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Titel
Divina favente clemencia. Auserwählung, Frömmigkeit und Heilsvermittlung in der Herrschaftspraxis Kaiser Karls IV


Autor(en)
Bauch, Martin
Erschienen
Umfang
734 S.
Preis
€ 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hubertus Seibert, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Signifikanten Ausdrucksformen spätmittelalterlicher Herrschersakralität wie Frömmigkeit, Heiligenverehrung und Reliquienkult hat die mediävistische Forschung lange Zeit nur wenig Bedeutung beigemessen. Während manche Forscher der spätmittelalterlichen Ausprägung politischer Heiligenverehrung jegliche Originalität absprachen und sie in ihren Gegenständen und Formen als Nachahmung staufischer Vorbilder anprangerten[1], kritisierten tschechoslowakische Historiker wie Jiří Spěváček die Frömmigkeit von Herrschern wie Karl IV. als ideologischen Deckmantel zur Verschleierung politischer Absichten und unterstellten ihren frommen Akten eine ausschließliche legitimierende Funktion.[2] Karls Sammlung bedeutender Reliquienschätze versagte die ältere Forschung nicht nur die Anerkennung als Ausdruck gelebter Frömmigkeit. Sie verurteilte diese vor allem als Ergebnis skrupelloser, ja krankhafter Sammelwut[3], die auch vor Diebstahl nicht zurückschreckte, und wertete die Fassung der Heiltümer in kostbaren Reliquiaren als Anlage von Edelmetallhorten durch Akkumulation von Gold und Silber.[4]

Dieses klischeehafte Bild unterzieht die vorliegende, 2012 an der Technischen Universität Darmstadt angenommene Dissertation einer umfassenden Kritik und tiefschürfenden Analyse. Sie fragt dezidiert nach den sakralen Elementen und Dimensionen karolinischer Herrschaftspraxis. Karls frommes Handeln und ostentative Demut deutet Bauch nicht nur als erfolgreiche Erweiterung der herrscherlichen Handlungsfähigkeit im politischen Bereich, sondern als öffentlichkeitswirksame Manifestation einer sakral fundierten Herrschaft.

Den Nachweis der spezifischen Sakralität von Karls Herrschaft unternimmt Bauch in vier systematisch angelegten Kapiteln; dafür wertet er ein gewaltiges Corpus gedruckter und bislang kaum ausgewerteter (auch ungedruckter) Quellen (wie Reliquieninventare und die Stiftsgeschichte des Prager Erzbistums von 1673) und Sachüberreste (Bilder, Reliquiare) aus. Methodisch wählt er dazu einen Zugang über drei zentrale Funktionen Karls IV.: als sakraler Akteur in zeitgenössischen Kontexten und Diskursen, als frommer Erwerber und Sammler von Reliquienschätzen und als ambitionierter Nutznießer, Vermittler und Weiser von Heiltümern.

In einem ersten thematischen Zugriff untersucht Bauch Karls Rolle als sakraler Akteur in drei verschiedenen Formen und Handlungsfeldern: in der Darstellung und Begründung seiner Auserwählung in Selbst- und Fremdzuschreibungen, in den herrscherlichen Handlungen in der Liturgie und im Adventuszeremoniell.

Maßgebliche Autoren des zeitgenössischen prophetischen Diskurses (Sibyllenprophetien, Christina Ebner, Cola di Rienzo) und der herrschernahen Panegyrik (Heinrich von Mügeln, Johann von Jenstein) sowie Zeugnisse der literarischen Selbstdarstellung (Urkundensprache und Siegelbilder) akzentuierten in unterschiedlicher Intensität Karls religiös verstandene Auserwählung („divina favente clemencia“). Die Zeitgenossen maßen der als höchste Tugend gerühmten Frömmigkeit des Monarchen einen einzigartigen Stellenwert zu.

Der erstmals 1347 in Basel praktizierte königliche Weihnachtsdienst wies dem Herrscher eine besondere liturgische Funktion in der Heiligen Messe zu. Dieses Ritual eignete sich wie kein zweites, Karls Bewusstsein seiner Auserwählung und seiner von Gott nachdrücklich geförderten Herrschaft wirkmächtig zu visualisieren und zu inszenieren. Ablauf, Umstände und (Nach-)Wirkung der acht von Bauch untersuchten Herrscheradventus in italienischen und deutschen Städten zwischen 1355 und 1377 belegen eindrücklich, wie Karl seine öffentlich gegenüber Bürgerschaft und Stadtpatron demonstrierte Frömmigkeit und Demut zur Legitimation seiner Politik und Wahrung herrscherlicher Interessen zu nutzen verstand.

Kein mittelalterlicher Herrscher vor oder nach ihm hat so viele bedeutende Heiltümer erworben und nachweislich besessen wie Karl IV. (1378: ca. 605!). Bauchs umsichtige Analyse des dynamischen Prozesses der Aneignung und der weiteren Verwendung der erworbenen und besessenen Reliquien erlaubt tiefe Einblicke in Karls Persönlichkeit, seine religiösen Vorstellungen und Frömmigkeitspraxis und offenbart manche, bislang übersehene Facetten seines christlichen Idealen zutiefst verbundenen Herrschaftsstils.

Karl erlangte seine zahlreichen Reliquienschätze zur Erhöhung Böhmens und der Prager Kirche auf unterschiedlichen Wegen; ihr Erwerb war an bestimmte örtliche und rechtliche Voraussetzungen geknüpft und erforderte vielfach Gegenleistungen des „königlichen Kaufmanns“.

Während viele seiner Reliquien aus Schenkungen des Papstes und der französischen und byzantinischen Herrscher stammten, erwarb Karl die meisten seiner rund 350 Heiltümer bei seinen Aufenthalten vor Ort und auf seinen großen Reliquienreisen 1353/54 und 1368 (nach Italien). Die herrscherlichen Zugriffsmöglichkeiten auf Reliquien korrespondierten in auffälliger Weise mit der jeweiligen Königsnähe der betreffenden Landschaft. Viele Reliquienerhebungen fanden in Diözesen, deren Bischöfe Karl besonders verpflichtet waren, und in Klöstern statt, die offensichtlich unter massiven ökonomischen und religiös-disziplinären Problemen litten.

Zeitgenössische Berichte schildern die oft im Beisein geistlicher und weltlicher Amtsträger erfolgende Erhebung der Reliquie durch den Kaiser selbst als spontane Handlung von hoher Emotionalität und „leidenschaftliche, vielfach bis zur Ekstase gesteigerte Devotion“[5]. Die vielfach auf Wunsch des Schenkers eines Heiltums über die Erhebung angefertigte Dokumentation diente vorrangig dem Zweck, den Adressaten der Reliquien, das Publikum in Böhmen und Prag, von deren Echtheit zu überzeugen. Karl vergalt den (oft unfreiwilligen) Reliquienspendern ihre fromme Gabe durch die Bestätigung oder Verleihung wichtiger Privilegien und die Stiftung wertvoller Reliquiare für die vor Ort verbleibenden Heiltümer; direkte kaiserliche Geldzahlungen blieben dagegen die große Ausnahme.

Wie intensiv Karl seine neuen Reliquienschätze nutzte und sie zur Sakralisierung, Legitimation und Inszenierung seiner Herrschaft in Böhmen und Prag wie im Reich und in den luxemburgischen Territorien einsetzte, verdeutlicht Bauch im erkenntnisreichsten Kapitel seiner Arbeit. In Böhmen etablierte Karl mit dem heiligen Sigismund, dessen Reliquien er im burgundischen Saint-Maurice d'Agaune erworben hatte, einen neuen religiösen Kult und vierten Landespatron. Seine Metropole Prag erhob er durch Schenkung zahlreicher bedeutender, in goldenen Reliquiaren gefasster Heiltümer und die Errichtung bzw. Ausstattung sakraler Gebäude (Veitsdom, Burg Karlstein) zum religiösen (seit 1344 Erzbistum) und politischen Zentrum des Reichs und stellte es damit rangmäßig auf eine Stufe mit den rheinischen Erzbistümern Mainz, Köln und Trier.[6] Im Rahmen öffentlich inszenierter liturgisch-zeremonieller Praktiken (wie der feierlichen Einholung hochrangiger Reliquien nach Prag oder den Heiltumsweisungen auf dem Viehmarkt in der Prager Neustadt seit 1350) gewährte Karl der städtischen Bevölkerung – anders als seine französischen Vorbilder – nahezu unbeschränkten Zugang zu den Überresten der Heiligen und förderte ihr Seelenheil zudem durch die Vermittlung päpstlicher Ablässe.

Die Residenzen und Hauptorte luxemburgischer Herrschaft (vor allem Breslau, Luckau, Brandenburg, Tangermünde, Sulzbach) sowie kaisernahe Herrschaftszentren (wie Nürnberg oder Aachen) suchte Karl mit unterschiedlichen Mitteln in ihrer sakralen Bedeutung zu fördern und symbolisch wie kultisch an Prag, die luxemburgischen Lande und seine kaiserliche Herrschaft anzubinden: durch Reliquienschenkungen, die Vermittlung päpstlicher Indulgenzen und die Errichtung von Marienmansionärskollegien (so in Brünn, Breslau, Tangermünde, Magdeburg und Nürnberg).

Zeitgenossen und Nachwelt haben Karls beispiellose Verehrung, Sammlung und funktionale Verwendung von Reliquien in je eigener Weise wahrgenommen und bewertet. Das Spektrum der Reaktionen reicht von positiver Wahrnehmung der Frömmigkeit Karls und stillschweigender Akzeptanz seines Handelns als Vermittler von Heilsgewissheit über die Imitation des karolingischen Vorbilds durch Reichsfürsten wie Rudolf IV. von Österreich (durch Mehrung des Wiener Heiltumsschatzes und Reliquienweisungen) bis zu massiver Kritik an seiner Heiligen- und Bilderverehrung durch böhmische Kirchenreformer des späten 14. und 15. Jahrhunderts.

Fünfundzwanzig größtenteils farbige Abbildungen und mehrere Anhänge (Prager Kalender mit Ablässen für 1369, ein Verzeichnis aller Reliquien im Besitz Karls IV., die Edition ungedruckter Urkunden) runden die Arbeit ab, deren reichen Inhalt ein Personen- sowie Ortsregister erschließen.

Insgesamt gesehen erweist sich Bauchs Konzentration auf alle Aspekte sakral legitimierter Herrschaft Karls IV., die handlungsorientiert und öffentlichkeitswirksam waren, als überaus fruchtbarer und weiterführender Ansatz. Sie eröffnet eine neue, bislang vernachlässigte Perspektive auf das spätmittelalterliche Königtum und dessen sakral fundierte, religiös konnotierte herrschaftliche Praxis. Die spezifische Sakralität von Karls Herrschaft basierte nicht auf einem festgelegten Konzept, sondern durchlief von ersten sakralen Handlungen 1339 (Gründung der Allerheiligenkapelle in Prag) eine überaus dynamische Entwicklung, die in den 1350er- und 1360er-Jahren in Karls neuer Rolle als sakraler Akteur und Vermittler von Heilsgütern gipfelte.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Petersohn, Kaisertum und Kultakt in der Stauferzeit, in: ders. (Hrsg.), Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter (= Vorträge und Forschungen 42), Sigmaringen 1994, S. 101–145, hier S. 145: „Nichtsdestoweniger aber blieben auch für die Rudimente politischer Heiligenverehrung im spätmittelalterlichen Reich im wesentlichen die Gegenstände und Formen des Kultwesens verbindlich, die das staufische Kaisertum in seinen Kultakten geschaffen hatte“.
[2] Jiří Spěváček, Frömmigkeit und Kirchentreue als Instrumente der politischen Ideologie Karls IV., in: Evamaria Engel (Hrsg.), Karl IV. Politik und Ideologie im 14. Jahrhundert, Weimar 1982, S. 158–170.
[3] Viktor Kotrba, Nové Město pražské – „Karlstadt“ – v universální koncepcí císaře Karla IV. [Die Prager Neustadt – „Karlstadt“ – im universalen Konzept Kaiser Karls IV.], in: Jan Petr / Sáva Šabouk (Hrsg.), Z tradic slovanské kultury v Čechach. Sázava a Emauzy v dějinách české kultury [Aus der Tradition der slawischen Kultur in Böhmen. Sázava und Emmaus in der böhmischen Kultur], Prag 1975, S. 53–66, hier S. 66; zu Karls „Beutezügen“ und zum Vorwurf des Reliquiendiebstahls Gustav Pirchan, Karlstein, in: Rudolf Schreiber (Hrsg.), Prager Festgabe für Theodor Mayer, Freilassing 1953, S. 56–90, bes. S. 64–68.
[4] Marie-Claire Berkemeier-Favre, Reliquien und Reliquiare im Leben der Bischofsstadt Basel, in: Historisches Museum Basel (Hrsg.), Der Basler Münsterschatz, Basel 2001, S. 329–348, hier S. 331; Markus Mayr, Reliquien – kostbarer als Edelsteine und wertvoller als Gold, in: Elisabeth Vavra u.a. (Hrsg.), Vom Umgang mit Schätzen, Wien 2007, S. 99–114, hier S. 104f.
[5] Franz Machilek, Privatfrömmigkeit und Staatsfrömmigkeit, in: Ferdinand Seibt (Hrsg.), Kaiser Karl IV. Staatsmann und Mäzen, München 1978, S. 87–101, hier S. 93.
[6] All dies dokumentiert und präsentiert nun die gemeinsame Bayerisch-Tschechische Landesausstellung zu Karl IV. 1316–2016, die vom 15.05. bis 25.09.2016 in der Wallenstein-Reitschule in Prag und vom 20.10.2016 bis 05.03.2017 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gezeigt wird, <http://www.hdbg.de/karl/karl_information.php> (30.06.2016).

Zitation
Hubertus Seibert: Rezension zu: : Divina favente clemencia. Auserwählung, Frömmigkeit und Heilsvermittlung in der Herrschaftspraxis Kaiser Karls IV. Köln  2015 , in: H-Soz-Kult, 03.08.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23059>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.08.2016
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