G. Wagner-Kyora (Hrsg.): Wiederaufbau europäischer Städte

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Titel
Wiederaufbau europäischer Städte / Rebuilding European Cities. Rekonstruktionen, die Moderne und die lokale Identitätspolitik seit 1945 / Reconstructions, Modernity and the Local Politics of Identity Construction since 1945


Hrsg. v.
Wagner-Kyora, Georg
Erschienen
Stuttgart 2014: Franz Steiner Verlag
Umfang
485 S., 112 SW-Abb.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Leonie Treber, Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Technische Universität Darmstadt

Der Wiederaufbau zerstörter Städte nach Katastrophenereignissen gehört bereits seit knapp 20 Jahren zu den viel diskutierten Themen der Stadtgeschichtsforschung. Eine Initialzündung ging hierbei nicht zuletzt von dem großangelegten Forschungsprojekt „Stadtzerstörung und Wiederaufbau“ aus, das die Internationale Kommission für Städtegeschichte von 1996 bis 2000 durchführte.[1] Gerade städtebauliche Neukonzeptionen unter stadtplanerischen und denkmalpflegerischen Aspekten stehen seitdem im Fokus der Forschungen. Daran knüpft nun auch der von Georg Wagner-Kyora herausgegebene Sammelband an, der das Ergebnis einer internationalen Tagung von Historikerinnen und Historikern ist, die 2009 stattgefunden hat.[2] Allerdings hat es sich Wagner-Kyora zur Aufgabe gemacht, „[…] weniger die Baugeschichte als die Identifikationsgeschichte der Städte zur Diskussion“ zu stellen (S. 21). Den Ausgangspunkt und damit eine der verbindenden Klammern des Sammelbandes bildet der Zweite Weltkrieg, der mit seinen Zerstörungen eine Spur der Verwüstung in den Städten Europas hinterlassen hat. Davon ausgehend gliedern sich die präsentierten Beiträge in drei thematische Segmente, die – nebenbei bemerkt – leider durch den Verlag optisch nicht voneinander getrennt wurden (bzw. nur im Inhaltsverzeichnis, nicht im Inneren des Buches). Während im ersten Teil die mit dem Wiederaufbau verbundene „Identitätspolitik“ der Städte bzw. ihrer Bewohner und Politiker im Vordergrund steht, widmet sich der zweite Teil der „Geschichtspolitik“ des Wiederaufbaus in den Medien. Im dritten Teil wird schließlich der Frage nachgegangen, in welcher Weise die Moderne-Debatte die Nachkriegsplanungen beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte beeinflusste.

Die dezidiert europäische Perspektive auf die Aspekte des Wiederaufbaus nach der Zerstörung wird im ersten Teil des Buches vorbildlich eingelöst. Anhand ausgewählter Fotografien skizziert Robert Morris Momente der britischen Erfahrungsgeschichte des Wiederaufbaus am Londoner Beispiel. Corinne Bouillot vergleicht mit Niedersachsen und der Normandie zwei europäische Wiederaufbau-Regionen. Und Georg Wagner-Kyora veranschaulicht anhand acht deutscher Städte die unterschiedlichen Konzepte von Wiederaufbaupolitik. In den Mittelpunkt rückt er hierbei die Rekonstruktion von Solitären und die damit zusammenhängenden Entscheidungsprozesse und -träger. Besonders hervorzuheben ist der sich daran anschließende Beitrag von Malte Thießen. Auch wenn die Zerstörung und der Wiederaufbau der Marienkirche in Lübeck im Zentrum des Interesses stehen, spannt Thießen anhand der darum geführten geschichtspolitischen Debatten ein sozial- und kulturgeschichtliches Tableau auf, das von der Deutung der Zerstörung im Nationalsozialismus bis hin zur Stilisierung der Marienkirche als „Mutterkirche des deutschen Ostens“ in den 1950er-Jahren führt (S. 153). Damit gelingt es Thießen deutlich besser als vielen anderen Autorinnen und Autoren des Bandes, weit über die denkmalpflegerischen und städtebaupolitischen Fragen hinauszugehen und anhand des Wiederaufbaus eines Kulturdenkmals die erinnerungskulturellen Debatten einer Stadt – wenn nicht gar eines Staates – aufzudecken.

Fortgesetzt wird der erste Teil des Bandes durch die Beiträge von Philipp Springer zum Schlossabriss in Schwedt 1962 und von Martin Kohlrausch zum Wiederaufbau Warschaus. Hiermit weitet sich die europäische Perspektive des Bandes gen Osten und wird um sozialistische Konzepte des Wiederaufbaus erweitert. So zeigt Springer anschaulich, dass der Wiederaufbau in der DDR nicht selten durch das Streben nach industriellem Wachstum geleitet wurde, so dass Wiederaufbaupolitik häufig nichts anderes als Abrisspolitik bedeutete. Kohlrausch betont demgegenüber die Vorreiterrolle Warschaus im Wiederaufbau-Konzert europäischer Städte. Obwohl in einem sozialistischen Staat gelegen, gewann Warschau Vorbildcharakter auch für westliche Stadtplaner und Architekten. Diese Funktion hatte Warschau vor allem deshalb, da es den Akteuren des Wiederaufbaus gelungen war, den Spagat zwischen Tradition und Moderne zu vollführen. Für Rotterdam trifft dies hingegen nicht zu, wie Paul van de Laar im abschließenden Beitrag des ersten Teils zeigt: Die niederländische Stadt wurde seit 1945 zum Experimentierfeld von Modernekonzepten, was bei den Bewohnern mitunter vehementen Protest hervorrief. Die von Planern ersonnenen Images stießen nicht immer auf Gegenliebe und führten zu Spannungen in der Stadtgesellschaft Rotterdams.

Die europäische Dimension geht im kürzeren zweiten Teil des Buches leider ein wenig verloren. Denn hier verengt sich die Perspektive auf Beispiele westdeutscher Geschichtspolitik und deren Niederschlag in Erinnerung und Medien. Untersuchungsgegenstand der ersten beiden Aufsätze sind zeitgenössische illustrierte Publikationen. Anhand von Bildbänden, in denen sich Zerstörung und Wiederaufbau widerspiegeln, zeigt David Crew, dass sich die Westdeutschen vor allem als Opfer fühlten und es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten nicht vermochten, den Bombenkrieg und die Schuld am Holocaust miteinander zu verknüpfen. Sandra Schürmann rückt in ihrem Beitrag die Stadt Hamburg ins Zentrum und zeigt an den Bildprogrammen zweier Schriftenreihen, dass der Wiederaufbau der Stadt als Modernisierungs- und Wachstumsprozess verstanden wurde. Andrew Stuart Bergerson erläutert darüber hinaus am Beispiel Hildesheims, wie Traditionsstiftung funktionierte – erzeugt durch die in der Bevölkerung wachgehaltene Erinnerung an liebgewonnene Baudenkmäler, auch wenn der Wiederaufbau der Stadt ansonsten durch moderne Raumkonzepte geprägt wurde.

Die „Rekonstruktion in der Moderne“ bildet schließlich den inhaltlichen Rahmen des dritten Teils, der von einem Beitrag zum Umbau der nicht zerstörten US-amerikanischen Stadt Philadelphia eröffnet wird. Auch wenn ein einzelner Aufsatz, der den europäischen Raum verlässt und nicht von der Zerstörung der Stadt als Vorbedingung ausgeht, das Konzept des Bandes ein wenig infrage stellt, so zeigt Sebastian Haumann, dass diese Abweichung durchaus eine Berechtigung hat. Denn er verdeutlicht mit seinem auf den Vergleich abzielenden Text, „dass die Erklärung für den Umbau historischer Stadtkerne als Reaktion auf die kriegsbedingte Zerstörung nicht hinreichend ist. Vielmehr muss von der Wirksamkeit eines Modernisierungsparadigmas ausgegangen werden, das in den 1940er und 1950er Jahren den Wiederaufbau von Städten prägte – ob kriegszerstört oder nicht.“ (S. 311) Damit verweist Haumann auf einen Allgemeinplatz in der Stadtgeschichtsforschung und einen weiteren von vielen Autoren des Sammelbandes gewählten Bezugspunkt, der besagt, dass die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges von Stadtplanern selten als Katastrophe verstanden wurden, sondern als einmalige Chance für die Umsetzung moderner – und oft schon in den Schubladen liegender – Stadtbaukonzepte.

Darauf verweist auch Christoph Strupp, mit einem weiteren Beitrag zu Rotterdam, das gemeinhin als modernste Stadt Europas gilt. Seinen Fokus legt er jedoch auf den „rekonstruktive[n] Wiederaufbau“ der St. Laurentskerk, einen der wenigen „Traditionsreste“ der stark zerstörten Stadt. Nach Strupps Urteil ist diese herausgehobene Bedeutung insofern wenig verwunderlich, als gerade Rathäuser und Kirchen eine identitätsstiftende Funktion für die Bevölkerung haben. Celina Kress unterstreicht dies, indem sie zeigt, wie die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche von der „Memorialkirche der Hohenzollern“ zum „Mahnmal für die Schrecken des Bombenkrieges“ wurde (S. 365). Mart Kalm widmet sich hingegen dem Wiederaufbau der estnischen Hauptstadt Tallinn bis 1955 und rückt somit Stadtentwicklung, Architektur und Modernekonzept unter sowjetischer Herrschaft ins Zentrum. Die beiden folgenden Beiträge von Gian Paolo Treccani und Serena Pesenti betrachten mit Brescia und Mailand zwei italienische Städte; sie zeigen, dass Denkmalpflege, der Erhalt von historischer Bausubstanz und der Hang zur Tradition den Wiederaufbau in Italien von Anfang an bestimmten – sehr viel stärker als in den beiden deutschen Staaten. Wie zur Bestätigung schließt sich der Beitrag von Christian Groh an, der die radikale Entscheidung zum modernen Wiederaufbau in Pforzheim skizziert. Während sich die Suche der Bevölkerung nach Identität lange Zeit im Druck und Vertrieb alter Stadtansichten manifestierte, hat die Architektenkammer im Jahr 2011 vorgeschlagen, mit der „Marke Wiederaufbaustadt“ für die Stadt Pforzheim zu werben, und damit auch für deren lange Zeit als hässlich empfundene moderne Wiederaufbau-Architektur. Wie stark der Wiederaufbau und diesbezügliche Konzepte bis in unsere unmittelbare Gegenwart hineinragen, zeigen schließlich die Beiträge von Sylvia Necker zu Neu-Altona, das seit den 1950er-Jahren von permanentem Abriss und fortgesetzter Neuplanung gekennzeichnet ist, und von Florian Urban, der analysiert, wie es ausgerechnet kurz vor dem Untergang der DDR zum Wiederaufbau des Berliner Nikolaiviertels mit einer „neo-historischen“ Phantasiearchitektur kommen konnte.

Insgesamt vereint der Sammelband ein breites Spektrum aktueller Forschungen, die den Wiederaufbau in Europa von 1945 bis heute in den Blick nehmen – teils explizit, teils implizit vergleichend –, dadurch neue Perspektiven eröffnen und mitunter interessante Einblicke in die Kultur- und Erinnerungsgeschichte von Städten liefern, teilweise auch von Nationen. Dass der europäische Anspruch nicht durchgängig eingelöst wird, mag als gewisses Manko erscheinen, zugleich aber als Ansporn für weitere Forschungen.

Anmerkungen:
[1] Martin Körner (Hrsg.), Stadtzerstörung und Wiederaufbau, 3 Bde., Bern 1999–2000.
[2] Vgl. den Bericht von Katharina Bartels, Wiederaufbau der Städte: Europa seit 1945 / Rebuilding European Cities: Reconstruction-Policy since 1945. 23.09.2009–25.09.2009, Hamburg, in: H-Soz-u-Kult, 18.12.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2907> (15.09.2014).

Zitation
Leonie Treber: Rezension zu: Wagner-Kyora, Georg (Hrsg.): Wiederaufbau europäischer Städte / Rebuilding European Cities. Rekonstruktionen, die Moderne und die lokale Identitätspolitik seit 1945 / Reconstructions, Modernity and the Local Politics of Identity Construction since 1945. Stuttgart  2014 , in: H-Soz-Kult, 16.10.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22432>.