L. Lewandowska u.a. (Hrsg.): Vergangenes in Erinnerung rufen

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Titel
Vergangenes in Erinnerung rufen.... Beiträge zur Kulturgeschichte des Königlichen Preußens


Hrsg. v.
Lewandowska, Liliana; Szczerbowska-Prusevicius, Katarzyna; Zientara, Wlodzimierz
Erschienen
Münster 2014: LIT Verlag
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Neugebauer, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

In der polnischen Geschichtswissenschaft wird denjenigen Regionen des südlichen Ostseeraumes, die vormals zu Preußen gehörten, nicht erst seit 1989 große Aufmerksamkeit gewidmet. In den letzten Jahrzehnten sind, etwa unter der Leitung von Bogdan Wachowiak, große, handbuchartige Unternehmungen begonnen worden, die beachtet werden müssen, wenn die Regionen Preußens auf der Grundlage einer internationalen Forschungsliteratur zum Gegenstand wissenschaftlicher Bemühungen gemacht werden sollen.[1]

Es sind die östlichen Teile des alten Preußen, die bei unseren Nachbarn jenseits der Oder im Zentrum des Interesses stehen. Das „Königliche Preußen“, also dasjenige königlich polnischen Anteils, nach der ersten Teilung Polens dann „Westpreußen“ genannt, hat deshalb stets besondere Aufmerksamkeit gefunden, weil diese Region seit der Mitte des 15. Jahrhunderts unter der Krone Polens stand. In welcher (Rechts-)Form dies der Fall war, hat die (ältere) deutsche und polnische Forschung streitig diskutiert. In der polnischen Geschichtswissenschaft ist die Rolle der Städte, vor allem die Danzigs, Elbings und Thorns, und die Bedeutung des dortigen „Bürgertums“ besonders akzentuiert worden, wobei der jeweilige Bürger-Begriff allerdings einer näheren Bestimmung im Lichte der modernen Forschung bedürfte.[2]

In diesen Kontext ordnet sich die kleine Aufsatzsammlung ein, die insbesondere „Beiträge zur Kulturgeschichte“ aus der Feder polnischer und französischer Autorinnen und Autoren bietet, die meisten Nachwuchskräfte an polnischen Universitäten. Von der älteren Generation hat Janusz Małłek, Kenner der west- und ostpreußischen Geschichte der Frühen Neuzeit[3], einen Klassiker zu Kopernikus als „Gelehrter, Thorner“ und „Renaissancemensch“ beigesteuert, in dem dessen Verankerung im Polen seiner Zeit in den Mittelpunkt gerückt wird, seine „propolnische Haltung“, was auch dadurch bestätigt werde, dass Kopernikus sich neben der deutschen der lateinischen Sprache bediente, die ja im frühen 16. Jahrhundert „die Kanzleisprache in Polen“ gewesen sei (S. 36).

Włodzimierz Zientara, der vor einiger Zeit eine Studie über den Danziger Historiker und Juristen des 18. Jahrhunderts Gottfried Lengnich vorgelegt hat[4], berichtet über die das Königliche Preußen betreffenden Bestände des Instituts für deutsche Presseforschung in Bremen mit interessanten Hinweisen auf die Kommunikationsstrukturen im Weichselraum des 16. bis 18. Jahrhunderts. Die Schwerpunkte der Berichterstattung lagen in diesen „Zeitungen“ auf der Landtags- und Reichstagsaktivität im Polen dieser Epochen. Auch frühe ethnische Stereotypenbildungen treten in diesem Quellenmaterial entgegen. Einzelne dichte Überlieferungen in Tübingen einerseits, in Tschechien andererseits bezieht Zientara in seine Studie mit ein (S. 150).

Damit ist schon ein Hinweis auf die inhaltliche Vielfalt, aber auch auf die thematische Heterogenität des kleinen Bandes gegeben, der 13 Beiträge vereint. Auf Studien zur „Gelehrtenrepublik“ der Städte dieser Region, vor allem in Danzig und in Thorn, folgen zwei „Dichterporträts“, sodann – drittens – „Preußen-Bilder“ in früher Chronistik, in Kosmographien und Topographien der Frühen Neuzeit, und als vierter Teil eine Abhandlung über die „Wiedergabe von Ortsnamen in der Übersetzung geschichtswissenschaftlicher Texte“ (Emilia Kubicka).

Immer soll, wie es in einem der Vorworte heißt, nach der „Konstruktion der deutschen oder polnischen Identität“ gefragt werden (S. 5). Das Problem liegt dabei im „oder“. Denn gerade in einer Region, deren kulturelle und deren Marktbeziehungen in ganz besonderem Maße durch transnationale Konstellationen geprägt worden sind, birgt die Tendenz zur Essentialisierung die Gefahr von Anachronismen. Die Forderung, dass die Einwohner sich entscheiden sollten für das eine oder das andere, hat in den 1820er-Jahren der liberale (Reform-)Bürokrat Theodor von Schön erhoben – eben weil bis dahin die ausschließliche oder auch nur primäre Option für das Nationale die Realitäten noch nicht prägte. Die Adelssippen mit zwei Namen, mit einem deutschen und einem polnischen, illustrieren die frühneuzeitlichen Kulturwelten dieser Region[5], die in diesem Band im Mittelpunkt stehen. Dies beleuchtet die kleine, interessante Studie von Katarzyna Pieper über die Beziehungen des (freilich nicht eigentlich ermländischen) Grafen Lehndorff, eines Mannes mit besten Verbindungen zur Berliner Hofgesellschaft und zum ermländischen Bischof Krasicki, der seinerseits beste Kontakte zum Warschauer Hof besaß (S. 69). Dieser Beitrag belegt einmal mehr die Tatsache, dass es in den 1760er bis 1790er Jahren eine propreußische Fraktion im Adel Polens gab.

Hervorzuheben ist ferner die Studie der Französin Danielle Buschinger, die aus einer handschriftlichen Chronik zum späten 15. und frühen 16. Jahrhundert referiert, die die Perspektive der (west)preußischen Historie aus dem Blickwinkel der Danziger Interessen erkennen läßt (S. 84). „Preußen als ein interkultureller Begegnungsort“ (Liliana Lewandowska, S. 96ff.) bleibt ganz gewiss gerade im Lichte moderner transnationaler Fragestellungen ein lohnendes Objekt einer Forschung, die den Reiz der preußischen Geschichte darin erkennt, nationale Essentialisierungen jedweder Herkunft zu erkennen, zu kritisieren und zu überwinden.

Anmerkungen:
[1] Exemplarisch (und mit einem weit vor 1989/90 zurückreichenden Vorlauf) Bogdan Wachowiak (Hrsg.), Historia Prus, Bd. 1 (bis 1701), Poznań 2001; Bd. 2 (bis 1800), Poznań 2010; unter Mitarbeit u. a. von Wachowiak: Gerard Labuda (Hrsg.), Historia Pomorza, Bd. 2 (bis 1815), 2 Teile, Poznań 1976 und 1984, für die Jahre 1464–1815.
[2] Vgl. Marian Biskup, Die Rolle der Städte in der ständischen Repräsentation des Ordensstaates Preußen im XIV. und XV. Jahrhundert, in: Preußenland 15 (1977), S. 55–69; Kontroversliteratur zur Rechtsstellung des Königlichen Preußen bei Wolfgang Neugebauer, Politischer Wandel im Osten. Ost- und Westpreußen von den alten Ständen zum Konstitutionalismus, Stuttgart 1992, S. 60f., Anm. 152 (Górski).
[3] Von ihm repräsentativ: Janusz Małłek, Dwie części Prus. Studia z dziejów Prus Książęcych i Prus Królewskich w XVI i XVII wieku, Olsztyn 1987.
[4] Włodzimierz Zientara, Gottfried Lengnich. Ein Danziger Historiker in der Zeit der Aufklärung, 2 Teile, Torún 1995/96.
[5] Mit Nachweisen: Wolfgang Neugebauer, Zwischen Preußen und Rußland. Rußland, Ostpreußen und die Stände im Siebenjährigen Krieg, in: Eckhart Hellmuth u.a. (Hrsg.): Zeitenwende? Preußen um 1800. Festgabe für Günter Birtsch zum 70. Geburtstag, Stuttgart 1999, S. 43–76, hier S. 45f.

Zitation
Wolfgang Neugebauer: Rezension zu: Lewandowska, Liliana; Szczerbowska-Prusevicius, Katarzyna; Zientara, Wlodzimierz (Hrsg.): Vergangenes in Erinnerung rufen.... Beiträge zur Kulturgeschichte des Königlichen Preußens. Münster  2014 , in: H-Soz-Kult, 09.10.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23268>.