U. Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern

Cover
Titel
Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens


Autor(en)
Raulff, Ulrich
Erschienen
Stuttgart 2014: Klett-Cotta
Umfang
170 S.
Preis
€ 17,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Sonnenberg, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Ulrich Raulffs Buch über das Lesen und die Leser in den 1970er-Jahren wurde in der überregionalen Presse schon so ausgiebig gewürdigt, dass es hier vielleicht gar nicht mehr eigens besprochen werden müsste. Es ist ein autobiographischer Essay, den Michael Rutschky als „creative non-fiction“ irgendwo zwischen Belletristik und Sachbuch einordnet.[1] Für die Intellectual History der Bundesrepublik sowie eine an den gesellschaftlichen Umständen und der historischen Umwelt des Lesens interessierte Zeitgeschichtsforschung gibt das Buch jedoch anregende Impulse – die in den bisherigen Rezensionen noch kaum beachtet wurden.

Raulff (geb. 1950), heute Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und Mitherausgeber der „Zeitschrift für Ideengeschichte“, beschreibt Stationen seiner studentischen Jahre in Marburg, Frankfurt am Main, Berlin und Paris entlang der ihn prägenden Lektüren. Zumeist auf persönlichen Erinnerungen basierend zeichnet er seinen intellektuellen Werdegang nach, der ihn von den Seminaren Wolfgang Abendroths zur Geschichte der Arbeiterbewegung bis hinein in die Gedankengebäude von Philosophen wie Roland Barthes, Gilles Deleuze und insbesondere Michel Foucault führte. Mit einer Arbeit zu Foucaults „Theorie der Normalisierungsmacht“ wurde er promoviert, und dessen dreibändige Geschichte der Sexualität übersetzte er zusammen mit Walter Seitter ins Deutsche. Ende der 1970er-Jahre gehörte Raulff dem illustren Kreis der Gründungsredakteure von „Tumult. Zeitschrift für Verkehrswissenschaft“ an[2], bis er Anfang der 1980er-Jahre in Florenz und London in die Bibliotheken des Kunsthistorikers Aby Warburg eintauchte, wo er sich fortan der Wissenschaft der Ikonographie und Ikonologie verschrieb.

Die Kapitelstruktur des Buches folgt diesen Etappen, in deren Schilderung Raulff weitere Beobachtungen einbettet – etwa zur Atmosphäre auf den Frankfurter Buchmessen, die er als Literaturagent in eigener Sache besuchte, und zu seinen persönlichen Begegnungen mit den genannten und weiteren angesagten Intellektuellen seiner Zeit, denen er kurze Portraits widmet. Er reflektiert den Zauber von Antiquariaten und Bibliotheken, die selten so intensiv auch als Lebensräume charakterisiert worden sind (S. 85–99), und denkt mit vielfältigen Anleihen über verschiedene Formen des Lesens nach.

Mehrfach springt Raulff ins „Wir“, schreibt mit Jacob Burckhardt gar von einem „Wellenschlag unserer Zeit“, den seine Generation gespürt habe (S. 169). Ohne es zu explizieren, erinnert er damit an neue, spontan zusammengewürfelte Lesegemeinschaften im Umfeld vor allem der Verlage Suhrkamp und Merve. Die dort seit Mitte der 1970er-Jahre veröffentlichte Literatur des Strukturalismus habe „Wege zu freiem Denken gewiesen“, denen sich „neomarxistische Kommilitonen mit Fleiß versperrten“ (S. 69). Spätestens seit den 1980er-Jahren bildeten diese Lesegemeinschaften einflussreiche akademische Subkulturen. Seitdem ist ein neues Ensemble von Geisteswissenschaften entstanden, die sich auch mit den von Raulff angesprochenen Lektüren soweit kulturwissenschaftlich informierten, dass der neue „Sound“ (S. 72) und selbst der „Diskurs des Poststrukturalismus“ so tief in die „akademischen Verwertungsmühlen“ eindrangen, dass sie zur „geläufigen Sprache von DFG-Anträgen“ wurden (S. 128). Erhellend ist vor diesem Hintergrund Raulffs eigene Sprachlosigkeit in den 1970er-Jahren, den Begriff „discours“ verständlich ins Deutsche zu übertragen. War es ein „Gerede“? Ein „Erörterungszusammenhang“? Noch achselzuckend wurde schnell „Diskurs“ übersetzt, weil für die Übersetzer mit „le sexe“ eine nächste Herausforderung bevorstand (S. 142ff.). Allerdings geht Raulff weder auf die Genese dieser scheinbar generationell gelagerten Lesegemeinschaften ein, noch verfolgt er ihren Aufstieg in einem längeren zeitlichen Zusammenhang. Hinweise auf andere, zeitgleich entstandene und zum damaligen Zeitpunkt kaum minder große Lesegemeinschaften fehlen, etwa auf jene, die sich um die drei Bände von Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ (ebenfalls Suhrkamp, 1975–1981) formierte. Raulffs Interpretation der 1970er-Jahre als eines Jahrzehnts, das mit Texten begonnen und mit Bildern geendet habe (S. 112), ist eine offenkundige Extrapolation seines eigenen Werdegangs. Das breite, fächerübergreifende Interesse an den Phänomenen und der Geschichte des Visuellen hat erst in den 1990er-Jahren eingesetzt.

Raulffs Buch bietet auch keine Sozial- oder Kulturgeschichte des Lesens in den 1970er-Jahren, wie der Titel etwas irreführend suggeriert. Zwar erwähnt Raulff die „Paperback Revolution“ der 1960er-Jahre[3] und die Raubdruckbewegung (S. 49ff.), bespricht sie jedoch nicht im Hinblick auf den damit verbundenen tiefgreifenden Wandel von Lesekultur und Buchmarkt. Fragen nach den Motiven und Zielen, die Raulff und seine Kommilitonen zum spezifischen Lesen brachten, werden nur unbefriedigend beantwortet: Ging es ihnen ausschließlich darum, das andere bzw. das begehrte Geschlecht zu beeindrucken, wie es die Episode mit Rita (S. 37–40) oder das Kapitel über die erotische Aufladung des Lesens in Paris (S. 135–149) nahelegen? Wollten sie provozieren gegen „linken Konformismus“ (S. 69), gegen Renegaten, Ideologen und Epigonentum (S. 125f.)? Woraus speiste sich jener unstillbare Theoriehunger, wie er in der Geschichte der Bundesrepublik bislang vornehmlich den linken Studenten der 1960er-Jahre zugeschrieben wurde?[4] Wollten die Leser der 1970er-Jahre als deren Nachfolger in den Hörsälen nur befreit aufdenken und „neue intellektuelle Abenteuer“ (S. 168) bestehen, oder folgten sie auch Bedürfnissen einer anderen gesellschaftlichen Praxis? Immerhin wird, so beiläufig wie selbstverständlich, der West-Berliner TUNIX-Kongress erwähnt (S. 126), der im Januar 1978 einen wichtigen Meilenstein für den Aufbruch der Alternativbewegung markierte. Sogar Foucault war dort als einer der von heute aus so wahrgenommenen Stargäste anwesend, interessierte sich vor Ort aber mehr für die angespannte innenpolitische Lage nach dem „Deutschen Herbst“, als dass er den auf dem Kongress omnipräsenten „Stadt-Indianern“ folgen mochte.[5] Machten sich Raulff und das intellektuelle Umfeld, in dem er sich bewegte, keine Gedanken über die Aufrechterhaltung oder Neuformulierung von Wegen, Formen und Inhalten einer gesellschaftskritischen Position – mit oder ohne Punk-Rock?

Obwohl Raulff zu Beginn der 1970er-Jahre für den Marburger „Roten Buchladen“ mehrere Semester lang einen linksradikalen Bücherstand betrieb, bekennt er im Rückblick freimütig, dass sich seine „Kampfbereitschaft für die Arbeiterklasse“ wie auch seine „Begeisterung für Politik“ insgesamt in engen Grenzen gehalten habe (S. 44f.). Er beschreibt sich als einen der „letzten Troglodyten [Höhlenbewohner] der Bücherhöhlen“, dem zeitgenössisch handlungsleitende Ideen als rein literarische Phänomene begegnet seien, und der beständig in der Gefahr gelebt habe, sich mit seiner „Umwelt aus gedrucktem Geist zu verwechseln“ (S. 98). Wie verhielten sich diese Bücherlust und diese Theoriebeflissenheit zu dem auf Konzerten, in Wohngemeinschaften, aber eben auch in linken Buchläden beheimateten alternativen Milieu? Dessen intellektuelles Fundament und politische Einstellungen zeichneten sich Sven Reichardt zufolge gerade nicht durch „präzise Begriffs- und Theoriearbeit“ aus, sondern durch eine „kreative Kombination aus unterschiedlichen Theoriesträngen“, wobei ganzheitliche Vorstellungen dominierten, „die eine möglichst weitgefächerte und allumfassende Kombination aus Theorie und Emotion, aus Selbstbefreiung und gesellschaftlicher Revolution darstellen sollten“.[6] Und wie war demgegenüber das Verhältnis zur „bürgerlichen Welt“, die durch viele Mitgliederinnen und Mitglieder der von Raulff erinnerten Lesegemeinschaften später neu erfunden wurde (und in gewisser Weise auch durch ihn selbst)?

Solcherlei Fragen ließen sich angesichts der aktuellen Forschungsdiskussionen über die historische Deutung der 1970er-Jahre noch einige mehr an Raulffs Essay richten. Neben der gesellschaftlichen Kontextualisierung würden diese Fragen vor allem auf die Sonderheit von Raulffs Weg zielen, der nach Schule und Bundeswehrdienst Ende der 1960er-Jahre erst in der und dann aus der Bundesrepublik „auszog, ein Intellektueller zu werden“ (S. 11). Sicher hätte der Autor auf diese Fragen in der gleichen sprachlichen Eleganz zu antworten gewusst, die das gesamte Buch durchzieht. Sie gehörten jedoch nicht zu seinen primären Erkenntnisinteressen, und mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Buches ist anzunehmen, dass ihre Beantwortung im gegebenen Rahmen auch nicht zu leisten war. Denn wenn man Raulffs Selbstauskunft folgen darf, ist er in diese Arbeit quasi nur kurzfristig „reingerutscht“, nachdem der Verlag bereit war, zwei bereits gehaltene Vorträge zu publizieren (zusammen machen sie etwa die Hälfte des Textes aus). Den Rest des Buches füllte Raulff demnach während einer schwierigen Lebensphase innerhalb weniger Wochen mit weiteren Kapiteln auf.[7] Dennoch kann sein sehr persönliches „Wiedersehen mit den Siebzigern“ die zeithistorische Forschung anstoßen, diesen und weiteren Fragen genauer nachzugehen.

Anmerkungen:
[1] Michael Rutschky, Als die Dinge neue Ordnung wollten. Denken war alles: Ulrich Raulffs Rückblick auf die theorieverliebten Siebzigerjahre, in: Die Welt, 27.09.2014, <http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article132675954/Als-die-Dinge-neue-Ordnung-wollten.html> (28.11.2014).
[2] Vgl. Distanzgesten. Ein Gespräch über das Zeitschriftenmachen, Wolfert von Rahden und Ulrich Raulff, in: Grundlagenforschung für eine linke Praxis in den Geisteswissenschaften 1 (2014), S. 64–92, <http://1.grundlagenforschung.org/GF1_Rahden_Raulff.pdf> (28.11.2014).
[3] Ben Mercer, The Paperback Revolution: Mass-circulation Books and the Cultural Origins of 1968 in Western Europe, in: Journal of the History of Ideas 72 (2011), S. 613–636.
[4] Benedikt Sepp (Konstanz) bearbeitet dazu seit kurzem ein einschlägiges Dissertationsprojekt: „Theoriehunger. Eine praxeologische Untersuchung der politischen Theorie in der West-Berliner Neuen Linken in den 60er und frühen 70er Jahren“, siehe <https://exzellenzcluster.uni-konstanz.de/4954.html> (28.11.2014).
[5] „Wir fühlten uns als schmutzige Spezies“. Der französische Links-Philosoph Michel Foucault über seine Erlebnisse mit deutscher Polizei, in: Spiegel, 19.12.1977, S. 77f., <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40680517.html> (28.11.2014); vgl. auch: Philipp Felsch, Kritik der Bleiwüste. Theoriedesign nach dem Deutschen Herbst, in: Merkur 68 (2014), S. 780–792.
[6] Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Frankfurt am Main 2014, S. 51.
[7] Bücher lesen, wie man Pilze liest. Ulrich Raulff im Gespräch mit Arno Widmann, in: Frankfurter Rundschau, 26.09.2014, <http://www.fr-online.de/literatur/ulrich-raulff-lesen-buecher-lesen--wie-man-pilze-liest,1472266,28538286.html> (28.11.2014).

Zitation
Uwe Sonnenberg: Rezension zu: : Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens. Stuttgart  2014 , in: H-Soz-Kult, 05.12.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22978>.