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Titel
Elagabal. Roms Priesterkaiser und seine Zeit


Autor(en)
Altmayer, Klaus
Erschienen
Nordhausen 2014: Verlag Traugott Bautz
Umfang
258 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Samuel C. Zinsli, Seminar für griechische und lateinische Philologie, Universität Zürich

Elagabal hat seit der Jahrtausendwende Konjunktur. Altmayers (A.) Buch ist die dritte in kurzer Folge erscheinende diesem Kaiser gewidmete Monographie nach Arrizabalaga y Prado (2010) und Icks (2011). Den ebenfalls 2014 erschienenen Kommentar zur Heliogabalvita der HA aus der Feder des Rezensenten konnte A. nicht mehr zur Kenntnis nehmen.

Auch A. ergänzt und kontrastiert die literarischen Quellen mit außerliterarischen Zeugnissen, allerdings mit einer stattlichen Zahl bei Arrizabalaga und Icks unerwähnter Quellen und Erkenntnisse. Und dies, obgleich er sich (S. 7) explizit vor allem an einen breiteren Interessiertenkreis wendet. Entsprechend sind in den Verlauf der Lebensbeschreibung auch erklärende Exkurse eingestreut. Besonders instruktiv ist die Vorstellung und Kontextualisierung der drei literarischen (S. 17–22) sowie weiterer Quellen zum Beispiel epigraphischer und numismatischer Art. So wird einem allgemeineren Publikum anschaulich vermittelt, wie Historiker/innen mit Zeugnissen zu einer antiken Persönlichkeit heutzutage umgehen.

Die Grenze zu ziehen, was man im Laufe einer Erzählung erläutert und was nicht, ist gewiss immer äußerst schwierig, und es gibt auch hier Fälle wie etwa die tribunicia potestas, die S. 36 mit «Amtsgewalt eines Volkstribuns» übersetzt, aber wohl kaum erklärt wird, doch aufs Ganze betrachtet dürfte A. den Ansprüchen eines weiteren Interessiertenkreises auf fachlich saubere Art gerecht werden. Ausgezeichnet die Vorüberlegungen (S. 27–31) zu den Namen des Kaisers, vom zeitgenössisch nicht belegten (wenn auch als Spottname nicht auszuschließenden) Ela-/Heliogabalus bis zu auch bei Arrizabalaga und Icks nicht erwähnten Spitznamen aus Oxyrhynchus-Papyri (S. 28).

Besonders gelungen und weder antiken noch modernen Darstellungen blind vertrauend sind die Kapitel über Elagabal vor seiner Erhebung zum Kaiser und über diesen Vorgang selbst.[1]

Im Kapitel über Religionspolitik lässt A. sich nicht von der farbigen Empörung der antiken Historiker blenden, sondern fügt die Überlieferung zu einer gewiss nicht einzig möglichen, aber plausiblen Gesamtheit zusammen. Namentlich die Harmonisierung verschiedener Phasen der Religionspolitik mit den verschiedenen Ehen Elagabals leuchtet unmittelbar ein und ließe sich wohl noch vertiefen (S. 115–119). Überraschend hingegen, dass Optendrenks fundamentale Studie[2] (die im Wesentlichen zu denselben Ergebnissen kommt) offenbar nicht benutzt wurde. Gravierender sind Lücken in A.s Ausführungen zu Elagabals Bautätigkeit: Der abschließende Band zur Vigna Barberini[3] (wo der palatinische Elagabaltempel stand) fehlt in der Bibliographie, aber auch die Lektüre des Villedieu bereits benutzenden Palatin-Bandes von Coarelli[4] (der im Literaturverzeichnis figuriert) hätte die Fehlinformation verhindern müssen, der Jupiter-Victor-Tempel, den Elagabal zu einem Elagabalustempel umgewandelt habe (die frühere Tempelgottheit ist aber noch umstritten), sei domitianisch (S. 109). Auch von „sensationell schneller Umbauzeit“ (S. 109) kann bei den lediglich partiellen Bauplanänderungen des im Entstehen begriffenen Baus nicht die Rede sein.[5]

Beim „Privatleben“ erinnert A. zu Recht daran, dass die unzähligen Nachrichten über den nicht-öffentlichen Elagabal besonders skeptisch zu betrachten sind. In der ausgewogenen Gesamtbeurteilung der meist schlüpfrigen Thematik finden sich nur kleinere Ungenauigkeiten – CIL XIV 3553 besteht aus zwei unterschiedlichen Zeitebenen, an zweierlei Schriften erkennbar, und der Name Zoticus gehört nicht zur auf 224 datierten Inschrift, sondern zur wohl älteren anderen, könnte also, sofern wirklich Elagabals Günstling gemeint ist, noch aus seinen Tagen an dessen Hof stammen (S. 130), und die Floralia können angesichts antiker Berichte[6] wohl schwerlich ein „unschuldiges Frühlingsfest“ (S. 132) genannt werden.

Bei der Tyrannentopik wäre meines Erachtens zu berücksichtigen, dass der ansonsten wichtige Grausamkeitstopos wenigstens in der HA eine überraschend geringe Rolle spielt (S. 138). Die politischen Morde behandelt A. besonders aufschlussreich, betont ihre letztlich moderate Anzahl und selbst im ungnädigen Bericht Dios noch durchscheinende Berechtigung (S.142–144). Die ausführlichen Klagen über Elagabals Günstlingswirtschaft kontrastiert er effizient mit der prosopographischen Evidenz – die prominenten Liebhaber sind in keinen Ämtern belegt, viele der hohen Funktionäre unter Elagabal dienten auch vor oder nach ihm (S. 150). Comazons Laufbahn inklusive Datierung seiner Stadtpräfekturen und seine Zuordnung zu Maesa leuchtet ein und sollte bei kommenden Untersuchungen berücksichtigt werden (S. 148). Beim Juristen Paulus hingegen bleibt zu bedenken, dass weder sicher ist, dass er der Vater von Elagabals erster Gattin Julia Paula war (S. 115/153) noch dass er im Zuge der Scheidung verbannt wurde. Seine Prätorianerpräfektur gehört jedenfalls nach jene Ulpians und damit unter Severus Alexander – doch auch an ihrer Realität insgesamt hat bereits Howe[7] berechtigte Zweifel angemeldet.

Bei den Luxuria-Vorwürfen trennt A. sauber zwischen dem unerschöpflichen Anekdotenschatz der HA (den er S. 154–157, wenn auch im Konjunktiv, ausführlich wiedergibt – aber wer könnte diesem farbenfrohen Material auch widerstehen?) und den konziseren Verschwendungsvorwürfen aus Dio und Herodian, die er aber ebenfalls substantiell korrigieren kann: Nur gerade bei liberalitates lässt sich wirklich ein überdurchschnittlicher Aufwand nachweisen – und dabei geht es um Stabilisierung der Herrschaft, nicht um persönliche Extravaganz (S. 158).

In den für uns besonders schwer fassbaren Ereignissen und Konstellationen, die zu Elagabals Untergang führten, stellt A. klar den Gegensatz zwischen Aktionen und Haltungen des Kaisers und jenen seiner überlebenden Hofangehörigen (Maesa, Mamaea, Alexander und Comazon etwa) heraus. Als Argument für die Alexander früh zugedachte große Rolle führt A. seine tatsächlich eher ungewöhnliche Reskriptentätigkeit an (S. 163).

Allerdings schenkt A. meines Erachtens dem Bericht der HA zu Elagabals Ende zu viel Glauben. Die Kapitel 13 bis 17, die aus einer guten Quelle stammen sollen, die im Rest der Vita nur punktuell benutzt sei,[8] sind meines Erachtens voller Fiktionen und loser Enden im Erzählstrang. A. nimmt leider auch die absurde Episode über die Senatsvertreibung (v. Hel. 16), die keine andere Quelle erwähnt, samt der schwankartigen Rettung Ulpians für bare Münze, die auch von Vertretern der „guten Quelle“ längst als skurrile Einlage erkannt worden ist.[9] Dass die HA den 1. Aufstand breit schildert (v. Hel. 13,1–15,6; allerdings datiert sie ihn nicht konkret, wie A. S. 167 behauptet), den entscheidenden 2. Aufstand hingegen wesentlich knapper, ist A. aufgefallen, aber offenbar nicht verdächtig vorgekommen; die pittoresk grausige, dem Geschichtsbild des Prooemiums der Vita entsprechende Tötung von Elagabals Günstlingen (16,5: ut mors esset vitae consentiens[10]) wird ebenfalls kommentarlos wiedergegeben (S. 174).[11]

Im lehrreichen Kapitel 6 zum Sonnenkult nach Elagabal ist der Zusammenhang mit der Biographie des Kaisers manchmal nur noch sehr locker. Ein kleinerer Ausrutscher wie die aus der HA stammende Behauptung, Tacitus und Florianus seien Brüder gewesen (S. 184), fällt neben der kundigen Behandlung vor allem des Uranius Antoninus und Aurelians nicht ins Gewicht. Hoch zu loben sind die Ausführungen zur Illusorizität authentischer Biographie im Epilog (S. 187f.). In der abschließenden Würdigung Elagabals und namentlich seines Unverständnisses für die kaiserliche Rolle befindet A. sich sehr nah an dem ihm offenbar unbekannten Aufsatz von Mader.[12]

Was den Genuss dieses insgesamt hochwillkommenen Buches erheblich schmälert, sind die ausgesprochen zahlreichen Druckfehler. Neben Offensichtlichem[13] finden sich praktisch auf jeder Seite kleinere Fehler, oft in Endungen, die teils von unvollständiger Harmonisierung zweier Formulierungsvarianten oder gar Autokorrektur herrühren mögen. Ein sorgfältiges Korrektorat seitens des Verlags wäre dem Band mehr als nur angemessen gewesen und hätte auch gelegentlichen unorthodoxen Kommasetzungen und Verletzungen der Kasuseinheit abhelfen können. Daneben entbehrt die Bezeichnung des durchaus gängigen Genitivs imperi als „verwirrend, da … grammatikalisch eigentlich falsch. Es müsste mindestens imperii heißen“ (S. 162) nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Doch dies ist nichts, was sich in einer dem Buch zu wünschenden 2. Auflage nicht beheben ließe.

Anmerkungen:
[1] Wichtig A.s Betonung, dass Elagabal seine Kindheit am Kaiserhof (in Rom wie auf Reisen) verbracht haben dürfte und nicht in Emesa (S. 63). Das Bild vom syrischen Exoten, das die literarischen Quellen zeichnen, ist kaum zutreffend, und, wie A. mit guten Argumenten vermutet, auch die „Erziehung zum Hohepriester“ dürfte erst nach Caracallas Ermordung und der Rückkehr der Familie nach Emesa begonnen haben (S. 65f.).
Auch kann er gegen den von der HA behaupteten großen Einfluss der Soaemias die numismatische Evidenz anführen (S. 97). Dass Dio aus Standesdünkel den Comazon als Lagerpräfekten statt als Legionspräfekten der II. Parthica bezeichnet haben könnte, ist so reizvoll wie plausibel (S. 81).
Elagabal habe sich in Nicomedia „wollustentbrannten Männern hingegeben“ (S. 99/129) ist hingegen falsch übersetzt, inireturque a viris et subaret in HA Hel. 5,1 schreibt die quasi-tierische Entbranntheit eindeutig dem Kaiser zu.
[2] Theo Optendrenk, Die Religionspolitik des Kaisers Elagabal im Spiegel der Historia Augusta, Bonn 1969.
[3] Françoise Villedieu, La Vigna Barberini II: Domus, palais impérial et temples. Stratigraphie du secteur nord-est du Palatin, Rom 2007.
[4] Filippo Coarelli, Palatium. Il Palatino dalle origini all'impero, Rom 2012.
[5] Aussagen über den severischen Palastkomplex bei der Porta Maggiore basieren offensichtlich ebenfalls nicht auf den neusten Untersuchungen – Elagabal hat den sogenannten Circus Varianus nicht erbauen lassen, sondern ihn sogar nachträglich verkürzt (S. 108/126), cf. Claudia Paterna, Il circo Variano a Roma, in: MEFRA 108 (1996), S. 817–853; Mariarosaria Barbera, Il recupero di S. Croce in Gerusalemme sull'Esquilino, <http://www.fastionline.org/docs/FOLDER-it-2005-45.pdf> (02.04.2016); Elisabetta Borgia e.a., Horti Spei Veteris e Palatium Sessorianum: nuove acquisizioni da interventi urbani 1996–2008, <http://www.fastionline.org/docs/FOLDER-it-2008-124.pdf und 125.pdf> (02.04.2016).
Ein Detailfehler (zu S. 108): Sebastian wurde laut den Acta Sancti Sebastiani super gradus Heliogabali (auf den Stufen zum ehemaligen Heliogabaltempel) nicht getötet, sondern lediglich verhaftet. Das Martyrium ereilte ihn im (nicht lokalisierten) palatinischen Hippodrom.
[6] Cf. Ov. fast. V 371ff.; Mart. I praef.; de fer. 25 (parodistische Tierhetzen); bes. Val. Max. II 10,8; Sen. min. epist. 14,97,8; Tert. de spect. XVII 3f.; Lact. inst. XX 10 etc. (Prostituierte treten im Mimus auf).
[7] Laurence Lee Howe, The Pretorian Prefect from Commodus to Diocletian (AD 180–305), Chicago 1942.
[8] So z.B. Ronald Syme, Emperors and Biography S. 59; 80; 118–12; Timothy Barnes, Ultimus Antoninorum, in: BHAC 70, S. 71.
[9] Syme, Emperors and Biography, S. 119.
[10] Ein Detail: A. schlägt (S. 175) den 11.3.222 für die Inhaftierung, den 12.3. für die Ermordung Elagabals vor – diese Aufteilung auf zwei Tage widerspricht allerdings den literarischen Quellen, die alle von unmittelbarer Ermordung sprechen.
[11] Cf. Samuel C. Zinsli, Gute Kaiser, schlechte Kaiser. Die eusebische Vita Constantini als Referenztext der Vita Heliogabali, in: WS 118 (2005), S. 123–126.
[12] Gottfried Mader, History as Carnival, or Method and Madness in the Vita Heliogabali, in: ClassAnt 24 (2005), 131–172. Unter den klassischen Elagabaliaca vermisse ich persönlich ferner: Géza Alföldy, Zwei Schimpfnamen des Kaisers Elagabal, in: BHAC 72/74, Bonn 1976, S. 11–22; Johannes Straub, Senaculum, id est mulierum senatus, in: BHAC 64/65, Bonn 1966, S. 221–240 sowie (obgleich vielleicht für das Primärziel des Buches weniger wichtig) Aufsätze zu den Constantinsbezügen im Elagabalbild der HA, v.a. Johannes Straub, Konstantins Verzicht auf den Gang zum Kapitol, in: Historia 4 (1955), S. 297–313; Robert Turcan, Héliogabale précurseur de Constantin?, in: Bulletin de l'association Guillaume Budé 1 (1988), S. 38–52; François Paschoud, Encore sur le refus de Constantin de monter au Capitole, in: François Paschoud, Eunape, Olympiodore, Zosime. Scripta minora, Bari 2006, S. 273–283. Die S. 102 genannte Studie von Krumeich zum Kaiser als syrischem Priester fehlt im Literaturverzeichnis.
[13] primus inter parens (S. 33, 64), terminus post quem statt ante quem (S. 61), das Sigle (S. 93), die Rennwägen (S. 100), der Lebensgefährtin seiner Mutter (S. 105), domnus für domus (3 mal auf S. 107), Eingansportal (S. 109), Annherr (S. 121), Pfeilerkapitel (S. 121), Frederico Fellini (S. 132), CONVERVATOR (S. 177), Gradwanderung (S. 191).

Zitation
Samuel C. Zinsli: Rezension zu: : Elagabal. Roms Priesterkaiser und seine Zeit. Nordhausen  2014 , in: H-Soz-Kult, 13.06.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24322>.
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Veröffentlicht am
13.06.2016
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