H. Dilly u.a. (Hrsg.): Gotische Häuser um 1800

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Titel
Seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch. Gotische Häuser um 1800 in England, Potsdam, Weimar und Dessau-Wörlitz


Hrsg. v.
Dilly, Heinrich; Murnane, Barry
Erschienen
Halle (Saale) 2014: Mitteldeutscher Verlag
Umfang
200 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Paul Beckus, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Die kunsthistorische Bedeutung des Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1750–1817) wird bis heute zuallererst mit der Errichtung des Wörlitzer Schlosses verbunden, das als erster klassizistischer Bau auf dem europäischen Kontinent gilt. Die Wörlitzer Anlagen stechen aber nicht nur durch diesen Schlossbau hervor, sondern beherbergen zudem einige der frühesten neugotischen Bauwerke außerhalb Englands. Als „unbegreifliche Verschwendung“ beschrieb der Kabinettssekretär und spätere Geheimrat August Rode 1788 die Formenvielfalt des Gotischen Hauses in Wörlitz.[1] Damit machte der Intimus des Fürsten seine Kritik an dem Bauwerk deutlich, das er als gegenüber dem Klassizismus anachronistischen Entwurf empfand.

Dieses Urteil teilen die Herausgeber und Autoren des vorliegenden Sammelbandes nicht. Das neugotische Schaffen des Fürsten Franz in Wörlitz wird unter ästhetischen, ökonomischen, soziopolitischen und repräsentativen Gesichtspunkten beleuchtet, wobei auch der Frage nachgegangen wird, wie sich der gotische Stil in die Gesamtschöpfung Wörlitz einordnen lässt. Die Herausgeber wollen die Arbeit in Anlehnung an die Reform- und Bauprojekte des Fürsten Franz deshalb als „Reform- und Laborraum“ für neue Ansätze zur Interpretation der Neugotik in Wörlitz verstanden wissen. Sie haben sich deshalb für einen Ansatz entschieden, der unterschiedliche Perspektiven auf den Gegenstand nebeneinander in sich aufnimmt. Der Band, der auf die Jahrestagung der Dessau-Wörlitz-Kommission im Jahr 2012 zurückgeht, fügt sich damit in neuere Tendenzen der Forschung ein, die die Wörlitzer Anlagen durch komparatistische Ansätze in ihrem europäischen Kontext verorten.[2]

Grundsätzlich lassen sich drei verschiedenen Gesichtspunkte ausmachen, von denen aus sich die einzelnen Beiträge dem Thema nähern. Die ersten drei wenden sich den englischen Vorbildern der Neugotik zu: Norbert Miller nimmt, ausgehend von der Anlage des künstlichen Vulkans „Stein“ in Wörlitz, die Wandlungsprozesse des Gothic Revival in England in den Blick, um daran anschließend die ästhetischen Beziehungen des Gotischen Hauses zu den übrigen Bauten des Wörlitzer Parks zu erläutern. Auf Grundlage der älteren Forschung kommt Miller zu dem Schluss, dass Fürst Franz und Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736–1800) während der gesamten Entstehungsphase der Gartenbauten auf ihre gemeinsamen Englandreisen aus der Mitte des Jahrhunderts rekurrierten. In diesem Zusammenhang werden die stilistische Differenzen zwischen Fürst Franz und seinem Architekten Erdmannsdorff allerdings nicht hinreichend berücksichtigt.[3] Miller vertritt die These, dass sich die Neugotik als Stilmittel zunächst aus der Gartenkunst und nicht aus der Architektur ergab.

Michael Snodin widmet sich dem Ursprungsbau des Gothic Revival, Strawberry Hill, wobei er der Frage nachgeht, was dessen Schöpfer Horace Walpole (1717–1797) darin zu erreichen suchte und wie er dies in Szene setzte. Snodin verweist in diesem Zusammenhang auf die lange Tradition der Verwendung gotischer Stilelemente in der britischen Architektur und legt ihre Bedeutung für die Darstellung der englischen Freiheit dar. Daran anschließend macht er die erstmals konsequente Verwendung der Neugotik in Strawberry Hill deutlich, die für die Instrumentalisierung des Baus als Erinnerungsort der eigenen Vorfahren zentral gewesen sei.

Petra Rau erörtert in ihrem Beitrag die ökonomischen, ästhetischen und technischen Entwicklungen, die den Handel und die industrielle Anfertigung von Plastiken im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ermöglichten. Problematisiert wird hier auch das Verhältnis von klassizistischen und neogotischen Motiven, wobei sich zeigt, dass bis ins 19. Jahrhundert klassizistische Plastiken dominierten. Mit ihren Ausführungen zum Kulturtransfer zwischen England, den ernestinischen Herzogtümern und Wörlitz schlägt sie die Brücke zu den folgenden sechs Beiträgen, die sich der Neugotik in Anhalt-Dessau widmen.

Andreas Erb gibt einen Überblick über die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Voraussetzungen des Fürstentums Anhalt-Dessau, die den Hintergrund der fürstlichen Bautätigkeit bildeten. Erb geht dem Spannungsverhältnis zwischen dem bis heute wirksamen Image des Fürstentums als Musterland der Aufklärung und den vorzufindenden Herrschaftsverhältnissen und ökonomischen Voraussetzungen während der Regierung des Fürsten Franz nach. Er vertritt dabei die These, dass der Fürst die aufgeklärte Publizistik für seine fürstliche Repräsentation in Dienst nahm und so nicht nur ein von seiner Herrschaftspraxis abweichendes Bild generieren, sondern auch die Defizite seines Fürstentums überspielen konnte. Der folgende Beitrag widmet sich der Semantik des Gotischen Hauses: Anette Dorgerloh und Michael Niedermeier legen überzeugend die Bezüge des Bildprogramms zur fürstlichen Genealogie und den Mesalliancen des anhaltischen Fürstenhauses sowie deren Bedeutung für die Herrschaftslegitimation und Inszenierung der fürstlichen Reichspolitik offen.

Die Folgenden Aufsätze beschäftigen sich mit den bisher wenig erforschten Kirchenumgestaltungen des Fürsten Franz im neugotischen Stil: Reinhard Melzer nimmt die Schloss- und Stadtkirche St. Marien in Dessau sowie die Kirchen in Pötnitz und Wörlitz unter den denkmalpflegerischen Ansätzen des Fürsten in den Blick und hebt den Innovationscharakter dieses Vorgehens hervor. Hinrich Rademacher legt anhand des Neubaus der unweit von Wörlitz gelegenen Kirche in Riesigk durch eine detailreiche Analyse die Entwicklungsdynamiken des neugotischen Bauprogramms in Anhalt-Dessau dar. Dabei präsentiert er auch sehr plausibel pragmatische Gründe für die Verwendung der Neugotik im Kirchenbau, indem er die Parallele zur Nachgotik herausstellt, in der ebenfalls gotische Stilelemente beim Bau von Kirchen dominierten, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass allein die Gotik Formen hervorgebracht hatte, die den Bau hoher Türme ermöglichte. Im folgenden Beitrag erläutert Annette Graczyk anhand der Kritik des aufgeklärten Weimarer Publizisten, Archäologen und Pädagogen Carl August Boettiger an den neugotischen Bauten im Wörlitzer Park die Ruine als gartenarchitektonisches Stimmungselement um 1800. Heinrich Dilly beschäftigt sich mit der südlich von Dessau gelegenen Haideburg als Jagdschloss und Ausdruck der traditionellen fürstlichen Jagdpraxis, für deren Inszenierung ebenfalls die Neugotik in Dienst genommen wurde.

Die letzten Aufsätze widmen sich der Untersuchung zeitgenössischer Vergleichsbeispiele aus dem kulturellen Umfeld Anhalt-Dessaus: Michael Enterlein stellt die neugotischen Bauten Carl Augusts von Sachsen-Weimar-Eisenach vor, wobei die Bedeutung der Beziehung zwischen dem Herzog und Fürst Franz für den Transfer des gotischen Stils nach Weimar unterstrichen wird. Alfred Hagemann setzt sich mit den neugotischen Bauprojekten König Friedrich Wilhelms II. in Potsdam und Berlin auseinander, wobei er überzeugend die untergeordnete Rolle deutlich macht, die die Wörlitzer Neugotik im Verhältnis zum für den König prägenden Wörlitzer Klassizismus spielte.

Das Buch besticht durch zahlreiche Abbildungen, Karten und Plänen zur Neugotik in Wörlitz. Der interdisziplinär angelegte Sammelband enthält interessante Aufsätze mit zum Teil grundlegenden, neuen Erkenntnissen zur Neugotik und zu ihrer Bedeutung im Kontext des aufgeklärten Musterstaats und seiner überregionalen kommunikativen Bezüge. Eine gezielte Bündelung der Ergebnisse wäre wünschenswert gewesen.

Anmerkungen:
[1] August Rode, Beschreibung des Fürstlichen Anhalt-Dessauischen Landhauses und Englischen Gartens zu Wörlitz, Dessau 1788, S. 163.
[2] S. die Beiträge in: Andreas Pečar / Holger Zaunstöck (Hrsg.), Politische Gartenkunst? Landschaftsgestaltung und Herrschaftsrepräsentation des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau in vergleichender Perspektive: Wörlitz, Sanssouci und Schwetzingen, Halle/Saale 2015; Wolfgang Savelsberg (Hrsg.), Cranach im Gotischen Haus in Wörlitz, München 2015.
[3] Vgl. Ingo Pfeifer, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff – (k)ein Gotiker, in: Wolfgang Savelsberg (Hrsg.), Cranach im Gotischen Haus in Wörlitz, München 2015, S. 26–36.

Zitation
Paul Phillipp Beckus: Rezension zu: Dilly, Heinrich; Murnane, Barry (Hrsg.): Seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch. Gotische Häuser um 1800 in England, Potsdam, Weimar und Dessau-Wörlitz. Halle (Saale)  2014 , in: H-Soz-Kult, 03.01.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23988>.