P. M. Cobb: Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge

Titel
Der Kampf ums Paradies. Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge


Autor(en)
Cobb, Paul M.
Erschienen
Umfang
428 S., 15 s/w Abb. und 10 Karten
Preis
€ 29,95 (für WBG Mitglieder € 24,95)
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gesine Klintworth, Deutsches Historisches Museum Berlin

Die Geschichte der Kreuzzüge einmal nicht aus der Sicht der in den Orient ziehenden westlichen Kreuzfahrer, sondern ihrer muslimischen Gegner zu betrachten, ist nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Auszüge arabischer Zeugnisse in Quellensammlungen zu den Kreuzzügen aufgenommenen.[1] Ein entsprechendes Interesse veranlasste Francesco Gabrieli in den 1950er-Jahren, weitere arabische Chroniken zu sammeln und ins Italienische zu übersetzen.[2] Doch erst in den 1980er-Jahren erschienen im Westen wissenschaftliche Werke zur arabischen Sicht auf die Kreuzzüge. Große Rezeption erfuhr dabei das Werk des Kulturwissenschaftlers Amin Maalouf[3], dem weitere Darstellungen folgten.[4] Die meisten dieser Beiträge nahmen die Reaktionen der Muslime im Heiligen Land auf die Invasion durch europäische Kreuzzugsheere zwischen 1095 und 1291 in den Blick. Diese Auswahl gibt jedoch nur einen Ausschnitt des Gesamtbildes. Um tatsächlich die Sicht der muslimischen Zeitgenossen darzustellen, ist zu beachten, was sie unter Kreuzzügen verstanden und in welchen zeitlichen und geographischen Rahmen sie die Geschehnisse einbetteten. Diesen Weg geht das hier zu besprechende Werk von Paul M. Cobb, das nur ein Jahr nach dem Erscheinen der englischen Originalfassung in Michael Sailers deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde.

Wie Cobb darlegt, war das Jahr 1095, als Papst Urban II. in Clermont zum Kreuzzug aufrief, für die Muslime ohne große Bedeutung und auch die Eroberung Jerusalems 1099 stellte nur einen von mehreren Angriffen westlicher Krieger auf muslimisches Territorium dar. Cobb nimmt deshalb neben Syrien und Palästina auch Spanien, Sizilien, Nordafrika und den Balkan in den Blick. Entsprechend bilden auch nicht die Jahre 1095 und 1291 die Eckdaten seiner Betrachtung, sondern sie beginnt weit früher im 11. Jahrhundert und endet erst mit den Veränderungen des 15. Jahrhunderts auf der iberischen Halbinsel und auf dem Balkan. Auf diese Weise beschreibt Cobb seine islamische Geschichte der Kreuzzüge als eine den gesamten Mittelmeerraum umfassende Geschichte von Konfrontationen, aber auch christlich-muslimischen Zusammenlebens.

Das Buch gliedert sich in neun Hauptkapitel (S. 15–338), deren Überschriften nicht immer erkennen lassen, um was es in den jeweiligen Abschnitten geht. Titel wie „Weit über das Meer“, „Opfer des Schwerts“, „Gegen die Feinde Gottes“ oder „Aus jedem tiefen Tal“ sind auf jeden Zeitraum anwendbar und deshalb unpräzise, greifen in der Regel aber Quellenzitate aus einem bestimmten Zeitabschnitt auf. Der Anhang (S. 351–428) enthält neben dem Anmerkungsapparat unter anderem einen bibliographischen Überblick, einige Hinweise zur Schreibweise von Namen sowie eine Liste der wichtigsten erwähnten Persönlichkeiten und Dynastien, womit westlichen Lesern eine gute Verständnishilfe an die Hand gegeben wird.

Eine erste Orientierung bietet auch das erste der neun Hauptkapitel (S. 15–49): Es erläutert Begriffe wie „Haus des Krieges“ und „Haus des Islam“ und gibt einen Kurzüberblick über die Entstehung des Islam, die Kenntnisse der Muslime des 8.–10. Jahrhunderts über die Europäer sowie die Konzepte von "Dschihad" und "Heiligen Ländern". Die nachfolgenden acht Kapitel berichten in weitgehend chronologischer Ordnung vom Vorrücken der Christen in muslimische Gebiete seit dem 11. Jahrhundert, den Bedingungen, die ihr Vorrücken begünstigten, und den Reaktionen der verschiedenen muslimischen Machthaber. Zu Anfang eines jeden Kapitels, das eine zuvor nicht behandelte Region in den Blick nimmt, gibt Cobb eine Übersicht über die dort vorausgegangenen Ereignisse. Während die Kapitelanordnung sich vornehmlich am Geschehen im Heiligen Land orientiert, lenken die Kapitel zwei, fünf, sechs und neun den Blick immer wieder auf die Entwicklungen in den anderen Gegenden christlich-muslimischer Begegnungen.

Mehrfach setzt Cobb andere zeitliche Einschnitte als dies westlichen Lesern geläufig ist. So werden beispielsweise die Ereignisse des ersten Kreuzzugs nicht durchgängig bis zur Eroberung Jerusalems im Jahre 1099 geschildert. Vielmehr stellt Cobb das Vordringen der christlich-europäischen Heere bis nach Kilikien und die erfolglose Gegenwehr der Rumseldschuken bis 1098 in einem Kapitel mit den Ereignissen auf Sizilien und in Andalusien seit den 1050er-Jahren dar (S. 51–100). Die Geschehnisse in Syrien und Palästina zwischen 1098 und 1099 werden dagegen in einem eigenen, deutlich kürzeren Kapitel behandelt (S. 101–131). Erstaunlicherweise deckt auch das „Saladin“ genannte sechste Kapitel (S. 207–241) nicht die gesamte Herrschaftszeit Saladins ab, sondern nur die Zeit bis zu seinem Erfolg bei Hattin im Jahre 1187. Die Abwehr des dritten Kreuzzugs und Saladins Tod behandelt Cobb erst im darauffolgenden Kapitel gemeinsam mit dem weiteren Geschehen bis 1250 (S. 243–271). Die Herrschaft Saladins nicht als Ganzes zu betrachten, sondern mit Hattin einen Einschnitt zu setzen, überrascht in diesem Zusammenhang, entspricht sie doch der Vorgehensweise derjenigen Autoren, die die Kreuzzüge oder die Geschichte des Heiligen Landes aus Sicht der westlichen Kreuzfahrer schildern. Auf diese Weise wird die Reihe der erfolgreichen Gegenwehr muslimischer Herrscher seit Zangi unterbrochen, ohne dass dies durch einen Regierungswechsel oder militärischen Rückschlag begründet wäre.

Die Entscheidung, nicht in allen Kapiteln das Parallelgeschehen in den anderen christlich-muslimischen Kontaktzonen zu erwähnen, erscheint insofern sinnvoll, da dort andere Voraussetzungen vorlagen und einschneidende Entwicklungen eben nicht immer zur gleichen Zeit stattfanden. Daran zeigt sich aber zugleich die Schwierigkeit, den sehr heterogenen muslimischen Mittelmeerraum als Einheit zu betrachten und eine einheitliche Chronologie für die verschiedenen Gegenden zu entwerfen. Ebenso schwierig ist es, die Interessen der verschiedenen Machthaber innerhalb dieser Regionen miteinander in Einklang zu bringen. So lautet Cobbs Fazit auch, dass es weder eine allen Muslimen gemeinsame Erfahrung der Kreuzzüge gegeben hat, noch einen „Gegenkreuzzug“ im eigentlichen Sinne. Vielmehr sei der Begriff des 'Dschihad' dazu benutzt worden, die verschiedenen, oft uneinigen muslimischen Herrscher und Heerführer für einen bestimmten Kampf zusammenzubringen und gegenseitige Unterstützung einzufordern. Dennoch zeugen die weitere Verbreitung mittelalterlicher arabischer Chroniken, öffentlich rezitierte Volkssagen und Lobreden auf die Vergangenheit davon, dass die Erinnerung an die Kreuzzüge im Nahen Osten lange wachblieb.

Durch die lebendige Verwendung von im Westen seltener rezipierten Quellen gelingt es Cobb, neue Einblicke in die Geschichte der Kreuzzüge aus der Sicht der muslimischen Zeitgenossen und die ereignisgeschichtlichen und strukturellen Zusammenhänge zu geben – und dies auf sehr unterhaltsame Weise, die auch ein nicht-wissenschaftliches Publikum anspricht. Bekanntlich ist jede Übersetzung zugleich Interpretation. Dies zeigt auch der deutsche Buchtitel „Der Kampf ums Paradies“, der den Sinn des Originaltitels leicht verändert. Dieser lautete „The Race for Paradise“, also „Der Wettlauf ins Paradies“.[5] Das Paradies ist demnach nicht Zankapfel, sondern gemeinsames Ziel, das jeder im Kampf – gegen den anderen – als erster erreichen möchte.

Anmerkungen:
[1] Joseph Fr. Michaud / Joseph-Toussaint Reinaud, Chroniques Arabes, Paris 1829; Recueil des Historiens des Croisades. Historiens Orientaux, Paris 1872–1906.
[2] Diese Zusammenstellung erschien 1973 in deutscher Übersetzung: Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht. Aus den arabischen Quellen ausgewählt und übersetzt von Francesco Gabrieli, aus dem Italienischen von Barbara von Kaltenborn-Stachau unter Mitwirkung von Lutz Richter-Bernburg, München 1973 (italienische Originalfassung 1957).
[3] Amin Maalouf, Les Croisades vues par les Arabes, Paris 1983.
[4] So beispielsweise Peter M. Holt, The Age of Crusades. The Near East from the Eleventh Century to 1517, London 1986; Carole Hillenbrand, The Crusades. Islamic Perspectives, Edinborough 1999; Peter M. Holt, The Crusader States and their Neighbours, London 2004; Axel Havemann, Heiliger Kampf und Heiliger Krieg. Die Kreuzzüge aus muslimischer Perspektive, in: Peter Bruns / Georg Gresser (Hrsg.), Vom Schisma zu den Kreuzzügen 1054–1204, Paderborn 2005, S.155–177.
[5] Paul M. Cobb, The Race for Paradise. An Islamic History of the Crusades, Oxford University Press 2014.

Zitation
Gesine Klintworth: Rezension zu: : Der Kampf ums Paradies. Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge. Darmstadt  2015 , in: H-Soz-Kult, 27.04.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24118>.