I. Buruma: '45 – Die Welt am Wendepunkt

Cover
Titel
'45. Die Welt am Wendepunkt


Autor(en)
Buruma, Ian
Erschienen
München 2014: Carl Hanser Verlag
Umfang
412 S., 27 SW-Abb.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Kemper, Hamburger Institut für Sozialforschung

Es verwundert, wie wenig der 70. Jahrestag des Kriegsendes von 1945 im Jahr 2015 geschichtspolitische Debatten über die Bedeutung Europas ausgelöst hat. Die Ingredienzen für eine kontroverse Auseinandersetzung über Sinn und Gehalt der europäischen Einheit wurden schon im ersten Halbjahr von politischer Seite ausreichend geliefert. Mit Ian Burumas Buch „’45. Die Welt am Wendepunkt“ (englischer Originaltitel: „Year Zero. A History of 1945“) liegt eine historiographische Flanke vor, die kritische Zeitgenossen in dieser Debatte ausgiebig konsultieren könnten. Angesichts der mentalen und physischen Trümmerlandschaften am Ende des Krieges waren Gewalt und Angst verbreitet, aber eben auch Träume über eine friedlichere Zukunft, sei es mit Hilfe einer Weltregierung, der Vereinten Nationen oder eines vereinten Europas – Träume, die schon länger verflogen und einem starken Pragmatismus gewichen sind.

Buruma führt seine Leserinnen und Leser an Schauplätze unterschiedlicher Weltregionen (mit Schwerpunkt auf Westeuropa, den USA und Südostasien), um Zäsuren, Zusammenbrüche und Aufbrüche des Jahres 1945 in einem fulminanten Panorama zusammenzuführen. Gespickt mit zeitgenössischen Zitaten der Enttäuschten und Hoffnungsvollen verdeutlicht seine Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder dessen Verbindungen mit der Gegenwart, so etwa in den Ideen der „Paneuropäer“ (wie Buruma etwas undifferenziert zusammenfasst) oder anderer europäischer Visionäre, die mehr als aktuell klingen: „Wenn Europa wirtschaftlichen Nationalismus nicht gegen internationalen Regionalismus eintauschen kann, wird es zugrunde gehen, wie die griechischen Stadtstaaten zugrunde gingen: in fruchtlosem gegenseitigen Hass und Misstrauen unter der Knute des Angreifers.“ (S. 293) Buruma zitiert hier den britischen Schriftsteller und Kritiker Cyril Connolly vom Dezember 1944, der mit der Kapitulation des Deutschen Reiches wenige Monate später seine Hoffnung auf eine Befriedung Deutschlands und auf Frankreich als kulturelles Herz Europas setzte.

Schon 1945 begann jedoch auch der Streit etwa zwischen Linken in Großbritannien und Nationalisten in Frankreich, mit welchen Planungstechniken sich Frieden und Stabilität erreichen ließen. Es ist bekannt, aber in dieser erzählerischen Dichte nochmals beeindruckend: Letztlich konnten sich viele Linke, die teils im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten, nur für kurze Zeit behaupten, bis sich das Primat der Stabilität durchsetzte. Freilich bewegen sich die Leser an diesem Punkt der Lektüre schon im dritten Teil („Nie wieder“) von Burumas detailreicher, gleichzeitig in mutigen großen Schwüngen erzählten Geschichte, in der nicht nur Europa um seinen inneren Zusammenhalt ringt, sondern immer wieder auch Südostasien und vor allem Japan. In den beiden Teilen zuvor lässt der Autor unter den Überschriften „Befreiungskomplex“ und „Trümmerbeseitigung“ ein Panorama der Gewalt, der teils ungezügelten, teils verrechtlichten Rache und Vergeltung am Leser vorbeiziehen, das einen – wohl auch beabsichtigt – schaudern lässt.

Buruma ist ein Könner der populären Geschichtserzählung, in der nonchalant Teile des aktuellen Forschungsstandes eingeflochten werden, wenn auch oft ohne detaillierte Belege, oder Ambivalenzen zeitgenössischer Handlungsoptionen zum Ausdruck kommen. Persönliche Erinnerungen, Tagebucheinträge, Biographien, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel gehören zu den Hauptquellen, aus denen Buruma schöpft und mit denen er sowohl die Befreiung der Konzentrationslager in Europa oder den beginnenden Bürgerkrieg in Griechenland als auch das Vorrücken sowjetischer Truppen in der von Japan besetzten Mandschurei erzählt. Verstörend ist der „Befreiungskomplex“, in dem der Jubel über die Befreier und der Genuss wiedergewonnener körperlicher Unversehrtheit neben dem Hunger und neben den Gewaltausbrüchen gegen alle stehen, die tatsächlich oder vermeintlich zur falschen Seite gehört hatten.

In den Niederlanden, wohin Burumas Vater nach seiner Zeit als Zwangsarbeiter in Berlin zurückkehrte, oder in den ehemals deutsch besetzten Gebieten in Polen spielen sich ähnliche grausame Szenen ab, werden Kollaborateure erschlagen, Frauen vergewaltigt, wird sich dem eigenen Leben scheinbar nur durch die Gewalt am Anderen versichert. Buruma lässt den Königsberger Krankenhausleiter Hans Graf von Lehndorff fassungslos sprechen angesichts der Vergewaltigungen von Schwestern wie Patientinnen durch russische Soldaten: „Hat das noch etwas mit natürlicher Wildheit zu tun oder mit Rache? Mit Rache vielleicht, aber in einem anderen Sinn… Welch ein Bemühen, das Chaos zur Schau zu tragen!“ (S. 98)

Buruma greift dieses und andere Zitate auf, um seine Interpretation der basalen Gefühls- und Handlungsdimensionen in dieser im wahrsten Sinne des Wortes entgrenzten Welt einzufügen. Aus den zahlreichen individuell motivierten Beweggründen ragte die Rache weit heraus, die „selten frei im Raum“ steht (S. 98), sondern angestachelt oder antrainiert wird, die eskaliert oder einfach nur geschieht, weil sie keine Konsequenzen fürchten muss. Wenn auch eingängig, neigt Buruma allzu sehr dazu, menschliches Verhalten als triebgesteuert zu deuten. Hierin liegt auch der argumentative Übergang zum zweiten Teil des Buches („Trümmerbeseitigung“), denn was sich einige Wochen, vielleicht Monate unkontrolliert Bahn brach, habe unter Kontrolle gebracht werden müssen. Ein Hauptmotiv für Militärtribunale und Kriegsverbrecherprozesse sieht Buruma deshalb in der Notwendigkeit, das emotionale Bedürfnis nach Vergeltung in demonstrativen, fassbaren Verfahren zu befriedigen. In den Teilkapiteln „Entgiftung“ und „Rechtsstaatlichkeit“ widmet sich der Verfasser den teils planlosen, aber nichtsdestotrotz effektiven Methoden sowohl sowjetischer wie westlicher Besatzungsbehörden, der in der Vergangenheit geschehenen Gewalt ein eigenes, die Gegenwart legitimierendes Gewaltmonopol entgegenzusetzen.

Der Situation geschuldete Planlosigkeit stellt Buruma auch fest im Umgang westlicher Besatzer mit vertriebenen Kroaten, Serben, Slowenen oder Ukrainern, die in Kärnten anlandeten und nach einigem Abwägen ohne Bedenken, aber durchaus in Kenntnis der dortigen Situation in den Machtbereich der Sowjetunion rückgeführt wurden. Liest man die Abschnitte zu den in erster Linie nach logistischen und diplomatischen Gesichtspunkten angeordneten Entscheidungen, als deren Folge Menschenmassen auf dem europäischen Kontinent bewegt wurden, wundert einen der Anspruch, mit dem fast zur selben Zeit in San Francisco die Gründungsversammlung der Vereinten Nationen (UN) abgehalten wurde. Buruma löst den Widerspruch, der keiner war, nur implizit auf: Er verweist auf die langen Linien der UN-Idee seit der Atlantik-Charta 1941 ebenso wie auf die zahlreichen regionalen Konflikte, die im und nach dem Krieg ihre Konstellation veränderten, aber in der Regel nicht aufhörten.

Die „Welt am Wendepunkt“ zeigt sich in Burumas episodischer Erzählung als eine Welt, in der Gesellschaften zertrümmert waren und in der für die so genannte zivilisierte Welt nicht vorstellbare Grausamkeiten geschehen waren. Die Menschen dieser Welt waren rasend vor Wut und Rachelust, aber auch voller Hoffnung, die womöglich wegen des vorangegangenen Grauens so überzeugt und groß ausfiel. Es wundert nicht, dass die Originalausgabe den Titel „Year Zero“ trägt, denn aus Sicht vieler Zeitgenossen musste es einen klaren Neuanfang geben. Es ist Burumas erzählerischer Strategie zu verdanken, dass Kontinuitäten im Personal, in den Institutionen und in der nicht abgetragenen Schuld dennoch so deutlich werden. Verständlicherweise erfahren die Leser vom Japan-China-Kenner Buruma mehr über diese Zonen der Nachkriegszeit als etwa über Nordafrika oder Skandinavien. Während Deutschland als vom Weg abgekommene Zivilisation galt, die nur ordentlich mit Kulturgut und Demokratielehrstunden eingedeckt werden müsse, bis das Gute wieder zum Vorschein komme, standen Japaner weiterhin im Ruf, mit partizipatorischer Demokratie wenig anfangen zu können, weshalb sie von den Amerikanern eher missioniert als „re-educated“ wurden. Japans bis dato schwieriges Verhältnis zur Vergangenheit oder seine komplizierten Beziehungen zu anderen asiatischen Staaten versucht Buruma nicht das erste Mal zu erklären. Auch in dieser Variante japanischer Geschichte, eingebettet in eine globale Erzählung mit offenem Ausgang, bleiben weiterhin Fragen offen.

Ian Buruma ist kein Historiker im akademischen Sinne. Es fehlt an repräsentativer Auswahl der Quellen und an analytischer Tiefenschärfe, wie an anderer Stelle schon zu Recht bemerkt wurde.[1] Auch der separate Bildteil des Buches bleibt mit dem Text unverbunden und wird nicht als Quelle genutzt. Ein Hauptziel des Autors (geb. 1951) ist es, „die Welt meines Vaters und seiner Generation zu verstehen“ (S. 20); dafür baut er mitunter sehr persönliche Bezüge zur eigenen Familie ein. Wer sich darauf einstellt und weder eine Lehrstunde zum deutschen Kriegsende noch eine Bestandsaufnahme aller Neuanfänge von 1945 erwartet, kann das Buch mit viel Gewinn lesen. Denn Buruma erzählt eine subjektiv komponierte Geschichte von Rache und Hoffnung in chaotischer Zeit, und genau darin liegt ihre Kraft.

Anmerkung:
[1] Jürgen Osterhammel, Meist siegte das Bedürfnis nach Rache, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2015, S. 10, <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/meist-siegte-das-beduerfnis-nach-rache-ian-burumas-45-die-welt-am-wendepunkt-13445446.html> (22.07.2015); Gregor Schöllgen, Als Onkel Emil gegen Hitler kämpfte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2015, S. 6, <http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/autor-ian-buruma-zeigt-das-kriegsende-in-europa-und-asien-13501600.html> (22.07.2015).

Zitation
Claudia Kemper: Rezension zu: : '45. Die Welt am Wendepunkt. München  2014 , in: H-Soz-Kult, 11.08.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24208>.