Sammelrezension: Sowjetisch-Chinesische Beziehungen

: The Sino-Soviet Alliance: An International History. Chapel Hill : University of North Carolina Press  2014 ISBN 978-1-4696-1159-4, 330 S. € 30,11.

: Drugata studena vojna. Săvetsko-kitajskijat konflikt i Iztočna Evropa [Der andere Kalte Krieg. Der sowjetisch-chinesische Konflikt und Osteuropa]. Sofia : Voenno izdatelstvo  2012 ISBN 978-954-509-472-9, 296 S.

Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Stefan Troebst, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig

Lorenz Lüthi und Sergey Radchenko haben unlängst die Geschichte des Konflikts zwischen der sich als Führungsmacht des Weltkommunismus gerierenden Sowjetunion unter Nikita S. Chruščëv und seinem Nachfolger Leonid I. Brežnev einerseits und dem konkurrierenden China Mao Zedongs andererseits für die Jahre 1956-1966 bzw. 1962-1967 in zwei quellengesättigten Monographien untersucht.[1] Dabei sind sie zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen gekommen: Während Lüthi den Bruch im Weltkommunismus auf ideologische Differenzen zurückführt – die Stichworte sind hier Entstalinisierung und „friedliche Koexistenz“ mit dem Westen -, hält Radchenko die persönlichen Animositäten zwischen dem ehrpusseligen Mao und dem unbeherrschten Chruščëv für ausschlaggebend.

Austin Jersild hingegen deutet das schwierige Verhältnis zwischen Moskau und Beijing nicht wie Lüthi und Radchenko von seinem Ende her, also von der schleichenden Zerrüttung ab 1958 bis zum Kurzkrieg am sibirischen Grenzfluss Ussuri 1969, sondern vom Anfang, von der Gründung der Volksrepublik China 1949 und dem sowjetisch-chinesischen Freundschafts-, Bündnis- und Beistandsvertrag von 1950. Anhand neu erschlossener sowjetischer, tschech(oslowak)ischer und DDR-Quellen, vor allem aber gestützt auf eine breiten Fundus chinesischer Archivalien aus dem Stadtarchiv Beijings sowie auf zahlreiche Periodika der Volksrepublik China, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei samt Autobiographien sowjetischer und chinesischer Akteure, beleuchtet er neben der Oberfläche von Diplomatie und Parteibeziehungen eingehend das, was sich im bilateralen Bereich unterhalb dieser Ebenen abgespielt hat. Den Fokus legt er dabei zum einen auf die nach China entsandten sowjetischen, ostdeutschen und tschechischen Berater und Experten, zum anderen auf die chinesischen Studenten und Fachleute, die Studium und Weiterbildung in der UdSSR und anderen RGW-Staaten absolvierten. In beiden Fällen stießen im Wortsinne Welten aufeinander, was nicht ohne ideologische, zivilisatorische und alltägliche Konflikte abging. Jersild erweitert damit nicht nur das von Lüthi und Radchenko gezeichneten Bild um eine kulturelle Tiefendimension, sondern belegt systematisch das, was Lüthi und Jordan Baev in seinem Buch über „den anderen Kalten Krieg“ an einzelnen Beispielen bereits angerissen haben: Dass das sowjetisch-chinesische Verhältnis de facto eines zwischen dem „Ostblock“ insgesamt und der Volksrepublik China war. Allen drei Autoren zufolge ist diese Relation indes nicht binär zu sehen, sondern ähnelt eher einem Dreiecksverhältnis, wie nicht zuletzt die differenzierte Politik Beijings gegenüber den ostmittel- und südosteuropäischen Warschauer Pakt-Staaten in den Jahrzehnten nach dem Bruch mit Moskau sowie die eigenständige China-Politik nicht nur Rumäniens (und natürlich Albaniens), sondern auch der Tschechoslowakei, Polens und Ungarns, ja partiell selbst der DDR belegt.

Als strukturierendes Element seiner Darstellung hat Jersild die beiden Moskau-Aufenthalte Maos um die Jahreswende 1949/50 und im Herbst 1957 gewählt – die einzigen Reisen, die der Große Vorsitzende jemals ins Ausland unternommen hat. Diese Gliederung in zwei Hauptteile ist insofern überzeugend, als sie zum einen mit der sowjetischen Chronologie von später Stalin-Ära und Entstalinisierungsperiode koinzidiert, zum anderen natürlich die beiden Phasen chinesischer Sowjetunionpolitik markiert: Zwischen beide Reisen fällt Maos Adaption des Herrschaftsmodell durch die Kommunistische Partei Chinas, danach folgt die Entfremdungsphase mit Maos Revisionismusvorwurf an den Bündnispartner in Moskau sowie die sowjetische Kritik an den verheerenden Folgen des 1958 eingeläuteten „Großen Sprungs nach vorn“. Einen regelrechten Schlusspunkt setzt Jersild nicht, sondern lässt seine Darstellung im Jahr 1964 auslaufen, wie auch Verlauf und Ergebnisse der beiden Moskau-Reisen Maos eigentlich nicht behandelt werden.

Den insgesamt sieben Kapiteln der beiden Hauptteile ist eine mit „The Imperial Question Transformed: The Socialist Bloc as International History“ betitelte Einleitung vorangestellt. Ein Fazit zu „Frustration and Betrayal: Russian Imperialism, Chinese Ambition, Central European Pragmatism” beschliesst den Band, der überdies ein detailliertes Verzeichnis der Archivquellen, eine nach Sprachen geordnete Bibliographie, ein Register zu Personen, Organisationen und Themen, nicht aber zu Ortsnamen und Staaten, sowie 14 zum Teil bislang unbekannte, da Archiven entnommene Fotografien enthält.

Jersilds Buch ist stellenweise eine fesselnde Lektüre, etwa wenn er die hysterischen Reaktionen der chinesischen und tschechoslowakischen Kommunisten auf die Affäre des 33jährigen verheirateten tschechischen Maschinenbauingenieurs und Beraters Oldřich Havlíček mit der 31jährigen Zhen Peilu, der Ehefrau eines Angestellten im chinesischen Energieministerium, in Shanghai im Jahr 1956 beschreibt (S. 97-102). Andere Passagen hingegen nehmen sich eher dröge aus, da der Autor sich hier gleichsam an seinen Quellenfunden entlang schreibt und einen Informationssplitter an den anderen reiht. Und während seine Darstellung im Wesentlichen chronologisch aufgebaut ist, fällt das letzte der sieben Kapitel – „Friends, Neighbors, Enemies. The Chinese Transformation of the Friendship Society“ – aus diesem Rahmen. Auch hätte man in diesem Kontext zusätzlich zu den Informationen über die diversen chinesisch-sowjetischen Freundschaftsgesellschaften in China gerne etwas über die sowjetischen Gegenstücke sowie über vergleichbare Organisationen in den anderen Warschauer Pakt-Staaten erfahren.

Erhellend ist Jersilds Einstieg in Gestalt der Biographie Pavel F. Judins (1899-1968), marxistisch-leninistischer Philosoph, Mitglied des ZK der KPdSU und von 1953 bis 1959 sowjetischer Botschafter in China. Judin, vormals ein Ždanov-Mann, war ein ideologischer Betonkopf, der seine außenpolitischen Meriten als Chefredakteur des Kominform-Organs „Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!“ im Konflikt mit Tito und den jugoslawischen Kommunisten erworben hatte. In China trat er als die Inkarnation des überheblichen und besserwisserischen Sowjetfunktionärs mit einem Hang zu kolonialherrlicher Geste auf, der nicht davor zurückschreckte, Mao als „chinesischen Tito“ zu bezeichnen (S. 2). Judins eigene Mitarbeiter nannten ihn im Gegenzug „den sowjetischen Baron“ (ebd.).

Im Kern geht es Jersild um den Aufprall dreier höchst unterschiedlicher Kulturen – der agrarisch-chinesischen, der ideologisch-sowjetischen und der hochtechnologisch-mitteleuropäischen. Dass dabei ungeachtet aller zivilisatorischer Konflikte im Jahrzehnt 1950-1960 ein nachgerade symbiotischen Verhältnis entstanden ist, belegt zum einen die hochgradige Frustration der chinesischen Führung über den abrupten Abzug der sowjetischen sowie sukzessive auch der tschechoslowakischen und ostdeutschen Berater, zum anderen der dadurch ausgelöste Einbruch der Wirtschaftsleistung des Landes. Für die Berater aus Brünn, Leipzig und Dnepropetrovsk waren ihre Jahre in China ein veritables Kolonialerlebnis– prestigeträchtig, hochbezahlt und luxuriös sowie mitunter intensiven Kontakt mit „westlichen“ Ausländern einschließend. Auf die zu Beratenden hingegen hatte die Begegnung mit Deutschen und Tschechen, Russen und Ukrainern unterschiedliche Wirkungen: Zum einen blieb ihnen der unterschiedliche Stand der Technologie in der UdSSR im Vergleich zu Mitteleuropa nicht verborgen, während sie zum anderen realisierten, dass die vor 1949 unter US-amerikanischer Ägide erfolgte Modernisierung der Wirtschaft vor allem an der Ostküste Chinas sowjetischen Standard deutlich übertraf.

Durchgängig bemerkenswert sind die von Jersild ausgewählten 14 Schwarz-Weiss-Abbildungen, überwiegend Propagandafotos, da sie augenfällig den kolonialen sowjetischen Blick auf China und die Chinesen zeigen. Das Cover der Nummer 13/1959 der chinesischen Zeitschrift „Suzhong youhao/Sovetsko-kitajskaja družba“ (Sowjetisch-chinesische Freundschaft) etwa zeigt einen langbärtigen, bebrillten und betagten sowjetischen „Kulturberater“, der zwei deutlich jüngeren Chinesen anhand eines bebilderten Textes die Welt erklärt (S. 89). Und geradezu grotesk ist die Fotografie einer chinesischen Jungpionier-Gruppe vor einer mit „Ninočka“ betitelten kitschigen Büste schlimmsten sozialistischen Realismus‘ sowjetischer Provenienz. Immerhin lachen einige der Kinder offenkundig spöttisch (S. 7).

Im Unterschied zu Jersilds kultureller Tiefenbohrung stellt Jordan Baevs Darstellung der Rolle der ostmittel- und südosteuropäischen Warschauer Pakt-Staaten im sino-sowjetischen Konflikt eine Synthese dar, welche die neuere Fachliteratur samt Quelleneditionen in osteuropäischen wie westlichen Sprachen größtmöglichst auswertet (nicht hingegen diejenige auf Chinesisch) sowie interessante bulgarische Archivalien sowie vereinzelt sowjetische, jugoslawische, albanische, rumänische, ungarische, tschechoslowakische, polnische und DDR-Originaldokumente heranzieht. Ein englisches Resümee samt Inhaltsverzeichnis (S. 288-292) gibt auch dem des Bulgarischen unkundigen Leser eine Vorstellung von Baevs These von der einerseits unbequemen, andererseits perspektivenreichen Lage der kommunistischen Monopolparteien Polens, der DDR, der ČSSR, Ungarns, Rumäniens und Bulgariens sowie der beiden „Außenseiter“ Jugoslawien und Albanien zwischen dem sowjetischen Amboss und dem chinesischen Hammer.

In seiner Einleitung „Warum der Drache den Bären provoziert hat: Der sowjetisch-chinesische Konflikt und das Östliche Europa in der modernen Historiographie“ gibt der Autor einen sachkundigen Überblick über die aktuelle Forschungsliteratur sowie über die internationale nordamerikanisch-westeuropäisch-osteuropäisch-chinesische Historikerkooperation zum Thema sowie über den Stand der China-Forschung in Bulgarien. Aufschlussreich sind dabei seine Hinweise zum quantitativen Umfang der chiffrierten Korrespondenz bulgarischer Diplomaten in Beijing mit dem Außenministerium in Sofija: Umfasste diese in den Jahren 1951-1961 im Schnitt 100-150 Blatt jährlich, stieg der Umfang in der Periode „heißen“ Konflikts 1962-1971 auf 550 Blatt – mit Spitzen bis zu 700 Blatt. In der Endphase der Kulturrevolution 1973-1976 „normalisierte“ sich der Korrespondenz-Umfang (200-250 Blatt), um nach dem Tod des Großen Führers in der Reformphase 1977-1981 neuerlich auf 500 Blatt anzusteigen. In thematischer Hinsicht machte die politische Berichterstattung zwei Drittel, diejenige zu Wirtschaft und Kultur sowie Konsular-, Personal- und Haushaltsangelegenheiten ein Drittel aus. Die insgesamt ca. 8.000 Blatt aus dem Zeitraum 1960-1981 werden derzeit sukzessive im Archiv des bulgarischen Außenministeriums (Diplomatičeski archiv) der Forschung zugänglich gemacht (S. 15-16).

Ebenfalls seiner eigentlichen Darstellung vorangestellt hat Baev das Kapitel „Der Weg zur Macht. Die Komintern und der Japanisch-Chinesische Krieg“, in dem er auf die Rolle des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitrov, 1934-1943 Leiter der Kommunistischen Internationale in Moskau und 1946-1949 Regierungschef der Volksrepublik Bulgarien, bezüglich Maos Aufstieg sowie auf die retardierenden Wirkung der zögerlichen Unterstützung Stalins für die chinesischen Kommunisten im Bürgerkrieg der Jahre 1945-1948 verweist.

Dass Baevs Buch primär für ein bulgarisches Lesepublikum geschrieben ist, belegen die vier Hauptkapitel zur Periode 1949-1989, die zwar bezüglich der großen Linien nicht durchgängig Neues bieten, aber immer dort interessant sind, wo die Beziehungen der KP Chinas zu den „Bruderparteien“ in Ostmittel- und Südosteuropa berührt werden. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den drei südosteuropäischen Fällen Albanien, Rumänien und Bulgarien. Während Tirana 1961 aus RGW und Warschauer Pakt ausscherte und ein auch formales Sonderverhältnis mit Beijing einging, unternahm Bukarest diese letzten Schritte nicht, wohingegen Sofija sich zwar einerseits der ideologisch begründeten sowjetischen Kritik an Beijing anschloss, auf wirtschaftlichem Gebiet indes weiterhin eng kooperierte. Die sich in den Jahren 1956 bis 1959 abzeichnende Krise in den sowjetisch-chinesischen Beziehungen und der von 1960 an immer offener zu Tage tretende Bruch veranlasste Moskau, die Zügel im eigenen Lager straffer zu ziehen. 1967 wurde das geheime Netzwerk INTERKIT gegründet, das äußerlich dem Informationsaustausch über China und die KPCh zwischen der KPdSU und den Staatsparteien in Warschau, Ostberlin, Prag, Budapest und Sofija – unter explizitem Ausschluss Bukarests, aber späterem Beitritt der Mongolei und, als Beobachter, Kubas – diente, de facto aber als Transmissionsriemen für politische Vorgaben sowjetischerseits an die „Bruderparteien“ fungierte. „KIT“ stand dabei für „Kitaj“, die russische (und bulgarische) Bezeichnung für China, während „INTER“ einen deutlichen Anklang an die Kommunistische Internationale, abgekürzt Komintern, aufwies. Dieser Ordnungsruf der Führungspartei an die Satellitenparteien sowie die zeitgleichen Nachrichten über Maos Kulturrevolution führten im bulgarisch-chinesischen Verhältnis zu einer deutlichen Abkühlung. Verstärkt wurde diese durch den militärischen Konflikt zwischen der UdSSR und der VR China 1969. Jetzt wurde die politisch-ideologische Kooperation im INTERKIT-Rahmen auch auf die Geheimdienste der moskautreuen Staaten ausgeweitet. Besondere Nervosität löste in Sofija die nach dem Tod Maos 1976 erfolgte Wiederannäherung Beijings an Belgrad aus. Das im Zuge des Tito-Stalin-Bruches von 1948 zerrüttete Verhältnis von chinesischen und jugoslawischen Kommunisten normalisierte sich 1978 im Zuge eines protokollarisch und medial hoch aufgehängten Jugoslawien-Besuches des Mao-Nachfolgers Hua Guofeng, der ihn auch nach Skopje, in die Hauptstadt der jugoslawischen Teilrepublik Makedonien, führte. Hier „gratulierte er dem makedonischen Volk zu seiner uralten Geschichte und seinen ruhmreichen revolutionären Traditionen“, desgleichen zu seinem Kampf „gegen fremde Okkupatoren“ (S. 223). Gemeint war damit die bulgarisch-italienische Besetzung des jugoslawischen Makedonien unter NS-deutscher Ägide im Zweiten Weltkrieg. Für Sofija, das seit den späten 1960er Jahren in eine heftige Kontroverse mit Jugoslawien um die als Makedonische Frage bezeichnete Deutung der Geschichte und damit um die „rechtmäßige“ territorial-staatliche Zugehörigkeit dieser zentralbalkanischen Region verstrickt war, kam dies einem Super-GAU gleich, zumal den chinesische Parteichef seine Balkanreise von Jugoslawien, dem westlichen Nachbarstaat Bulgariens, weiter in dessen nördlichen Nachbarstaat Rumänien führte. Denn seit der Weigerung des rumänischen Partei- und Staatschefs Nicolae Ceauşescu, an der Strafaktion des Warschauer Paktes von 1968 gegen die ČSSR teilzunehmen, ja gar bulgarischen Truppen den Transit und bulgarischen Kampfflugzeugen Überflugrechte einzuräumen, war das Verhältnis Sofijas zu Bukarest gespannt. Die rumänische Annäherung an China sowie an die USA, deren Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford 1969 bzw. 1975 Staatsbesuche in Rumänien absolvierten, taten ein Übriges. Das Komitee für Staatssicherheit im Innenministerium der VR Bulgarien kam daher 1978 zu dem Schluss, „dass die jugoslawische und die rumänische Seite objektiv gesehen die Durchdringung des Balkans durch China befördern und dessen hegemonistische und spalterische Politik in der Region verteidigen, die im Endeffekt auf den Aufbau eines antisowjetischen und antisozialistischen Blocks zielt.“ (224) Mit Blick auf die beiden anderen Nachbarstaaten Bulgariens, die NATO-Mitglieder Griechenland und Türkei, zeichnete sich hier ein veritables Einkreisungssymptom in Sofija ab. Dass der bisherige Verbündete Chinas auf dem Balkan, das Albanien Enver Hoxhas, jetzt absprang und sich ideologisch wie ökonomisch für autark erklärte, war für die bulgarischen Kommunisten nur ein schwacher Trost. Erst die Entspannung im sino-sowjetischen Verhältnis der 1980er Jahre unter Deng Xiaoping reduzierte die Sofijoter Befürchtungen vor einer feindlichen sino-amerikanischen Umzingelung. Und die Aversion des seit 1954 amtierenden bulgarischen Parteichefs Todor Živkov gegen den Perestrojka-Kurs Moskaus, gepaart mit seiner Unterstützung der brutalen Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Beijing im Juni 1989, führte zu einer neuerlichen Annäherung zwischen Bulgarien und China. Noch am 22. September 1989 – ganze sechs Wochen vor seiner Absetzung durch eine von KPdSU-Chef Michail S. Gorbačëv unterstützte Politbürofronde am 10. November – lud Živkov den neuen chinesischen Parteichef Jiang Zemin nach Bulgarien ein (249). Dazu kam es nicht mehr.

Jordan Baevs Darstellung des „anderen Kalten Krieges“ in bulgarischer Sprache ist eine faktengesättigte Untersuchung, die sich partiell auf neu erschlossene Quellen ostmittel- und südosteuropäischer Provenienz stützt. Dem Autor ist zu raten, eine englischsprachige Monographie zu den Beziehungen der Staaten des Balkans und des östlichen Mitteleuropa zur Volksrepublik China im Zeichen von Blockkonfrontation und sino-sowjetischem Konflikt in Angriff zu nehmen.

Die Monographien Jersilds und Baevs wie bereits diejenige Lüthis belegen, dass der epochale sino-sowjetische Gegensatz im kommunistischen Orbit nicht einer lediglich bilateraler Art zwischen Moskau und Beijing war, sondern dass hieran auch die anderen RGW-Staaten als Akteure beteiligt waren, und dies unter Verfolgung nationaler Interessen, die mitnichten immer blockkonform waren. Hier tut sich ein vielversprechendes Forschungsfeld auf, dessen erste Ergebnisse gängige Vorstellungen über das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und ihren Satelliten sowie zwischen diesen und der VR China partiell revidiert. Polyglotte Zeithistoriker wie Jersild und Lüthi, die neben Mandarin und Russisch auch Deutsch und Tschechisch, idealerweise sogar Ungarisch, Rumänisch, Bulgarisch, Polnisch, Serbisch und Albanisch beherrschen, haben hier erste Schneisen durch das jetzt zugängliche Quellenmassiv geschlagen. Überdies hat Jordan Baev gleich seinem ungarischen Kollegen Péter Vámos der eigenen Nationalhistoriographie die Notwendigkeit einer Horizonterweiterung vor Augen geführt: In die Untersuchung der jeweiligen Beziehungen zu Moskau sind diejenigen zu Beijing einzubeziehen, die wiederum bestimmend für das Verhältnis zur „Dritten Welt“ sowie periodisch auch zur von Jugoslawien angeführten Bewegung der Blockfreien waren.

Anmerkung:
[1] Lorenz M. Lüthi, The Sino-Soviet Split. Cold War in the Communist World (= Princeton Studies in International History and Politics), Princeton 2008; Sergey Radchenko, Two Suns in the Heavens. The Sino-Soviet Struggle for Supremacy, 1962-1967 (= Cold War International History Project). Stanford 2009. Vgl. dazu meine Sammelrezension in H-Soz-u-Kult, 03.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=17348>.

Zitation
Stefan Troebst: Rezension zu: : The Sino-Soviet Alliance: An International History. Chapel Hill  2014 / : Drugata studena vojna. Săvetsko-kitajskijat konflikt i Iztočna Evropa [Der andere Kalte Krieg. Der sowjetisch-chinesische Konflikt und Osteuropa]. Sofia  2012 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 05.09.2014, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-23291>.
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05.09.2014
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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