J. Wijnendaele: The Last of the Romans. Bonifatius

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Titel
The Last of the Romans. Bonifatius – Warlord and comes Africae


Autor(en)
Wijnendaele, Jeroen W. P.
Erschienen
Umfang
XIII, 182 S.
Preis
£ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Dem spätrömischen Feldherrn Bonifatius, dessen Wirken für die zwanzig Jahre zwischen 413 und seinem Tod 433 belegt ist, widmet der belgische Althistoriker Jeroen Wijnendaele nun eine Monographie, mit der er den Anspruch erhebt, gut sieben Jahrzehnte nach dem Erscheinen der Studie de Leppers[1] eine im Lichte der Quellen und Forschungsliteratur aktuelle politische Biographie dieses Mannes vorzulegen. Bonifatius ergriff, gefördert von Galla Placidia, in einem günstig erscheinenden Moment die Gelegenheit, sich als Heermeister gegenüber dem zwischenzeitlich in Ungnade gefallenen Aëtius einen größeren Anteil an der Macht im weströmischen Reich zu sichern, bezahlte diesen Versuch jedoch mit dem Leben, während Aëtius noch mehr als zwei Jahrzehnte militärischen und politischen Wirkens vor sich hatte. Vom Radius seiner Tätigkeit und vor allem von seinem Lebensende her betrachtet, steht Bonifatius infolgedessen im Schatten des Aëtius. Doch bieten die Quellen immerhin so viel an Material, dass es sich lohnt, sie für diesen Feldherrn neu zu untersuchen und dabei auch strukturelle Probleme anzusprechen, die im Zusammenhang der Mitverantwortung militärischer Führungspersönlichkeiten für das Ende des weströmischen Reiches stehen. Das Resultat ist eine gründliche und ausgewogen urteilende Darstellung. Wijnendaele hat zuvor eine allgemeine Geschichte des spätrömischen Westens bis 493 vorgelegt, die sich in niederländischer Sprache an einen breiteren Leserkreis richtet[2], während die Spezialstudie über Bonifatius für das wissenschaftlich orientierte Fachpublikum gedacht ist.

Ein erstes Kapitel widmet Wijnendaele zunächst der Welt, in der Bonifatius seine Laufbahn absolvierte: dem spätantiken römischen Westen am Ende des 4. und zu Anfang des 5. Jahrhunderts. Dabei richtet er den Blick auch auf wesentliche Strukturaspekte. Der Wandel des Kaisertums bot den Heermeistern nicht zuletzt im Zusammenhang mit militärischen Herausforderungen durch wandernde Verbände in Gallien, Italien und Spanien Gelegenheit zu aktiver Gestaltung von Politik. Die sich aus dieser Sachlage ergebende mögliche Konkurrenz zwischen verschiedenen Generälen führt Wijnendaele zu der These, angesichts der gefestigt erscheinenden Partnerschaft zwischen einem nominell an der Spitze des Staates stehenden Kaiser und dem die Armee befehligenden Heermeister seien anstelle der bislang üblichen Usurpationen „novel forms of opposition“ (S. 16) in den Vordergrund getreten. Dieser Gedanke ist gerade auch für Wijnendaeles Urteil über Bonifatius bedeutsam.

In vier Kapiteln folgt sodann der biographische Teil des Buches für die letzten zwanzig Jahre in Bonifatius’ Leben, die durch Quellen bezeugt sind. Dieser Zeitraum ist kapitelweise in chronologische Abschnitte eingeteilt: Bonifatius’ frühe Laufbahn von etwa 413 bis 421, seinen Aufstieg zu beträchtlichem Einfluss (422–425), die Jahre als Staatsfeind (426–428) und wiederum im Staatsdienst (429–433). Dank der Überlieferung kann Wijnendaele die grundsätzlichen Weichenstellungen darlegen, die Bonifatius’ weiteres Leben bestimmten: Olympiodor zufolge brachte Bonifatius als junger römischer Offizier bei Marseille dem Westgoten Athaulf im Jahre 413 eine gefährliche Wunde bei, eine Tat, die die Grundlage für seine weitere militärische Laufbahn geboten haben dürfte. Tiefere Einblicke liefert Bonifatius’ Korrespondenz mit Augustinus, seitdem er in den Jahren nach dem Einsatz bei Marseille in Africa als Kommandeur einer Foederateneinheit tätig war. Der Bischof von Hippo Regius erteilte Bonifatius nach dem Tod der ersten Frau den Rat, die militärische Laufbahn fortzusetzen statt zur monastischen Askese zu wechseln. Die die historischen Zusammenhänge zuweilen vernachlässigenden und teilweise auch widersprüchlichen Quellen, die in der wissenschaftlichen Literatur zu unterschiedlichen Positionen führen, bestimmen im gesamten biographischen Teil des Buches die Vorgehensweise Wijnendaeles: Ein kontinuierlicher Lebenslauf lässt sich unter diesen Bedingungen nicht nachzeichnen; stattdessen ermöglichen die Quellen, die Wijnendaele als Belege und Diskussionsgrundlage auszugsweise in englischer Übersetzung immer wieder in seine Darstellung einfügt, nur lückenhafte Augenblicksaufnahmen. Wijnendaele sieht seine Aufgabe daher darin, die literarischen Zeugnisse für Bonifatius unter Ausräumung der Widersprüche und Berücksichtigung der einschlägigen Literatur interpretierend in eine plausible Reihenfolge zu bringen und zugleich die biographischen Einzelbelege zu einem chronologischen Kontinuum zu verbinden, soweit dies möglich erscheint.

Die Souveränität, lückenhafte Überlieferung zu plausiblen Szenarien auszugestalten, zeigt Wijnendaele auch in den folgenden Kapiteln bei der Rekonstruktion des Lebens- und Karriereweges von Bonifatius. Als ausschlaggebend für die in der Rückberufung des Bonifatius nach Italien erkennbare Förderung durch Galla Placidia sieht Wijnendaele nach der Formierung zweier einander misstrauender Hofparteien die Suche der Kaiserschwester nach einem Gegengewicht zum Heermeister Castinus an, der wiederum in Bonifatius einen potentiellen Konkurrenten witterte und ihn daher in den spanischen Feldzug von 422 nicht einbezog. Der anschließende Rückzug des Bonifatius nach Africa sei „nothing more than pure insubordination“ (S. 48), letztlich aber durch Ravenna legalisiert worden (vgl. S. 55). Aufgrund seiner guten Verankerung vor Ort und mit Hilfe seiner gotischen bucellarii habe er sich hier als zweitmächtigster Militär im römischen Westen etablieren und daher von Africa aus durch seinen Einfluss auf die Getreideversorgung Roms Unterstützung für Galla Placidia leisten können, gerade auch nach der Usurpation des Johannes. Wijnendaele bettet den klug abgesicherten Machtzuwachs in eine Mentalitätsänderung des Bonifatius ein, die diesen mit dem Streben nach weiteren Aufstiegsmöglichkeiten alte moralische Prinzipien über Bord werfen ließ, was zu einer Trübung des Verhältnisses zu Augustinus geführt habe. Zugleich kann Wijnendaele am comes Africae Bonifatius das Geschäft des römischen Warlords exemplifizieren, der sich aufgrund des Anhangs ihm persönlich ergebener Truppenkontingente zumindest zeitweise Unabhängigkeit vom Einfluss der Zentralregierung in Italien leisten und in gewissem Maße selbständige Politik betreiben konnte.

Auch für die nächste Phase im Leben des Bonifatius, die Jahre des Dissenses mit dem Hof (426–428), entwickelt Wijnendaele plausible Deutungen, die nach der Erklärung des Bonifatius zum hostis publicus auf Veranlassung des magister utriusque militiae Felix und nach zwei erfolglosen Feldzügen der italischen Zentrale gegen Bonifatius letztlich damit endeten, dass dieser sich behaupten konnte. Mosaiksteine wie das Gespräch des Maximinus mit Augustinus und die Mission des Darius weiß Wijnendaele als Belege für Friedensbemühungen im Bürgerkrieg einzuordnen. Die von Prokop kolportierte Verantwortung des Aëtius für die Diskreditierung des Bonifatius ist mit Wijnendaele als eine im Lichte des Ausgangs späterer Konfrontationen entstandene Version des Geschehens zu erklären. Sie ist ebenso falsch wie die auf denselben Autor zurückgehende Nachricht von der Einladung der Vandalen nach Africa durch Bonifatius, der damit habe verhindern wollen, im Bürgerkrieg den Kürzeren zu ziehen, und dem so in simplifizierender Manier die Schuld am Einfall der Vandalen gegeben wurde. In der Auseinandersetzung mit den Vandalen war Bonifatius schließlich auf der römischen Seite zu finden, bis er 432 durch Galla Placidia abermals nach Italien zurückberufen wurde, um als magister militum (und patricius, wie Wijnendaele plausibel zu machen sucht) nach der Ermordung des Felix ein adäquates Gegengewicht zum gallischen Heermeister Aëtius zu bilden. Zwar konnte er Aëtius in der Schlacht von Rimini schlagen, starb aber später an den Folgen einer hierbei erlittenen Verwundung. Ein letztes Kapitel gilt zum Vergleich dem Schicksal von Bonifatius’ Schwiegersohn Sebastianus, der – von allen alten Verbindungen abgeschnitten – einen schmählichen Tod fand. Zum Schluss reflektiert Wijnendaele über die von den Quellen überlieferten und von der Literatur nicht selten unkritisch übernommenen Bonifatius-Bilder. Als besondere Belastung stellt er dabei das der Rolle des Aëtius zugutekommende negative Urteil der östlichen Quellen über Bonifatius heraus.

Um die Gedankenschritte nachzuvollziehen, die nötig sind, aus einer stark lückenhaften und Einzelheiten beleuchtenden, statt Zusammenhänge entwickelnden Überlieferung eine plausible Gesamtdarstellung der letzten zwanzig Lebensjahre des römischen Feldherrn Bonifatius zu gestalten, bedarf es einer aufmerksamen Lektüre des Buches. Wijnendaele hat sein Sujet von allen Seiten beleuchtet und damit nicht nur eine interessante Studie zu Bonifatius geliefert, sondern aus einem speziellen Blickwinkel auch Beobachtungen zur generellen Lage des weströmischen Reiches dieser Zeit formuliert. Dazu gehören die strukturbedingten Gründe für das auf die individuelle Machtstellung zielende Konkurrenzverhalten der wichtigen Militärpersonen, die auf die persönliche Loyalität ihres namentlich Nichtrömer umfassenden soldatischen Anhangs zählen konnten. Diese Entwicklung wurde wie in einem Circulus vitiosus nicht zuletzt auch durch kaiserliche Maßnahmen gefördert, zugunsten eigener Handlungsfähigkeit zwischen den mächtigen Militärs ein Gleichgewicht herzustellen. Wijnendaele beleuchtet Bonifatius’ Stellung in Africa zudem vor dem Hintergrund auch früherer Aufstände in der Region, insbesondere seit der Rebellion des Firmus. Aufschlussreich ist ferner die Auswertung der Briefe des Augustinus an Bonifatius und deren gelungene Integration in die Darstellung; denn auf diese Weise fällt neben der äußeren Ereignisgeschichte, an der Bonifatius beteiligt ist, auch ein bezeichnendes Licht auf die inneren Befindlichkeiten des Feldherrn und deren Veränderungen, beide Aspekte und ihre Auswirkungen werden – hypothetisch – sogar in Zusammenhang gebracht, wie es angesichts der Quellenlage in der Spätantike sonst selten möglich ist. Insofern ist Wijnendaeles Bonifatius-Buch eine anregende neue Darstellung des neben Aëtius nach Prokop „letzten Römers“[3] und bietet gegenüber der naheliegenden Konzentration der Forschung auf Aëtius [4] von einem – diesem letztlich durch einen Zufall unterlegenen – Zeitgenossen aus einen alternativen Blick auf die Geschichte des weströmischen Reiches zwischen 413 und 433.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Johannes L. M. de Lepper, De rebus gestis Bonifatii comitis Africae et magistri militum, Tilburg 1941. Vgl. ferner Hans-Joachim Diesner, Die Laufbahn des comes Africae Bonifatius und seine Beziehungen zu Augustin, in: ders., Staat und Kirche im spätrömischen Reich. Aufsätze zur Spätantike und zur Geschichte der Alten Kirche, Berlin 1963, S. 100–126.
[2] Vgl. Jeroen Wijnendaele, Romeinen en barbaren. De ondergang van het Romeinse Rijk in het Westen, Leuven 2013.
[3] Vgl. Prok. BV 1,3,15 und Wijnendaele, Bonifatius, S. 66f., 101, 115 und 121.
[4] Vgl. als wichtiges Referenzwerk Timo Stickler, Aëtius. Gestaltungsspielräume eines Heermeisters im ausgehenden Weströmischen Reich, München 2002.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: : The Last of the Romans. Bonifatius – Warlord and _comes Africae_. London  2015 , in: H-Soz-Kult, 03.08.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23917>.
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03.08.2015
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