U. Schwarz: Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschlecht

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Titel
Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschlecht in den fünfziger Jahren.


Autor(en)
Schwarz, Uta
Erschienen
Frankfurt am Main 2002: Campus Verlag
Umfang
509 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Lindenberger, Zentrum für Zeithistorische Forschung

Die Bundesrepublik der 1950er-Jahre galt „aufgeklärten“ Zeitgenossen wie skeptischen Nachgeborenen lange als ein Zeitalter der Restauration des politischen und gesellschaftlichen Konservatismus: Die von Nazidiktatur und Krieg durcheinander gebrachten Klassen-, Geschlechter- und Generationsverhältnisse galt es, legitimiert durch formaldemokratische Prozeduren, wieder in die Bahnen „traditioneller“ Ordnungsvorstellungen zu lenken, um damit zugleich der ideellen wie machtpolitischen Alternative, die dem Osten des Landes oktroyiert wurde, eine „freiheitliche“ entgegenzusetzen. Kulturgeschichtliche Forschungen der letzten anderthalb Jahrzehnte haben hingegen den Beginn gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse unter dieser konservativen Firniss identifiziert: Den allmählichen Übergang zum Massenkonsum und diversifizierten Lebensstilen, die Ausbreitung von neuen Vorstellungen von Partnerschaft und Familiennormen, die Verselbstständigung von jugendlichen Kommunikationsräumen. Die Bundesrepublik der späten 1950er, frühen 1960er-Jahre schien demnach mit dem Bild der patriarchalisch geprägten „Adenauer-Zeit“ noch kaum etwas zu tun zu haben.

Einer der vielen Vorzüge von Uta Schwarz’ Studie zur Geschichte der Neuen Deutschen Wochenschau (NDW) besteht darin, zu einem integralen, politik-, geschlechter- und mediengeschichtliche Prozesse miteinander verknüpfenden Verständnis dieses tief greifenden Wandels beizutragen. Die NDW stellt dafür ein denkbar günstiges Studienobjekt dar: Anders als in den Branchen Presse und Rundfunk war im Film verfassungsrechtlich die Gründung einer staatlich kontrollierten Produktionsfirma möglich, die ab 1950 neben zwei weiteren privaten Produktionsfirmen die deutschen Kinos mit Wochenschauen versorgte. In der Geschichte der Massenmedien der Bundesrepublik stellt dieser quasi-offiziöse Charakter einer alltäglichen Form von Massenkommunikation eine Ausnahme dar; bekanntlich scheiterte Adenauer 1961 mit seinem Vorhaben, ein von einer staatlichen Rundfunkanstalt produziertes zweites Fernsehprogramm einzurichten, am Bundesverfassungsgericht. Aber gerade diese Besonderheit erlaubt es Schwarz, anhand der Entwicklung der Inhalte und Darstellungsweisen in der NDW einen weiten thematischen Bogen zu schlagen: Er reicht von der Propagierung eines spezifisch westdeutschen Selbstbildes der Aufbaugesellschaft, zu der wesentlich die Relegitimierung traditionaler Geschlechterhierarchien gehörte, bis hin zur graduellen Affirmation des Übergangs in die Konsumgesellschaft, der von Frauen als Konsumentinnen mitgestaltet werden sollte.

In methodologischer Hinsicht liegt der Schwerpunkt der Studie auf der Analyse des Medientexts selbst, also der Ausgaben der NDW, und ihres politischen und publizistischen Umfeldes (Teil I-III), ergänzt um ein Kapitel zur Rezeption (Teil IV), das sich auf die ergiebigen Befunde der zeitgenössischen Publikumsforschung stützt. Für die thematische Erschließung des Materials waren insbesondere die Überlieferung der NDW GmbH selbst sowie Interviews mit einigen ihrer ehemaligen MitarbeiterInnen wichtig. Die im engeren Sinne filmhistorische Untersuchung konzentriert sich zunächst auf Filmpolitik und die filmischen Eigenschaften des Formats „Wochenschau“. Schwarz rekapituliert die Genese des Angebots „Wochenschau“ in der deutschen Filmgeschichte und seine politischen Indienstnahmen, sei es durch die Nazis oder im Zuge der Reeducation durch die Alliierten, und arbeitet so den doppelten Neuanfang-Anspruch der NDW heraus: Sie sollte den Bruch mit der NS-Wochenschau signalisieren, zugleich als Zeichen der wiedererlangten Souveränität fungieren, und sie versprach daher in ihrer ersten Ausgabe nichts weniger als: „Seit 17 Jahren die erste unabhängige Wochenschau.“

In die darauf folgende Behandlung der Programmstruktur baut Schwarz detaillierte Analysen zweier NDW-Ausgaben ein: Zum einen der Startausgabe vom 3. Februar 1950, zum anderen der Ausgabe vom 25. August 1953, kurz vor den Bundestagswahlen. Zusammen mit den Angaben über die thematischen Elemente und Bezüge (Inland vs. Ausland, Politik vs. Unterhaltung; Mode, Sport) und deren quantitative Verteilung sowie den Informationen über die Layoutstruktur gelingt so eine Darstellung, die zwischen der Scylla, den Leser mit minutiösen Rekonstruktionen von Bild-Ton-Sequenzen zu ermüden, und der Charybdis, es bei summarischen und abstrahierenden Feststellungen von Inhaltsanteilen zu belassen, einen produktiven Kompromiss herstellt. Die geschlechterhistorische Betrachtungsweise führt zum Befund der engen Verzahnung der Dichotomie Eigenes-Fremdes mit der von Männlich-Weiblich: Die Wochenschau-Sprache (der Bilder, Worte und Klänge) zielte demnach darauf ab, ein männlich-authentisches „Wir“ der Bundesrepublik zu präsentieren, dem nicht nur Nichtdeutsches, sondern zugleich Weibliches als ein weniger authentisches Anderes entgegengesetzt wird. Vor allem in den frühen Jahren des Untersuchungszeitraums erlaubten Berichte über Mode, Sport und Schönheitswettbewerbe eine Verbindung des Weiblichen mit derealisierenden Exotisierungen, die den eigenen, männlich-deutschen Beobachterblick als den „authentischen“ erzeugten.

Nach dieser Grundlegung zur Frage, inwiefern das Medium der Wochenschau als einer auf den ersten Blick banal anmutenden, ca. 11 Minuten dauernden Kompilation von routiniert gedrehtem und eilig zusammengeschnittenem Nachrichtenmaterial überhaupt als Quelle für die aufgeworfene Fragestellung taugt, stellt Schwarz in den beiden Hauptteilen ihrer Arbeit den Wandel der Geschlechterbilder von 1950 bis 1964 in den Mittelpunkt. Zunächst fragt sie in diachroner Perspektive nach der Repräsentation von Frauen in „nationalen“ Sujets der frühen Aufbaujahre: Bilder von „Heimkehrern“ und „Müttern“, Berichte über Kirchentage, die Figur Adenauers als Propagandist der Westorientierung und die Darstellung der Wohlstand verheißenden Industrieproduktion. Die Jahre 1957 bis 1964 stehen demgegenüber im Zeichen des mit der Ausbreitung des Fernsehens beginnenden Bedeutungsverlusts der Wochenschau. Die Sichtweisen unterprivilegierter Gruppen, die bis dahin durch die Dominanz des männlichen Erwachsenenblicks am Rand geblieben waren, fanden nun verstärkt Eingang in die Darstellung: vor allem die von Frauen, die als verantwortungsbewusste Konsumentinnen gezeigt wurden, und Jugendlichen, deren eigene öffentliche Sphäre und Verhaltensweisen diskutiert wurden. Interessant ist Schwarz’ Beobachtung, dass in dieser „reformierten Wochenschau“ in Berichten, die nichts mit Mode oder Konsum zu tun hatten, gewissermaßen als Gegengewicht weiterhin die in der Diskursordnung des Kalten Kriegs verankerte Kopplung von Kommunismus und „unnatürlicher“ Frauenerwerbsarbeit reproduziert wurde.

Der nächste Teil der Studie verfolgt diese Thematik des Wandels der Geschlechterbilder anhand von Längsschnittanalysen zu drei rekurrierenden Wochenschau-Sujets, nämlich Mode, PolitikerInnen-Porträts und Berichten von Industrie-Ausstellungen, und führt zugleich wieder zurück auf die Frage, wie deren Repräsentationen mit der Herstellung westdeutscher Identität verknüpft wurde. Im Fall der Mode lässt sich dies anhand ihrer transnationalen Bezüge herausarbeiten: Die ersten „eigenen“ bundesdeutschen Prêt-à-porter-Produkte im modern-sachlichen Stil kontrastieren mit dem schwelgerischen Luxus der Pariser Haute Couture und bewerben zugleich die synthetische Faser der einheimischen Chemieindustrie als nationale Errungenschaft. Das Kapitel über die PolitikerInnen-Porträts gibt erhellende Hinweise darauf, warum sich diese Jahre so fest und dauerhaft als „Adenauerzeit“ in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt haben: Das Wochenschau-Bild der autoritär-gütigen Vaterfigur war Produkt sorgfältig arrangierender, hochprofessioneller Inszenierungsstrategien. Politikerinnen konnten im Kontrast dazu kaum in eigener Sache, etwa als Frauenrechtlerinnen, ins Bild kommen: Wie Schwarz anhand von Louise Schröder, Marie-Elisabeth Lüders und Elisabeth Schwarzhaupt aufweist, bedurfte es dazu zusätzlicher Image-Eigenschaften, die das Frausein dieser Politikerinnen eng an den durch die Frontstadt West-Berlin repräsentierten antikommunistischen Grundkonsens der Bundesrepublik knüpften. Und auch das Sujet „Ausstellungen“ verdankt seine identitätsbildende Wirkung der für Westdeutschland charakteristischen Verknüpfung von geschlechtlicher Arbeitsteilung und Konsummöglichkeiten im Kontrast zur Mangel- bzw. Produktionsgesellschaft im anderen deutschen Staat mit seiner auf Vollerwerbstätigkeit der Frauen zielenden Arbeitsmarktpolitik.

Im letzten Teil der Studie über das Publikum der Wochenschauen zeigt Schwarz in einer sorgsam abwägenden Auswertung der zeitgenössischen Publikumsforschung, dass Fragen, die auf eine eindeutige „Wirkung“ eines so diffusen und überwiegend beiläufig angeeigneten Mediums wie das der Wochenschau zielen, ins Leere laufen. Wochenschauen waren gewissermaßen „Zwangsmaßnahmen“, denen sich ZuschauerInnen zu unterwerfen hatten, wenn sie wegen eines oder zweier Hauptfilme eine Kinovorstellung besuchten. Die damit verbundene Routine auf Seiten der ZuschauerInnen und die um des unterhaltenden Charakters willen unumgänglichen Anklänge an das Attraktivitätenkino früherer Generationen brachten ein Kinopublikum hervor, das Wochenschauen durchaus als inszenierte und hochgradig ritualisierte Repräsentationen wahrzunehmen wusste, den angebotenen Deutungen und Perspektivierungen also keineswegs hilflos ausgeliefert war. Diese sowohl anhand bisheriger Wochenschau-Untersuchungen sowie durch systematische Überlegungen hergeleitete Hypothese kann Schwarz durch die Neuinterpretation einer umfangreichen Rezeptionsstudie der Universität Münster von 1957/58 bestätigen, und sie stellt anhand weiterer Forschungen und Überlieferungen darüber hinaus die These auf, dass gerade Frauen auf die durchgängige männliche Perspektivierung vielfach mit subjektivem Abschalten reagierten.

Insgesamt ist Schwarz eine überzeugende Verbindung von Medienanalyse und Gesellschaftsgeschichte gelungen. Sie ordnet sich in jene neueren Forschungsperspektiven ein, die zum einen - vor allem im Anschluss an die Arbeiten von Robert Moeller - nach dem Zusammenhang von Wiederaufbau, Politik und „Normalisierung“ des Geschlechterverhältnisses in der frühen Bundesrepublik fragen, zum anderen aber auch die rasche Modernisierung dieser restituierten Verhältnisse ab Ende der 1950er-Jahre hervorheben (Axel Schildt). Die regierungsamtliche NDW fungiert in dieser Übergangsbewegung, so lässt sich aus Schwarz’ Studie schließen, zunächst als zentrales Medium der Öffentlichkeitspolitik der Bundesregierung, dann jedoch zunehmend als ein Auslaufmodell, das den neuen, vor allem konsumorientierten Bedürfnissen von Frauen zu entsprechen versuchte, ohne allerdings eine Sprache und einen Stil zu entwickeln, die sie als Akteurinnen in eigener Sache erreichen konnte.

Das zweite, mindestens ebenso hoch einzuschätzende Verdienst dieser Studie besteht in ihrem methodologischen Reichtum. Ich empfehle sie als Anschauungsmaterial für den gelungenen Transfer medienwissenschaftlicher Konzepte und Untersuchungstechniken in ein geschichtswissenschaftliches Forschungsfeld. Dazu hat bestimmt ihre Entstehung als Cotutelle-Dissertation in Paris und Berlin beigetragen: Der erwähnte Transfer beruht auch auf der wechselseitigen Befruchtung der französischen Forschungstradition einer mentalitätsgeschichtlichen Filmanalyse (Marc Ferro) und der bundesdeutschen Geschlechtergeschichte (Karin Hausen). Leider sind allgemeine Zeitgeschichte, Medienforschung und ‚gender studies’ hierzulande noch immer durch disziplinäre Grenzen getrennte Felder, deren kreative Verbindung durch die mangelnde Internationalität der wissenschaftlichen Kommunikation zusätzlich erschwert wird. Das Buch von Uta Schwarz zeigt, dass es auch anders geht.

Zitation
Thomas Lindenberger: Rezension zu: : Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschlecht in den fünfziger Jahren. Frankfurt am Main  2002 , in: H-Soz-Kult, 01.09.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2284>.
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01.09.2004
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