H. Reinalter (Hrsg.): Außenseiter der Geschichtswissenschaft

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Titel
Außenseiter der Geschichtswissenschaft.


Hrsg. v.
Reinalter, Helmut
Erschienen
Würzburg 2014: Königshausen & Neumann
Umfang
342 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Berg, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

In siebzehn biographischen Porträts möchte der zu besprechende Band „Außenseiter der Geschichtswissenschaft“ vorstellen. Diese kennzeichne, so der Herausgeber Helmut Reinalter im knapp gehaltenen, einleitenden Vorwort, dass sie „nicht einer Hauptrichtung oder Schule der Geschichtsschreibung angehörten, sondern stärker am Rand angesiedelt waren und daher auch keine eigene Richtung gründen konnten.“ (S. 7) Darüber hinaus verweist Reinalter auf das Vorwort des Vorgängerbandes „Außenseiter der Philosophie“ und auf die dort aufgestellten Kriterien des „Außenseitertums“. Diese orientieren sich aber, dem Gegenstand jenes Bandes gemäß, an den Besonderheiten der Philosophie und erwägen, inwieweit innerhalb dieser von „Außenseitern“ gesprochen werden könne.[1] Ergänzt durch Überlegungen zur Sozialfigur des „Außenseiters“, der auch einige Zeilen im Vorwort des zu besprechenden Bandes gewidmet sind, verbleiben die Grundlagen und Auswahlkriterien für die nun porträtierten „Außenseiter der Geschichtswissenschaft“ jedoch im Allgemeinen.

Auf eine auch nur ansatzweise Skizze des disziplinären Feldes der Geschichtswissenschaft, ihrer Erkenntnisgrundlagen, ihrer fachlichen Stellung, ihrer Institutionalisierung(en), prägender politischer, konfessioneller und sozialer Milieus – mithin alles Fragen, die einen etwaigen „Mainstream“ prägen und damit erst Außenseiterpositionen ermöglichen –, wird verzichtet. Man mag dies für eine im Vorwort eines Sammelbandes nicht leistbare Aufgabe halten, doch ist der ausgewählte Kreis an Protagonisten weniger heterogen, als nach dem allgemeinen Titel und Vorwort des Bandes zu vermuten ansteht: Von 17 Porträts sind allein 13 deutschsprachigen Historikern gewidmet (möchte man Eric Voegelin dazuzählen, wofür einiges spräche, sind es gar 14, dazu kommen zwei Franzosen und ein Schwede). Von diesen wiederum, lässt man den Österreicher Friedrich Heer und den deutsch-böhmischen Historiker Hermann Hallwich außen vor, fällt nur Friedrich Christoph Dahlmann zeitlich „aus dem Rahmen“, alle anderen Historiker wirkten im Deutschen Kaiserreich oder gehörten den Geburtsjahrgängen der 1890er/1900er an, wurden also noch wesentlich von diesem geprägt.

Ein diese Hauptgruppe einordnender Umriss der disziplinären Entwicklung erscheint möglich, vor allem aber für das Vorhaben des Bandes selbst unverzichtbar: Die gewürdigten „Persönlichkeiten schrieben ihre Werke am Rande des historischen Denkens“ (Vorwort, S. 7) – doch wo befindet sich dieser vermeintliche „Rand“, wenn Mittelpunkt oder Zentrum keinerlei Konturen erfahren oder erwogen wird, wer darüber wann mit welchen Gründen befunden hat? Die aufgeführten „Hauptrichtungen“ und „Schulen“, von denen entfernt die Porträtierten gewirkt haben sollen, erfahren keinerlei Erläuterung, auch eine Auskunft über die Gründe für die weitgehende nationale und epochale Beschränkung bleibt aus (ausdrücklich bedauert der Herausgeber das Fehlen von Historikerinnen). Kurzum: Das Vorwort lässt für das Erkenntnisinteresse des Bandes wesentliche Ausgangsüberlegungen vermissen und verschenkt auf diese Weise gleich zu Beginn einen Gutteil seines Potentials.

Denn interessant erscheint es schon, wenn in einem Band Karl Lamprecht und Georg von Below vereint als Außenseiter klassifiziert werden, es lässt auf einen frischen, weniger kanonisierten Blick auf die Fachgeschichte und ihren Methodenstreit des ausgehenden 19. Jahrhunderts hoffen. Doch bleiben beide Beiträge, die Gründe sind ausgeführt, miteinander unverbunden. Die souveräne Darstellung Matthias Middells streut zudem erhebliche Zweifel, ob die allzu gewohnte Wahrnehmung Lamprechts als Außenseiter noch zu rechtfertigen ist, zählt den Schlachtruf „Lamprecht gegen den Mainstream“ vielmehr zu den „erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen des späteren 20. Jahrhunderts“ (S. 194f.). Auch Georg von Below habe seinerzeit, so Ellinor Forster, keineswegs als Außenseiter gegolten, zu diesem habe ihn erst seine ausbleibende Nachwirkung werden lassen (S. 19) – ein wissenschaftshistorisch wenig überzeugendes Kriterium, bei dessen umfassenderer Anwendung zudem eine Vielzahl früherer Geschichtsschreiber nachträglich zu Außenseitern würden. In ihrem angesichts des ausgreifenden Wirkens Belows schmalen Beitrag konzentriert sich Forster auf eine allerdings nicht immer glücklich erscheinende Rezeption vorliegender Studien [2]; fundierte Anregungen zu einer möglichen Außenseiterstellung Belows vor allem in der Geschichtswissenschaft seiner Zeit bleiben aus.

Sämtliche Beiträge des Bandes folgen einer Grundstruktur aus biographischer Würdigung, Werkvorstellung sowie einer Wirkungsgeschichte. Entsprechend gut geordnet informieren etwa die Beiträge über Dahlmann und Hans Delbrück (Harm Klueting), Eckart Kehr (Niels Grüne), Arthur Rosenberg (Mario Keßler) oder Eugen Rosenstock-Huessy (Andreas Leutzsch), wenn auch unter gelegentlich abweichender Gewichtung der drei Teilaspekte. Die Aufnahme Wilhelm Diltheys und Karl Poppers (Reinalter) erscheint zunächst nicht zwingend, weitet aber die historiographiegeschichtliche Perspektive des Bandes gewinnbringend, auch die Berücksichtigung Ernst Troeltschs (Claus Oberhauser) zählt zu diesen Stärken des Bandes. Tief in die Randzonen des Faches führt der Beitrag über Hermann Hallwich (Robert Rebitsch), dessen facettenreiche Biographie zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft geradezu als Gegenstück zur die Professionalisierung der Geschichtswissenschaft begleitenden, mindestens zweifachen Disziplinierung – fachlich wie lebensweltlich – erscheint. Selbstredend aber war und ist die Grenze zwischen professioneller und laienhafter Geschichtsforschung eine stets veränderliche, sie wird je nach Standort und Interesse festgelegt. Auch Friedrich Heers Wirken (Sigurd Paul Scheichl) entfaltete sich entlang solcher, selbst oder von anderen gezogenen Trennlinien. Seien es akademische Grade, angemessene Publikationsorte, thematische und epochale Spezialisierungen, aber auch erwartete Argumentations- und Verhaltensformen: Stets, so verdeutlichen die Beiträge zu Hallwich wie Heer, bedürfen beide Seiten der jeweils anderen, ohne Zentrum keine Peripherie, ohne Hauptrichtung keine Nebenströme – et vice versa.

Es ist die Gesamtanlage des Bandes, nicht seine in der Mehrzahl informativen und anregenden Beiträge, die nicht recht zu überzeugen vermag. Der Wunsch, „Außenseiter“ der Geschichtswissenschaft „zu rehabilitieren und bekannter zu machen“ (S. 8) gleicht mehrfach weniger einer Ehrenrettung denn einer neuerlichen Degradierung, etwa beim längst zum „Klassiker“ erhobenen Ernst Kantorowicz.[3] Auch haben beinahe die Hälfte der hier Porträtierten vor mehr als vierzig Jahren bereits Aufnahme in Hans-Ulrich Wehlers „Deutsche Historiker“ gefunden, bei Rosenberg und Kehr durchaus mit ähnlicher Motivation, aber eben an einer Seite mit dem tatsächlichen oder vermeintlichen „Mainstream“ des Faches, nicht als Außenseiter markiert.

Der Band verstehe sich, so sei ein letztes Mal das Vorwort des Herausgebers bemüht, als „Provokation“ (S. 7). Doch welches provokative Potential birgt die historiographiegeschichtliche Variation einer die Geschichtskultur, keineswegs nur in Deutschland, seit langem und umfassend prägenden Entwicklung – dem „Paradigmenwechsel von der historischen Heroisierung zur historischen Viktimisierung“ [4], der Hinwendung zu Opfern, Verlierern und Marginalisierten, eben den Außenseitern? In Wehlers Sammlung fand sich seinerzeit unter den altbekannten und neuentdeckten deutschen Historikern zumindest einer, dessen Würdigung als Außenseiter zugleich gerechtfertigt wie provokativ erschiene: Walter Frank.[5]

Anmerkungen:
[1] Helmut Reinalter / Andreas Oberprantacher (Hrsg.), Außenseiter der Philosophie, Würzburg 2012, Einleitung S. 7–14.
[2] Hier vor allem zu nennen: Hans Cymorek, Georg von Below und die deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1998.
[3] Olaf B. Rader, Ernst Hartwig Kantorowicz (1895–1963), in: Lutz Raphael (Hrsg.), Klassiker der Geschichtswissenschaft. Band II: Von Fernand Braudel bis Natalie Z. Davis, München 2006, S. 7–26.
[4] Martin Sabrow, Heroismus und Viktimismus. Überlegungen zum deutschen Opferdiskurs in historischer Perspektive, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien 43/44, 2008, S. 7–20, hier S. 10.
[5] Hagen Schulze, Walter Frank, in: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker. Band VII, Göttingen 1980, S. 69–81.

Zitation
Matthias Berg: Rezension zu: Reinalter, Helmut (Hrsg.): Außenseiter der Geschichtswissenschaft. Würzburg  2014 , in: H-Soz-Kult, 23.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23111>.
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Veröffentlicht am
23.03.2016
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