N. Kent: The Sámi Peoples of the North

Cover
Titel
The Sámi Peoples of the North. A Social and Cultural History


Autor(en)
Kent, Neil
Erschienen
London 2014: Hurst & Co.
Umfang
IX, 331 S.
Preis
£20.00; € 26,97
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anna Derksen, Münster

Die Kultur der Sámi, dem einzigen indigenen Volk auf dem europäischen Kontinent, hat seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dramatische Veränderungen erfahren. Längst hat sich das herkömmliche Bild nomadischer Rentierhirten gewandelt und einer modernen Gesellschaft, bestehend aus Unternehmern, Künstlern, Schriftstellern und politischen Aktivisten, Platz gemacht. Die zunehmenden Kontakte zu den nicht-samischen Nachbarn in Norwegen, Schweden, Finnland und auf der russischen Kola-Halbinsel haben zu umfassenden technologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Innovationen geführt. Obschon die politischen Strategien dieser Staaten, auf dessen Territorien die Sámi seit Jahrhunderten beheimatet sind, in der Vergangenheit wiederholt auf Assimilierung und die Unterdrückung der samischen Lebensweise zielten, haben sich die Sámi ihre Traditionen bewahrt, die vor allem in diesen Konfrontationen mit Außenstehenden zu singulären Kennzeichen ihrer Identität wurden.

Trotz ihrer wechselvollen Geschichte wurden die Sámi als nordisches Ursprungsvolk verhältnismäßig spät Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung. Ein Großteil der Literatur ist meist selbst von Mitgliedern dieser Minderheit verfasst worden[1] oder beschränkt sich auf Teilaspekte ihrer Kultur, wie etwa die Rentierzucht, den Joik als rituelle Gesangsform, oder ihr prähistorisches religiöses Weltbild[2]. Der britische Historiker Neil Kent, Mitglied des Scott Polar Research Institute an der Universität Cambridge, hat mit seiner umfassenden Monografie „The Sámi Peoples of the North. A Social and Cultural History“ einen ambitionierten Versuch unternommen, aus der neutralen Perspektive eines Außenstehenden heraus diese Lücke zu schließen. Sein Werk knüpft an nationalstaatliche Kulturgeschichten an und zeichnet so ein komplexes Bild der Sámi, das sich nicht nur an ein akademisches Fachpublikum richtet.

In seiner Einleitung gibt Kent einen Überblick über das von den Sámi bewohnte Gebiet Lappland (Sápmi) und zeichnet die prähistorische Geschichte des Volkes sowie erste Kontakte mit anderen Europäern nach. Da die Sámi bis in das 20. Jahrhundert hinein keine eigene Geschichtsschreibung kannten, rekurriert Kent im weiteren Verlauf häufig auf die Berichte und Eindrücke früher Lapplandbesucher, wie den italienischen Forschungsreisenden Giuseppe Acerbi, den deutschen Gelehrten Johannes Schefferus oder den Schweden Olof Rudbeck. Deren Niederschriften beschreiben die vielfältigen Aspekte des samischen Lebens meist subjektiv und voller kurioser Details. Mehr als reine sprachliche Illustration, verdeutlichen gerade diese Zitate die Fremdheit und Distanz, die jahrhundertelang das Verhältnis der Sámi zum Rest Europas wie auch zu ihren unmittelbaren Nachbarn kennzeichneten. Die teilweise sehr unterschiedlichen Biografien und Motivationen der Autoren stellt Kent aus diesem Grund seiner Analyse voran.

Das Werk gliedert sich in sieben thematische Abschnitte, die sich mit den Hauptaspekten der samischen Kultur auseinandersetzen. Im ersten Kapitel konzentriert sich Kent auf die unterschiedlichen Ethnien und Sprachen der Sámi, ihre historische Genese sowie ihre wachsende Präsenz auf der nationalen wie internationalen politischen Bühne. Das zweite Kapitel führt in die vorchristliche Religion der Sámi ein, beschreibt ihre animistische Weltsicht sowie den Verlauf der Christianisierung und die Stellung der Kirche vom ausgehenden Mittelalter bis in die Gegenwart. Gesundheit, Familie, Sexualität und Bildung sind die Themen des dritten Kapitels. Ausführlich werden die verheerenden Auswirkungen vormals unbekannter Krankheiten wie Pocken oder Typhus beschrieben, Familienstrukturen und Ehebräuche analysiert und die Erziehung und Bildung der Kinder beleuchtet. Das vierte Kapitel behandelt Wohnformen, Handwerk und Künste sowie eine Auswahl zeitgenössischer samischer Künstler. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit samischer Literatur, die sich ab dem späten 19. Jahrhundert entwickelte und heute eine Vielzahl von Autoren umfasst. Auch Musik, Sport und Film wird ein eigener Abschnitt gewidmet. Hier zeigt sich, welch großen Einflüssen und Veränderungen die samische Kultur im 20. Jahrhundert ausgesetzt war. Zugleich wird die größte Schwäche der Monografie deutlich: Eine herkömmliche Staatengeschichte, wie sie für die skandinavischen Länder und viele andere bereits vorliegt, lässt sich nur schwer auf die Sámi als territorial versprengtes und kulturell komplexes Volk übertragen. Von dem, was wir unter den Begriff „Hochkultur“ fassen, waren die Sámi als nomadische Rentierhirten des hohen Nordens lange Zeit ausgeschlossen, eine Nationalbewegung wie in Finnland oder den Baltischen Staaten, die eine Blüte der Literatur und schönen Künste beförderte, gab es nicht. Möglicherweise wäre eine chronologische Unterteilung sinnvoll gewesen, die kulturelle Entwicklungen stärker an die jeweilige politisch-soziale Situation anbindet.

Das letzte Kapitel setzt dies exemplarisch um: Rentierzucht und andere Formen des Lebensunterhaltes wie Bergbau, Jagd oder Landwirtschaft, werden in ihrer historischen Genese untersucht. Herausforderungen durch die Schließung von Grenzen, die eine Migration der Rentiere unmöglich machte, die Gründung von sozialistischen Rentierkooperativen oder wachsende Konflikte mit der Tourismusindustrie, Bergbaukonzernen oder Ökobewegungen stehen im Fokus dieses Abschnitts. Der Autor endet mit einem Fazit zur aktuellen Stellung der Sámi in den nordischen Gesellschaften und stellt mögliches Konfliktpotential heraus, das auch für andere indigene Völker von größter Relevanz ist: „Should the equality of individuals be paramount or do the claims of indigenous ethnic communities have priority? What compromises are acceptable to both and, in case of continued conflict, how should they be resolved? Does ‘might make right’ and do the wishes of a demographic majority of newcomers trump a numerically small minority with greater historical claims? Furthermore, do the wrongs and persecutions of the past demand contemporary compensation?” (S. 261).

Die Monografie schließt mit einem umfassenden Literaturverzeichnis, das Publikationen in allen relevanten Sprachen (Samisch, Norwegisch, Schwedisch, Finnisch, Russisch und Englisch) berücksichtigt. Das Stichwortregister umfasst Personen, Orte und Sachbegriffe und bietet auch eine Übersetzung häufig verwendeter Begriffe der samischen Sprache. Was dem Werk fehlt ist Kartenmaterial, das vor allem aufgrund der auf vier Länder verteilten Ortsnennungen sehr hilfreich gewesen wäre – bei einer Monografie, die sich gleich zu Beginn an der geografischen Definition von „Sápmi“ versucht, ein großer Mangel. Auch auf Fotografien oder grafische Darstellungen, die religiöse Symbole, Wohnstätten, Werkzeuge oder Kunstgegenstände illustrieren könnten, wurde verzichtet, was Kents prägnanter Schreibstil nur bedingt auszugleichen vermag.

Dennoch gelingt Kent ein umfassender Einblick in die wenig bekannte Kultur des samischen Volkes, der detailliert und anschaulich über alle Lebensbereiche und kulturellen Ausdrucksformen informiert. Der Titel der Monografie deutet bereits an, dass die Sámi keineswegs als homogenes Volk zu verstehen sind: Kemi-, Skolt-, Inari- und Lule-Sámi sind nur einige der Gruppen, die in ihren spezifischen Eigenarten beachtet werden sollten. Dies zu zeigen, gelingt Kent in beeindruckender Weise. Obschon als Überblick gedacht, bezieht „The Sámi Peoples of the North“ auch aktuelle Erkenntnisse der internationalen Forschung mit ein, wertet in einer Vielzahl von Sprachen publizierte Quellen und Literatur aus und spart auch heikle Themen wie die Norwegisierungspolitik des 20. Jahrhunderts, sowjetische Repressionen oder die Folgen schwedischer Rassebiologie nicht aus. Auch die zunehmende Kooperation mit anderen arktischen Völkern wie Nenzen, Komi und Inuit sowie die Partizipation der Sámi in internationalen Organisationen wird herausgestellt. In den vergangenen Jahren ist gerade die Arktis durch ihre Öl- und Gasreserven immer stärker in den internationalen Fokus gerückt – eine Zusammenarbeit der dort lebenden Völker wird dadurch dringlicher denn je. „Today the Sámi […] have taken their place in the roll-call of nations, a proud people whose unique social, cultural and economic identity is of considerable import for not only other indigenous peoples worldwide but for everyone concerned with the globe’s ecology.“ (S. 78). Insgesamt ist es Kent gelungen, die Geschichte und Gegenwart dieses jahrtausendealten Volkes, über dessen Ursprünge es nur wenige Quellen gibt, überzeugend und profund darzustellen.

Anmerkungen:
[1] Zu nennen sind beispielsweise Odd Mathis Haetta, The Sami – An Arctic Indigenous People, Karasjok 2008; Rolf Kjellström, Samernas liv, Stockholm 2003; Veli-Pekka Lehtola, The Sami People. Traditions in Transitions, Fairbanks 2005.
[2] Die Bibliografie des besprochenen Werkes enthält eine umfangreiche Liste von Publikationen zu Teilaspekten der samischen Geschichte und Kultur.

Zitation
Anna Derksen: Rezension zu: : The Sámi Peoples of the North. A Social and Cultural History. London  2014 , in: H-Soz-Kult, 30.04.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22771>.
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30.04.2015
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