚Gestalten‘ in Form gesellschaftlicher Normen und (Kultur-)Dinge innerhalb der ‚Wirklichkeit‘“ (S. 51). Dem Übergang von der philosophisch-psychologischen Ganzheitsvorstellung zur organischen Volksidee mit antiliberalem, antidemokratischem und antisemitischem Unterton war damit der Weg geebnet. Hamann erwähnt zu Recht die neoidealistische Hegelrenaissance im Leipzig der 1920er-Jahre. 1931 ist Hegel für Ipsen bereits „die politische Philosophie unseres völkischen Aufbruchs“. Ipsen, der 1930 zum außerplanmäßigen Professor ernannt wird, verkündet allerdings bereits am 16. Juni 1931 in seiner Antrittsvorlesung mit dem vielsagenden Titel: „Programm einer Soziologie des deutschen Volkstums“, dass die bisherige Analyse des industriellen Systems „durch politische Soziologie und die Soziologie des Volkstums“ (S. 9) ergänzt werden müsse.

Ipsens Hinwendung zur Geschichtsphilosophie entspricht einer Tendenz von intellektuellen Eliten aus dem Umkreis der sogenannten Konservativen Revolution, die pluralistisch-demokratische Moderne abzulehnen und stattdessen ein historisches Bewusstsein zu fördern (S. 77), das im „natürlichen System des Denkens“ der „Deutschen Bewegung“ (Hegel, neben Johann Wolfgang von Goethe, Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Jacob Grimm) wurzelt. An der Analyse Montesquieus und seiner politischen Philosophie zeigt Ipsen, wie die französische Soziologie das Positive zum Gegenstand der Vernunft erhebt und dialektisch über die Ideen der Französischen Revolution zum System der positiven Philosophie Comtes führt. Der philosophische „Wettkampf“ zwischen deutschem Idealismus und französischem Positivismus ist mehr als ein geistesgeschichtliches Phänomen, es schließt die „kulturelle Geringschätzung des linksrheinischen ‚Erbfeindes‘ und des britischen ‚Kapitalismus‘“ mit ein (S. 81). Dieser Kampf in der Geschichte spiele sich, so Ipsen, zwischen den „Gestalten“ ab („Inbegriffe“ oder „Sinngestalten“ versus „Restbegriffe“ oder „Ungestalten“): Der Begriff der „Gestalt“ ermöglicht die Soziologisierung und Politisierung der philosophisch-psychologischen Bedeutungen. Die Gestalt definiert sich durch ihre Teile, basiert aber zugleich auf der „Negation alles Anderen“ (S. 79). „Volk“ und „Reich“ als ethnisch-politische Ganzheiten werden zu Subjekten der Geschichte stilisiert, deren Überlegenheitsanspruch sich auf eine völkisch-rassistische Basis stützen kann und damit vor 1933 den propagandistischen Feindbildern der Nazis intellektuell vorarbeitet, „die die Demokratien Westeuropas als ‚liberal‘, ‚sozialistisch‘ und ‚jüdisch‘ diffamierten“ (S. 82).

Hamann führt im Detail aus, wie die Konzentration auf das Bauerntum als der Basis der Soziologie des „Volkskörpers“ in den soziologischen Dorfwochen in Schlesien und Mitteldeutschland 1931 zu einer Realsoziologie führt, die sich als antiwestlich versteht, zum Selbstbewusstsein des eigenen Volkstums und zur „Volks-Gemeinschaft“ durch praktischen Einsatz im Arbeitsdienst beitragen soll (S. 120). Das Jahr 1933 bringt die ersten „Früchte“ seiner soziologischen Volksforschung in den Beiträgen für das Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums über Bevölkerung, Agrarverfassung und die Vortragspublikationen über „Das Landvolk“ und „Blut und Boden (Das preußische Erbhofrecht)“. Alle diese Beiträge können zwar im Sinne der Ausführung seines „Programms einer Soziologie des Volkstums“ als Antwort auf die ökonomischen Krisenprozesse und sozialen Spaltungslinien der industriell-kapitalistischen Welt gelesen werden – Ipsen begrüßte das Reichserbhofgesetz vom 29. September 1933 als „agrarpolitische Grundlage der neuen, nationalsozialistischen Ordnung“ (S. 131) – sie sind zugleich auch als Synthese von empirischer Wissenschaft und ideologischer Propaganda, von Wissenschaft und Ideologie zu sehen, die im Typus des interdisziplinär und realsoziologisch verfahrenden NS-Sozialtechnikers zusammenläuft. In diesem Sinne hatte er auch ab 1938 die Vorbereitungen für den Internationalen Soziologenkongress in Bukarest 1939 im Auftrag des in Budapest wirkenden „Führers“ der „deutschen Soziologie“ Hans Freyer übernommen und dabei mit voller Rückendeckung des Berliner Ministeriums von Königsberg aus die „Mannschaft“ politisch und wissenschaftlich „bereinigt“ zusammengestellt: Die Teilnehmerliste enthält unter anderen auch Namen, die die Soziologie (Hans Linde) und Geschichtswissenschaft (Werner Conze) nach 1945 repräsentieren. Deshalb und weil die Diskurse zwar semantisch transformiert und insoweit von einigen Akteuren selbst sprachlich „entnazifiziert“, aber keineswegs historisch-soziologisch angemessen reflektiert und wirklich überwunden wurden, lohnt sich die Lektüre einer so profunden Arbeit wie der David Hamanns, der man eine Fortsetzung über die Phase des „Dritten Reiches“ hinaus wünschen möchte. Einige Ungenauigkeiten (zum Beispiel S. 82: Karl Heinz Pfeffer ist weder Schüler Ipsens, noch ist er dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Bevölkerungs- und Agrarsoziologie; Ipsen hatte bis zu diesem Zeitpunkt in Leipzig noch keinen Lehrstuhl inne) und orthographische Nachlässigkeiten bei der Drucklegung mindern indes keinesfalls die Qualität dieser außergewöhnlichen Arbeit, die unser Erkenntnisniveau über die Soziologie in Leipzig zwischen 1925 und 1945 beträchtlich erweitert und vertieft hat.

Zitation
Gerhard Schäfer: Rezension zu: : Gunther Ipsen in Leipzig. Die wissenschaftliche Biographie eines „Deutschen Soziologen“ 1919–1933. Frankfurt am Main  2013 , in: H-Soz-Kult, 17.07.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22292>.
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Veröffentlicht am
17.07.2014
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