J. Garth: Tolkien und der Erste Weltkrieg

Cover
Titel
Tolkien und der Erste Weltkrieg. Das Tor zu Mittelerde


Autor(en)
Garth, John
Erschienen
Stuttgart 2014: Klett-Cotta
Umfang
464 S.
Preis
€ 22,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erik Stiegmann, Düsseldorf

„Da ließ Rog seine gewaltige Stimme erschallen, und das Volk vom Hammer des Zorns und das Geschlecht vom Baum mit Galdor dem Tapferen sprang auf den Feind los. Und die Schläge ihrer großen Hämmer und die Hiebe ihrer Keulen hallten bis zu den Umzingelnden Bergen, und die Orks fielen wie Fliegen; und die Männer der Schwalbe und des Bogens überschwemmten sie mit Pfeilen wie mit den dunklen Regen des Herbstes, und in Getümmel und Rauch fielen Orks wie Gondothlim. Gewaltig war dieser Kampf, doch trotz all dieses Heldenmutes wurden die Gondothlim unter der Wucht der ständig zunehmenden Zahl ihrer Gegner allmählich zurückgedrängt.“[1]

Diese Zeilen beschreiben eine der grausamsten Schlachten, die John Ronald Reuel Tolkien in seinem Legendarium schildert. Sie erzählen vom Fall des verborgenen Elben-Königreichs Gondolin im „Ersten Zeitalter“ lange vor den Ereignissen im bekannteren „Der Herr der Ringe“, die im „Dritten Zeitalter“ des fiktiven Kontinents Mittelerde spielen. Die Erzählung „Der Fall von Gondolin“ gehört zu den ersten, die Tolkien für seine gewaltige Mythologie verfasst hat. Die Zeilen sind wohl Ende 1916 oder Anfang 1917 entstanden als Tolkien sich in der englischen Heimat von seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg und einem schweren Grippeanfall erholte. Dabei war die Grippe das Geringste, was einem Frontsoldat wie Tolkien im Ersten Weltkrieg passieren konnte. Er kämpfte als Fernmeldeoffizier unter anderem an der Somme und erlebte damit eine der grausamsten Schlachten des Ersten Weltkrieges selbst mit. John Garth hat in seiner etwas anderen Biographie des Autors, die nun nach langer Wartezeit auch auf Deutsch erschienen ist, speziell diese Lebensphase untersucht. Er verengt damit den Fokus, schafft es aber dadurch, der Biographie Tolkiens zahlreiche Informationen hinzuzufügen und vor allem durch das intensive Studium von Briefen und Feldberichten manche Feststellung des großen Tolkien-Biographien Humphrey Carpenter zu korrigieren.[2]

Freilich setzt auch Garth’ Schilderung des Lebens von Tolkien wesentlich früher an, nämlich in dessen Schul- und Studienzeit. Er untersucht dabei vor allem, wie aus dem Autor das werden konnte, was aus ihm geworden ist – nämlich „einer, der für sich träumt“ (S. 401). Garth widmet dabei dem Umstand viel Aufmerksamkeit, wie aus der Freundschaft zwischen J.R.R. Tolkien und seinen Schul- und Studienfreunden Christopher Luke Wisemen, Robert Quilter Gilson und Geoffrey Bache Smith, ein kreatives Potenzial entstand, das sich in vielen frühen Gedichten Tolkiens zeigt, die in Garth’ Buch zum Teil das erste Mal zugänglich sind und dankenswerter Weise sowohl im englischen Original als auch in deutscher Übersetzung abgedruckt sind. Die Freundschaft dieser vier jungen Männer, die sich als „TCBS“ in einer Art „Club“ immer wieder zusammenfanden, ermöglichte es Tolkien erst, seine Geschichten zu erfinden und zu entdecken.

Freilich kam Tolkien bei der Entdeckung seiner schriftstellerischen Schaffenskraft auch etwas anderes zu Hilfe: sein nahezu übergroßes Interesse an fremden, vor allem alten Sprachen. Angefangen bei den klassischen Sprachen Latein und Alt-Griechisch, entdeckte Tolkien bereits als Schüler und später als Student sein Interesse am Alt-Germanischen sowie diversen nordischen Sprachen. Besonders faszinierte ihn an diesen Sprachen immer wieder, wie sich alte Heldengeschichten in ihnen förmlich materialisierten. Diese intensive Beschäftigung war wohl der Auslöser für den jungen Tolkien, selbst Sprachen zu entwickeln, um mit ihnen eigene Heldengeschichten und Mythologien erschaffen zu können. Er erfand dabei nicht einfach Wörter, sondern konstruierte seine Sprachen nach konkreten grammatikalischen Regeln, wie z.B. der ersten Lautverschiebung. So entstanden bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Grundlagen des „Quenya“, der späteren Elben-Sprache im Herrn der Ringe. Die detaillierte Nachzeichnung dieser Entdeckungsreise Tolkiens durch John Garth zeigt einmal mehr, was Tolkien eigentlich leistete: Er erschuf eine Welt aus der Sprache und ihrer Erforschung.

Neben seiner lebenslangen Leidenschaft für Sprachen hatte die Freundschaft der „TCBS“ für Tolkien einen zentralen Stellenwert, auch wenn verschiedene Auseinandersetzungen „die unsterblichen Vier“, wie sie sich selbst nannten, einmal entzweiten. Aus den Augen verloren sie sich erst im Ersten Weltkrieg, an dem alle vier teilnahmen. Tolkien rückte 1915 als Fernmeldeoffizier ein, nachdem er zuvor sein Studium abgeschlossen hatte. Zwei der Freunde, Gilson und Smith, verloren im Krieg ihr Leben. Für viele Tolkien-Exegeten war es schon immer eine spannende Frage, wie viel von seinen persönlichen Erlebnissen er in seinem Mythos von Mittelerde verarbeitet hat. Tolkien selbst hat solche Parallelen immer von sich gewiesen: „Persönlich glaube ich nicht, dass einer der beiden Kriege […] Einfluss auf die Handlung und die Art ihrer Abwicklung hatte. Vielleicht in der Landschaft. Die Totensümpfe und die Zugänge zum Morannon haben etwas von Nordfrankreich nach der Schlacht an der Somme“ (S. 433).[3] Garth zeigt dagegen eindrucksvoll die Wechselwirkung zwischen historischen Ereignissen und der Erschaffung eines literarischen Mythos. In seiner Darstellung nimmt er dabei eine Art „Doppelrolle“ ein: Er zeichnet die Kriegserlebnisse Tolkiens anhand der historischen Zeugnisse nach; gleichzeitig interpretiert er parallel die literarischen Texte Tolkiens, die im Umfeld dieser Zeit entstanden. Geschickt wird so die Erschaffung der erfundenen Geschichten mit der Zeit ihrer Entstehung verbunden.

Fakt ist: Mittelerde ist nicht unsere Welt – Mittelerde ist ein Produkt von Tolkiens Fantasie. Garth schildert, wie sehr sich der Erste Weltkrieg auch in der Kulturgeschichte niederschlug. Die neue Qualität des Kämpfens und Tötens mit Maschinengewehren, Panzern und Gas hatte für die jungen Menschen etwas zutiefst Erschreckendes, auch Tolkien war von seinen Erlebnissen an der Somme tief beeindruckt. Und dennoch sind die Schlachten in Mittelerde nicht die Schlachten des Ersten Weltkrieges. Sie mögen sich zwar in der Brutalität nicht voneinander unterscheiden. Der Unterschied zu unserer Welt liegt im Hintergrund, in etwas, das man als Moral bezeichnen könnte. Die Schlachten Mittelerdes dienen immer einem höheren Zweck. Sie sind ein episches Ringen zwischen Gut und Böse. Und somit sind sie etwas ganz Eigenständiges, etwas, das keine Entsprechung in unserer Welt findet. Garth arbeitet diesen Aspekt des Schaffens Tolkien sehr differenziert heraus. Es gelingt ihm, einen Einblick in das Denken dieses großen Autors zu ermöglichen, der sich mit seiner fantastischen und auch sehr moralisierenden Literatur zum Teil stark vom Schaffen anderer Autoren seiner Zeit abhob.

In der Zeit während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg schuf Tolkien die Grundlagen seines Mythos von Mittelerde. Zu dieser Zeit verfasste er die Erzählungen, die später von seinem Sohn Christopher Tolkien in den „Büchern der Verschollenen Geschichten“ zusammengefasst wurden, so wie es Tolkien selbst wohl im Sinn hatte. Kein einziges geschlossenes Werk entstand während des Ersten Weltkrieges; der „Hobbit“ – Tolkiens erster großer Erfolg – stammt von 1937. Und doch sind die frühen Erzählungen Tolkiens wesentlich für alles, was später folgen sollte. Sie bilden das Fundament seiner Mythologie. Drei zentrale Geschichten entstanden während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg: Die Geschichte von Tinúviel, die später Aragorn den Hobbits während der Wanderschaft abends am Lagerfeuer als die Geschichte von Beren und Lúthien erzählt, die Geschichte von Turambar und dem Foalóke – eine frühe Erzählung um einen grausamen Drachen – und die Geschichte vom Fall von Gondolin. John Garth analysiert alle drei Geschichten in einem ausführlichen Nachwort. Er zeigt, dass diese fantastischen Erzählungen für Tolkien eine Möglichkeit waren, eine mythische und längst entschwundene Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen und sie gegen die Grausamkeit des Kriegsalltages zu setzen. Dies ist die eigentliche Verbindung zwischen Tolkiens Erzählungen und seinen Erlebnissen während des Ersten Weltkriegs.

Anmerkungen:
[1] John Ronald Reuel Tolkien, Der Fall von Gondolin, in: Ders., Das Buch der verschollenen Geschichten 2, hrsg. von Christopher Tolkien, Stuttgart 1999, S. 192–290, hier: S. 237.
[2] Humphrey Carpenter, J.R.R. Tolkien. Eine Biographie, Frankfurt am Main 1983.
[3] Das Morannon ist das Schwarze Tor in das Land Mordor, wo Sauron, der dunkle Herrscher, sein Königreich hat.

Zitation
Erik Stiegmann: Rezension zu: : Tolkien und der Erste Weltkrieg. Das Tor zu Mittelerde. Stuttgart  2014 , in: H-Soz-Kult, 16.01.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23284>.
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Veröffentlicht am
16.01.2015
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