T. Großbölting u.a. (Hrsg.): Jenseits der Moderne?

Cover
Titel
Jenseits der Moderne?. Die Siebziger Jahre als Gegenstand der deutschen und der italienischen Geschichtswissenschaft


Hrsg. v.
Großbölting, Thomas; Livi, Massimiliano; Spagnolo, Carlo
Erschienen
Berlin 2014: Duncker & Humblot
Umfang
309 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christof Dipper, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Wer sich für einen gehaltvollen Umgang mit dem Thema ‚Moderne‘ aus historischer Perspektive einsetzt und außerdem am deutsch-italienischen Vergleich interessiert ist, nimmt diesen Sammelband mit großem Interesse, ja freudiger Erwartung zur Hand. Ein Volltreffer sozusagen, denn wann decken sich schon einmal die Forschungsinteressen in so perfekter Weise? Das Konzept der Moderne eignet sich für einen Vergleich zweier Nationalkulturen im 19. und 20. Jahrhundert besser als andere historische Kategorien. Dies gilt gerade im Falle der scheinbar so parallel verlaufenden Nationalgeschichten Deutschlands und Italiens.[1]

Kaum öffnet man das Buch, landet man aber unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Ein expliziter Vergleich war vielleicht ursprünglich beabsichtigt, findet aber, obwohl es durchaus Autoren gibt, die das leisten könnten, lediglich in drei Beiträgen statt. Die entsprechende Enttäuschung muss man als Leser wohl eher den eigenen Idiosynkrasien zuschreiben. Anders der Umgang mit dem Thema ‚Moderne‘. Es ist ein Unglück, dass sich die Herausgeber ohne weitere Begründung soziologischen Moderne-Theorien verschreiben, anstatt sich der inzwischen durchaus vorhandenen und in Lutz Raphaels Beitrag vorgestellten geschichtswissenschaftlichen Moderne-Konzepte zu bedienen. Favorit ist Ulrich Beck, aber insgesamt reicht die Spannweite von François Lyotard über Anthony Giddens bis Zygmunt Bauman. Historiker sollten eigentlich irritiert sein, wenn ihnen die gesellschaftliche Wirklichkeit mittels kanonisierter soziologischer Autoren präsentiert wird, denn das ist ein theoretisch formulierter Anspruch, der sich eben auch nur theoretisch einlösen lässt. Es fehlt ihnen zumeist auch die Kompetenz zum angemessenen Transfer soziologischer Methoden, weshalb sie sich dem Thema dann „mit der nonchalanten Eleganz agnostischer Opportunisten“ zu nähern pflegen, wie Raphael ironisch festhält (S. 95). Das bekommt historiographischen Beiträgen in der Regel schlecht – und so ist es auch hier. Man fragt sich, ob der Aufwand nötig war, um das den Sammelband strukturierende Konzept umzusetzen. Es besteht in der Erprobung der drei zwischen Selbstbeschreibung und Forschungskonzept changierenden, angeblich die Postmoderne hinreichend kennzeichnenden Paradigmen Individualisierung, Pluralisierung und Denormativierung, mit denen die 1970er-Jahre als Zäsur historisiert werden sollen.

Für sich genommen überzeugt die Gliederung: Im ersten Hauptteil („Interpretationskategorien“) sind vier Beiträge der Theorie der Moderne bzw. Postmoderne gewidmet, drei weitere stellen die genannten Paradigmen vor. Der zweite Hauptteil („Untersuchungen zum Wertewandel“) besteht aus sechs Fallstudien. Es könnte irritieren, dass für das Grundsätzliche Professoren, für die Fallstudien die Nachwuchskräfte zuständig sind, aber das postmoderne Paradigma macht es möglich, dass die Jüngeren sich nicht um das kümmern müssen, was die Älteren als relevant verkünden – und dass die Älteren sich gegenseitig auch nicht zur Kenntnis nehmen. Insoweit mindestens ist am Wertewandel nicht zu zweifeln.

Auf die sehr kundige, aber ganz auf Deutschland beschränkte perspektivische Einleitung zur Frage einer Zäsur in den 1970er-Jahren folgen drei Beiträge von Italienern, die allesamt die These einer Postmoderne ablehnen. Der Historiker Carlo Spagnolo tut dies allerdings mit Vorbehalt: Er lehnt nur das Substantiv ab, nicht aber das Adjektiv. Das ist schwer zu verstehen. Auch dass er zwischen soziologischen und historischen Überlegungen oszilliert, beeinträchtigt das Verständnis (und nicht zuletzt die gelegentlichen Satzungetüme). Gerade seine umständlichen Überlegungen zum Charakter des Umschwungs demonstrieren unfreiwillig den Vorteil, den die geschichtswissenschaftliche Moderne-Theorie mit ihren Kulturschwellen besitzt. Paolo Pombeni, ein vorzüglicher Kenner der angelsächsischen und deutschen Literatur, rückt anschließend vor allem erkenntnistheoretisch der Postmoderne zu Leibe, wiederholt aber lediglich, was er anderswo, wenn auch nicht auf Deutsch, bereits vorgestellt hat: Der Linguistic Turn stelle die falsche Frage und sei über sich selbst nicht aufgeklärt, zur Benennung der Gegenwart besäßen die Historiker keine Kompetenz, und die Epoche der Moderne sei nach 500 Jahren um 1973 zu Ende gegangen, und zwar nach einer 30-jährigen Phase, die Pombeni die Zeit der „dissolutiven Stabilisierung“ nennt – ein Oxymoron, das das Ende erklären helfen soll. Der Kultursoziologe Paolo Jedlowski versucht mit dem Ansatz der multiplen Moderne, die er anders fasst als Shmuel N. Eisenstadt, die Theorie der Postmoderne zu widerlegen, weil gewisse Denk- und Handlungsdispositionen zeigten, dass wir immer noch in der Moderne lebten. Auf die 1970er-Jahre und wenigstens eines der im Titel genannten Länder geht er nicht ein.

Wie man auf die im Buch angesprochenen Fragen mit Hilfe einer geschichtswissenschaftlichen Moderne-Theorie Antworten findet, demonstriert Raphaels Aufsatz brillant. Auf wenigen Seiten stellt er nicht nur drei in der Historiographie entwickelte Konzepte vor und durchmustert die deutsche und italienische Geschichte seit der Nationalstaatsgründung auf wenigen Seiten, sondern zeigt auch gleich noch, wie man mit Hilfe einer so verstandenen Moderne einen höchst originellen deutsch-italienischen Vergleich der Gegenwart anstellen kann. Dies gipfelt darin, dass Raphael die Hypothese eines Phasenwechsels um 1970 ideen- und erfahrungsgeschichtlich als „besonders unangemessen“ bezeichnet (S. 106) und die unkritische Übernahme der soziologischen Behauptungen vom Traditionsabbruch in Sachen Arbeitsorientierung, sozialer Mobilität und Familienstrukturen kritisiert; die Wirklichkeit sehe ganz anders aus, jedenfalls bis zum Jahr 2000.

Eigentlich müssten die Autoren, zumindest aber die Herausgeber auf diesen überzeugend entfalteten Fundamentaleinwand irgendwie reagieren. Aber nichts dergleichen. Die Tagesordnung wird einfach fortgesetzt mit den drei Beiträgen, die die soziologischen Paradigmen der Postmoderne auf den Prüfstand stellen: Detlef Siegfried diskutiert die Individualisierung – eher auf die neuen Milieus und dort auf die jüngere Generation beschränkt –, Frank Bösch die Pluralisierung – sie werde stark überschätzt, selbst für die Bundesrepublik, aber erst recht (mit Ausnahme der Medien und der Politik) für Italien – und Großbölting den Wertewandel – er lasse sich nicht auf die 1970er-Jahre begrenzen und bringe vor allem nicht mehr Freiheit, sondern neue Inhaber der Diskurshoheit. Das war alles schon anderswo zu lesen und rechtfertigt den Aufwand von Tagung und Sammelband nicht.

Neues und Weiterführendes erhofft sich der Leser nach anhaltender Enttäuschung nur noch von den Fallstudien, doch sind diese von einer Qualität, dass im Interesse der Beteiligten auf eine nähere Befassung verzichtet wird. Die große Ausnahme ist Olga Sparschuh, Doktorandin an der Freien Universität Berlin, die Konsumverhalten und Wertvorstellungen italienischer Arbeitsmigranten in Turin und München vergleicht. Der handwerklich mustergültige Aufsatz – weil es offenbar nicht mehr allseits bekannt ist, seien hier die Bestandteile aufgezählt: Ausgangshypothese, Forschungslage, sachgeschichtliche Randbedingungen, Quellen und dann Darstellung – kommt zum Ergebnis, dass nicht von Wertewandel, sondern von einer „Wertesynthese“ (S. 295) gesprochen werden muss.

Es passt zu diesem Buch, dass die Beiträge nicht aufeinander bezogen sind und nicht voneinander Notiz nehmen (obwohl man ja zwei oder drei Tage an einem wunderbaren Ort gemeinsam verbracht hat[2]), dass die Herausgeber keine Bilanz ziehen und deshalb die Widersprüche unvermittelt stehen bleiben. Es passt außerdem, dass die vom Mitherausgeber Massimo Livi verantwortete thematische Bibliographie, an sich eine sehr verdienstvolle Hilfe, unter dem Stichwort „Moderne“ ausschließlich soziologische Titel aufführt, obwohl er bei Raphael etliche geschichtswissenschaftliche nur hätte abschreiben müssen, und dass er unter dem Stichwort „Religion“ nicht einmal den in seinem eigenen Exzellenzcluster erschienenen neuen Sammelband zum Thema nennt.[3] Und dann muss leider noch die Frage nach einer Schlussredaktion gestellt werden, denn die Übersetzerinnen kamen mehrfach an ihre Grenzen: Fehler, unvollständige und sinnfreie Sätze blieben unkorrigiert. Von Raphaels und Sparschuhs Beiträgen abgesehen, ist dies leider ein überflüssiges Buch.

Anmerkungen:
[1] Mehr dazu bei Christof Dipper, Ferne Nachbarn. Aspekte der Moderne in Deutschland und Italien, in: ders. (Hrsg.), Deutschland und Italien 1860–1960. Politische und kulturelle Aspekte im Vergleich, München 2005, S. 1–28.
[2] Vom 7. bis 9. November 2011 in der Villa Vigoni bei Como; siehe den Tagungsbericht von Nicolai Hannig, in: H-Soz-u-Kult, 28.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4209> (06.09.2014).
[3] Ulrich Willems u.a. (Hrsg.), Moderne und Religion. Kontroversen um Modernität und Säkularisierung, Bielefeld 2013.

Zitation
Christof Dipper: Rezension zu: Großbölting, Thomas; Livi, Massimiliano; Spagnolo, Carlo (Hrsg.): Jenseits der Moderne?. Die Siebziger Jahre als Gegenstand der deutschen und der italienischen Geschichtswissenschaft. Berlin  2014 , in: H-Soz-Kult, 07.10.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23103>.