K. Schulz: Der lange Atem der Provokation

Titel
Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976


Autor(en)
Schulz, Kristina
Erschienen
Frankfurt am Main 2002: Campus Verlag
Umfang
276 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kerstin Wolff, Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel

Forschungen zur Frauenbewegung – in diesem Fall zur Frauenbewegung der (nach) 1968er Jahre – sind meistens schon von den in ihnen agierenden Protagonistinnen angestoßen und vorangetrieben worden. Dieses Verfahren hat – naturgemäß– nicht dazu beigetragen einer wissenschaftlichen Durchdringung des Themas Vorschub zu leisten und so ist auch heute noch zu diesem Thema viel zu sagen und zu forschen. So fehlt es zum Beispiel für die Erforschung der ‚neuen’ Frauenbewegung[1] an detaillierten Studien zu Aktionsformen und Verlauf. Dies mag an der soziologisch orientierten Frauenforschung liegen, die statt des ‚Beginns’ und des ‚Verlaufs’ dieser sozialen Bewegung eher die Institutionalisierungsformen und Institutionalisierungsprozesse in den Blick genommen[2] oder sich vermehrt regionalen Kontexten gewidmet hat.[3] Die Arbeit von Kristina Schulz, die einen Vergleich zwischen den Frauenbewegungsverläufen in der Bundesrepublik und Frankreich für die späten 1960er und 70er Jahre geschrieben hat, versucht diese Forschungslücke für die bundesrepublikanische Forschungslandschaft zu schließen, und dies mit gutem Erfolg.

Die der Arbeit zugrunde liegenden Fragestellungen sind durch drei aktuelle Diskussions- und Forschungskontexte geleitet. Erstens versteht Kristina Schulz ihre Arbeit als Beitrag zu dem von Michelle Perrot’s formulierten Programm einer Feminismusforschung, zweitens wendet sie sich Forschungskontexten zu, die kollektive Protestformen untersuchen (soziale Bewegungsforschung) und drittens deutet sie die ‚neue’ Frauenbewegung vor dem Hintergrund einer Debatte über Demokratisierungspotentiale in den zeitgenössischen westlichen Gesellschaften. Schlagworte wären hier Geschlechterdemokratie und Gender-Mainstreaming. Kristina Schulz fragt nach dem Zusammenhang zwischen diesen neuen Entwicklungen und der Frauenbewegung ab den 1968er Jahren. „Haben die Frauenbewegungen mit ihren Praktiken und Diskursen, ihren Forderungen nach Selbstbestimmung und ihrer Strategie der Herausforderung normgebender Instanzen die Gesellschaft verändert? Welchen Einfluss haben spezifische gesellschaftliche Kontexte auf die Entwicklung der Frauenbewegungen gehabt?“ (S.10) Um es vorwegzunehmen: Die Frauenbewegungen sowohl in Frankreich als auch in der Bundesrepublik haben Veränderungen in Gang gesetzt, die auch Auswirkungen auf die Normgebung hatten. Zwar haben sie nicht das selbstgesteckte Ziel einer radikalen Umwandlung der gesamten Geschlechterordnung erreicht, doch ist es ihnen unzweifelhaft gelungen, geschlechtsbedingten sozialen Ungleichheiten auf vielen Ebenen der Gesellschaft ihre Selbstverständlichkeit zu nehmen. Aber – und auch das zeigt das Buch von Kristina Schulz – dieser gesellschaftliche Wandel ist nicht nur den anhaltenden Protesten der Frauenbewegung zu danken. Gerade die Geschichte dieser Protestbewegung zeigt nämlich, dass das Verhältnis von Protestbewegung und sozialem Wandel komplexer ist als in den meisten Fällen beschrieben.

Um von vornherein deutlich zu machen, dass mit dem Untersuchungsgegenstand Frauenbewegung nicht ein unwichtiges Randphänomen analysiert werden soll, betont Kristina Schulz berechtigterweise, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den westlichen Demokratien keine andere Protestbewegung ein solches Ausmaß an Protestdauer, Verankerung in der Gesellschaft und Mobilisierungsvermögen aufzuweisen hatte. Die Frage nach der Erklärung dieses Erfolges lässt Kristina Schulz – Joan Scott folgend – nicht so sehr nach dem Warum sondern nach dem Wie fragen.

Die Arbeit folgt einem interessanten Aufbau, der sich allerdings erst beim Lesen in seiner ganzen Logik erklärt. Nach einem ersten Kapitel zur Morphologie der Bewegungen, in dem das soziale Profil der Akteurinnen auch an einzelnen ausgewählten Kurzbiografien vorgestellt wird (auf französischer Seite Antoinette Fouque, Monique Wittig und Christine Delphy, für die BRD Alice Schwarzer und Helke Sander) und in dem die Frage nach den Ursachen und Voraussetzungen der Formierung als soziale Bewegung behandelt wird (z. B. Strukturwandel und Unterdrückungserfahrung), schließt ein zweites Kapitel an, in dem es um die theoretischen Grundlagen für die Formierung geht. Hier wird der amerikanische Radikalfeminismus ebenso behandelt wie der (Post-)Strukturalismus, die Neue Linke/Nouvelle Gauche analysiert und das wegweisende Werk von Simone de Beauvoir: „Das andere Geschlecht“ eingeführt, welches im Verlauf der Arbeit noch mehrmals vorkommen wird. Das dritte Kapitel ist dann eines der Hauptkapitel. Es beschäftigt sich mit den Ereignissen des Jahres 1968. Hierin finden sich gut lesbare Abschnitte zu den ersten Frauen- und Weiberräten in der Bundesrepublik Deutschland, zu den Ereignissen des 13. September 1968 (der berühmte Tomatenwurf auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt am Main, der vielen als der ‚eigentliche Beginn’ der Frauenbewegung gilt) und zu einigen Schlüsseldokumenten dieser jungen Protestbewegung (zum Beispiel die Rede von Helke Sander oder der Aufsatz: „Die kulturelle Revolution der Frau“ von Karin Schrader-Klebert). Auf französischer Seite war ebenfalls das Jahr 1968 entscheidend. Hier hatte sich die Gruppe feminin, masculin, avenir (FMA) bereits 1967 gegründet, 1968 aber wuchs sie und entwickelte ihr inhaltliches Programm. Parallel dazu beschreibt Kristina Schulz die Mobilisierung in Vincennes (Universität Paris VIII am östlichen Stadtrand gelegen) wo es auch zur Gründung einer Frauengruppe kam. Interessant sind hier schon zu Tage tretende Unterschiede zwischen den beiden Bewegungen. Kam es innerhalb der Bundesrepublik nach dem Tomatenwurf zu einer regionalen Ausdehnung der Bewegung, kann dies für Frankreich nicht konstatiert werden, hier kam es noch nicht einmal zu einem Kontakt der beiden in Paris agierenden Frauengruppen.

Das vierte Kapitel, welches auch dem Buch den Titel gab (Der lange Atem der Provokation) beschreibt die verschiedenen Wege der Frauenproteste im Rahmen der Mobilisierung gegen die Kriminalisierung der Abtreibung. Dahinter steht die Einsicht, dass die Entstehung und Entfaltung der Frauenbewegungen in Frankreich und in der BRD in hohem Maße an die Proteste gegen die strafrechtliche Verfolgung des Schwangerschaftsabbruchs gekoppelt waren. In diesem Kapitel werden die presse- und publikumswirksamen Aktionen dieser Zeit vorgestellt. Von der Selbstbezichtigungskampagne: „Ich habe abgetrieben“ (die erst in Frankreich, dann in der BRD erfolgreich durchgeführt wurde), über die Tribunale und Straßen- und Frauenaktionen hin zur Zersplitterung in kleine Gruppen (vor allem in der BRD). Interessant und erhellend ist die Analyse von Kristina Schulz, die zu Recht im Abtreibungsverbot einen der wesentlichen Faktoren der Mobilisierung sah. „Bewegungsintern bot es den kleinsten gemeinsamen Nenner für die unterschiedlichen, zum Teil in ihren Strategien divergierenden Gruppen und Strömungen. Extern gewannen die Frauenbewegungen durch die Problematisierung der Abtreibung als Ausdruck gesellschaftlicher Unterdrückung von Frauen Verbündete, die den Druck auf die Entscheidungsinstanzen durch ihre Ressourcen – sei es eine durch Partei- oder Verbandszugehörigkeit gebundene, leicht mobilisierbare Anhängerschaft, Geldmittel oder Prestige – zu erhöhen vermochte.“ (S. 173) Gleichzeitig erkennt Kristina Schulz in dieser Art der Mobilisierung auch die Gefahr des Verlustes der Eigenständigkeit und die Gefahr der Abmilderung der Forderungen.

Das fünfte Kapitel, welches sich der Phase ab der Mitte der 1970er Jahre zuwendet, ist sicher eines der spannendsten. Anhand der Rezeptionsgeschichte des Buches von Simone de Beauvoir und der Frage nach dem ‚Datum des Beginns’ der Frauenbewegungen untersucht Kristina Schulz die inhaltlichen Verortungen, die Zersplitterungen und theoretischen Positionen der Frauenbewegungen beider Länder. Hier wird analysiert, was sich bereits in den Frauenbewegungen des 19. Jahrhunderts gegenüberstand. Auf der einen Seite der kulturelle Feminismus (eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse wird durch eine Transformationsstrategie angestrebt, die bei den Veränderungen ‚in den Köpfen’ ansetzt), auf der anderen Seite der soziale Feminismus (die Befreiung der Frau wird in erster Linie durch ihre soziale Gleichstellung mit dem Mann zu erreichen gesucht). Damit erweitert Kristina Schulz die alte Gegenüberstellung von Differenz und Gleichheit. Denn: „Wohl aber erweist sie sich (die Unterscheidung zwischen einem Gleichheits- und einem Differenzansatz; K.W.) als unzureichend, will man die Konsequenzen akzentuieren, die der jeweilige Zugriff für das Agieren der neuen Frauenbewegung hatte und damit zugleich das ‚neue’ an den neuen Frauenbewegungen hervorheben: ihre erneuten und erneuerten Interpretationen eines alten ‚Dilemmas’.“(S. 192) Auch wenn Kristina Schulz hier das alte Dilemma als feststehender annimmt als es in der neuen Literatur diskutiert wird[4] ist die Analyse des Kapitels auf jeden Fall dazu angetan, die Frauenbewegungen der 1970er Jahre in ihrer Zersplitterung besser zu verstehen. Ein sechstes Kapitel, in dem es um einen Ausblick auf die Politik der Gleichstellung geht, schließt die Untersuchung ab.

Insgesamt ist die Untersuchung von Kristina Schulz sehr lesenswert und erhellend. Sie bietet zum ersten Mal für die Geschichte der westdeutschen Frauenbewegung eine dichte, fakten- und quellenreiche Darstellung, die es darüber hinaus auch erlaubt, durch den Vergleich mit Frankreich Besonderheiten und Verallgemeinerungsfähiges zu erkennen. Die weitere Entwicklung der Frauenbewegungen in den 1980er Jahren wird verständlicher und ihr Stand heute klarer. Lediglich die zeitliche Begrenzung auf das Jahr 1976 ist mir nicht ganz klar geworden (wahrscheinlich bezieht sie sich auf das Inkrafttreten der Fristenlösung in der BRD am 21.6.1976). Dieses von mir so wahrgenommene Manko entspringt aber auch meiner Neugier auf die Entwicklungen auch in den 80er Jahren mit den ganzen Projektgründungen und der Idee des autonomen feministischen Arbeitszusammenhangs. Gewünscht hätte ich mir auch eine – an bestimmten Anknüpfungspunkten sich anbietende – Verknüpfung mit der bereits seit dem 19. Jahrhundert stattfindenden Entwicklung der Frauenbewegungen, bzw. mit den Ansätzen der Frauenbewegung nach 1945. Das hätte dann sicher auch eine Antwort auf die Frage gegeben, wie Kristina Schulz diese verschiedenen Phasen der (Frauen-)Bewegung bewertet. Als Welle mit Tälern und Kämmen oder als Aufflackern alter Ideen aus erkalteter Asche? Denn eines scheint mir als Historikerin doch sehr deutlich zu sein. Der feministische Streit um den Beginn der Frauenbewegung (1968 oder doch erst 1970) ist ein Streit um des Kaisers Bart. Denn es ist doch mehr als fraglich, ob ohne die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts eine Frauenbewegung in den 1960er/1970er Jahren so überhaupt hätte stattfinden können.

Anmerkungen:
[1] ‚Neue Frauenbewegung’ im Gegensatz zur ‚Alten Frauenbewegung’. Mit Letztgenannter ist die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts bis 1933 gemeint. Diese Klassifikation (dazu gehören auch die Einteilungen in ‚alt’ und ‚neu’) sind schon häufiger auf Kritik gestoßen. Ute Gerhard schlägt deshalb eher das Bild der langen Wellen der Frauenbewegung vor. Vgl. hierzu: Die „langen Wellen“ der Frauenbewegung – Traditionslinien und unerledigte Anliegen, in: Gerhard, Ute, Atempause. Feminismus als demokratisches Projekt, Frankfurt am Main 1999, S. 12-38.
[2] Vgl. zum Beispiel: Lenz, Ilse; Mal, Michiko; Klose, Karin (Hgg.), Frauenbewegung weltweit. Aufbrüche, Kontinuitäten, Veränderungen, Opladen 2000.
[3] Als Beispiel: Schäfer, Christine; Wilke, Christiane, Die neue Frauenbewegung in München 1968 - 1985. Dokumentation, München 2000.
[4] Vgl. zum Beispiel: Bock, Gisela, Frauenwahlrecht – Deutschland um 1900 in vergleichender Perspektive, in: Grüttner, Michael (Hg.), Geschichte und Emanzipation. Festschrift für Reinhard Rürup, Frankfurt am Main 1999, S. 95-136; Weller, Katja, Politik und Weiblichkeit. Beobachtungen zum Politikverständnis in der Frauenbewegung zu Beginn der Weimarer Republik, in: Ariadne – Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte 40 (2001), S. 40-45.

Zitation
Kerstin R. Wolff: Rezension zu: : Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976. Frankfurt am Main  2002 , in: H-Soz-Kult, 11.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2424>.
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11.06.2003
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