Cover
Titel
Flut und Boden. Roman einer Familie


Autor(en)
Leo, Per
Erschienen
Stuttgart 2014: Klett-Cotta
Umfang
350 S.
Preis
€ 21,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefanie Schüler-Springorum, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Die Rezensent/innen sind sich (fast durchweg) einig: Dieses Buch ist alles Mögliche, nur kein Roman. Eine Familienerzählung vielleicht, ein literarischer, ein mentalitätsgeschichtlicher, ein dokumentarischer, ein autobiographischer Essay – so lauten die Definitionsangebote. Nur ein Kollege, Thomas Meyer, hat sich die Mühe gemacht, neben dem „Roman“ auch die ein Jahr zuvor, unter dem ebenfalls eingängigen Titel „Der Wille zum Wesen“ erschienene Dissertation Per Leos mit zu besprechen, beide Bücher gewissermaßen nebeneinander zu legen.[1] Und dies scheint der richtige Weg zu sein, denn nur so wird das Besondere, das Neuartige an Leos Vorgehensweise deutlich. Es ist tatsächlich ein gleichermaßen anspruchsvolles wie gewagtes Unterfangen, als Historiker ein Buch über die eigene Familie zu schreiben und deren Entwicklung am Thema der Dissertation entlang zu erklären, oder anders ausgedrückt: die selbst erarbeiteten Thesen am Beispiel der eigenen Familiengeschichte zu überprüfen. Anspruchsvoll ist dies nicht nur deshalb, weil es sich bekanntlich um zwei völlig verschiedene Textsorten mit jeweils unterschiedlichen Schreibkonventionen handelt, sondern auch und vor allem, weil Leos Ziel über die gängige Frage „Wie wurde Opa ein Nazi?“ weit hinausgreift. Es geht ihm um die Spezifik, um die Potenziale des deutschen Kulturprotestantismus bzw. um die Frage „Wieso wurde Opas Bruder kein Nazi?“.

Denn Per Leo (geboren 1972) hat das Glück, in seiner Familie ganz verschiedene Ausformungen des deutschen Idealismus auffinden zu können, wobei die Frage bleibt, ob diese tatsächlich so verschieden waren oder erst durch den Nationalsozialismus in gegensätzliche Richtungen katapultiert wurden. Aus einer durch und durch bildungsbürgerlichen Familie lesender und schreibender Lutheraner abstammend, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktischerweise mit hanseatischem Kaufmannsgeld verbunden hatte, entsprach der jüngere Sohn Friedrich dem Bild des lebenstüchtigen, frischen und der Scholle zugewandten Jungmannen, der jedoch in den ökonomischen Wirren der Weimarer Republik kein Bein auf die Erde bekommt, bis ihm dann der Nationalsozialismus die große Chance bietet. Im Rasse- und Siedlungshauptamt als Abteilungsleiter zuständig für Rassegutachten, ist der SS-Mann Leo ein klassischer Schreibtischtäter – das Kapitel über seine NS-Zeit, unter der Überschrift „Kein Geheimnis“, möchte man sich als Text für die nächste Bundestagsgedenkstunde zum 27. Januar wünschen. Hier läuft der Autor sprachlich zu Hochform auf und schreibt mit einem brutal entmystifizierenden Sarkasmus an gegen all das bildungsbürgerliche Erinnerungsgeraune von tragischen Verstrickungen und falschen Faszinosa, das einem auf mancher Gedenkveranstaltung bis heute den Atem rauben kann. Überhaupt besticht das Buch durch die Vielfalt der Sprache, des Stils – mal ist er böse, mal einfühlsam, aber immer genau beobachtend und klug beschreibend. Dies gilt einmal mehr für die Schilderung des „guten Großonkels“ Martin, des Gegenbilds zum Nazi-Opa, der als erbkranker körperbehinderter Naturwissenschaftler den Nationalsozialismus am Rande (und zwangssterilisiert) überlebte. Er steht für die andere Möglichkeit, bildungsbürgerliche Traditionen im Deutschland des 20. Jahrhunderts weiterzuleben, in seinem Fall in der DDR, als ebenso kunst- wie feinsinniger Außenseiter. Beide Lebenswege rückzuführen, zu verknüpfen mit der großen Sehnsucht des deutschen Idealismus nach Sinn und Bedeutung, nach Individualität im großen Ganzen, ist eine wahrlich anspruchsvolle Aufgabe, der sich der Autor zugleich entlarvend und mitfühlend stellt.

Aber es ist, wie gesagt, auch ein gewagtes Unterfangen, denn dem Historiker Leo ist natürlich sehr bewusst, dass die Damen und Herren Kollegen sich nicht nur genussvoll über die Beschreibung Ulrich Herberts und dessen Freiburger Seminar hermachen, sondern ebenso eifrig beobachten werden, wie sich der Autor über die erinnerungspolitischen Fallstricke, die Mühen der Meta-Ebene hangelt und dabei auch noch viel Persönliches preisgibt oder doch zumindest preiszugeben scheint. Und vielleicht findet der eine oder die andere es auch ein bisschen dreist, in einem „Roman“ gleich noch eine Zusammenfassung der Dissertation mitgeliefert zu bekommen. Aber Per Leo hat sich von all dem, zum Glück, nicht abhalten lassen, dieses Buch genauso zu schreiben, wie er es für richtig hielt – und daher passt es auch in kein Schema, beugt sich unter keine Genre-Definition, ist vielmehr ein sehr gelungener Ausdruck historisch-intellektuellen Eigen-Sinns. Als Historikerin macht es vor allem eins: Spaß zu lesen.

Die Fußballfans unter uns kommen nebenbei auch auf ihre Kosten und können in Erinnerungen an die großen Zeiten Werder Bremens schwelgen, während der wunderbare Abschnitt über den Westbesuch bei der DDR-Verwandtschaft vermutlich im Jahre 2039 in einer Anthologie zur 50. Wiederkehr des Mauerfalls abgedruckt werden wird. Vor allem aber – und schon dafür sei Per Leo herzlich gedankt – werden nach dem Kapitel „The Making of a Nazi-Enkel“ keine Kisten mehr auf deutschen Dachböden entdeckt und keine Familiengeschichtsbücher mehr als Tabubrüche inszeniert werden können. Zu amüsant ist die Steigerung des aufmerksamkeitsökonomischen Mehrwerts, die der Autor nach seinem Selbst-Outing als „Nazi-Enkel“ bei Therapeutinnen wie Kommilitoninnen gleichermaßen registriert. Und, last but not least, ist sein Buch auch „für die Lehre“ nützlich, als hoffentlich nachhaltig beeindruckendes Beispiel dafür, dass man als HistorikerIn neben der Neugier vor allem zwei Dinge braucht: die Lust an der sorgfältigen Quellenlektüre und die Begabung zum Verfassen guter Texte. Lesen und Schreiben also.

Anmerkung:
[1] Per Leo, Der Wille zum Wesen. Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890–1940, Berlin 2013; dazu Thomas Meyer, Antisemitismus als körperliches Geschehen. Per Leos Roman „Flut und Boden“, seine Dissertation „Der Wille zum Wesen“ und Nitzan Lebovics Studie über Ludwig Klages analysieren die Vorgeschichte des „Dritten Reiches“, in: Literaturkritik Nr. 11/2014, <http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19908> (04.12.2014).

Zitation
Stefanie Schüler-Springorum: Rezension zu: : Flut und Boden. Roman einer Familie. Stuttgart  2014 , in: H-Soz-Kult, 05.01.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23065>.