R. Steiner: Schriften zur Erkenntnisschulung

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Titel
Schriften zur Erkenntnisschulung. Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten. Die Stufen der höheren Erkenntnis, hrsg. u. kommentiert von Christian Clement


Autor(en)
Steiner, Rudolf
Erschienen
Stuttgart 2015: Frommann-Holzboog
Umfang
CXXX, 497 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helmut Zander, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Rudolf Steiner (1861–1925) war einer der bedeutendsten „Esoteriker“ des 20. Jahrhunderts: Eine Bildungsgeschichte zu schreiben, ohne seine Waldorfschulen zu berücksichtigen (über 1000 weltweit, davon mehr als 200 in Deutschland) – undenkbar. Wo gelang der medizinischen Lebensreformbewegung die nachhaltige Institutionalisierung? In Steiners anthroposophischen Krankenhäusern, einschließlich der Medizinerausbildung in der Universität Witten-Herdecke. Und wer könnte sich an eine Religionsgeschichte Deutschlands um 1900 wagen, ohne die theosophischen Vorstellungen von Reinkarnation, Auren oder lebendiger Natur, die Steiner popularisierte, zu berücksichtigen? „Der Doktor“, wie ihn seine Anhänger ehrfurchtsvoll nannten, war eine der wichtigen Schnittstellen für alternativkulturelles Denken im frühen 20. Jahrhundert. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung seines Werks fehlte allerdings bisher eine historisch-kritische Ausgabe. Hier setzt die Auswahledition von Christian Clement an, der Assistant Professor am Department of Germanic and Slavic Languages an der Brigham Young-Universität der Mormonen in Utah ist.

Bereits 2014 hatte Clement Band 5 als ersten Band seiner „kritischen Ausgabe“ im Verlag Frommann-Holzboog herausgegeben, inzwischen liegt der hier zu besprechende Band 7 vor, der die Ausrichtung der Edition deutlicher sichtbar macht. Darin findet man die Texte „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ (WemE) und „Die Stufen der höheren Erkenntnis“, mit deren Hilfe Steiner die Möglichkeit zu eröffnen beanspruchte, „übersinnliches“, „geistiges“ Wissen zu erlangen. Diese Erwartung war das spirituelle Herzstück seiner Weltanschauung und der damit verbundenen „Esoterischen Schule“ der Theosophischen (später Anthroposophischen) Gesellschaft. Die Veränderungen in WemE in rund einem Dutzend Auflagen hat Clement, wie punktuelle Kontrollen nahelegen, sorgfältig dokumentiert; dies ist das philologische Herzstück des Bandes. Dass das konservative anthroposophische Milieu deshalb schäumt, verdeutlicht, wie tief sich Menschen verletzt fühlen, die Steiners Texten eine sakrale Qualität zuschreiben und in einer historisch-kritischen Philologie nur die Abkehr von der „Offenbarung“ des „Geistigen“ sehen. Die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung unter der Ägide ihres neuen Leiters David Marc Hoffmann trägt diese textkritische Arbeit jedoch mit, was ein inneranthroposophisches Politikum und ein gutes Zeichen für die weitere Forschung ist. Zur Edition hat Clement eine Einleitung verfasst, die mit teilweise großem Detailwissen und an vielen Stellen mit neuen Erkenntnissen aufwartet, etwa in der Identifizierung bislang unentdeckter Vorlagen Steiners (so bei der Theosophin Annie Besant (S. XXXVI). Eine Fundgrube ist schließlich der Stellenkommentar, der Clements breite Materialkenntnis dokumentiert.

Gleichwohl meine ich, mich auch sehr kritisch äußern zu müssen. Dabei geht es vor allem um die Einleitung, aber damit auch um die Architektur dieser wichtigen Edition. Fairerweise möchte ich vorausschicken, dass ich selbst Teil der Interpretationsdebatte bin, was zwar bei wissenschaftlichen Rezensionen normal ist, aber angesichts meiner Kritik explizit gesagt sei.

Erstens gibt es deutliche Defizite in der Einbeziehung der Forschung, die nur unzureichend präsent ist, teilweise ganz fehlt – und zwar in Kernbereichen: etwa in der Rezeption asiatischer Religionen, der Geschichte der Psychologie, des „praktischen Okkultismus“ und überhaupt hinsichtlich vieler religionswissenschaftlicher Debatten. Das ist nicht nur ein handwerklicher Mangel, sondern stützt eine Interpretation, in der Steiner doch wieder als Solitär der Kulturgeschichte erscheint und die eigentlich der Intention Clements, Steiner zu kontextualisieren, zuwiderläuft. Dabei verwendet er historische Kategorien essenzialisierend (es gebe „den abendländische Geist“ [S. XXI], „indische Modelle“ beschrieben ein „statisches Sein“ [S. XXVI] etc.), eine kritische begriffshistorische Reflexion fehlt. An mangelndem Platz können diese Fehlstellen nicht gelegen haben: Der Verlag hat neben den 163 Seiten der Edition 130 Seiten Einleitung und knapp 100 Seiten Anhang untergebracht.

Zweitens ruht die weltanschaulich eingefärbte Einleitung an zentralen Stellen auf Denkmustern Steiners und seiner Anhänger. Das ist nicht per se fragwürdig, wohl aber dann, wenn es gute Gründe für abweichende Außenperspektiven gibt. Dazu zwei exemplarische Überlegungen: Zum einen deutet Clement „WemE“ fast nie von den Textfugen her, sondern oft als wohlkomponierten Text. Beispiel: Er liest den Schluss als „inhaltlichen und dramatischen Höhepunkt“, ohne klarzumachen, dass diese „letzten beiden Kapitel“ (S. LXX) nie als letzte Kapitel gedacht waren. Denn wie man in Clements Apparat nachlesen kann, hat Steiner angekündigt, den Aufsätzen, die dem späteren Buch zugrunde liegen, den Schluss folgen zu lassen; erst 1918 strich er diesen Hinweis (S. 157), vollendet hat er „WemE“ nie. Clements Anlehnung an Steiners späte Behandlung des Textes als abgeschlossenes Produkt wird nun deshalb zum Problem, weil Steiner nachweislich Schritt um Schritt Vorliegendes erweiterte und einen Text mit roten Fäden und Brüchen schrieb, der erst sekundär zu einem Buch wurde. Steiners kreatives Nachdenken wird so abgeblendet. Zum anderen ist Clements Begrifflichkeit zuinnerst von anthroposophischen Termini und Vorstellungen geprägt, beginnend im Titel (Steiners „erkenntnisschulische“ und „erkenntniskultische“ Arbeit). Auch dies ist nicht per se illegitim, stellt aber wieder die Frage nach der Plausibilität inneranthroposophischer Interpretationen. In Band 5 war dies noch viel deutlicher, wenn Clement von einer „bewusstseinsevolutiven Urgestalt“ oder vom „sich darlebenden Wesenhaften“ sprach. Diese offenen Bezugnahmen hat er (nach kritischen Reaktionen?) zurückgenommen. Im neuen Band liegen die Veränderungen nicht ganz so auf der Oberfläche, geändert hat sich an der anthroposophischen Grundierung nichts.

Clement ist Steiner gegenüber nicht unkritisch, aber er hat größte Probleme, die steinersch-anthroposophischen Deutungsvorgaben distanziert zu benutzen. Ein Grund dürfte in Clements Biografie liegen. Der ehemalige Waldorflehrer versteht sich, ich zitiere ihn, als „Insider“ und bekennt ein „existenzielles“ Interesse an der Anthroposophie sowie eine Faszination für die „lebendige Mysterienkultur“ der Mormonen.[1]

Drittens geht es um die Marginalisierung der Theosophie. Clement schlägt vor, WemE viel stärker von Steiners Beschäftigung mit Philosophen vor 1900 (Goethe, Johann Gottlieb und Immanuel Hermann Fichte) zu lesen. Das steht seit Hartmut Traubs Dissertation verstärkt auf der Agenda.[2] Nur schüttet Clement meines Erachtens das Kind mit dem Bade aus. Die bekannten und von ihm teils neuentdeckten Bezüge zur Theosophie legen nahe, die Struktur und zentrale Inhalte des Schulungsweges weiterhin von theosophischen Vorlagen statt vom philosophischen Frühwerk her zu lesen. Auch hier liegt der weltanschauliche Teufel im Detail: Steiner (der später den Begriff Theosophie wo immer möglich durch Anthroposophie ersetzen ließ) und mit ihm die meisten Anthroposophen betrachteten die Beziehung zur Theosophie als Mesalliance, die es zu verbergen gelte. Wer Steiner darin tendenziell folgt, indem er ihn so stark vom Frühwerk her liest, müsste sich im Rahmen dieser „anthroposophischen“ Deutung stärker mit dem „Veto“ vieler Quellen (Reinhard Koselleck) auseinandersetzen, die auf theosophische Wurzeln verweisen.

Viertens ist die Textauswahl nicht schlüssig. Clement druckt neben „WemE“ einen zweiten Schulungsweg ab, „Die Stufen der höheren Erkenntnis“. Diese Erweiterung blendet aus, dass Steiner noch weitere Anleitungen verfasst hat, von denen – ohne ausführlichere Begründung – das wichtige Kapitel „Der Pfad der Erkenntnis“ in Steiners „Geheimwissenschaft“, aber auch die Texte der 1920er-Jahre nicht einbezogen sind. Die Intertextualität von „WemE“ im Oeuvre Steiners wird kaum sichtbar, und ohnehin bezieht Clement „Die Stufen“ nur marginal in die Kommentierung ein. Stattdessen finden sich knapp 100 Seiten Materialien zur Esoterischen Schule, darunter zu Steiners freimaurerischen (Clement/Steiner: „erkenntniskultischen“) Zeremonien. Zwar betrachtete Steiner diese Riten als Gipfel seiner „Esoterischen Schule“, nur: das ist ein eigenes Themen- und Forschungsfeld, das Clement nicht angemessen behandelt. Er präsentiert zudem nur längst publizierte Texte ohne textkritische Überprüfung (nicht notwendig? nicht möglich?); hingegen fehlen Dokumente, die nicht aus dem anthroposophischen Feld stammen. Vor allem aber ermangelt die kurze Kommentierung der Riten erneut weitgehend relevanter Forschungsliteratur und hilft kaum, die Beziehungen dieser Dokumente zu den Schulungswegen zu verstehen.

Weitere, kontrovers zu diskutierende Einzelheiten bilden eine lange Liste, dazu nur Beispiele: Soll man Steiner über „seit jeher“ bestehende Jungsche Archetypen verstehen (S. XX)? Wieweit sind Forscher „Kritiker“ (S. LXXX u.ö.)? Die Fiktionalität von Vorlagen wird entschärft (Steiners „Hüter der Schwelle“ hat nicht nur religionsgeschichtliche Wurzeln, sondern namentlich solche einem Roman Bulwer Lyttons), und Steiners psychologische Kompetenzmängel sind oft nicht ausreichend kritisch reflektiert (etwa wenn er eine Depression während der Meditation „als Signum des wirklichen Fortschritts“ betrachtet (S. XCI).

Angesichts der handwerklichen Mängel, namentlich in der partiell großen Forschungsdistanz, und der tief anthroposophiefrommen Einleitung ist man über eine solche Publikation im Verlag Fromann-Holzboog mit seinen hochrenommierten Editionen – sagen wir – irritiert. Ich finde es angebracht, diese Edition grundsätzlich zu überdenken und sie in die scientific community einzubinden.

Anmerkungen:
[1] Interview mit Jens Heisterkamp in der Zeitschrift Info3. Online: <http://www.info3-magazin.de/steiner-neu-lesen-fachverlag-plant-werkausgabe/> (08.06.2015).
[2] Hartmut Traub, Philosophie und Anthroposophie. Die philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners – Grundlegung und Kritik, Stuttgart 2012.

Zitation
Helmut Zander: Rezension zu: : Schriften zur Erkenntnisschulung. Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten. Die Stufen der höheren Erkenntnis, hrsg. u. kommentiert von Christian Clement. Stuttgart  2015 , in: H-Soz-Kult, 21.07.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22822>.
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Veröffentlicht am
21.07.2015
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