S. Berger u.a. (Hrsg.): Erinnerungsorte. Chancen, Grenzen, Perspektiven

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Titel
Erinnerungsorte. Chancen, Grenzen und Perspektiven eines Erfolgskonzeptes in den Kulturwissenschaften


Hrsg. v.
Berger, Stefan; Seiffert, Joana
Erschienen
Essen 2014: Klartext Verlag
Umfang
249 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Yvonne Robel, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)

Angesichts der Fülle von Literatur, die inzwischen auf den Begriff der Erinnerungsorte rekurriert, ist es ein überfälliges Unterfangen, die „Chancen, Grenzen und Perspektiven“ dieses Konzeptes aufzuzeigen, es somit „einer Prüfung zu unterziehen“ (S. 11) und zu „historisieren“ (S. 20), wie es der Sammelband von Stefan Berger und Joana Seiffert verspricht.[1] So viel vorab: Dieses Versprechen wird nur teilweise eingelöst, wenngleich der Band spannende Anknüpfungspunkte für eine Auseinandersetzung mit Begriff und Konzept aufzeigt. Vorausgegangen ist der Publikation eine Tagung, die zugleich als Auftakt für das Projekt „Erinnerungsorte Ruhr“ (2012–2017) fungierte. Im Bestreben, diesem Projekt eine theoretische Basis zu verleihen, betonen Berger/Seiffert eingangs, dass die „Fluidität und Wandelbarkeit von Erinnerung […] in einer permanenten Spannung zur Tendenz des Erinnerungsortekonzepts [stehe], Erinnerung festzuschreiben und in einer Art von Meisterzählung zu institutionalisieren“ (S. 33). Gerade deshalb müsse der konstruktive Charakter von Erinnerungsorten betont werden. Hilfreich hierfür sei es, sie als „Palimpseste“ zu begreifen, als Texte also, die fortwährend überschrieben werden. Analysen sollten dieses fortwährende Überschreiben stärker berücksichtigen und dabei auch akteurszentrierte Ansätze einbeziehen. Daran anknüpfend schlagen Berger/Seiffert vor, den Begriff des Ortes durch den des Raums oder der Landschaft zu ersetzen – beides zunehmend diskutierte, prozessorientierte und fluide Konzepte. Der Erinnerungsbegriff wiederum wäre aufgrund seiner oftmals dichotomen Abgrenzung zur Geschichte durch den der Zeit zu ersetzen, so dass anstatt von „Erinnerungsorten“ von „Zeit-Räumen“ die Rede sein könne (S. 36). Der Mehrwert einer solchen, ebenfalls erklärungsbedürftigen Ersatzterminologie erschließt sich nicht wirklich, zumal die folgenden Beiträge des Bandes illustrieren, dass es sinnvoller ist, den Begriff der Erinnerungsorte in seinen zeitlichen und räumlichen Dimensionen auszudifferenzieren, als ihn zu ersetzen.

Der Band unterteilt sich in drei Teile – von der theoretischen Grundlegung über die Rezeption und Regionalisierung des Konzepts hin zu Praktiken der Aushandlung konkreter Erinnerungsorte. Hinter der Überschrift „Zeitschichten der Erinnerung“ verbergen sich theoretische Überlegungen zum Konzept und dessen räumlichen sowie zeitlichen Dimensionen. Die Beiträge widmen sich dabei auch grundlegend dem Verhältnis von Erinnern und Vergessen sowie von Erinnerung und Geschichte/Geschichtswissenschaft. Aleida und Jan Assmann loten die Berührungspunkte zwischen Erinnerungsorten und heiligen Orten aus, um deren Entstehung auf den Grund zu gehen. Der Verortung von Erinnerungsorten im Spannungsfeld zwischen Gedächtnis und Geschichte widmen sich Klaus Große Kracht und Chris Lorenz. Während ersterer für die Beibehaltung der Halbwachs’schen Unterscheidung plädiert und Erinnerungsorte am Schnittpunkt zwischen Gedächtnis und Geschichte positioniert, kritisiert letzterer das Beharren auf einer künstlichen Trennung und fordert ein Umdenken in der Geschichtswissenschaft. Was dies mit Blick auf das Konzept der Erinnerungsorte bedeutet, diskutiert Lorenz leider nicht. Tilmann Robbe schließlich verdeutlicht das Sichtbarwerden verschiedener Zeitschichten in einem Erinnerungsraum, indem er sich mit Walter Benjamins Idee einer persönlichen Gedächtnis-Stadtlandschaft auseinandersetzt.

An diese theoretischen Auseinandersetzungen vermögen die Beiträge im zweiten Teil „Blicke auf Rezeptionsgeschichten und Regionalisierungen des Erinnerungsortekonzepts“ nur teilweise anzuschließen. In vergleichender Perspektive widmen sich Benoît Majerus und Kornelia Kończal der bisherigen Rezeption des Konzeptes und zeichnen deren Tendenzen nach. Eine Historisierung des Erinnerungsortekonzepts gelingt vor allem Majerus, der sich mit der Rezeption auf nationaler, regionaler und transnationaler Ebene und darüber hinaus mit der Übertragung auf religiöse, politische und periodische Kategorien befasst. Zudem werden hier die verschiedenen Verwendungsweisen mit übergreifenden historisch-politischen Kontexten sowie nationalen Besonderheiten gerahmt. Bruno De Wever verdeutlicht für Belgien und die Niederlande, was es heißt, Erinnerungsorte entweder als variable Aushandlungsprozesse zu begreifen oder aber sie im Gegenteil als konkrete Orte historischer Ereignisse festschreiben zu wollen. Miloš Řeznik und Jay Winter widmen sich den Dynamiken regionaler Erinnerung (ersterer allgemein, letzterer am Beispiel britischer Musik im Ersten Weltkrieg) – größtenteils ohne dem Erinnerungsortekonzept besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Rainer Hudemann fragt nach den Besonderheiten von Erinnerungsorten in Grenz- und Überlagerungsräumen und plädiert für ein erweitertes Konzept, das verflechtende Aspekte stärker beachtet. Der Abschnitt ist nicht nur von sehr disparaten Herangehensweisen der Autor/innen geprägt, sondern offenbart zugleich ein Ordnungsproblem des Bandes: Hätte sich zum einen Majerus’ Text als Einstieg bestens geeignet, leisten zum anderen vor allem Řezniks und Winters Beiträge zwar eine Auseinandersetzung mit dem Regionalen, beziehen sich jedoch kaum auf das Konzept der Erinnerungsorte.

In gewisser Weise setzt sich diese Schwäche des Bandes im dritten Teil fort – hebt der Titel „Erinnerungsorte als umstrittene Orte“ doch einen Aspekt hervor, der Erinnerungsorten zumeist innewohnt, vor allem wenn man sie als Palimpseste begreift. Inwiefern neuralgische topographische Orte mit teils auch konkurrierenden Deutungen versehen und von verschiedenen Akteuren beansprucht werden, zeigt Werner Telesko anhand regionaler Erinnerungsorte im Habsburgerreich. Katie Digan zeichnet die Auseinandersetzungen um das Haus der Wannsee-Konferenz nach und diskutiert vor allem damit verbundene, sich wandelnde räumliche Implikationen. Claus Leggewie schließlich argumentiert anhand des „Aljoscha“-Denkmals in Tallin und dessen Einbettung in eine europäische Erinnerungskultur, dass selbst äußerst „konfliktreiche Erinnerungsorte ‚á la longue‘ politischen Wandel und supranationale Integration bewirken können“ (S. 231). Zwar gelingt es allen drei Autor/innen durchaus, die Konflikthaftigkeit dieser Orte (im engeren Sinne des Wortes) zu veranschaulichen, dennoch wäre eine andere thematische Ordnung des Bandes hier mit Blick auf die theoretische Vertiefung des Konzeptes gewinnbringender gewesen.

So lassen sich durchaus einige beitragsübergreifende Erkenntnisse bündeln: Äußerst inspirierende Überlegungen zur räumlichen Dimension des Erinnerungsortkonzeptes liefert erstens Robbes Auseinandersetzung mit Benjamins „Gedächtnislandschaft“, in der er betont, dass das Neben-und Miteinander verschiedener Erinnerungsorte, wie in zahlreichen Projekten praktiziert, erst zur Entstehung von Erinnerungsräumen führe (S. 96). Telesko merkt zudem an, dass „die Kodierung bzw. Umkodierung [von Erinnerungsorten, Y. R.] letztlich auf die gesamte Topografie auszustrahlen vermag“ (S. 194). Auch Digans Frage danach, welche Vorstellungen von Räumlichkeit (als soziales Konzept) oder Örtlichkeit (als materielle, messbare Größe) sich in Diskussionen um Erinnerungsorte einschreiben, verdient es, weiter verfolgt zu werden. Das wechselseitige Verhältnis zwischen verschiedenen räumlichen Bezügen bietet zusätzliches Diskussionspotential. So weist etwa De Wevers darauf hin, dass nationale Erinnerungsorte oft auch ein post-nationales Leben entwickeln würden; Winter wiederum illustriert jenes Wechselverhältnis anhand der nationalen Einhegung des Lokalen/Regionalen.

Auf die zeitliche Dimension des Konzeptes heben zweitens insbesondere Große Kracht und Lorenz ab, indem sie betonen, dass Halbwachs’ Trennung zwischen Gedächtnis und Geschichte zugleich mit unterschiedlichen Vorstellungen von Zeitlichkeit verbunden sei. Große Kracht betont entsprechend eine eigene Temporalität von Erinnerungsorten, die er unter dem Foucault’schen Begriff der Heterochronien fasst und als „örtlich gebundene Zeiterfahrung [versteht, Y. R.], die mit der temporalen Struktur des Alltagsgeschehens bricht“ (S. 68). Erinnerungsorte seien immer auch Orte vergangener Zukunftserwartungen (S. 70) – ein Ansatz, der in der empirischen Anwendung des Konzepts verifiziert werden könnte.

Drittens lohnt es auch, Fragen der Identifizierung von relevanten Erinnerungsorten weiter auszubuchstabieren. De Wever gibt für Belgien zu bedenken, dass die Projektteams, die über die Auswahl solcher Orte mitentscheiden, oftmals von einer männlichen, weißen Mittelklasse dominiert seien. Majerus moniert eine westeuropäische Dominanz im Blick auf Osteuropa. Kończal zeigt mit einer in Österreich initiierten Bevölkerungsumfrage zur Bestimmung relevanter Erinnerungsorte einen alternativen Weg auf. Dass dieses Problem der Auswahl auch etwas mit der eigenen Positionsbestimmung der Geschichtswissenschaft (im Spannungsverhältnis von Gedächtnis und Geschichte) zu tun hat, verdeutlichen die Beiträge von Lorenz und Robbe.

Diese Querschnitte zeigen, dass es ein verdienstvolles Unterfangen mit Potential ist, das oftmals strapazierte Erinnerungsortekonzept auf den Prüfstand zu stellen und theoretische Auseinandersetzungen neben praktischen Übertragungen zu forcieren. Für die Fortentwicklung des Projektes „Erinnerungsorte Ruhr“ haben Tagung und Band offensichtlich wichtige Anregungen geliefert[2], so dass man hier auf eine reflektierte Umsetzung des Konzeptes gespannt sein darf.

Anmerkungen:
[1] Allerdings gibt es durchaus schon andere solche Versuche, etwa von Tilmann Robbe, Historische Forschung und Geschichtsvermittlung: Erinnerungsorte in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft, Göttingen 2009; vgl. die Rezension von Stefan Berger, in: H-Soz-Kult, 23.11.2010 <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13174> (13.10.2015).
[2] Siehe den Tagungsbericht der Folgeveranstaltung. Joana Seiffert, Tagungsbericht: Erinnerungsorte Ruhr, 13.12.2013-14.12.2013 Essen, in: H-Soz-Kult, 14.05.2014 <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5366> (13.10.2015).

Zitation
Yvonne Robel: Rezension zu: Berger, Stefan; Seiffert, Joana (Hrsg.): Erinnerungsorte. Chancen, Grenzen und Perspektiven eines Erfolgskonzeptes in den Kulturwissenschaften. Essen  2014 , in: H-Soz-Kult, 08.12.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23275>.
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08.12.2015
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