M. Stickler (Hrsg.): Jenseits von Aufrechnung und Verdrängung

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Titel
Jenseits von Aufrechnung und Verdrängung. Neue Forschungen zu Flucht, Vertreibung und Vertriebenenintegration


Hrsg. v.
Stickler, Matthias
Erschienen
Stuttgart 2014: Franz Steiner Verlag
Umfang
204 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Scholz, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Nachdem das Thema ‚Flucht und Vertreibung‘ vor zehn Jahren im Zusammenhang mit den Diskussionen um ein ‚Zentrum gegen Vertreibungen‘ und generell um deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs einen regelrechten Aufmerksamkeitsboom erlebt hat, ist es mittlerweile stiller um die Geschichte der deutschen Zwangsmigration vor, während und nach dem Kriegsende 1945 geworden. Pünktlich zum 70. Gedenkjahr, in dem die Bundesrepublik am 20. Juni erstmals einen nationalen „Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ begehen wird (zeitgleich mit dem Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen), ist nun ein Band erschienen, der in seinem Untertitel „neue Forschungen zu Flucht, Vertreibung und Vertriebenenintegration“ verspricht und somit eine erneute Belebung der Diskussionen erwarten lässt.

Der Untertitel ist dabei allerdings etwas irreführend, denn kaum einer der insgesamt elf Beiträge beschäftigt sich mit dem realgeschichtlichen Vorgang von ‚Flucht und Vertreibung‘ selbst. Am ehesten tut dies noch der polnische Historiker Jan M. Piskorski, der ähnlich wie früher schon Karl Schlögel dafür plädiert, die kriegsnahen Erfahrungen und Diskurse der Nichtdeutschen stärker in den Blick zu nehmen, die nicht nur die Entscheidung für die Aussiedlung der Deutschen erklären, sondern auch die verbreitete Hinnahme der damit verbundenen Leiden.[1] Piskorski verweist dabei einerseits auf eine kriegsbedingte „Verwilderung“ Europas (S. 162; ähnlich wie jüngst Keith Lowe in seinem Buch „Der wilde Kontinent“[2]). Andererseits betont er, dass nicht ein abstrakter oder gar rassistisch motivierter Wunsch nach ethnischer Homogenität, sondern eine sehr reale Angst vor den Deutschen nach den konkreten Erfahrungen des Kriegs für die Aussiedlung und die damit verbundenen Begleiterscheinungen maßgeblich gewesen sei.

Auch die Integration der Vertriebenen wird nur in zwei Beiträgen thematisiert. Andreas Kossert fasst noch einmal das Hauptanliegen seines viel besprochenen Buches „Kalte Heimat“ von 2008 zusammen[3], wonach die Vertriebenen „endlich als Opfer zu begreifen“ seien (S. 97), weil sie nicht nur das Trauma des Heimatverlustes erlitten, sondern auch zu wenig Interesse und Empathie in den deutschen Nachkriegsgesellschaften erfahren hätten.

In starkem Kontrast dazu steht die Betrachtung des 2010 verstorbenen Historikers Michael Salewski, der 1938 in Ostpreußen geboren wurde und hier unter dem Titel „Verweh(r)te Heimat“ gleichermaßen persönliche wie historisch-differenzierte und originelle Reflexionen anstellt. Salewski verwahrt sich dagegen, pauschal als traumatisiert bezeichnet zu werden, und verweist auf die sehr unterschiedlichen individuellen Erfahrungen von Vertriebenen. Sowohl für den Migrationsvorgang selbst als auch für die Integration müsse stärker differenziert werden – sowohl, was den Zeitpunkt und die Umstände der Zwangsmigration angehe, als auch, was Geschlecht, Alter und den sozialen Hintergrund sowie die Aufnahmebedingungen vor Ort betreffe. Salewski spricht sich zudem gegen eine Überbewertung der Konflikte bei der Integration aus und betont stattdessen den raschen Integrationserfolg, der nicht zuletzt auf das Nachwirken des nationalsozialistischen ‚Volksgemeinschafts‘-Konzepts zurückzuführen sei. Kritisch äußert er sich gegenüber einer „Verklärung des Ostens“ und „Idealisierung der ostdeutschen Vergangenheit“ (S. 182). Das Verblassen des Heimatgedankens bei den meisten Vertriebenen sei dagegen zum einen eine positive Folge der raschen Integration gewesen, zum anderen aber auch eine bewusste Entscheidung, die als große politische Leistung zu bewerten sei, weil sie die Konsolidierung der Bundesrepublik und die Versöhnung mit den östlichen Nachbarstaaten erst ermöglicht habe.

Befassen sich somit nur drei der elf Beiträge mit der Flucht, Vertreibung und Integration selbst, liegt der eigentliche Schwerpunkt des Buches auf der kulturellen und (erinnerungs)politischen Nachgeschichte. Małgorzata Świder geht mit Rückgriff auf ihre 2002 veröffentlichte Dissertation über die Polonisierungspolitik im Oppelner Schlesien[4] dabei als Einzige auf Polen ein. Der Beitrag von Christian Lotz berücksichtigt mit Blick auf die Erinnerungspolitik der SED auch die DDR. Die meisten Beiträge widmen sich aber der Erinnerungspolitik in der Bundesrepublik, über die seit einigen Jahren intensiv geforscht wird. Ein legitimer Schwerpunkt liegt dabei auf den Vertriebenenverbänden, zu denen der Herausgeber Matthias Stickler 2004 selbst eine wichtige Monografie vorgelegt hat.[5]

Da die Beiträge auf eine bereits 2008 durchgeführte Tagung der Ranke-Gesellschaft zurückgehen, erfährt man inhaltlich allerdings nicht allzu viel Neues. Stickler verweist in seiner Einleitung erfreulich freimütig auf die praktischen Probleme, die eine frühere Veröffentlichung verhindert haben, und er hat dafür gesorgt, dass ein großer Teil der seitdem erschienenen Forschungsliteratur in den Fußnoten zumindest genannt wird. Nichtsdestoweniger hat man das Meiste mittlerweile schon andernorts gelesen.

Christian Lotz etwa fasst am Beispiel der Landsmannschaft Schlesien noch einmal überzeugend die Hauptthese seiner 2007 veröffentlichten Dissertation vom „erinnerungspolitischen Sog“ zusammen, in den sich zentrale Akteure in der Bundesrepublik und in der DDR mit ihrer jahrzehntelangen Fixierung auf die Grenzfrage begeben haben.[6] Die Themen der Beiträge von Matthias Finster zur Entwicklung des Bundes der Vertriebenen (BdV) seit den 1980er-Jahren sowie von Eva Dutz zum Verhältnis Wenzel Jakschs zur SPD, die beide auf studentische Abschlussarbeiten zurückgehen, sind mittlerweile in den Dissertationen von Anna Jakubowska und Matthias Müller ausführlicher behandelt worden und bringen demgegenüber keine zusätzlichen Erkenntnisse.[7] Iris Thöres bestätigt mit ihrem Beitrag zur Editionsgeschichte des Ungarn-Bandes der Schieder’schen Ost-Dokumentation noch einmal anschaulich, aber wenig überraschend, dass die Vertriebenenverbände versuchten, Einfluss auf die Arbeit der Wissenschaftler zu nehmen, dabei aber weniger erfolgreich waren als die staatlichen Auftraggeber im Bundesvertriebenenministerium.

Neben Wenzel Jaksch werden mit Herbert Czaja und Hans-Christoph Seebohm noch zwei weitere wichtige Vertriebenenpolitiker in eigenen Beiträgen behandelt. Matthias Stickler bemüht sich um eine abgewogene Gesamtwürdigung der wechselvollen Lebensgeschichte des langjährigen BdV-Vorsitzenden Czaja und versucht auch kaum bekannte Seiten des politischen Hardliners aufzuzeigen. Einen weniger biographischen Ansatz wählt Gilad Margalit. Die Frage, wie und warum sich ein Scharfmacher wie Seebohm 17 Jahre lang in den Kabinetten Adenauers und Erhards als Minister halten konnte, obwohl er die Regierung mit seinen Äußerungen immer wieder in Erklärungsnot brachte, beantwortet er wenig überraschend damit, dass man so nicht nur die Vertriebenen, sondern auch den politisch rechten Rand politisch einbinden wollte.

Insgesamt bietet der Band somit durchaus interessante Lektüren, aber wenig wirklich neue Akzente oder noch nicht bekannte Forschungsergebnisse.

Anmerkungen:
[1] So schon Karl Schlögel, Verschiebebahnhof Europa. Joseph B. Schechtmans und Eugene M. Kulischers Pionierarbeiten, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 2 (2005), S. 468–472, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2005/id=4681> (12.02.2015), Textabschnitt 3. Siehe auch Jan M. Piskorski, Die Verjagten. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts, München 2013; rezensiert von Michael Schwartz, in: H-Soz-Kult, 28.03.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20415> (12.02.2015).
[2] Keith Lowe, Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950, Stuttgart 2014.
[3] Andreas Kossert, Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, Berlin 2008; rezensiert von Friedemann Scriba, in: H-Soz-Kult, 30.01.2009, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12009> (12.02.2015), und von Mathias Beer, in: H-Soz-Kult, 20.02.2009, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10718> (12.02.2015).
[4] Małgorzata Świder, Die sogenannte Entgermanisierung im Oppelner Schlesien in den Jahren 1945–1950, Lauf 2002.
[5] Matthias Stickler, „Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch“. Organisation, Selbstverständnis und heimatpolitische Zielsetzungen der deutschen Vertriebenenverbände 1949–1972, Düsseldorf 2004; rezensiert von Sabine Voßkamp, in: H-Soz-Kult, 31.03.2005, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5603> (12.02.2015).
[6] Christian Lotz, Die Deutung des Verlusts. Erinnerungspolitische Kontroversen im geteilten Deutschland um Flucht, Vertreibung und die Ostgebiete (1948–1972), Köln 2007; rezensiert von Ursula Rombeck-Jaschinski, in: H-Soz-Kult, 03.03.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9099> (12.02.2015).
[7] Anna Jakubowska, Der Bund der Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland und Polen (1957–2004). Selbst- und Fremddarstellung eines Vertriebenenverbandes, Marburg 2012 (rezensiert von Matthias Stickler, in: H-Soz-Kult, 02.04.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19770> [12.02.2015]); Matthias Müller, Die SPD und die Vertriebenenverbände 1949–1977. Eintracht, Entfremdung, Zwietracht, Berlin 2012 (rezensiert von Max Bloch, in: H-Soz-Kult, 08.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-013> [12.02.2015]).

Zitation
Stephan Scholz: Rezension zu: Stickler, Matthias (Hrsg.): Jenseits von Aufrechnung und Verdrängung. Neue Forschungen zu Flucht, Vertreibung und Vertriebenenintegration. Stuttgart 2014 , in: H-Soz-Kult, 16.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23612>.