Ph. Poirrier (Hg.): Les politiques culturelles en France

Titel
Les politiques culturelles en France.


Hrsg. v.
Poirrier, Philippe
Erschienen
Aubervilliers Cedex 2002: La documentation Francaise
Umfang
640 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Höpel, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig

Seit Mitte der 1980er-Jahre hat in Frankreich die Beschäftigung mit der Kulturpolitik in historischer Perspektive stetig zugenommen. Pascal Ory unterstrich im Vorwort seiner 1994 veröffentlichten, richtungweisenden Arbeit zur Kulturpolitik der französischen Volksfront, dass in Frankreich nunmehr eine etablierte Forschungsrichtung über die Geschichte der Kulturpolitik bestände, die der Forschung in den anderen Ländern weit vorausgeeilt wäre. [1] Eine ganze Reihe von Monografien und Sammelbänden sind seitdem entstanden. Regen Anteil daran hatte das Comité d’histoire du ministère de la Culture unter Augustin Girard, das im Jahr 1993 gegründet wurde. Dieses Comité hat von Beginn an versucht, die Reflexion von Zeitzeugen mit der Analyse durch Sozial- und Kulturwissenschaftler zu verbinden. Mit dem vorliegenden Band wurde erstmals eine Quellenedition zur Geschichte der Kulturpolitik in Frankreich vorgelegt. Der Herausgeber, Philippe Poirrier, der im Jahr 1995 mit einer in Orys Gefolge stehenden Arbeit zur Kulturpolitik in Dijon promoviert wurde [2], hat in den letzten Jahren die Forschungen zur Geschichte der Kulturpolitik in Frankreich vorangetrieben. Zahlreiche von ihm herausgegebene Sammelbände, in denen neue Fragestellungen und Probleme aufgeworfen wurden, zeugen davon. [3] 1999 hat er als wichtiges Handwerkszeug eine Bibliografie der Geschichte der Kulturpolitiken in Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert vorgelegt. Die vorliegende Quellensammlung ergänzt seine Übersichtsdarstellung „L’État et la culture en France au XXe siècle“ aus dem Jahr 2000 und folgt im Großen und Ganzen auch deren Chronologie.

Poirrier hat in die in fünf Teile gegliederte Quellensammlung vor allem Dokumente zweierlei Art aufgenommen: zum einen programmatische Reden, welche die zum jeweiligen Zeitpunkt zentralen Diskussionszusammenhänge deutlich machen bzw. neue kulturpolitische Leitlinien verkünden und begründen sowie andererseits Dekrete und Gesetze, die diese neuen Ideen in rechtliche Formen gießen. Die einleitenden Kurztexte zu jedem Teil dokumentieren zugleich den Diskussionsstand der französischen Forschung und bieten einen Überblick über die Geschichte der Kulturpolitik in Frankreich seit 1789. Der Band wird ergänzt durch eine nützliche Bibliografie und einen Index.

Teil I bietet Quellen zu Vorläufern und Anknüpfungspunkten moderner französischer Kulturpolitik, wobei Poirrier als Ausgangspunkt für die französische Entwicklung die Revolution von 1789 ausmacht. Die Revolutionäre von 1789, die eine Erneuerung Frankreichs auf kulturellem Wege anstrebten, sind zwar mit symbolträchtigen Initiativen, wie dem Revolutionskalender, gescheitert, im Verlauf der Revolution und des Napoleonischen Kaiserreichs kam es aber zu einer institutionellen und rechtlichen Neuordnung der Kultur- und Kunstlandschaft, welche die Grundlagen für das Frankreich des 19. und 20. Jahrhunderts legte. Zentrale Kulturinstitutionen – Museen, Archive und Bibliotheken – wurden geschaffen und der Kulturbereich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und damit kulturelle Muster, Besitz und Gebrauch kultureller Güter in der Nation verbreitet. Das 19. Jahrhundert sah dann in Frankreich eine ermöglichende Kunstpolitik, politique des Beaux-Arts, die nur abdeckte, was der freie Markt nicht leisten konnte, wie vor allem die Erhaltung des Erbes und die Kunstausbildung. Erst mit der französischen Volksfront ab 1935 wurde dann im Zuge des zunehmenden Einflusses der Arbeiterparteien, der kommerzialisierten Populärkultur und angesichts der Bedrohung durch faschistische Diktaturen eine Popularisierung der Kultur propagiert, wenn auch aufgrund von finanziellen und politischen Zwängen noch nicht als staatliche Politik institutionalisiert.

An diese Initiativen knüpfte das im zweiten Teil behandelte Kulturministerium an, das 1959 von und für André Malraux geschaffen wurde. Der Titel „Erfindung der Kulturpolitik 1959-1969“ macht die modellbildende Rolle des Malrauxschen Kulturministeriums für die französische Forschung deutlich. Diese Kreation war zugleich ein politischer Coup, mit dem ein nationaler Neuanfang nach der Krise der IV. Republik dokumentiert werden sollte. Die Gründung verknüpfte die Institutionalisierung einer staatlichen Kulturverwaltung mit einer Kulturmission und knüpfte hierbei an die Ideen der Volksfront an. Demokratisierung von Kultur war das große Schlagwort der Malrauxschen Kulturpolitik, eine Demokratisierung, die sowohl auf die soziale als auch geografische Ausweitung des Kulturzugangs zielte und vor allem über Kulturhäuser in den großen Provinzstädten realisiert werden sollte. Als weitere große Aufgaben wurden die Förderung des zeitgenössischen Kulturschaffens und die Bewahrung des kulturellen Erbe formuliert. Die abgedruckten Quellen dokumentieren sowohl den Gründungsakt des Ministeriums als auch die Intentionen der Malrauxschen Kulturpolitik, deren Erfolge aber insgesamt begrenzt waren.

Teil III der Quellenedition wendet sich den Jahren 1969 bis 1981 zu, in denen sich die noch immer prekäre Institutionalisierung der Kulturpolitik in einem Kulturministerium stabilisierte. Nach dem Abtritt des charismatischen Malraux als Minister nahmen die Staatspräsidenten stärker die Zügel in die Hand, was zu einer stärker repräsentativ geprägten und auf Paris zentrierten Kulturpolitik führte.

Der zweiten großen Umwälzung der französischen Kulturpolitik, die mit Jack Lang als Kulturminister verbunden wird, widmet sich Teil IV. Wie zu Beginn der V. Republik sollte der Regierungswechsel 1981 durch einen kulturellen Neuanfang symbolisiert werden. Sowohl der neue Staatspräsident, François Mitterand, als auch der ihm nahestehende Kulturminister, Lang setzten hierbei neue Maßstäbe für eine aktive staatliche Kulturpolitik. Die vorgelegten Quellen Reden Mitterands und Langs, Gesetze und Dekrete, machen die Rede vom „Imperatif culturel“ anschaulich und verdeutlichen die zentralen Ideen und Innovationen der Jahre 1981-1993: die „Grands travaux“, die Pläne zur weiteren Demokratisierung des Kulturzugangs über einen weiten Kulturbegriff, eine Dekonzentration des Kulturministeriums und eine Dezentralisierung der Kulturpolitik, die Verschmelzung von Kultur- und Wirtschaftspolitik. Das Ende der Ära Mitterand/Lang führte dann wie schon das der Ära de Gaulle/Malraux zu einer Standortbestimmung und Neuorientierung.

Teil V wendet sich diesem Prozess in den Jahren 1993-2002 zu, der durch die verschiedenen Regierungswechsel unübersichtlich und durch das Fehlen der nachdrücklichen Unterstützung durch den Präsidenten gekennzeichnet war. Die Höhe des Kulturbudgets, unter Jack Lang 1 Prozent der Staatsausgaben, stand angesichts finanzieller Engpässe und des nicht vorhandenen Rückhalts beim Präsidenten zunehmend in der Kritik. Die Reorganisation und Rationalisierung der staatlichen Kulturverwaltung und die Weiterführung der Dezentralisierung waren die Antworten, die unabhängig von den politischen Konjunkturen darauf gefunden wurden. Im Angesicht der Globalisierung trat der Kampf um die Bewahrung der französischen Nationalkultur, die „exception culturelle“, hinzu, der mittlerweile unter dem Schlagwort des Schutzes der kulturellen Vielfalt geführt wird.

Gerade in den letzten beiden Teilen wäre ein stärkerer Einbezug der transnationalen Dimension von Kulturpolitik, gerade im Blick auf eine zunehmend aktive Kulturpolitik auf EU-Ebene seit dem Vertrag von Maastricht, wünschenswert gewesen. Wie spiegelt sich die Stellungnahme Frankreichs dazu in den offiziellen Dokumenten wider? Welche Initiativen verfolgt die französische Regierung auf EU-Ebene?

Insgesamt handelt es sich bei dem Band um ein überaus nützliches, leicht zu erschließendes Arbeitsinstrument, das die wichtigsten Dokumente französischer Kulturpolitik seit 1789 bündelt und durch kurze einleitende Kommentare ausgehend von den Ergebnissen der französischen Forschung präsentiert.

Anmerkungen:
[1] Ory, Pascal, La Belle Illusion. Culture et politique sous le signe du Front populaire (1935-1938), Paris 1994, S. 12.
[2] Poirrier, Philippe, Municipalité et culture au XXème siècle: des beaux arts à la politique culturelle. L’intervention de la municipalité de Dijon dans les domaines artistiques et culturels 1919-1995, Université de Bourgogne, Thèse d’Histoire, 1995.
[3] Vgl. zuletzt Poirrier, Philippe; Dubois, Vincent (Hgg.), Les collectivités locales et la culture. Les formes de l’institutionnalisation, XIXe-XXe siècles, Paris 2002; Poirrier, Philippe; Vadelorge, Loïc (Hgg.), Pour une histoire des politiques du patrimoine, Paris 2003.

Zitation
Thomas Höpel: Rezension zu: Poirrier, Philippe (Hrsg.): Les politiques culturelles en France. Aubervilliers Cedex  2002 , in: H-Soz-Kult, 01.12.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2254>.
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01.12.2004
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