L. van Middelaar: The Passage to Europe

Cover
Titel
The Passage to Europe. How a Continent Became a Union


Autor(en)
van Middelaar, Luuk
Erschienen
Umfang
392 S.
Preis
$ 30.00 / € 23,70
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jacob Krumrey, Europäisches Hochschulinstitut, Florenz

Bücher zur Europäischen Union füllen mittlerweile eine ganze Bibliothek. Darin freilich ist auch das kleinste Regal noch zu groß für die wenigen Bücher, die der EU eine literarische Note abzugewinnen vermögen, diesem Ungetüm aus Verträgen, Verfahren und Verordnungen. In dieses kleine Regal hinein gesellt sich nun ein Neuzugang: Luuk van Middelaars „Passage to Europe“, das hier in englischer Übersetzung des niederländischen Originals vorliegt.[1] Middelaar arbeitet als Redenschreiber für den EU-Ratspräsidenten Herman van Rompuy; dessen Rede aus Anlass der Überreichung des Friedensnobelpreises an die EU im Jahre 2012 stammt aus seiner Feder. Formal aber handelt es sich hierbei um eine Doktorarbeit der Philosophie, eingereicht an der Universität von Amsterdam, wo es sogar als beste geisteswissenschaftliche Doktorarbeit des Jahres gewürdigt wurde. 13 Seiten Endnoten und 28 Seiten kommentierte Bibliographie bezeugen den akademischen Ursprung dieses Werkes, das über die Akademie hinaus wirken will. Und allem Anschein nach auch wird, wenn man den begeisterten Rezensionen in Prospect, der Financial Times oder dem Economist folgt.

Middelaars Thema: die Verwandlung von Europas Staatenwelt der Allianzen und Gleichgewichte in den verrechtlichten Raum der EU, dem allmählich von innen wie außen das Recht zuerkannt wird, für „Europa“ zu sprechen – ein an sich unerhörter Vorgang, den es in der Welt der Realisten gar nicht hätte geben dürfen.

Das Buch folgt einer strengen Dreier-Gliederung: drei Teile mit je drei Kapiteln. Teil 1 handelt von Mehrheitsentscheidungen und davon, wie sie akzeptiert wurden, nämlich oft schleichend und auf Umwegen. Teil 2 behandelt die institutionelle Geschichte, von der Kohle- und Stahlgemeinschaft der 1950er-Jahre bis hin zur Europäischen Union nach dem Lissaboner Vertrag. Teil 3 schließlich handelt vom (oft unglücklichen) Werben der EU um die Europäer, von Fragen um Demos und Demokratie, Identität und Öffentlichkeit, aber auch vom Nutzen und Vorteil der europäischen Integration. Quer zu den drei Teilen, wiederum drei sogenannte Sphären, gewissermaßen als Leitmotive: die innere Sphäre aus Kommission und Parlament, die äußere Sphäre der souveränen Staaten und die mittlere und vermittelnde Sphäre der als Gemeinschaft handelnden Staaten.

Diese dritte Sphäre liegt Middelaar besonders am Herzen; sie bildet so etwas wie die unausgesprochenen Kernthese des Buches: Weder seien die Staaten souverän geblieben, noch habe sich die Kommission zu Europas Souverän aufgeschwungen. Vielmehr agierten die Staaten in ihrer Gesamtheit – lies, der Rat – als Souverän, würden Europa als Einheit verkörpern und könnten legitim für Europa sprechen.

Wer die rechtswissenschaftliche Literatur zu Konstitutionalismus und die politikwissenschaftliche Literatur zu European Governance kennt, den überrascht diese Erkenntnis vielleicht nicht. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht erlaubt der Mittelweg immerhin, die Geschichte der europäischen Integration geschickt zwischen den altbekannten Klippen sogenannter guter Europäer (Hallstein) und angeblich schlechter Europäer (de Gaulle) hindurch zu navigieren und zu ausgewogenen Urteilen zu kommen, durchaus auf der Höhe des Forschungsstands, etwa in der Passage zum Luxemburger Kompromiss (S. 54–72).

Ein altes Thema, keine ganz frische These, aber dafür sehr erfrischend erzählt. Das Erzählen nämlich nimmt Middelaar ernst. Er verweigert sich dem Governance-Jargon und bedient sich statt dessen literarischer Gleichnisse. Die drei Sphären erinnern wohl nicht zufällig an Dante. Und, siehe da, selbst das Fegefeuer bekommt einen Gastauftritt. Das suche mal einer in der EU-Historiographie! Das Gespräch sucht er mit Nietzsche, Hobbes, immer wieder Machiavelli und (natürlich) Jefferson. Manche Brücke zwischen den Zeiten, Räumen und Disziplinen ist dabei arg weit gespannt. Als Rezensent sollte ich offen sagen: Ich persönlich gehe über diese Brücken ohne Not, sogar mit Bewunderung. Aber jeder Leser muss letztlich entscheiden, was schwerer wiegt: der Gewinn an Kraft und Klarheit oder der Verlust an Abstand und Präzision.

Die drei Teile sind unterschiedlich gelungen: Nicht neu, aber gut getroffen ist der erste Teil über die Mehrheitsentscheidungen; anspruchsvoll, aber anregend ist der dritte Teil zu den Legitimationsstrategien der EU. Ausgerechnet der eigentlich historische, zweite Teil bleibt etwas flach – dazu unten mehr.

Schließlich aber wirft das Buch eine grundsätzliche Überlegung auf. Konrad Jarausch hat die Europa-Geschichtsschreibung einmal vor der Treitschke-Falle gewarnt: der Essentialisierung Europas und der Teleologisierung der EU.[2] Wie ein Leitmotiv flicht Middelaar die Warnung vor Teleologie in seine Erzählung ein. „The European political body is not a necessity, not a fact, not a goal in itself“, schreibt er im Schlusskapitel (S. 309). Gleichzeit treibt er die Erzählung mit Metaphern der Bewegung voran: „leap“ (S. 81), „step across“ (S. 42), unterbrochen von „sojourn“ und „waiting“ (S. 131) auf „forward movement“ (S. 134). Wohin aber geht diese „Passage to Europe“, wenn nicht auf ein unausgesprochenes Ziel hin, ein Telos?

Middelaar eröffnet das Buch mit einem langen Zitat aus Foucaults „Ordnung des Diskurses“ und deutet so eine Auflösung des Widerspruchs an: Europa als EU zu denken und die EU als Projekt, das seiner Vollendung harrt – gewiss, das ist willkürlich, geformt durch Macht und neue Macht formend, aber eben ein Diskurs, der sich in den Köpfen innerhalb und außerhalb Europas behauptet hat. Ein Treitschke also, der Foucault im Munde führt! Ein unverschämtes Ausweichmanöver oder gar ein kluger Gedanke? Darüber sollten vielleicht auch jene Historiker nachdenken, denen Middelaars Stil ansonsten eher wenig behagt.

So viel Lob berechtigt zu Kritik, wohl wissend, dass die Anlage eines solchen Buches nicht alle Wünsche zulässt: Schade zunächst, dass ein so ungewöhnlich begabter Erzähler im zweiten, geschichtlichen Teil wieder bloß Gewohntes erzählt: Die drei Jahrzehnte zwischen den 1950er- und 1990er-Jahren werden mit einem Kopfnicken abgetan. Als ob die Währungsschlange, die erste außenpolitische Zusammenarbeit oder sogar die Etablierung des Europäischen Rates der Rede nicht wert seien. Von Öl-Schock und neoliberaler Wende ganz zu schweigen.

Überhaupt beginnt die Erzählung bei den Institutionen; nicht bei den Problemen, die die Institutionen lösen sollen: Hauptdarsteller in Middelaars Drama sind die drei Sphären. Selbst die Staatsmänner und Staatsfrauen der Diplomatiegeschichte habe nur Gastauftritte, dürfen zwischen den Sphären einmal Türen öffnen – Auftritt Kohl und Delors –, ein andermal – Auftritt Maggie Thatcher – Türen zuknallen. Der Bauer, der Aktivist und selbst der Brüsseler Experte müssen Europas sphärische Verwandlung als Zuschauer beklatschen. Aber war diese Verwandlung nun Selbstzweck oder der Suche nach neuartigen Lösungen geschuldet?

Den EU-Kosmos schildert Middelaar brillant, aber es ist ein Mikrokosmos, der wenig zu sagen hat über die Geschichte des Kontinents und seiner Bewohner, die zu verkörpern doch, so lese ich bei Middelaar, den eigentlichen Erfolg der EU ausmacht. Und in Zeiten der Globalgeschichte darf man den Blick auch weiten: Wo steht dieses verwandelte, aber klein gewordene EU-Europa in der Welt: als Ausnahme, als Rückzugsgefecht oder gar wieder als Missionar? Große Fragen allesamt, aber wo nach Antworten suchen, wenn nicht in einem mutigem Buch wie diesem…

Seinen Mut zu loben würdigt auf gerechte Weise dieses Buch, das alle Genres sprengt, zu verwegen für den Experten, zu belesen für den Bachelor-Studenten, nicht mehr Politikwissenschaft, noch nicht politische Programmschrift. Bewunderung gebührt diesem Mut, das Ungetüm EU durch Erzählen bändigen zu wollen – unbekümmert von bibliothekfüllenden EU-Theorien, die genau das verbieten. Der kundige Leser wird allerdings die Theorien wiederfinden, verwandelt in farbige Sprachbilder. Dieses Buch macht keinem Wälzer den Platz in der EU-Bibliothek streitig, darf das auch gar nicht. In dem Regal für die literarische EU-Literatur indes darf es sehr wohl den Ehrenplatz beanspruchen.

Anmerkungen:
[1] Es gibt mittlerweile Übersetzungen ins Französische, Polnische, Spanische, Ungarische und sogar ins Estnische. Übersetzungen sind geplant fürs Arabische und Chinesische, interessanterweise aber nicht fürs Deutsche. Der Autor hat übrigens eine gut gemachte Website, die auch zu anderen Rezensionen führt: <http://www.passage-to-europe.eu> (15.08.2014).
[2] Konrad H. Jarausch, Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa. Eine transnationale Herausforderung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte Heft 39, 2004, S. 3–10.

Zitation
Jacob Krumrey: Rezension zu: : The Passage to Europe. How a Continent Became a Union. Yale  2014 , in: H-Soz-Kult, 08.09.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23066>.
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Veröffentlicht am
08.09.2014
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