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Titel
Colberts Afrika. Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV.


Autor(en)
Steiner, Benjamin
Erschienen
München 2014: de Gruyter Oldenbourg
Umfang
483 S.
Preis
€ 139.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Damien Tricoire, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Mit seiner Habilitationsschrift möchte Benjamin Steiner an die historiographische Bewegung anknüpfen, die „Europa als ein[en] Teil der Welt“ (S. X) betrachtet, das heißt die in der Forschung oft herausgehobene historische Rolle des Kontinents relativiert. Der Autor fragt danach, was man im Frankreich Ludwigs XIV. – und nicht nur zu Zeiten Colberts, wie der Titel suggeriert – über Afrika wusste, wie dieses Wissen gespeichert und benutzt wurde. Er möchte die Rolle sowohl von Institutionen als auch von einzelnen Personen bei der Generierung des Wissens untersuchen und den Blick auf Begegnungen zwischen Franzosen und Afrikanern richten. Der Grundthese der Arbeit zufolge baute Colbert eine Verwaltung auf und führte Praktiken ein, die eine Sammlung und Nutzbarmachung von Informationen über Afrika ermöglichten, oder, wie Steiner es formuliert: „Der ‚neue Staat‘ Colberts hatte Afrika fest im Blick“ (S. 437). In Steiners Augen war die Sammlung und Benutzung des Wissens über Afrika sogar von herausragender Bedeutung für die staatliche Entwicklung Frankreichs.

Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil, der vier Kapitel umfasst, gibt die Grundzüge der frühneuzeitlichen Geschichte Frankreichs unter besonderer Berücksichtigung der Kolonialexpansion wieder. Hier bietet der Autor eine detaillierte Zusammenfassung von Gründen für den vergleichsweise späten Aufbau von französischen Überseeniederlassungen.

Im zweiten großen Abschnitt (Kapitel 6 bis 8) beginnt der quellengestützte Teil der Untersuchung. Er ist dem Thema „Herrschaft und Wissen im Frankreich des 17. Jahrhunderts“ gewidmet. Über weite Strecken beinhaltet dieser Teil eine allgemeine Darstellung der Verwaltungsgeschichte, der Beziehungen zwischen den Marineministern und den Financiers sowie einen Abriss der Geschichte der Handelsgesellschaften, wobei die Themen „Wissen“ und „Afrika“ eher in den Hintergrund geraten.

Im Allgemeinen bestätigt Steiner das positive Bild Colberts und Ludwigs XIV., das sowohl in der Forschung als auch in der Öffentlichkeit vorherrscht: Colbert initiierte geregelte administrative Vorgänge und eine systematische Informationstätigkeit. Die Gründung von königlichen Handelsgesellschaften führte eine regelmäßige Berichterstattung aus Afrika ein. Bei Angestellten der Kompanien und des Ministeriums entstand ein Bewusstsein für die Geschichte der französischen Niederlassungen auf dem afrikanischen Kontinent. Der Marineminister gründete Marineakademien, um Offiziere in Navigation und Kartographie auszubilden. Ludwig XIV. legte seinerseits Wert darauf, an den Sitzungen des königlichen Rats teilzunehmen und sich zu informieren.

Die Studie setzt im Wesentlichen zwei eigene Akzente: Zum einen wendet sich Steiner gegen die Darstellung von Jacob Soll aus dem Jahr 2009[1], der zufolge Colbert die Gestaltung der Kolonialverwaltung im Detail den Angestellten in Übersee überlassen habe. Zum anderen spricht der Autor der kolonialen Distanzherrschaft eine zentrale Bedeutung für die Herausbildung eines neuen Modells des „informierten Staats“ zu. Die von ihm zitierten Quellen erlauben jedoch Zweifel an der Interpretation, wonach Colbert bis ins Detail in die Belange der Niederlassungen in Übersee eingegriffen habe. Colbert empfing nämlich nur sehr unregelmäßig Briefe aus Übersee – teilweise nur zwei Schreiben pro Jahr aus der Karibik. Zwar verlangte er eine regelmäßigere Berichterstattung, doch ließen sich die Kolonien in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wohl nur bedingt vom Zentrum aus steuern.

Die These von der großen Bedeutung der Distanzherrschaft für die Staatsbildung hätte an Überzeugungskraft gewonnen, hätte der Autor den Stellenwert der Gewinnung und Verarbeitung von Informationen aus Afrika mit der sonstigen Informationspraxis näher in Beziehung gesetzt. Den Beleg für den Befund, dass hier ein Modell entwickelt und auf andere Bereiche übertragen worden sei, bleibt Steiner schuldig. Im Endeffekt kann man sich aufgrund der nur ansatzweise vorhandenen Kolonialverwaltung in den Ministerien fragen, welche Informationen über Afrika wirklich in Paris und Versailles ankamen und ob und wie diese benutzt wurden. Jüngst wurde von Loïc Charles und Paul Cheney betont, dass selbst im späten 18. Jahrhundert das Marineministerium kaum imstande war, den Zustrom an Informationen aus Übersee zu verarbeiten.[2] Die These, „allein die Tatsache, dass Wissen und Information potentiell vorhanden war, […] machte Afrika zu einem Bestandteil des Staatsapparats dieser Zeit“, klingt vor diesem Hintergrund wenig überzeugend (S. 219).

Im dritten Teil (Kapitel 9 bis 11) geht es um Begegnungen zwischen Franzosen und Westafrikanern. Die Grundthese dieses Abschnitts lautet, dass die in der Wissensgeschichte vernachlässigten konkreten Begegnungen den Wissenserwerb wesentlich prägten. Im Kapitel 9 spielen berühmte Reiseberichte aus dem 16. und 17. Jahrhundert eine prominente Rolle, anhand derer Steiner demonstriert, dass viele Franzosen ein Interesse daran hatten, die Sitten und Verhaltensweisen der Afrikaner zu beobachten. Das 10. Kapitel zeigt, wie die Erkundung Afrikas unter Colberts Führung immer mehr unter die Autorität des Zentralapparats geriet. Dies ging mitunter mit positiven Afrikabildern einher, die verbreitet wurden, um Investoren für die Handelskompanien anzulocken. Nicht zuletzt bemühten sich die Autoren von Reiseberichten, als zuverlässige Informationsgeber zu erscheinen, um sich selbst beim Marineminister zu empfehlen. Ferner geht Steiner auf die Konkurrenz zwischen Direktoren der französischen Niederlassung in Senegal, auf ihre gegenseitige Kritik und Selbstinszenierung als Entdecker und Unternehmer ein. Zudem wird die wichtige Rolle der afrikanischen Angestellten, die Geschichte der Konflikte und der Zusammenarbeit mit afrikanischen Fürsten sowie der Erkundung des Landesinneren und des Aufbaus von Forts kenntnisreich präsentiert.

Steiners Erzählung steht im Einklang mit der neueren Forschung: Der Autor betont, dass zwischen Franzosen und Afrikanern „kein Gefälle der Macht“ (S. 357) bestand. Leider ist die Terminologie, die in der Arbeit verwendet wird, nicht immer ganz konsequent. Obwohl zur Zeit Ludwigs XIV. kaum koloniale Verhältnisse in Afrika herrschten, liest man von „Kolonialisierung“ (S. 166), „Kolonien“ (S. 144), ja sogar von „Territorialkolonien, ähnlich wie jenen in der Karibik und den Maskarenen“ (S. 434). Der Krieg der südostmadagassischen Fürsten gegen die Franzosen wird als „Aufstand“ (S. 149) bezeichnet, womit die – eigentlich eher imaginäre – Herrschaft der Franzosen in dieser Region als Norm vorausgesetzt wird. Dadurch rückt Steiner seine Darstellung ungewollt in die Nähe der klassischen Kolonialgeschichte, von der er sich eigentlich distanzieren möchte.

Bedauerlicherweise sind dem Autor einige Ungenauigkeiten unterlaufen. So geht Steiner davon aus, dass Gonnevilles Reisebericht nicht nur authentisch sei, sondern auch Madagaskar zum Gegenstand habe. Selbst wenn man die viel diskutierte Frage beiseite schiebt, ob es sich um eine Fälschung aus dem 17. Jahrhundert handelt oder nicht, ist die Gleichsetzung der „Terre de Gonneville“ mit Madagaskar mehr als gewagt. Die meisten Spezialisten tendieren dazu, darin Brasilien zu sehen.[3]

Die Arbeit hätte sicherlich an Erkenntnissen gewonnen, wenn der Autor der Quellenarbeit und seinen eigenen Analysen über die Frage, welches Wissen warum entstanden ist und welche Relevanz dies hatte, mehr Platz gewidmet hätte – auch auf Kosten der detaillierten Zusammenfassung von Forschungsergebnissen. Welcher Zusammenhang bestand zwischen den einzelnen Arten der französisch-afrikanischen Begegnungen und den gängigen Afrikabildern? Welche Gestalt erhielt das Wissen über Afrika durch die administrative Praxis und die von Colbert initiierte „Memorandenkultur“? Inwiefern konnten französische und afrikanische lokale Akteure die Wissensbestände manipulieren? Auf all diese Themenkomplexe geht Steiner nur am Rande ein. „Colberts Afrika“ stellt somit einen ersten Schritt in eine vielversprechende Forschungsrichtung dar, macht der deutschsprachigen Leserschaft Forschungsergebnisse und Quellen zugänglich und wird hoffentlich weitere Studien anregen.

Anmerkungen:
[1] Jacob Soll, The Information Master. Jean Baptiste Colbert’s secret state intelligence system, Ann Arbor 2009.
[2] Loïc Charles / Paul Cheney, The colonial machine dismantled: Knowledge and Empire in the French Atlantic, in: Past and Present 219 (2013), S. 127–163.
[3] Leyla Perrone-Moisés, Le voyage de Gonneville a-t-il vraiment eu lieu?, in: Colloque international „Voyageurs et images du Brésil“, Paris, Maison des Sciences de l’Homme, 10 décembre 2003, URL: <http://editions-villegagnons.com/GONNEVILLE.pdf> (20.11.2014).

Zitation
Damien Tricoire: Rezension zu: : Colberts Afrika. Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV.. München  2014 , in: H-Soz-Kult, 01.12.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22884>.
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Veröffentlicht am
01.12.2014
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