Cover
Titel
The Normans and Empire.


Autor(en)
Bates, David
Erschienen
Umfang
256 S.
Preis
£ 35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alheydis Plassmann, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Laut dem Klappentext des Bandes hat David Bates sich anhand moderner soziologischer und politologischer Begriffe mit dem Problem auseinandergesetzt, ob es so etwas wie ein normannisches Imperium gegeben hat und wenn ja, wie dieses ausgesehen hat. Nun sind Imperien in letzter Zeit en vogue, schließlich fand auch der stets gut besuchte International Medieval Congress in Leeds im Jahr 2014 zum Thema „Empires“ statt[1], aber die Idee von einem Imperium der Normannen ist deutlich älter, ist doch John Le Patourels Buch „The Norman Empire“ im Jahr 1976 erschienen.[2] David Bates hat 1989 in einem umfangreichen Artikel[3] zu Le Patourels Buch Stellung bezogen, und die jetzt vorliegenden umfangreichen Gedanken zu der Frage nach den Normannen und ihrem „Empire“ sind, wie Bates offen schreibt, auch der Tatsache geschuldet, dass ihn die umfangreiche Beschäftigung mit den normannischen Königen – etwa die Edition der Urkunden Wilhelms des Eroberers –[4] dazu veranlasst hat, das Thema der Normannen und ihres Imperium neu anzugehen und sich erneut mit Le Patourel auseinanderzusetzen. Dass diese Auseinandersetzung mit Le Patourel aus einer Vorlesungsreihe erwachsen ist, ist bei der Lektüre deutlich spürbar. In quasi mäandernden Bewegungen nähert sich Bates dem Thema an und die Argumentationen fließen schlussendlich zusammen und münden in der Erkenntnis, dass das anglo-normannische Reich Verbindungen aufwies, die einen Zusammenhalt der einzelnen Regionen des Reiches bewirkten, den man mit „Empire“ zumindest näherungsweise beschreiben kann.

Der Titel ist mit Bedacht gewählt, da Bates zwar Züge eines „Empire“ an dem Gebilde aus Normandie und England, das von 1066 bis 1204 Bestand hatte, erkennt, aber gleichzeitig die Verengung auf eine irgendwie geartete normannische Eigenheit dieses „Empire“, die mit einer adjektivischen Umschreibung einherginge, bewusst vermeiden möchte. Am liebsten wäre es ihm gar, wenn die Forschung den Begriff der normannitas, der sich für das vage Zusammengehörigkeits- und Identitätsgefühl der Normannen in England, der Normandie und in Italien durchgesetzt hat, wieder vollständig aufgäbe (S. 189f.).

Angelehnt an moderne Definitionen setzt sich Bates zunächst mit dem Begriff „Empire“ auseinander (The Normans and Empire, S. 1–27) und grenzt es von „imperialism“ und „colonization“ ab, die ihm für die Normannen unpassend erscheinen. Von Bedeutung ist ihm, dass ein „Empire“ ein Zentrum (und eine Diaspora) hat, dass dieses Zentrum gegenüber der Peripherie autoritativ und zivilisationsbestrebt auftritt. Schon mit dem Zentrum wird es beim anglo-normannischen Reich durchaus schwierig, da man weder die Normandie noch England wirklich als Zentrum benennen könnte. Die Normannen seien also eine Art „absent minded imperialists“ (S. 14), weil die Errichtung eines „Empire“ nicht wirklich ihr Ziel war. Weiterhin kommt Bates im einführenden Kapitel auf die Auswirkungen der Eroberung von 1066 zu sprechen, wie die „hard power“ (S. 18) nach der Eroberung Verhältnisse zwischen Normannen und Engländern zementierte und wie die Macht Wilhelms des Eroberers von den Zeitgenossen als eine überkönigliche, mit neuer Qualität versehene, wahrgenommen wurde.

Im zweiten Kapitel (The Experience of Empire, S. 28–63) geht Bates auf Erfahrungen des „Empire“ ein, die es den beteiligten Personen ermöglichten über den Kanal hinweg Beziehungen zu knüpfen, und damit auch auf den Ebenen unterhalb des Königtums und nicht nur beim Hochadel eine Verbundenheit geschaffen wurde. In vielen Fällen ist also das Interesse an einem Erhalt der anglo-normannischen Einheit nicht nur in der Königsfamilie, in der man es eindeutig nachweisen kann, gegeben. Beispiele dafür sind in individuellen Lebensläufen genauso zu finden, wie in Familiengeschichten und ganz besonders bei den Historiographen, bei denen die Vorstellungen von „Empire“ schon deshalb auf fruchtbaren Boden fielen, weil für die angelsächsische Niederlage von 1066 eine gute Begründung in der Überlegenheit der Normannen gefunden wurde, die zudem auf angelsächsische, historiographische Traditionen zurückgreifen konnte.

Im dritten Kapitel (William the Conqueror as Maker of Empire, S. 64–92) legt Bates dar, auf welche Weise gerade die Herrschaft Wilhelms des Eroberers die Grundlagen für das Imperium der Normannen legte. Dieser König erfüllte in außergewöhnlicher Weise das Ideal eines kriegerischen Königs und instrumentalisierte seinen Erfolg. Gleichzeitig spielte er auf der Klaviatur der „soft power“ (S. 81) mit Begünstigung von Kirchen und Förderung der Kirchenreform. Dies kristallisiert sich für Bates als entscheidend für die Gründungsphase des „Empire“, wobei er hier nicht einer veralteten Vorstellung von den Männern, die Geschichte machen, aufsitzt, sondern im Gegenteil die persönlichen Voraussetzungen, die Wilhelm der Eroberer mitbrachte, geschickt im Zusammenspiel mit gesamteuropäischen Entwicklungen wie der Kirchenreform und anderem erläutert.

Im vierten Kapitel (Hegemony, S. 93–127) legt Bates dar, inwieweit die neuen Verbindungen des „Empire“ von Nutzen sein konnten. Besonders eindrücklich ist es, wie Bates in einem Abschnitt des Kapitels von der Peripherie her denkt und Nachbarn des Empire, nämliche Graf Elias von Maine, Gruffydd ap Cynan von Gwynedd in Nordwales und König David I. von Schottland, als Beispiele für Personen nennt, die ihre Verbindungen zum „Empire“ und Entwicklungen im „Empire“ geschickt und in großem Ausmaß für die eigenen Interessen und zum Ausbau der eigenen Stellung benutzten.

Im fünften Kapitel (Core, Periphery, and Networks, S. 128–159) werden die bisher gewonnenen Ergebnisse noch auf die Ebene des Niederadels und den Adel der Peripherie ausgeweitet, etwa die Familie Bruce, die, obwohl in Schottland angesiedelt, weiterhin intensive Kontakte und Verbindungen zur Normandie pflegte. Das Bild des „Empire“ der Normannen bis 1154 wird so abgerundet, ehe Bates sich im sechsten Kapitel (Empire: From Beginning to End, S. 160–190) Gedanken zu den Gründen für die Auflösung des „Empire“ macht. Er macht deutlich, dass die Bruchlinien, an denen die anglo-normannische Verbundenheit unter Johann Ohneland 1204 endgültig zerbrach, schon vorher vorhanden waren. Diesem Kapitel merkt man wohl am deutlichsten an, dass hier die Forschung in gewissem Sinne noch am Anfang steht. Ohne den detaillierten Blick, den Bates in den vorherigen Kapiteln auf die Eliten zwischen 1066 und 1154 geworfen hat, ist es nämlich kaum möglich, genau auszumachen, inwieweit die Verbundenheit der Länder der Anjou-Plantagenet gegenüber der normannischen Zeit vorher intensiviert oder auch gelockert wurde und welche Änderungen nach 1154 genau dazu geführt haben, dass die Interessen der Eliten mit einem Zusammengehen der kontinentalen Besitzungen mit England offenbar nicht mehr so gut bedient wurden wie vorher. Die Antwort auf die Frage nach dem „Angevin Empire“ steht also noch aus, auch wenn David Bates überaus wichtige Anregungen dafür gegeben hat und sein Buch wichtige Anstöße für die Forschung bietet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. <http://www.leeds.ac.uk/ims/imc/imc2014.html> (11.03.2015).
[2] John Le Patourels, The Norman Empire, Oxford 1976.
[3] David Bates, Normandy and England after 1066, in: English Historical Review 104 (1989), S. 851–880.
[4] David Bates (Hrsg.), Regesta Regum Anglo-Normannorum. The acta of William I (1066–1087), Oxford 1998.

Zitation
Alheydis Plassmann: Rezension zu: : The Normans and Empire. Oxford  2013 , in: H-Soz-Kult, 08.04.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23270>.
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Veröffentlicht am
08.04.2015
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