Sammelrezension: S. Friedländer u.a. (Hgg.): Bertelsmann

Friedländer, Saul; Frei, Norbert; Rendtorff, Trutz; Wittmann, Reinhard (Hrsg.): Bertelsmann im Dritten Reich. Band 1: Bericht. München : C. Bertelsmann Verlag  2002 ISBN 3-570-00711-1, 794 S. € 35,00.

Friedländer, Saul; Frei, Norbert; Rendtorff, Trutz; Wittmann, Reinhard (Hrsg.): Bertelsmann Gesamtverzeichnis 1921-1951. Band 2: Literatur und Anhang zu Band 1. München : C. Bertelsmann Verlag  2002 ISBN 3-570-00712-X, 640 S. € 20,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wiebke Wiede, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universtität zu Berlin

Öffentlichkeitswirksam bekannte sich der damalige Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG Thomas Middelhoff im Dezember 1998 dazu, die Unternehmensgeschichte des Hauses Bertelsmann in der Zeit des Nationalsozialismus sei neu zu schreiben. Saul Friedländer wurde zum Leiter einer "Unabhängigen Historischen Kommission zur Erforschung des Hauses Bertelsmann" (UHK) berufen, der darüber hinaus Norbert Frei, Trutz Rendtorff und Reinhard Wittmann angehörten. Dem vorausgegangen war die Übernahme der Gruppe Random House durch Bertelsmann im Sommer 1998, die den Medienkonzern zum größten amerikanischen Verlagshaus werden ließ. Im Herbst 1998 geriet die bis dato tradierte Firmenlegende, Bertelsmann sei im Dritten Reich ein Hort des Widerstandes gewesen und 1944 aus diesem Grund geschlossen worden, durch Kritiker in deutschen und schweizerischen Medien ins Wanken. Zuletzt hatte Middelhoff selbst anlässlich der Entgegennahme des Vernon A. Awards in New York im Juni 1998 diese Legende gepflegt. Als die Kritik von einigen US-amerikanischen Blättern aufgegriffen wurde, war die professionelle, historische Aufklärung die für das Unternehmen mittelfristig allemal günstigere Form der Vergangenheitskonfrontation. Vier Jahre später und rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse 2002 präsentierte die UHK auf einer Pressekonferenz im Senatssaal der Münchner Universität ihr Arbeitsergebnis: den knapp 800 Seiten starken Darstellungsband "Bertelsmann im Dritten Reich". Er wird ergänzt durch einen bibliografischen Band, der alle im Betrachtungszeitraum erschienenen Verlagsveröffentlichungen verzeichnet.

Verantwortliche Verfasser sind die vier Mitglieder der UHK, die von einer Reihe von Mitautoren unterstützt wurden. Der Darstellungsband gliedert sich in elf Kapitel sowie Einleitung und Schluss und in vier thematische Felder, für die jeweils eines der vier Kommissionsmitglieder verantwortlich zeichnet: Norbert Frei für die Zeit- und allgemeine Unternehmensgeschichte, Trutz Rendtorff für Theologiegeschichte, Reinhard Wittmann für Verlagsgeschichte und belletristische Publikationen und Saul Friedländer für antisemitische Veröffentlichungen. Der Betrachtungszeitraum wurde über die engere Geschichte des "Dritten Reiches" hinweg ausgedehnt auf die Jahre 1921-1951. Dies macht zum einen Sinn aufgrund unternehmensinterner Zäsuren, da der Betrachtungszeitraum so die gesamte Amtszeit des Verlagsleiters Heinrich Mohn umfasst. Zum zweiten kann so problematisiert werden, inwieweit 1933 und 1945 als signifikante Transformationsdaten für das Unternehmen Bertelsmann gelten können.

Inhaltlich hat der Darstellungsband einiges zu bieten. Die Verlagstradition des Hauses Bertelsmann als Publikationsforum der minden-ravensbergischen Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert, die folgende Platzierung des Unternehmens auf dem theologischen Buchmarkt und die Schwerpunkte des Verlagsprogramms werden ebenso deutlich wie die Unternehmensstruktur des paternalistischen Familienunternehmens und seine Einbindung in das lokale Gütersloher Umfeld. Auftragsgemäß steht die Zeit des Nationalsozialismus im Zentrum der Untersuchung mit Kapiteln zur Produktion von "Kriegsbüchern" und Wehrmachtsausgaben im Hause Bertelsmann, zur Betriebsgemeinschaft des Unternehmens in den dreißiger Jahren und zur Verwicklung des Verlags in kriegswirtschaftliche Schattengeschäfte. Darüber hinaus wird die Unternehmensgeschichte der unmittelbaren Nachkriegsjahre beleuchtet. Ein eigenes Kapitel ist dem "Antisemitismus im Verlagsprogramm" (S. 297-334) gewidmet. Dem selbstgestellten Anspruch der UHK, die Firmenlegende zu widerlegen, wird der Band vollständig gerecht. Heinrich Mohn und sein Bertelsmann-Verlag standen dem NS-Regime keinesfalls in politischer Opposition gegenüber, sondern zeigten sich sowohl programmatisch als auch organisatorisch opportun. Bertelsmann partizipierte in außergewöhnlich hohem Maß am Boom der Buchproduktion für den Kriegs- und Wehrmachtsbedarf. Die Schließung des Unternehmens 1944 geschah, dies ist nun quellenkritisch belegt, nicht aus Gründen des politischen Widerstandes, sondern aufgrund des Vorwurfs kriegswirtschaftlicher Verbrechen. Die politische Zäsur von 1945 führte zu keiner grundsätzlichen Änderung der unternehmerischen Strategien. Die Verlagsleitung agierte unter den neuen Rahmenbedingungen weiterhin erstaunlich flexibel und erfolgreich, so dass der Verlag im Mai 1946 seine Arbeit wieder aufnehmen konnte. Die Programmschwerpunkte blieben populäre Gebrauchstheologie und Belletristik. Ebenso konnten bestehende Vertriebsstrukturen und Vertriebskanäle weiter genutzt werden. Einleuchtend ist die Schlussfolgerung, die die Verfasser in diesem Zusammenhang als Ergebnis der gesamten Längsschnittstudie festhalten: Kontinuierlich sei die Verlagsproduktion an einem „potentiellen ‚Massenmarkt’“ (S. 562) orientiert gewesen, "von erbaulichen Heften über die belletristische Gebrauchsliteratur und die Wehrmachtsunterhaltung bis zum Lesering der fünfziger Jahre" (S. 562).

Allerdings lässt die Untersuchung in methodischer Hinsicht manche Wünsche offen, auf die die Verfasser größtenteils selbst aufmerksam machen. Der Bericht erhebt den Anspruch, eine moderne Unternehmensgeschichte zu sein. Er benennt die einschlägigen Veröffentlichungen der letzten Jahre als praktische Vorbilder und Pierenkempers Einführung in die Unternehmensgeschichte als Richtschnur des theoretischen Ansatzes. Pierenkempers Diktum, die ökonomischen Faktoren als "Kern der modernen Unternehmensgeschichte"[1] zu betrachten, wird allerdings bequem mit dem Hinweis entsorgt "die Geschichte eines Verlagshauses" lasse sich "nicht allein aus betriebswirtschaftlicher Perspektive" (S. 10) heraus darstellen. Betriebswirtschaftliche Unternehmensdaten wurden "nicht zuletzt aus Gründen der Lesbarkeit aus dem Text ausgegliedert" (S. 16) und in den Anhang verbannt. Eine stärkere Berücksichtigung quantitativer Wirtschaftsdaten hätte der Argumentation an der einen oder anderen Stelle sicher zu mehr Stichhaltigkeit verholfen. Womöglich hätte so ein faux-pas des Schlusskapitels verhindert werden können, nach dem Heinrich Mohn ein „verlegerisches Erfolgsmodell“ der Weltwirtschaftskrise, gemeinhin wird diese auf die Zeit nach 1929 datiert, schon 1927 "auf die Zeitschrift ‚Der christliche Erzähler’ zu übertragen" suchte (S. 553).

Auch auf das zweite Desiderat des Berichts, die unzureichenden vergleichenden Perspektiven, weisen die Verfasser hin (S. 11). Der entschuldigende Hinweis auf die fehlende Materialgrundlage befriedigt hier nicht. Unter der beeindruckenden Liste der im Literaturverzeichnis aufgeführten Quellenstandorte finden sich über sechzig in- und ausländische Kommunal-, Kirchen-, Staats-, Universitäts-, Wirtschafts- und Verbandsarchive, aber nur zwei Verlagsarchive und ein Verlegernachlass. Die Quellensituation für Verlagsarchivalien ist zwar schwierig, doch wurden für die Bertelsmann-Studie selbst vorhandene Ressourcen nicht ausgeschöpft. Dass Verlagsbestände des Sächsischen Staatsarchivs Leipzig nicht genutzt wurden, kann keine logistischen Gründe gehabt haben, denn immerhin wurde der dortige Aktenbestand des Börsenvereins des deutschen Buchhandels verwertet. Selbst im engeren Bereich der theologischen Verlage hätte es Vergleichsmaterial gegeben, sofern eine dahingehende Recherchestrategie diese gesucht hätte. Zu nennen ist beispielsweise das annähernd vollständige und zugängliche Archiv von Vandenhoeck & Ruprecht. Als Mutterhaus des Verlags "Junge Kirche", der die gleichnamige Zeitschrift, das Sprachrohr der Bekennenden Kirche, herausbrachte, wäre das Unternehmen ein nahezu idealer Vergleichsgegenstand eines systematischen Vergleichs gewesen.
Der Legendenbildung, diesmal der um verschlossene Archive und aufklärungsunwillige Verlage, wird erneut Vorschub geleistet.[2] Bertelsmann ist nicht das erste Medienunternehmen, das sein Archiv öffnet, es ist das erste, das diesen Vorgang in der Tagespresse publik macht.

Methodisch und inhaltlich nicht überzeugend ist das Kapitel von Saul Friedländer und Tanja Hetzer über "Antisemitismus im Verlagsprogramm" (S. 297-334). Die isolierte Erörterung antisemitischer Veröffentlichungen in einem eigenen Kapitel wird pragmatisch damit erklärt, dass eine "Gesamtbeurteilung" so erleichtert würde (S. 297). Analytisch einleuchtender wäre es allerdings gewesen, antisemitische Veröffentlichungen konsequent programmatisch und vor allem unternehmensstrategisch zu kontextualisieren, ansonsten wird das Ergebnis antisemitischer Politik und antisemitischer Verlagspolitik, die gesellschaftliche Isolierung jüdischer Menschen, schlicht abgebildet, aber nicht hinreichend erklärt. Die Erklärungsalternativen, die die Verfasser für die Publikation antisemitischer Schriften durch den Bertelsmann-Verlag anbieten, sind denn auch teilweise sehr allgemein, teilweise banal, in jedem Fall vielfältig, so heißt es etwa: Die Verlagsleitung "mußte sich [...] bewußt sein, daß sie mit ihrer aus freien Stücken verlegten antisemitischen Literatur Öl ins Nazifeuer goß" (S. 334), oder: "vielleicht aber verlegte Mohn gleichermaßen antisemitische wie nicht antisemitische Titel, ohne sich der daraus resultierenden Frage nach den moralischen und politischen Konsequenzen zu stellen" (ebd.), oder: "Der Schluss liegt nahe, daß Heinrich Mohn in der Verbreitung antisemitischer Publikationen eine Möglichkeit sah, seine unternehmerischen Interessen zu verfolgen" (ebd.). Keine der Deutungsalternativen wird schlüssig auf den verlegerischen Kontext, die Komplexität im „Verhältnis von Marktrationalität und politischer Opportunität“ (S. 10), die für andere Verlagsbereiche zur Geltung kommt, zurückbezogen. Es wäre doch aber an der Zeit gewesen, auch dem breiteren Publikum komplexere Erklärungen über Entstehung und Verbreitung von Antisemitismus zuzumuten.

Anmerkungen:
[1] Toni Pierenkemper: Unternehmensgeschichte. Eine Einführung in ihre Methoden und Ergebnisse, Stuttgart 2000, S. 284.
[2] Nicole Adolph, Widerstandslegende enttarnt. Historiker-Bericht über Bertelsmann in der NS-Zeit, in: Der Tagesspiegel, 08.10.2002, S. 27: "Bertelsmann ist das erste deutsche Medienunternehmen, das seine Archive für die Geschichtswissenschaft geöffnet hat."; Volker Ullrich: Ein Musterbetrieb. Bertelsmann im "Dritten Reich": Vom angeblichen Widerstandsverlag bleibt nichts übrig, in: Die Zeit, Nr. 42, 10.10.2002, S. 42: "Es ist zu wünschen, dass auch andere Medienunternehmen sich bereit finden, ihre Archive zu öffnen. Denn Bertelsmann war leider kein Einzelfall."

Zitation
Wiebke Wiede: Rezension zu: Friedländer, Saul; Frei, Norbert; Rendtorff, Trutz; Wittmann, Reinhard (Hrsg.): Bertelsmann im Dritten Reich. Band 1: Bericht. München  2002 / Friedländer, Saul; Frei, Norbert; Rendtorff, Trutz; Wittmann, Reinhard (Hrsg.): Bertelsmann Gesamtverzeichnis 1921-1951. Band 2: Literatur und Anhang zu Band 1. München  2002 , in: H-Soz-Kult, 13.03.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2268>.
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13.03.2003
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