M. Mitterauer: Europa - Grundlagen eines Sonderwegs

Cover
Titel
Warum Europa?. Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs


Autor(en)
Mitterauer, Michael
Erschienen
München 2003: C.H. Beck Verlag
Umfang
352 S., 2 Kart.
Preis
€ 24,60
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Rüdiger, Institut für vergleichende Geschichte Europas im Mittelalter, Humboldt-Universität zu Berlin

Wer immer den Titel dieses Buches ersonnen hat, dem ist ein Treffer geglückt. Europa, die Sonderwegdebatte und sogar das Mittelalter als (Umfragen zufolge) populärste Geschichtsepoche überhaupt: All das, so verheißt C.H. Beck, findet man in dem neuen Buch des soeben emeritierten Wiener Sozialhistorikers Michael Mitterauer. Dies sei mit allem Respekt gesagt, denn „Warum Europa?“ ist gewiss unter den wichtigsten Fragen, die zu beantworten in die Kompetenz von Historikern fällt. Und Berufshistoriker, die wichtige Fragen stellen, sind nicht eben zahlreich in einer Zeit besorgter Verschanzung in den Forts des Spezialistentums, wartend auf die Barbaren.

Michael Mitterauer, der in Forschung und Lehre seit langem die größeren Fragen bevorzugt, würde dem Gesagten vermutlich zustimmen. Allerdings würde er vielleicht vom ,Retrenchment‘ der Forschung sprechen. Denn Einsprengsel von fancy-Englisch durchziehen das Buch: „Der ,Norman Conquest‘ von 1066 intensivierte diese Angleichungsprozesse [...]“ (S. 58), „die karolingischen Herrscher waren diesbezüglich ,Latecomer‘“ (S. 113), „der Aufbau [des] Klosterverbands der Cluniazenser war die ,challenge‘, der die Gründung der Zisterzienser [...] als ,response‘ folgte“ (S. 194); gelegentlich begegnet man einem weltläufigen Satz Französisch, der nichts anderes sagt, als dass der Roggen eine vorherrschende Anbaupflanze war (S. 24). Derlei geht manchmal auf Kosten der Präzision, wenn etwa prätentiös von den „,manors‘“ der Angelsachsenzeit die Rede ist (S. 56), oder grenzt ans Komische, wenn eine arabische Alltagsvokabel zum hermetischen Fachterminus hochstilisiert wird.[1]

Diese kleinlich anmutenden Bemerkungen seien vorangestellt, weil sie erstens verdeutlichen, wie hier auf ornamentale Weise Internationalität reklamiert werden soll (dass dieser Anspruch, gemessen an der verwendeten Forschungsliteratur, durchaus zu Recht besteht, ändert an der Ärgerlichkeit des Verfahrens nichts), und zweitens ahnen lassen, wo das Buch seinen Ursprung hat, nämlich in Vorlesungsmanuskripten. Daraus macht der Verfasser auch kaum ein Geheimnis, es ist aber für den Leser kein Gewinn, dass der Stil des Hörsaals so gut erhalten ist. Denn der durchschnittliche Satz enthält acht bis zehn Wörter, die weitgehende Vermeidung der Hypotaxe macht die Lektüre auf die Dauer recht anstrengend (zumal die langen Kapitel keinerlei Untergliederung aufweisen), und sechs Gedankenstriche auf ebenso vielen Zeilen (S. 174) sind einfach zuviel. Arabische und chinesische Begriffe werden ganz unterschiedlich, anscheinend je nach ausgewerteter Forschungsliteratur, transliteriert. Hinzu kommen gelegentliche Terminologiefehler („Polypticha“, S. 53 usw.; „idiographische“ Schrift, S. 260 usw.; u.a.).

Das alles ist schade, denn es handelt sich, wie gesagt, nicht nur um formale, sondern durchaus um strukturelle Züge. Im Grunde ist das ganze Buch eine Parataxe. Ihre sieben Glieder bieten unterschiedliche, häufig spannende Teilantworten auf die Leitfrage, deren Formulierung Max Weber liefert: „Welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“ [2] Weber gibt also den „Kettencharakter des Buches schon vor, eine komplexere Struktur historischer Erklärung bleibt von vornherein Borges und seinesgleichen vorbehalten, und wer argwöhnt, dass Mitterauers „Europa“ gleich Webers „Okzident“ sei, der hat recht. Der interkulturale Vergleich, grundlegende Methode des Buches, gilt Westeuropa in der Zusammenschau mit (und das heißt praktisch meist: im Gegensatz zu) Byzanz, dem arabischen Raum und China. Auch eine gewisse Methode historischer Perzeption ist in diesem Plan bereits angelegt: Hufen-, Familien-, Agrar-, Wehr- und Ständeverfassungen, Prozesse der „Vergetreidung“, „Verreiterung“, „Rabbinisierung“ machen Geschichte, soziale oder politische Phänomene haben „eine frühe Organisationsform“ respektive „fortgeschrittenere Entwicklungsstadien“ (S. 60). Menschlichem Handeln begegnet man nur gelegentlich, und dann als „anschauliche[m] Zeichen“ (S. 229 u.a.) für die Existenz begrifflicher Entitäten, nicht deren ersten Konstituenten.

Kapitel 1 gilt unter dem Motto „Roggen und Hafer“ der Agrarrevolution des Frühmittelalters im nordalpinen Europa, dem im Vergleich zum Mittelmeerraum und zu China mit ihren zunächst überlegen erscheinenden Agrartechniken eine besondere „Entwicklungsdynamik“ zugeschrieben wird (auf S. 17f. erscheint der Begriff im Durchschnitt alle fünf Zeilen). Die Bedeutung des Agrarisch-Technischen wird in den gängigen Kompendien allzu oft übersehen [3], und das Kapitel überzeugt mühelos.

Dies kann man kaum über Kapitel 2 sagen, ein Loblied auf die Grundherrschaft als Wurzel europäischer Gesellschaftsformen, namentlich die „zweigeteilte Grundherrschaft“, die in diesem und den folgenden Kapiteln zu einer Art Wunderformel sozialer Dynamik stilisiert wird, ohne dass einmal ihre Verbreitung oder Häufigkeit erörtert worden wären. Überhaupt ist in diesem Buch eine Quelle eine Quelle, und was sie sagt, stimmt; die ,Germania‘ des Tacitus und das ,Capitulare de villis‘ sind dem Verfasser gleichermaßen recht. Hingegen wird dem Leser eine unmittelbare Vertrautheit mit Begriffen wie „Entvogtung“, „Inwärtseigen“, „Ansitz“ (S. 128f.) abverlangt. Im dritten Kapitel werden „gelockerte Abstammungsbeziehungen“ und dabei namentlich die Abwendung des Christentums vom Ahnenkult als wesentlich für die hohe soziale Mobilität in Europa reklamiert, im vierten wieder einmal „die Entwicklungslinie Lehenswesen–Ständeverfassung–Parlamentarismus“ als im transkulturalen Vergleich erkennbarer Sonderweg des Feudalismus beschrieben. Den europäischen Föderalismus erklärt Mitterauer dabei als mit dem karolingischen Reisekönigtum „ursächlich verbunden“ (S. 150).

Im letzten Teil des Buches häufen sich die memorablen Stellen. Die westliche Christenheit wird, verdichtet in Papstkirche und universalen Orden, als „hoch organisierte Religionsgemeinschaft“ beschrieben (Kapitel 5). Kapitel 6 über „Kreuzzüge und Protokolonialismus“, namentlich derjenige Portugals und der italienischen Seerepubliken, fordert nachdrücklich – und überzeugend –, den Beginn des europäischen Expansionismus, einschließlich ,kolonialer‘ Exploitationsformen, bereits im 12. Jahrhundert anzusetzen. Schließlich werden „Predigt und Buchdruck“ im Rahmen einer interessanten technikgeschichtlichen Darstellung als „Frühformen der Massenkomunikation“ (Kapitel 7) geschildert, wobei der Medienbegriff allerdings wieder einmal überstrapaziert wird: Selbst wer sich den strengen Vorbehalten nicht anschließen mag, die von medienwissenschaftlicher Seite gegenüber der Anwendung des Begriffs auf mittelalterliche Zusammenhänge geäußert werden [4], wird zögern, „das Medium Predigt“ (S. 237) als ein solches anzusprechen.

Es überrascht nicht, dass das Buch keine Überraschungen bietet. Es beeindruckt (stellenweise), es belehrt (häufig), und manche Passagen, etwa die Überlegungen zum romchristlich-jüdisch-islamischen Religionsvergleich (S. 161ff.), sind unbedingt lesenswert. Aber in seiner gesamten Anlage ergänzt es lediglich eine längst bekannte Antwort um eine – allerdings reichhaltige – Reihe zusätzliche Belege, die sich letztlich jeder Verifikation entziehen.[5]

Wem das enttäuschend vorkommt, der lese im ersten Absatz des ersten Kapitels: „Es herrscht in der historischen Forschung Konsens, dass viele der für den europäischen Sonderweg typischen Entwicklungen vom Gebiet zwischen Rhein und Seine, dem Zentralraum des Karolingerreiches im 8. und 9. Jahrhundert, ihren Ausgang genommen haben.“ (S. 17) Kerneuropa also. Wenn dann im folgenden begründet wird, warum dieser Raum im Sinne des Buches als „Europa“ stehen soll, ist der Zirkelschluss komplett: An Europa ist ein Teil Westeuropas besonders interessant, also betrachten wir nur diesen Teil, der uns verrät, dass Europa besonders interessant ist. Drei Viertel des Kontinents fallen explizit (Byzanz mit seiner „blockiert[en]“ (S. 28) Landwirtschaft und seinen steuerlichen Lasten für potentielle Investoren sowie das orthodoxe Osteuropa) oder implizit aus der Betrachtung, erscheinen höchstens einmal als kurioser Sonderfall (Irland, S. 25) oder als Außeneinfluss („Wirren der Völkerwanderungszeit“, S. 48; „Kampf gegen die Sarazenen“/„Heidenkampf“ [sic!] in Spanien, S. 202f.), der Karl dem Großen seine „militärischen Erfolge“ ermöglicht (S. 112, mit tlw. hundertjähriger Forschungsliteratur als Beleg). In dieser Perspektive wächst dann auch dem ,fodrum‘, einer karolingischen Pferdefutterabgabe, welthistorische Signifikanz zu (S. 112).

Damit soll nicht bestritten werden, dass die Evidenz vorhanden ist – im Gegenteil, gerade die Evidenz macht ja die Überraschungslosigkeit des Buches aus. Man weiß um die „Dynamik“ Kerneuropas auch schon im Mittelalter; wenn Mitterauer den europäischen Sonderweg also prononciert nicht erst mit der Spinning Jenny und den Menschenrechten, sondern tausend Jahre früher beginnen lassen will, so tut dies einer bestimmten neuhistorischen Perspektivenverkürzung sicher gut, nimmt dem Werk aber im mediävistischen Kontext das Potential zur Novität. Warum nicht Masowien? Warum nicht Illyrien, warum nicht Asturien? Mitterauers sieben Kettenglieder liefern eine Beschreibung Kerneuropas; die Frage nach den denkbaren Alternativen (nach der Denkbarkeit von Alternativen) kann so nicht gestellt werden. Man könnte Mitterauers Kette beliebig verlängern; stets wird sie, einen unwiderstehlichen Eindruck von Geradlinigkeit vermittelnd, in der Gegenwart ankommen und dann – obgleich Mitterauer nie explizit kausale Schlüsse zieht und Folgerichtigkeit nur suggeriert, sich hingegen ausdrücklich aller Indienstnahme für „ideologische Legitimationsideologien“ (sic! S. 296) im Sinne von „Europa bauen“ (S. 8, mit direktem Bezug auf die gleichnamige Reihe) verweigert – einmal mehr die Erfolgsgeschichte sein, die wir alle kennen.

Wichtiger wäre es heute, einmal eine Misserfolgsgeschichte zu schreiben. Nicht die wohlfeile ethnozentrische Selbstanklage über Kontinuitäten der Exklusion, Expansion, Exploitation, die nichts erklärt. Sondern eine Geschichte, in der das Lehnswesen statt als Erfolgsmodell (S. 110) als der dürftige Notbehelf erschiene, der es war; in der Kerneuropa ein von einer Kriegerhorde beherrschtes Elendsgebiet wäre, über das die Nachbarn die Nase rümpften; in der die Geschichte von Päpsten und Westkaisern konsequent als verzweifeltes Sezessionsbestreben vom wahren Rom im Osten geschildert würde; in dem die integrative Kraft des Mediterraneums von Byzanz und Bagdad dem Kazikentum der Dynasten am atlantischen Rand gegenüberstünde; in der Sizilien, Skandinavien und der Pyrenäenraum als die wahrhaft dynamischen Zentren erschienen, deren Marginalisierung im 13. Jahrhundert eine jahrhundertelange Depressionsphase einleitete; in der „1204“ als die zentrale europäische Katastrophe benannt würde. Ein solches Buch würde ebenso wie Mitterauers (das mit zwei Landkarten schließt: dem Reich Karls des Großen und Europa mit den heutigen Staatsgrenzen), ob es wollte oder nicht, dazu beitragen, „Europa zu bauen“. Es würde dies aber auf heterodoxe Weise und mit einer Nuance des Zweifels tun, die in einer Zeit des Triumphalismus eher not täte als die Wiederholung eines Gründungsmythos.

Anmerkungen:
[1] Der Sufi-Jünger wird „in die bis zum Gründerscheich und über diesen bis zum Propheten zurückreichend gedachte Kette der spirituellen Überlieferung auf[genommen]. Diese so genannte ,silsilah‘ [„Kette“, J.R.] ist als Organisationsprinzip für die Gemeinschaft konstitutiv“ (S. 174).
[2] Weber, Max, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 1920, S.1; hier zitiert nach Mitterauer, S.9.
[3] Zwei Gegenbeispiele sind allerdings LeGoff, Jacques, La civilisation de l’Occident médiéval, Paris 1964 [dt. 1970], und jetzt Borgolte, Michael, Europa entdeckt seine Vielfalt 1050–1250 (Handbuch der Geschichte Europas 3), Stuttgart 2002.
[4] Vgl. Ernst, Wolfgang, ,Medien‘ im Mittelalter? Kulturtechnische Retrospektive, in: Goetz, Hans-Werner; Jarnut, Jörg (Hgg.), Mediävistik im 21. Jahrhundert. Stand und Perspektiven der internationalen und interdisziplinären Mittelalterforschung (MittelalterStudien 1), München 2003.
[5] Allerdings hat Robert Fossier, als er vor zwanzig Jahren dieselbe Frage stellte wie jetzt Mitterauer (Enfance de l’Europe, Xe–XIIe siècles, Paris 1982, II 1066ff.), nur zwei (Teil-) Antworten übriggelassen, die sich nicht falsifizieren ließen; Mitterauers sind nicht unter ihnen.

Zitation
Jan Rüdiger: Rezension zu: : Warum Europa?. Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. München  2003 , in: H-Soz-Kult, 24.11.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2430>.