C. Fritsche u.a (Hrsg.): "Arisierung" und "Wiedergutmachung"

Cover
Titel
"Arisierung" und "Wiedergutmachung" in deutschen Städten.


Hrsg. v.
Fritsche, Christiane; Paulmann, Johannes
Erschienen
Umfang
394 S.; 33 s/w-Abb.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Schleusener, Berlin

Die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden durch die Nationalsozialisten sowie die Nachgeschichte dieses Prozesses sind seit einiger Zeit kein Desiderat der Forschung mehr. Nachdem die Erforschung des Prozesses, der zeitgenössisch "Arisierung" und "Entjudung" genannt wurde, erst recht spät eingesetzt hatte, wurde sie im Folgenden umso energischer betrieben. Gezeigt hat sich hier nicht zuletzt, wie fruchtbar Ergebnisse der Lokalgeschichte die Befunde für die Reichsebene ergänzen und bereichern, aber auch korrigieren können. Die Saat der Hamburger Pionierstudie von Frank Bajohr aus dem Jahr 1997 ist hier insofern aufgegangen; nicht zuletzt deshalb, weil Bajohr anschaulich gezeigt hat, wie auch bei der Betrachtung der Lokalgeschichte übergreifende Befunde herausgearbeitet werden können (dies gilt insbesondere für die von ihm entwickelte Typologie der Erwerber jüdischen Eigentums sowie die "Entdeckung" der Devisenüberwachung als Schrittmacher der wirtschaftlichen Existenzvernichtung der Juden).[1]

Aufgrund des inzwischen fortgeschrittenen Forschungsstandes[2] sind die Erwartungen hoch, wenn ein Sammelband sich mit der "'Arisierung' und 'Wiedergutmachung' in deutschen Städten" auseinandersetzt. Man erwartet in einem solchen Band Impulse setzende Beiträge, die aus der Vielzahl der entstandenen Mikrohistorien zentrale Ergebnisse destillieren und handlungsleitende Strukturen im Prozess der Vernichtung der Wirtschaftstätigkeit jüdischer Deutscher herausarbeiten.

Das vorliegende Ergebnis, ein Sammelband, der auf eine Mannheimer Tagung zurückgeht, die im April 2012 stattfand und den Endpunkt eines Forschungsprojekts zur "Arisierung" und "Wiedergutmachung" in Mannheim markierte, entspricht diesen Erwartungen nur zum Teil. Zwar kommen gerade in den Aufsätzen von Christoph Kreutzmüller zur Begriffsproblematik sowie zur "wirtschaftspolitische[n] Landnahme" des Prozesses (S. 63) und von Benno Nietzel zur Sichtbarkeit "jüdischer Unternehmen" sowie zu Abwehrstrategien der Gewerbetreibenden weiterführende Aspekte zur Sprache, auch wenn die Untersuchungsergebnisse auf Berlin und Frankfurt am Main rekurrieren. Doch insgesamt überwiegt ein partikularistischer Zugriff, in dem der aufscheinende Horizont bereits an den Grenzen der jeweils betrachteten Stadt endet. Sehr zu begrüßen ist, dass der Beitrag der Mitherausgeberin Christiane Fritsche die Politik der Stadtverwaltung am Beispiel Mannheims untersucht. Sie bilanziert, dass die Stadtverwaltung "einer der größten Profiteure der ‚Arisierung‘ […] und eine treibende Kraft bei der Vernichtung jüdischer Existenzen in Mannheim" war (S. 160). Allerdings wären hier weiterführende Hinweise auf die Situation in anderen Städten nützlich gewesen.[3] Beiträge, die als Fallbeispiele die "Zertrümmerung" einer Kunstsammlung oder die "Arisierung" einer Firma in den Fokus rücken, können dagegen im Zusammenhang des Bandes weniger überzeugen, zumal hier auch sprachlich sowie in der Begriffsbildung unsauber gearbeitet wird.

Insgesamt fehlen dem Band eine ordnende Hand und auch eine überzeugende Dramaturgie. In der knapp 40-seitigen Einleitung der Herausgeber wird zwar die Begriffsproblematik ausführlich erörtert, die meisten Beiträge verwenden die für problematisch erachteten Begriffe aber dennoch weiter. Die reflexhafte Distanzierung von Quellenbegriffen degeneriert zum Ritual, wenn anschließend doch daran festgehalten wird, zeitgenössische Tätersprache zur wissenschaftlichen Verständigung zu nutzen (auch wenn dies bei dem Themenkomplex der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden eine gewisse Tradition hat).

Höchst aufschlussreich ist die Hereinnahme der österreichischen Perspektive auf den "rassisch" motivierten Eigentumstransfer. Berthold Unfried vermag in seinem Beitrag Akzente zu setzen, indem er auf einvernehmliche Eigentumsübertragungen, den Profit des Staates durch Steuerforderungen sowie die strukturpolitische Dimension von "Arisierung" und Liquidierung eingeht. Hier wird deutlich, dass die massenhafte Liquidierung von Gewerbebetrieben das Problem der "Übersetzung" lösen sollte. Neben der Angleichung der österreichischen an die deutsche Wirtschaft ging es um Rationalisierung, Modernisierung, die Einstellung von "Volksgenossen", die Verbesserung der Rohstoffausnutzung und nicht zuletzt auch um sozialpolitischen Mehrwert, indem Aufstiegschancen für sonst Chancenlose geschaffen wurden. Diese Befunde sind nicht auf die österreichische Situation begrenzt, sondern werfen ein Schlaglicht auf die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden insgesamt. Sehr zu Recht weist Unfried auch darauf hin, dass die Restitution (in Österreich "Rückstellung" genannt) nicht restaurativ ausgelegt war. Liquidierte Betriebe wurden nicht wieder eröffnet und die Ergebnisse der NS-Politik nicht einfach rückgängig gemacht.

So weiterführend diese Beobachtungen sind – man vermisst in dem Band neben der Darstellung der Politik der Mannheimer Stadtverwaltung einen Beitrag, der auch andere Akteure der Ausschaltungspolitik auf örtlicher oder regionaler Ebene in den Blick nimmt, etwa die Kreis- und Gauwirtschaftsberater. Auch das breite Feld der Profiteure wird nicht hinreichend deutlich.

Was die Nachgeschichte der wirtschaftlichen Existenzvernichtung der Juden angeht, wirft Susanna Schrafstetter einen Interesse weckenden Blick auf die Soforthilfe unmittelbar nach Kriegsende. Aus der Perspektive des Frühjahrs 1945 setzte die offizielle Entschädigung sehr spät ein – der Beitrag bringt etwas Licht in das Dunkel der Jahre 1945/46, zumal hier die Quellen auch einmal die Perspektive der Opfer reflektieren. Die "verfolgtenferne" Entschädigungspraxis stellt Julia Volmer-Naumann in den Mittelpunkt ihrer verwaltungsgeschichtlichen Betrachtung. Da sie von der Landesebene ausgeht, wirkt der Beitrag in diesem Sammelband, der explizit die Situation in den Städten zu untersuchen sich zur Aufgabe gestellt hat, allerdings etwas deplatziert.

Insgesamt teilt der Band eher Ergebnisse mit, als dass er Impulse für weitere Forschungen setzt. Das Innovationspotential hält sich in Grenzen, zumal die meisten Beiträge in erster Linie über Befunde informieren, die an anderer Stelle in Form ausführlicher Monographien bereits vorgestellt wurden. Wer sich in verhältnismäßig knapper Form über wichtige Forschungsergebnisse aus den vergangenen Jahren informieren will, ist mit dem Sammelband aber gut bedient.

Anmerkungen:
[1] Frank Bajohr, "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933–1945, Hamburg 1997.
[2] Siehe hierzu den ausführlichen Forschungsüberblick von Benno Nietzel, Die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der deutschen Juden 1933–1945. Ein Literatur- und Forschungsbericht, in: Archiv für Sozialgeschichte 49 (2009), S. 561–613.
[3] Aus dem Mannheimer Projekt sind folgende Arbeiten von Christiane Fritsche hervorgegangen: Christiane Fritsche, Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt. Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim, Ubstadt-Weiher 2013, und dies.: "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus." Die "Arisierung" von Grundstücken in Mannheim durch Institutionen der evangelischen Kirche, Ubstadt-Weiher 2014.

Zitation
Jan Schleusener: Rezension zu: Fritsche, Christiane; Paulmann, Johannes (Hrsg.): "Arisierung" und "Wiedergutmachung" in deutschen Städten. Köln  2014 , in: H-Soz-Kult, 10.12.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23098>.