B Hasselhorn u.a. (Hrsg.): Johannes Haller, Briefe eines Historikers

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Titel
Johannes Haller (1865–1947). Briefe eines Historikers


Hrsg. v.
Hasselhorn, Benjamin; Kleinert, Christian
Erschienen
München 2014: de Gruyter Oldenbourg
Umfang
679 S.
Preis
€ 109,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Berg, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Unter den einstmals bekannten und viel gelesenen, heute aber nahezu vergessenen deutschen Historikern nimmt Johannes Haller eine besondere Stellung ein. Seine ehedem herausragende Prominenz erscheint nun in besonders erstaunlichem Maße verblasst, zumal Haller beinahe noch als Person der Zeitgeschichte gelten kann, deren Hauptwirken sich zumindest in seiner zweiten Hälfte in einem historiographiegeschichtlich in den vergangenen Jahren intensiv erforschten Zeitraum entfaltete. Jede Auseinandersetzung mit Haller sieht sich zunächst mit diesem Befund konfrontiert, folgerichtig beginnt auch die zu besprechende Edition seiner Briefe mit der Feststellung, auf „den ersten Blick“ gehöre Haller „nicht zu den Historikern, deren Leben und Werk einer intensiven geschichtswissenschaftlichen Untersuchung“ bedürfe (S. 1).

Für ein ausdrücklich den Briefen „eines Historikers“ gewidmetes, fast siebenhundertseitiges Werk klingt das nach einer gehörigen Hypothek. In seiner Einleitung ist der Bearbeiter der Edition, Benjamin Hasselhorn, denn auch vor allem bemüht, den Historiker Haller dem zunehmenden Vergessen zu entreißen, lädt sozusagen zu einem „zweiten Blick“ ein. Diesen habe Hallers Werk, sowohl die Forschungen zum Spätmittelalter wie auch seine zeithistorischen Veröffentlichungen – welche „Haller zum meistgelesenen und wohl auch bekanntesten Historiker seiner Zeit“ machten (S. 1) –, aber auch sein Leben verdient. Insbesondere Hallers deutschbaltische Herkunft hebt Hasselhorn als prägende Erfahrung hervor, das Aufwachsen in einem lutherischen Pastorenhaushalt hingegen teilte Haller mit vielen seiner Disziplinkollegen. Auch seine politische Entwicklung vom liberalkonservativen Naumannianer zum deutschnationalen Feind der Weimarer Republik, radikalisiert vor allem durch die Kriegsniederlage und den Untergang des Kaiserreichs, verortet Haller weitaus weniger als weithin vermutet am disziplinären Rand. Als konfessionell toleranter Historiker nahm Haller hingegen eine eher ungewöhnliche Position ein. Für die Religions- und Theologiegeschichte seiner Zeit sei er aber eben deshalb, so Hasselhorn, ein lohnender Forschungsgegenstand, dies gelte ebenso für die Wissenschaftsgeschichte zwischen Wilhelminismus und Ende des Zweiten Weltkriegs.

Doch vor allem als „öffentlicher Professor“, insbesondere in der Kriegspublizistik seit 1914, entwickelte Haller eine in der Tat nachhaltige Wirkungsmacht. Als historisch geschulter Gegenwartsdeuter errang er außergewöhnliche Bekanntheit, die auch auf sein historiographisches Werk abstrahlen sollte. Interessant wird Haller zudem, wenn seine sich nachteilig auswirkenden „problematischen Charakterzüge“, seine Neigung zum mindestens pointiert zu nennenden Urteil – für eine Briefedition wahrlich kein Nachteil – in den Mittelpunkt rücken. Recht detailliert schließlich sucht Hasselhorn, die weder eindeutige noch unveränderliche Einstellung Hallers zum Nationalsozialismus nachzuzeichnen.

Abgeschlossen wird die Einleitung mit einer Darlegung der Quellenüberlieferung sowie der sich daraus ergebenden Quellenauswahl, in mustergültiger Weise werden die für die Edition angewandten Aufnahmekriterien offengelegt. Zwei allgemeineren Leitmotiven wurde dabei gefolgt, dem „Lebensweg Hallers“ und der „Relevanz des Geschriebenen für die geschichtswissenschaftliche Forschung“, letzteres aber umfasse auch, so der Bearbeiter, was „ein Licht auf die Biographie“ Hallers werfe (S. 31). Die so geweckte Erwartung einer vor allem die Person Hallers, weniger wissenschafts- oder historiographiegeschichtliche Entwicklungen, in den Mittelpunkt rückenden Briefauswahl wird folgend bestätigt. Zunächst überwiegen familiäre Briefe bei weitem, in ersten, vorsichtigen Schreiben wandte sich der Nachwuchshistoriker Haller ab Mitte der 1890er-Jahre an zukünftige Kollegen, suchte Kontakt und warb für seine Forschungsvorhaben. Da zu deren ersten das Konzil von Basel zählte, sind vor allem Hallers Schreiben an den dortigen Staatsarchivar Rudolf Wackernagel in großer Zahl abgedruckt, nahezu minutiös sind Fortgang und Hemmnisse nachzuvollziehen, oft verbunden mit persönlichen Bemerkungen Hallers zu Begegnungen und Orten: „Welch ein Glück, daß Berlin nicht der Typus Deutschlands, und vor allem, daß der Berliner nicht der Typus des Deutschen ist!“ (S. 123) Insgesamt entsteht ein vielschichtiges Bild Hallers, der sich zudem tatsächlich als meinungsfreudiger Briefautor erweist, den umstrittenen Karl Lamprecht kurzerhand als „schwindelhaften Fatzke“ bezeichnet, dessen „Abtötung“ geboten gewesen sei (S. 158).

Auch nach der Wende zum 20. Jahrhundert nahmen die Briefe Hallers an seinen Vater und andere Familienangehörige breiten Raum ein. Mit Paul Fridolin Kehr, dem seit 1903 für Jahrzehnte amtierenden Leiter des Preußischen (heute: Deutschen) Historischen Instituts in Rom, verband Haller eine enge, wenn auch nicht unproblematische Arbeitsbeziehung, die in einer Vielzahl von Schreiben Hallers ihren Niederschlag fand. Erst um 1910 beginnt sich der Kreis von Korrespondenzpartnern aus der historischen Disziplin zu öffnen, Hallers Karriere erfuhr mit der Berufung nach Tübingen 1913 ihren wesentlichen Schritt (auf den kein weiterer Lehrstuhlwechsel folgte). Noch vor Ende des Weltkriegs begann Haller mit der Bearbeitung des Nachlasses Philipp zu Eulenburg-Hertefelds, einhergehend mit einem intensiven Briefwechsel mit dem ehemaligen Vertrauen Wilhelms II. Diese mehrfach vorgenommene Schwerpunktbildung, auch der zerstreuten Überlieferung und wechselhaften Schreibpraxis Hallers geschuldet, kommt der Edition fraglos zugute, in der konzentrierten Abfolge seiner Briefe an einen Briefpartner erhält Hallers Persönlichkeit nachhaltig Konturen, als Forscher wie Mensch.

Mit dem erstmaligen Erscheinen der „Epochen der deutschen Geschichte“ wurde Haller 1923 endgültig zum Erfolgsautor, dies und sein konfliktfreudiges Wesen (man vergleiche nur das rasche und erbarmungslose Umschlagen von Hallers brieflichem Dank für Arnold Oskar Meyers Metternich-Darstellung 1924 in eine harsche Generalkritik, S. 384) gereichte ihm kaum zum Vorteil in einer politisch, sozial und wissenschaftlich erschütterten Historikergemeinde. Erfolg beim lesenden (und kaufenden) Publikum wurde nun angesichts leerer Staatskassen noch bedeutender, ein Teil des bereits zeitgenössisch gefällten Urteils über Hallers Rang wird auch dem kollegialen Neid zuzurechnen sein. In seinem Briefwechsel wird die fachliche Außenseiterstellung mit zunehmendem Alter unübersehbar, gegenüber seinen Fachkollegen verstummte Haller zusehends. Auch der im Dezember 1936 von Karl Alexander von Müller ausgesprochenen Einladung zur Mitarbeit an der nun, nach der Ablösung Friedrich Meineckes, an den Prämissen des NS-Staats ausgerichteten Historischen Zeitschrift wollte Haller zunächst nicht folgen. Schließlich überwiegen in den letzten Lebensjahren Hallers erneut, wie zu Beginn, die familiären Briefe bei weitem.

Diese „Briefe eines Historikers“, deren Bearbeitung und sorgfältige, zugleich konzentrierte Kommentierung seitens des Lesers keine Wünsche offenlassen, scheinen auf den ersten Blick keine historiographiegeschichtliche Quelle besonderen Ranges zu sein. Zwar verfasst mit Haller stets ein Historiker, doch dieser Autor tritt oftmals zuvorderst als Sohn, Bruder, Vater oder Freund denn als Fachkollege auf, fachhistorische Perspektiven jenseits der Laufbahn Hallers eröffnen sich nur gelegentlich. Die Zwischenüberschrift der biographischen Einleitung – „Johannes Haller – ein Leben in Briefen“ – scheint die Edition deshalb zutreffend zu beschreiben. Sie eröffnet zudem einen zweiten Blick auf diese eine Untersuchung vermeintlich nicht lohnende Karriere. Die zeitgenössische und die historiographiegeschichtlich zugewiesene Bedeutung eines Historikers müssen sich nicht entsprechen, dies ist ebenso banal wie es zutrifft, dass sich die Geschichte der Geschichtswissenschaft auch mit diesem zeitgenössischen Maß auseinandersetzen, es zu reflektieren und zu erklären hat. Dieser „zweite Blick“ auf Johannes Haller ist mit der vorliegenden Edition seiner Briefe eröffnet worden, entsprechend neugierig wird die vom Bearbeiter angekündigte biographische Studie zu Haller erwartet.

Zitation
Matthias Berg: Rezension zu: Hasselhorn, Benjamin; Kleinert, Christian (Hrsg.): Johannes Haller (1865–1947). Briefe eines Historikers. München  2014 , in: H-Soz-Kult, 03.02.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23387>.
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Veröffentlicht am
03.02.2015
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