W. Schmitz: Die griechische Gesellschaft

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Titel
Die griechische Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte der archaischen und klassischen Zeit


Autor(en)
Schmitz, Winfried
Erschienen
Heidelberg 2014: Verlag Antike
Umfang
304 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Hinsch, Exzellenzcluster TOPOI, Humboldt-Universität zu Berlin

„Die griechische Gesellschaft“ ist der erste Band der neu gegründeten Reihe „Alte Geschichte Forschung“. Ihrem Autor Winfried Schmitz ist es gelungen, eine Einführung in die griechische Sozialgeschichte zu schreiben, welche die inzwischen etwas betagten älteren Einführungen ersetzen wird.[1]

Das erste Kapitel ist eine Einleitung, die Gegenstand und Methode der Sozialgeschichte eingrenzt und die Auswahl des Stoffes begründet. Die Einschränkung auf die archaische und klassische Zeit sowie auf Athen, Sparta und Kreta wird mit der Quellenlage begründet (S. 9). Des Weiteren liege der Fokus auf Fragen „sozialer Ungleichheit“ (S. 12), d.h. der hierarchisierenden Unterscheidung zwischen Personen nach sozialen Merkmalen wie Reichtum, Ansehen, etc. Die Themen Familie, Wirtschaft oder Politik ließen sich nämlich zwar nicht scharf von der Sozialgeschichte trennen, sie seien jedoch inzwischen Gegenstände eigenständiger Forschungsbereiche. In der Methode betont Schmitz die Bedeutung fiktionaler Texte, die man zwar nicht „wortwörtlich“ nehmen dürfe, die aber gerade dort wo sie Dinge für selbstverständlich halten als „Selbstbeschreibungen unter einem bestimmten Blickwinkel“ analysiert werden könnten (S. 11).

Die folgenden sechs Kapitel sind einerseits nach Epochen (frühe und späte Archaik, Klassik) gegliedert, andererseits nach politischen und regionalen Einheiten (Athen, Sparta, Kreta). Die Kapitel 2–4 sind wiederum thematisch unterteilt („Die homerische Gesellschaft“, „Die Zeit der Tyrannis“, usw.), die Kapitel 5–7 nach sozialen Gruppen gegliedert („Die athenischen Bürger“, „Die Heloten“, usw.). Jedes Kapitel teilt sich in einen Darstellungs- und einen Forschungsteil. Die Darstellung arbeitet die strukturellen Entwicklungen anhand historischer Beispiele heraus, der Forschungsteil dokumentiert den Forschungsstand und aktuelle Streitfragen und Probleme. Das achte Kapitel zieht eine Bilanz, das neunte bietet eine thematisch geordnete Bibliographie.

Für die archaische Zeit (Kapitel 2–3) entwickelt Schmitz das Modell einer dreiteiligen geschichteten Gesellschaft mit Adel, Vollbauern und unterbäuerlicher Schicht (S. 21–25; S. 37; vgl. S. 40). Der ‚Adel‘ (besonders Kapitel 2.3 und 4.1) – Schmitz weist auf die begriffliche Problematik hin – habe sich durch Reichtum und Lebensführung abgegrenzt (S. 17–29). Die Vollbauernschicht (Kapitel 2.2) wiederum sei vom Adel strukturell unterschieden gewesen durch ihre dörfliche Lebensweise mit „spezifische[n] bäuerliche[n] Normen und Wertesystem“ (S. 33). Am Fuß dieser Hierarchie habe schließlich eine „unterbäuerliche[…] Schicht“ gestanden, die kein eigenes „Haus“ führte, sondern sich als Lohnarbeiter bei Vollbauern und Adligen verdingen musste (S. 36 f.). Schmitz‘ Modell ist äußerst plausibel. Methodisch problematisch erscheint es jedoch, Hesiod als Gewährsmann einer traditionellen, bäuerlichen Gesellschaft heranzuziehen. Schmitz selbst weist auf Hesiods adligen Status hin (S. 31). Ergänzen ließe sich, dass Hesiod in seinen Werken und Tagen eben nicht nur von Ackerbau und Nachbarschaft berichtet, sondern auch Ratschläge zum Seehandel gibt und sich mit der erfolgreichen Teilnahme an Dichterwettbewerben sowie dem Konsum importierten Weins brüstet.[2]

Die griechische ‚Kolonisation‘ im 7. und 6. Jahrhundert (Kapitel 2.3) beurteilt Schmitz ebenso als eine Folge aristokratischer Konflikte wie das Emporkommen tyrannischer Alleinherrscher im 6. Jahrhundert (Kapitel 3.3) (Vgl. S. 49 f.; S. 74 und S. 78–81). Der Adel habe sich durch „eine stärkere Ansammlung von Reichtum und anderen Ressourcen“ ausdifferenziert, was den Konkurrenzdruck erhöht und die Konflikte vermehrt habe (besonders S. 71f.). Weil das kompetitive Verhalten der Adeligen politische Institutionen oder Normen nicht respektierte, sei es nicht zur Ausbildung einer gefestigten Aristokratie gekommen (S. 79f.) Charakteristisches Merkmal der klassischen Zeit (ab Kapitel 4) sei die Etablierung staatlicher Organisation „gegen die Adeligen […], nicht mit ihnen als Trägern von Staatlichkeit“ gewesen (S. 85), eine Entwicklung die für die gegensätzlichen Gemeinwesen Athen (Kapitel 5) und Sparta (Kapitel 6) gleichermaßen gelte (S. 95 respektive S. 187). Ansonsten sei die gesellschaftliche Entwicklung in beiden Städten hingegen konträr verlaufen. In Athen schloss sich die Bürgerschaft als Stand zwar scharf gegen Sklaven und Nichtbürger ab, war in sich jedoch nicht nach politischen Rechten abgestuft und dem Verkehr mit Fremden gegenüber aufgeschlossen (Kapitel 5.1–2). Der alte Adel wandelte sich zu einer Schicht reicher Bürger, in die auch neureiche Gewerbetreibende aufstiegen (S. 88; vgl. S. 121–124). Am unteren Ende der Hierarchie wurde die Abhängigkeit von Kleinbauern (Kapitel 3.1) ersetzt durch die Arbeit von gekauften Sklaven (Kapitel 5.4), die in allen Wirtschaftszweigen tätig waren.

Sparta hingegen ging „einen regelrechten griechischen Sonderweg“ (S. 221). Unterschied sich die Gesellschaft Spartas des 7. Jahrhunderts (Kapitel 6.1) nicht wesentlich von der in anderen Städten, so kam es in Anschluss an die Eroberungen von Südlakonien und Messenien zu radikalen Veränderungen, deren Zweck darin lag, die dauerhafter Beherrschung dieser Gebiete zu sichern (S. 181f.). Kennzeichen der neuen Gesellschaftsordnung war die ausgeprägte Egalität unter den Vollbürgern (den homoioi), die durch die weitgehende Auflösung des Hauses (oikos) erreicht wurde, der grundlegenden Institution anderer griechischer Gesellschaften. Die (relative) Gleichheit der Spartiaten untereinander ging einher mit der scharfen Abgrenzung gegen minderberechtige und abhängige Gruppen wie Periöken und Heloten (Kapitel 6.2–5).

Die Gesellschaft der kretischen Städte behandelt Schmitz anschließend (Kapitel 7). Vor allem aus Inschriften lässt sich das Bild einer differenzierten Gesellschaft gewinnen, die durch die feine Abstufung von Rechten und das fortdauernde Konfliktpotential ihrer Oberschicht geprägt war (Kapitel 7.2–4, besonders S. 226 f. und S. 230–233). Während ältere Forschungsarbeiten die ‚dorischen‘ Parallelen zur spartanischen Gesellschaft betonten, verweist Schmitz mit der neueren Forschung auf die Unterschiede, etwa in der größeren Bedeutung des Hauses in Kreta (S. 244–246).

Schmitz zieht eine Bilanz (Kapitel 8), in der er die griechische Gesellschaft als eine stratifizierte Gesellschaft charakterisiert, deren Mitglieder nach Ansehen und Reichtum in Schichten einerseits, andererseits durch Recht und Endogamie in Stände getrennt gewesen seien (S. 253–255). Die Besonderheit gegenüber anderen stratifizierten Gesellschaften seien die politische Segmentierung in Städte, die vergleichsweise hohe soziale Mobilität, sowie das „stark konfligierende Verhalten des Adels“ gewesen, dem die Ausbildung einer Aristokratie nicht gelungen sei (S. 254f.).
Schmitz‘ Einführung entwickelt ein überzeugendes Modell der griechischen Gesellschaftsgeschichte und ist anschaulich geschrieben. Sie führt dabei zugleich vor, wie die in der Einleitung geforderte sozial- und kulturwissenschaftlich reflektierte Methode anzuwenden ist. Theoretische Modelle und Begriffe flechtet Schmitz nämlich organisch in exemplarische Quellenanalysen ein, die dicht am Text entlang führen.

Bedauern kann man die fehlende Darstellung der hellenistischen Epoche, besonders auch deshalb, weil schon ältere Einführungen diese Epoche aussparten. Kritikwürdig erscheint die Thematisierung von Adel und Aristokratie. Während für die archaische Zeit die Referenzgruppe für den Begriff ‚Adel‘ die gesamte Gesellschaft einschließlich der abhängigen Bevölkerungsgruppen ist, ist die Referenzgruppe in klassischer Zeit nur noch die Bürgerschaft. Nur deshalb kann die Egalisierung der spartanischen Vollbürgern als „faktische […] Ausschaltung des Adels“ (S. 187) gewertet werden. Zöge man nämlich weiterhin die gesamte Gesellschaft als Referenzgruppe heran, so erschiene diese ‚Egalisierung‘ eher als aristokratische Abschließung gegenüber den Heloten und Periöken. Im Zusammenhang damit steht das Urteil, Adelige hätten als Akteure destruktiv und kurzfristig gehandelt, ohne viel zur Organisation des Gemeinwesens beizutragen. Hier scheint das herkömmliche, an der frühen Neuzeit orientierte Deutungsmuster durch, demzufolge ein dysfunktionaler Adel von einer Bürgergesellschaft entmachtet worden sei. Wie allerdings passen hierein ‚adlige‘ Gesetzgeber wie Solon, deren Bedeutung Schmitz selbst betont (besonders Kapitel 3.1)? Zu denken wäre an ein alternatives Modell der schrittweisen Institutionalisierung der Stadtgemeinde, in deren Verlauf sich zwar einzelne Adlige auf teils gegenüberliegenden Seiten der Konflikte wiederfanden, die Oberschicht als Ganze jedoch eher domestiziert denn dominiert worden ist.
Schmitz‘ Einführung liefert also nicht bloß solide Information, sondern regt auch zur Debatte an, was sie als thesengeleitete Sozialgeschichte umso lesenswerter macht.

Anmerkungen:

[1] Vgl. Friedrich Gschnitzer, Griechische Sozialgeschichte von der mykenischen bis zum Ausgang der klassischen Zeit. 2. erw. Aufl. Wiesbaden 2013 (1. Aufl. 1981) und Michael M. Austin / Pierre Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland. München 1984 (zuerst franz. 1972).
[2] Hes. erg. 617–693, sowie 587f.

Zitation
Moritz Hinsch: Rezension zu: : Die griechische Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte der archaischen und klassischen Zeit. Heidelberg  2014 , in: H-Soz-Kult, 16.02.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23441>.
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Veröffentlicht am
16.02.2015
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