J. Wilker (Hrsg.): Maintaining Peace and Stability in Archaic Greece

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Titel
Maintaining Peace and Interstate Stability in Archaic and Classical Greece.


Hrsg. v.
Wilker, Julia
Erschienen
Mainz 2012: Verlag Antike
Umfang
175 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maria Osmers, Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Das Thema der zwischenstaatlichen oder auch polisübergreifenden Beziehungen im archaischen und klassischen Griechenland erfreut sich in der althistorischen Forschung seit jeher großer Beliebtheit. Während frühere Arbeiten jedoch primär die kriegerischen Ereignisse und wechselhaften Konstellationen betrachteten oder sich staatsrechtlichen Fragen zuwandten, untersucht die jüngere Forschung vermehrt allgemeine Konventionen und ausgleichende Regulierungen, die den Umgang der griechischen Poleis miteinander erleichterten und so eine friedvolle Politik in Hellas ermöglichten.[1] Auch der vorliegende Sammelband, der auf eine Tagung am Humanities Center in Harvard im Jahre 2009 zurückgeht, folgt diesem Trend: Anhand verschiedener Beispiele analysieren die Beiträge Mechanismen oder Instrumentarien, die in archaischer und klassischer Zeit Frieden stiften oder zwischenstaatliche Stabilität erzeugen sollten. Die Autor/innen fragen nach den jeweiligen Erfolgsaussichten sowie nach den Gründen für ein eventuelles Scheitern und untersuchen, ob und wie weit friedensstiftende Maßnahmen in der griechischen Außenpolitik verankert waren bzw. Geltung beanspruchen konnten.

Vorweg seien zwei positive Aspekte hervorgehoben: Während andere Tagungssammelbände häufig eine nur geringe inhaltliche Homogenität aufweisen, folgen die Beiträge in der vorliegenden Publikation klar einer einheitlichen Fragestellung. Zudem kommen nicht nur erwiesene Expert/innen zu Wort[2], sondern auch Nachwuchswissenschaftler/innen. In diesem Sinne präsentieren David F. Elmer (S. 25–48) und Natasha Bershadsky (S. 49–77) Ausschnitte aus ihren Dissertationsprojekten. Ersterer widmet sich dabei dem Waffenstillstand zwischen Achaiern und Trojanern im dritten und vierten Gesang der Ilias. Im Gegensatz zu gängigen Deutungen, die in dieser Situation nur einen veränderten Zustand der Beziehung zwischen beiden Gruppen erkennen, zeigen für Elmer inhaltliche Kriterien und literarische Techniken, dass sich kurzzeitig eine neue „super-community“ (S. 34) bildete. Zwar zerbrach die neue Gemeinschaft im Anschluss an den Zweikampf zwischen Alexandros und Menelaos, doch weist Elmer hier für die archaische Zeit überzeugend nach, dass die Grenzen von Gemeinschaften fließend waren. Gerade diese Unbestimmtheit ermöglichte einen zwar fragilen, aber immerhin kurzfristig wirksamen Ausgleich zwischen gegnerischen Parteien.

Natasha Bershadsky wendet sich in ihrem Beitrag der Beziehung zwischen Argos und Sparta und dabei dem Konflikt um die Kynuria zu. Sie schließt sich in ihren Ausführungen gängigen Deutungen an, die den Anfang der Auseinandersetzungen um diese Region ins 6. Jahrhundert v. Chr. datieren und eine weitgehend friedvolle Koexistenz beider Poleis in vorheriger Zeit annehmen. Der Konflikt wurde jedoch von den Beteiligten in eine ferne Vergangenheit verlegt und mit mythischen Berichten über rituelle Kämpfe verbunden. In der Analyse der historischen und religiösen Rahmenbedingungen für diese Entwicklung gelingen Bershadsky viele treffende Beobachtungen. Leider gerät dabei der Ausgangspunkt ihres Beitrags aus dem Blick: Weniger überzeugend fällt die Antwort auf die Frage aus, warum die Argeier den Spartanern laut Thukydides im Jahre 420 den Vorschlag unterbreiteten, den Konflikt um die Kynuria wie zuvor in einer Entscheidungsschlacht zu lösen. Es bleibt zu hoffen, dass die angekündigte Publikation (S. 72) dieses Defizit ausgleicht und die These, dass interne Konflikte bzw. prospartanische Stimmen in Argos den Ausgangspunkt des genannten Vorschlags bildeten, untermauert.

Zwei Beiträge widmen sich dem Konzept der koine eirene im 4. Jahrhundert v. Chr. So steuert die Herausgeberin Julia Wilker neben ihrer Einleitung (S. 11–24), die knapp, aber gelungen in die Materie einführt, einen Aufsatz zu diesem Thema bei (S. 92–117). Sie betont hier in Übereinstimmung mit weiten Teilen der Forschung, dass die Idee eines Allgemeinen Friedens schon vor dem ersten Vertragsschluss von 386 in den Verhandlungen von 392/1 aufkam. Die koine eirene-Verträge stellten dabei eine revolutionäre Neuerung dar, entstanden aber aus der Notwenigkeit heraus. Sie waren das Resultat der negativen Erfahrungen des Peloponnesischen Krieges und der anschließenden unsicheren Situation in Hellas und keineswegs das Ergebnis grundsätzlicher Überlegungen zum Thema Frieden. Demgegenüber fragt Polly Low in ihrem Beitrag, welche Bedeutungen des Begriffs „eirene“ in der Mitte des 4. Jahrhundert im griechischen Raum kursierten (S. 118–134). Neben der abstrakten Konzeption des Friedens, die mit Wohlstand und Harmonie in Verbindung gebracht wurde, existierte weiterhin die Vorstellung, die eirene sei eine Vereinbarung zwischen klar definierten Partnern. Dieses Konzept, das gerade in diplomatischen Beziehungen von Bedeutung war, erlaubte auch militärische Aktionen gegenüber anderen oder forderte diese geradezu ein. Die Zusammenführung beider Konzepte erklärt, warum uns heute die Vorstellungen von Frieden in manchen antiken Zeugnissen aus dieser Zeit so widersprüchlich erscheinen.[3]

Sarah Bolmarcich untersucht in ihrem Beitrag anhand zweier Beispiele aus dem Werk des Thukydides, welchen Stellenwert diplomatische Verhandlungen für den Historiker einnahmen (S. 78–91). Sie folgert dabei im Sinne der älteren Forschung, dass sowohl die gegenseitigen Forderungen der Spartaner und Athener vor dem Ausbruch des Peloponnesischen Krieges als auch der Melierdialog von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren und so nur eine Option für die Beteiligten darstellten, die kriegerischen Handlungen hinauszuzögern. Dass ein solch pessimistisches Bild der griechischen Diplomatie und der geltenden zwischenstaatlichen Konventionen in der jüngeren Forschung durchaus in Frage gestellt wird, zeigt der Beitrag von Peter Hunt (S. 135–149). Ähnlich wie in seiner kürzlich vorgelegten Monographie[4] betont er hier, dass die Beziehungen zwischen den Poleis in ähnlicher Form wahrgenommen und konzipiert wurden wie die zwischen Individuen. Am Beispiel Athens im 4. Jahrhundert v. Chr. weist er in diesem Sinne nach, dass zwischenstaatliche Verträge eine ähnliche Bedeutung in außenpolitischen Debatten hatten wie die Gesetze in der Gemeinschaft, etwa vor Gericht. Aber auch wenn seine Folgerung „legalism played a large role in Greek policy thinking“ (S. 146) überzeugend ist, so geht seine These, es habe keine Zunahme und Verstärkung der Konflikte im 4. Jahrhundert gegeben, wohl zu weit.

Maria Brosius schließlich wendet sich in ihrem Beitrag der persischen Diplomatie zu (S. 150–164). Sie betont, dass sich die Politik gegenüber den ionischen Städten nicht von der gegenüber Untertanen im persischen Reich unterschied. So konnten die Poleis im Sinne der „Pax Persica“ eine relative Selbstständigkeit behaupten, solange sie sich ruhig verhielten. Nur wenn die persische Herrschaft gefährdet wurde, griff der Großkönig ein. Überzeugend verweist Brosius in diesem Zusammenhang darauf, dass sich einige ionische Poleis eher für ein Leben unter persischer als unter athenischer Herrschaft entschieden. Dies zeigt eindrucksvoll, dass panhellenische Konzepte auf der Ebene der Polis häufig nur eine geringe Bedeutung hatten.

Kurzzusammenfassungen in deutscher Sprache sowie Indices schließen den Sammelband ab und vervollständigen den positiven Gesamteindruck. So sind zwar nicht alle Beiträge von gleicher Qualität und nicht jeder Aufsatz bietet Neues. Insgesamt aber überzeugt die Publikation durch eine einheitliche Ausrichtung und einige treffende Analysen, die zum Weiterdenken und –forschen anregen. Der Sammelband zeigt, welches Potential die Beschäftigung mit der griechischen Außenpolitik noch immer bietet; die Lektüre sei daher allen an dieser Thematik Interessierten empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Hier stellvertretend einige deutschsprachige Dissertationen der letzten Jahren zum Thema: Sebastian Scharff, Eid und Außenpolitik. Studien zur religiösen Fundierung der Akzeptanz zwischenstaatlicher Vereinbarungen im vorrömischen Griechenland, Diss. Münster 2012 (erscheint in: Historia Einzelschriften); Maria Theotikou, Die ekecheiria zwischen Religion und Politik. Der sog. „Gottesfriede“ als Instrument in den zwischenstaatlichen Beziehungen der griechischen Welt, Münster 2013; Maria Osmers, „Wir aber sind damals und jetzt immer die gleichen“. Vergangenheitsbezüge in der polisübergreifenden Kommunikation der klassischen Zeit, Historia Einzelschriften 226, Stuttgart 2013.
[2] Wobei der Tagungsbeitrag von Kurt Raaflaub an anderer Stelle veröffentlicht wurde, siehe Kurt A. Raaflaub, Friedenskonzepte und Friedenstheorien im griechischen Altertum, in: Historische Zeitschrift 290 (2010), S. 593–619.
[3] Dies zeigt Polly Low überzeugend in ihrer Analyse zu RO 42, S. 123ff.
[4] Peter Hunt, War, Peace, and Alliance in Demosthenes’ Athens, Cambridge 2010.

Zitation
Maria Osmers: Rezension zu: Wilker, Julia (Hrsg.): Maintaining Peace and Interstate Stability in Archaic and Classical Greece. Mainz  2012 , in: H-Soz-Kult, 29.06.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23440>.
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29.06.2015
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