Geisthövel, Alexa; Mrozek, Bodo (Hrsg.): Popgeschichte. Band 1: Konzepte und Methoden. Bielefeld : Transcript – Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis  2014 ISBN 978-3-8376-2528-8, 274 S. € 29,99.

Mrozek, Bodo; Geisthövel, Alexa; Danyel, Jürgen (Hrsg.): Popgeschichte. Band 2: Zeithistorische Fallstudien 1958–1988. Bielefeld : Transcript – Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis  2014 ISBN 978-3-8376-2529-5, 378 S. € 34,99.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fernando Esposito, Seminar für Zeitgeschichte, Universität Tübingen

Einen ersten Ausgangspunkt der vorliegenden, über 660 Seiten umfassenden zwei Bände bildete eine vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam und dem Arbeitskreis Popgeschichte veranstaltete Tagung ‚Pop History. Perspektiven einer Zeitgeschichte des Populären‘, die im November 2011 im Roten Salon der Volksbühne stattfand.[1] Sei es aufgrund des Abendvortrags, den das Enfant terrible der deutschen Kulturwissenschaft Klaus Theweleit hielt, sei es wegen der Podiumsdiskussion samt „punkaffiner Intelligenz“: Die Tagung selbst war durchaus ein wenig Pop.[2] Von dem „hidden track“ Theweleits am Ende des ersten Bandes einmal abgesehen, will die Vielzahl der nun hier versammelten 28 Beiträge indes verdeutlichen, dass Pophistorie selber kein Pop zu sein braucht. Hierzu dient nicht zuletzt die Erörterung von Konzepten und Methoden der Popgeschichte, die das Themenspektrum der Tagung maßgeblich erweitert und den ersten Band bestimmt. Beiden Bänden liegt die überzeugende Annahme zugrunde, dass insbesondere für die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg eine ausschließlich um die ‚ernsten‘ Sphären von Politik und Wirtschaft kreisende Geschichtsschreibung die Lebenswelten einer Vielzahl von Zeitgenossen verfehlt: „Ohne Pop“, so die Herausgeber Alexa Geisthövel und Bodo Mrozek in ihrem einleitenden Beitrag, sei „keine Zeitgeschichte“ (I, S. 14) möglich. Denn Pop sei eben weder ein „Nischenphänomen“ (I, S. 10) noch „kulturalistisches Beiwerk“ (I, S. 13). Vielmehr ließe sich Pop gar als eine epochale Kategorie verstehen, welche eine unter anderem durch mediale und technologische Entwicklungen hervorgerufene Differenz zur vorangegangenen Volks- und Massenkultur anzeige (vgl. I, S. 20).

Das postulierte Ziel der Bände ist es, auf den engen Nexus zwischen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, den Selbstverständnissen sozialer Gruppen und der „Volkskultur des industriellen Menschen“ (McLuhan) aufmerksam zu machen. Können, so fragen die Herausgeber, die etablierten Narrative zur Deutung der bundesrepublikanischen Geschichte, also die Interpretamente der Amerikanisierung, Westernisierung, Liberalisierung, aber auch des strukturellen Wandels „nach dem Boom“, durch Popgeschichte und ihre Methoden bereichert oder gar in Frage gestellt und korrigiert werden (I, S. 8)? Bedauerlicherweise, das sei an Kritik vorweggenommen, machen sich nicht alle Autoren der Fallstudien des zweiten Bandes diese Programmatik zu eigen.

Im ersten Band wird das Forschungsfeld umrissen und das Potential von Popgeschichte erörtert. Beiträgen zu den Überschneidungen von Pop und Politik (Detlef Siegfried), Geschlechternormen (Uta G. Poiger) und Generation (Lu Seegers) stehen Aufsätze zu den Strukturbedingungen und Eigendynamiken der Kulturproduktion (Klaus Nathaus), zu den materialen und technischen Voraussetzungen des Pop-Hörens (Heike Weber) und zu Emotionen (Henning Wellmann) zur Seite. Alexa Geisthövel schlägt die Brücke zwischen Pop und den Ansätzen zur Erforschung von Selbstverhältnissen und Subjektivierungstechniken. Sie verdeutlicht, dass es sich bei den von den Popkünstlern oder von deren „Prosumenten“ vorgenommenen Arbeiten am Selbst „keineswegs [um] pubertäre Marotten“ handelt, sondern dass dort „große gesellschaftspolitische Themen wie Geschlecht und Rasse“ (I, S. 184) verhandelt werden.

Der Beitrag Bodo Mrozeks historisiert den Subkultur-Begriff des Birminghamer Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) und fragt nach seinem Nutzen für die Zeitgeschichte. Den Gründern des CCCS, Richard Hoggart und Raymond Williams, sei es um eine „Ausweitung des an den Wertvorstellungen der traditionellen Eliten gewachsenen Kulturbegriffs“ (I, S. 110) gegangen. Ließe sich, so fragt man sich nach der Lektüre, die Subkultur-Perspektive der Cultural Studies und die Frage nach „Prozesse[n] kultureller Gruppenbildung“ (I, S. 119) in leicht modifizierter Form nicht auch gewinnbringend auf, sagen wir, Generalstabsoffiziere der Wehrmacht oder auf Banker der Londoner City seit den späten 1980er-Jahren mit ihren jeweiligen Codes übertragen? Hier wird eben nicht nur deutlich, dass Pop kein Randphänomen der Zeitgeschichte zu sein braucht, sondern dass auch die Gegenstände ‚seriöser‘ Geschichtsschreibung von einer Behandlung von den Rändern her profitieren könnten. Dies deutet sich auch in dem Beitrag Thomas Lindenbergers und Heiner Stahls zur „Geschichtsmaschine Pop“ an, der aufzeigt, wie eng das historische Bewusstsein der Nichthistoriker, sprich der großen Mehrheit, mit den Rhythmen und Zyklen des Pop verknüpft ist. In diesem Sinne wäre künftig zu bedenken, inwiefern die im Pop beklagte oder schlichtweg konstatierte „Retromanie“ nicht auch einen Indikator oder gar Faktor übergreifender Transformationen des „Historizitätsregimes“ darstellt.[3]

Im zweiten Band werden zeithistorische Fallstudien zur Popgeschichte präsentiert. Er setzt „mit den Konflikten um die Ankunft des Rock’n‘Roll in Europa im Jahr 1958“ (II, S. 11) ein und reicht bis zum Ende der 1980er-Jahre. Hier sehen die Herausgeber eine Zäsur, da die digitale Revolution ein Ende der „tradierten Formen der Rezeption ebenso wie der Produktion und vor allem der Distribution von Musik“ (ebd.) markiert. In den Blick genommen werden popkulturelle Phänomene aus West- und Ostdeutschland sowie Frankreich, Großbritannien und den USA. Sie reichen von den im Rahmen der Bill-Haley-Tournee stattfindenden Krawallen (Thomas Grotum) und der Ostberliner Beatszene (Thomas P. Funk) über Discjockeys, Diskotheken, Discokultur und Diskotanz (Thomas Schopp, Klaus Nathaus, Jens Gerrit Papenburg, Thomas Wilke) bis zur „Performanz schwarzer Weiblichkeit“ im Kontext des Motown Labels (Martin Lüthe) und der Marktkategorie „World Music“ (Glaucia Peres da Silva). Und während der zweite Band auch einen Beitrag Kalle Laars zum Schallplattencover als Quelle der Visual History enthält, hätte man im ersten Band – neben der von Heike Weber beleuchteten materiellen und technikhistorischen Basis des Musikhörens – gerne mehr zum methodischen Umgang mit Musik als zu entschlüsselndem ‚Text‘ ganz eigener Art erfahren.

Da es hier nicht möglich ist, jeden der 16 empirischen Beiträge im Einzelnen zu besprechen, werden zwei gehaltvolle Fallstudien herausgegriffen. Diese Aussagekraft ist naturgemäß nicht bei allen Beiträgen gegeben. Hier wären die Herausgeber, zu denen sich beim zweiten Band auch Jürgen Danyel gesellt, gut beraten gewesen, Verzicht zu üben. Das Argument der „Anschlussfähigkeit der neu gewonnenen Forschungsperspektive“ (II, S. 9) an den „Mainstream“ der Historiographie und ihre Fragen wäre dadurch eher gestärkt worden. Denn manch einer der behandelten Gegenstände beziehungsweise die versäumte Kontextualisierung desselben erhärten dann leider doch jenen Eindruck von Pop als „kulturalistischem Beiwerk“, gegen den die Herausgeber mit ihrer Initiative an sich zu Recht ins Feld ziehen.

Florence Tamagnes Aufsatz zur Nuit de la Nation im Juni 1963 zeigt indes, wie sinnvoll es ist, „gesellschaftlichen Wandel nicht mehr nur in Makrostrukturen wie den industriellen Produktionsverhältnissen oder dem Parteiensystem, sondern auch im ‚weichen‘ Bereich kultureller Praktiken aufzusuchen“ (Geisthövel, I, S. 179). Etwa 150.000 junge Zuschauer hatten sich auf der Place de la Nation im 12. Arrondissement versammelt, um den Konzerten unter anderem Johnny Hallydays beizuwohnen. Außer der unerwartet großen Menge junger Menschen und dem zahlenmäßigen Missverhältnis zu den zu ihrer Bändigung herbeigerufenen Polizisten, zeichnete sich diese Juninacht durch nichts Außergewöhnliches aus. Doch das Ereignis löste, ähnlich wie im folgenden Jahr die Mods und Rockers in Großbritannien, eine „moral panic“ (Cohen) aus. An den zeitgenössischen Deutungen der Nuit de la Nation werden jedenfalls zahlreiche Konflikte sichtbar, die mit der Liberalisierung der französischen Nachkriegsgesellschaft einhergingen: Das reicht von der Etablierung der Jugend als sozialer Kategorie und den widerstreitenden Haltungen zum Konsum über den Rassismus und den Algerienkrieg bis hin zu den Schatten der jüngsten Vergangenheit – war doch Maurice Papon der seinerzeit verantwortliche Polizeipräfekt in Paris. Hier wird sichtbar, inwieweit Popgeschichte mit den Narrativen der „Mainstream“-Historiographie zu verknüpfen und in dieselbe einzuschreiben ist.

Ähnliches gilt für Sebastian Klöss‘ Beitrag, der aufzeigt, inwiefern die Auseinandersetzungen um den Notting Hill Carnival implizit als Konflikt um den öffentlichen Raum und als Verhandlung der sozialen Ordnung Englands seit den 1970er-Jahren zu lesen sowie als Identitätssuche der afrokaribischen Einwanderer zu verstehen ist. Klöss macht zudem darauf aufmerksam, dass die Spannungen zwischen unterschiedlichen Anwohnergruppen teilweise am Begriff ‚Pop‘ selbst aufgehängt wurden. ‚Pop‘ wurde zur „Chiffre für einen gesellschaftlichen Umbruch“, hinter der sich Kritik am „Kommerz“ und die Angst vor Überfremdung verbargen.[4] Es wurde zudem auch dezidiert um den Stellenwert und die Bedeutung von Populärkulturen gerungen.

Mit den zwei Bänden haben die Herausgeber einen notwendigen und achtbaren Anlauf zu einer Systematisierung des weiten Feldes Popgeschichte unternommen. Kritik an der Begrenzung des Untersuchungszeitraums auf die drei Jahrzehnte zwischen 1958 bis 1988 ist wohlfeil: Im Windschatten der paradigmatischen Studie Detlef Siegfrieds und entsprechend der Konjunktur der Zeit „nach dem Boom“ gräbt die Mehrzahl der Pop- und Zeithistoriker nun mal in dieser Zeitschicht.[5] Dessen ungeachtet wäre künftig aber in Erwägung zu ziehen, welchen Beitrag die Popgeschichte bei der Erhellung des fin de siècle, der Weimarer Republik wie auch der Zeit des Nationalsozialismus zu leisten vermöchte. Auch hier spielte ein freilich anders definierter und konstituierter Pop eine maßgebliche Rolle, und das keineswegs nur bei der Mobilisierung der ‚Massen‘ von oben.[6] Es steht jedenfalls zu hoffen, dass diese zwei Bände „Popgeschichte“ dazu beitragen, Pop von jenem Odium des Unseriösen zu befreien, mit dem ihn nicht zuletzt die konservative wie linke Kulturkritik der Nachkriegszeit umgab. Denn bedauerlicherweise scheint sich das Dilemma, mit dem sich einst Eric Hobsbawm konfrontiert sah, noch nicht erledigt zu haben. Wie Bodo Mrozek kürzlich bei einem Vortrag an der Universität Hamburg in Erinnerung rief, zog es Hobsbawm, als er 1955 für den „New Statesman“ eine Jazzkolumne zu schreiben begann, vor, dieselbe unter dem Pseudonym Francis Newton zu veröffentlichen. In seinem 1992 verfassten Vorwort zur Neuauflage von „The Jazz Scene“ heißt es: „It is true that the sounds preferred in the groves of academe were closer to Beethoven than to Basie (…). It is also true that most of the substantial growing academic jazz underground kept their unofficial musical tastes to themselves or shared them only with sympathisers, like dissident sexual or gastronomic inclinations. And yet, profoundly as the cultural atmosphere has changed since the 1950s, a historian who also writes about jazz is still considered in many quarters as freaky, in some way, through [sic!] attractively so. (…) What’s so odd about the combination of jazz and history? Perhaps readers can explain what the author cannot.“[7]

Anmerkungen:
[1] Siehe den Tagungsbericht der Veranstalter: PopHistory. Perspektiven einer Zeitgeschichte des Populären, 03.11.2011-05.11.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 31.01.2012, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4034> (04.03.2016).
[2] Zur „punkaffinen Intelligenz“ siehe: Alexa Geisthövel, Böse reden, fröhlich leiden. Ästhetische Strategien der punkaffinen Intelligenz, in: Jens Elberfeld / Marcus Otto (Hrsg.), Das schöne Selbst. Zur Genealogie des modernen Subjekts zwischen Ethik und Ästhetik, Bielefeld 2009, S. 367–399.
[3] Zur „Retromanie“ siehe: Simon Reynolds, Retromania. Pop Culture’s Addiction to Its Own Past, New York 2011. Zum „Historizitätsregime“ siehe: François Hartog, Régimes d'historicité. Présentisme et expériences du temps, Paris 2003.
[4] Bodo Mrozek, Popgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 6.5.2010, <http://docupedia.de/zg/Popgeschichte?oldid=106465> (17.02.2016).
[5] Siehe Detlef Siegfried, Time is on my side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006.
[6] Vgl. Kaspar Maase, Die Erforschung des Schönen im Alltag. Sechs Thesen, in: ders. (Hrsg.), Die Schönheiten des Populären. Ästhetische Erfahrung der Gegenwart, Frankfurt am Main 2008, S. 42–47.
[7] Siehe: Eric J. Hobsbawm, The Jazz Scene, New York 1993, S. xviii. Vgl. dazu: Bodo Mrozek, Pop – Ein neues Konzept für die Zeitgeschichte?, Vortrag an der Universität Hamburg am 29.10.2015, <https://lecture2go.uni-hamburg.de/veranstaltungen/-/v/18466> (17.02.16).

Zitation
Fernando Esposito: Rezension zu: Geisthövel, Alexa; Mrozek, Bodo (Hrsg.): Popgeschichte. Band 1: Konzepte und Methoden. Bielefeld  2014 / Mrozek, Bodo; Geisthövel, Alexa; Danyel, Jürgen (Hrsg.): Popgeschichte. Band 2: Zeithistorische Fallstudien 1958–1988. Bielefeld  2014 , in: H-Soz-Kult, 23.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23527>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.03.2016
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Sprache Publikation
Sprache Publikation