: A Cultural History of Finance. London : Routledge  2009 ISBN 978-0-415-77102-3, XIII, 338 S. £ 90.00.

: Der Souveränitätseffekt. Zürich : diaphanes  2015 ISBN 978-3-03734-250-3, 320 S. € 24,95.

: Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart : Klett-Cotta  2012 ISBN 978-3-608-94767-0, 536 S. € 26,95.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Krämer, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Ökonomie gerät zunehmend in den Fokus kulturhistorischer Arbeit. Dabei war die Wiederkehr des Materiellen bereits vor den finanzpolitischen Krisenereignissen 2007/2008 in der Forschungslandschaft angelegt, bekam aber – was das Thema Schulden betrifft – sicher durch die Überschuldungsdiskussion noch einen spezifischen Drive. Zudem machten unterschiedliche Kritiken immer wieder deutlich, dass Verschuldung nicht ausnahmsweise, sondern vielmehr regelhaft gewaltige Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen, zwischen arm und reich reproduziert.[1] Diese Sammelrezension will aus geschichtswissenschaftlichem Blickwinkel drei Arbeiten aus dem expandierenden Feld herausgreifen, die aus anderen bzw. (inter-)disziplinären Perspektiven auf Schuldenökonomien und soziale Dynamiken in der Finanzgeschichte schauen. Die drei Bände gehen aus literatur- bzw. kulturwissenschaftlicher (Joseph Vogl), anthropologischer (David Graeber) und wirtschaftsgeschichtlich-politologischer (Irene Finel-Honigman) Perspektive der Frage nach der Historizität von Schulden nach und sollen auf offene Fragen hin betrachtet werden.

Einen „Souveränitätseffekt“ diagnostiziert Joseph Vogl in seinem jüngsten Buch, worin er sich auf die Spuren einer verflochtenen Geschichte zwischen Staat und Finanzmarkt seit der Frühen Neuzeit bis in die Krisenpolitik der vergangenen Jahre setzt. Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert. Das erste beginnt gewissermaßen in der Gegenwart der Krisenpolitik im Herbst 2008, als die Bank „Lehman Brothers“ in den Bankrott ging. Das Gegenteil von funktionaler Differenzierung – nämlich Entdifferenzierung – sieht er in jenem Prozess, in dem sich das Wissen um Ökonomie seit dem 17. Jahrhundert als immanent verquickt mit Regierung und Staatsstruktur zeigt. Das führt er im zweiten Kapitel eingehender an historischen Beispielen aus und lenkt den Blick unter anderem vergleichend auf Thomas Hobbes „Leviathan“ und Christoph Heinrich Amthors Darstellung der „Oeconomica“ (S. 32ff.). In Abgrenzung zur mittelalterlichen „Theodizee“ konzediert er für das neuzeitliche Staatsverständnis eine „Oikodizee“. Mit Bezug auf Leibnitz‘ Metaphysik erklärt er den Übergang zu einer ökonomischen Ratifizierung des theologischen Arguments (vgl. S. 44–46). Er beschreibt, wie im 18. Jahrhundert etwas beginnt, das über die Verlagerung der Regierung zwischen Souveränität und Gemeinwillen eine neue Architektur des Politischen errichtete – die Politische Ökonomie (S. 52). Der Begriff ist bekanntlich mit Adam Smith verknüpft, an dessen Texten Vogl zeigt, wie der Markt als innere, ungreifbare und unangreifbare Realität in die Konzeption des modernen Liberalismus einzog. Der Markt sollte sich in dieser Existenzform gegen rechtliche Regulation verwahren, war sogar vor solcher zu schützen (vgl. S. 261, Fn. 60). Über die Verbindung zwischen Marktideologie und Sozialtechniken rückte die Bevölkerung in die Ökonomie des Politischen ein, wie er im Anschluss an Foucault herauspräpariert (S. 64–67).

Im zentralen dritten Kapitel wendet sich das Buch nun eingehender der Figur der „seignioralen Macht“ zu, die sich in der Frühen Neuzeit in ihrer Spezifizität herausbildete. Aus einem Zusammenspiel von Steuer, Münzwesen und Staatsschuld leitet Vogl diese Macht ab – ein disparates Konglomerat, das sich einem „homogenen Begriff des Politischen“ entziehe, betont er (S. 76). Über Münzprägung, Staatsschuld und Wertpapierhandel bildete sich eine private „seigniorage“ aus. Dieses unbeschränkte Geldwesen begrenzte gleichzeitig den Souverän in seiner Macht (S. 90). An der Stelle, wo sich der Text Schulden und öffentlichem Kredit zuwendet, verbirgt sich auch Vogls zentrales historisches Argument: Erwartetes Steueraufkommen der städtischen Bürger verbürgte Staatsschulden. Die beiden Finanzquellen verbanden sich untrennbar im Gesellschaftssystem. Die Verschuldung des Souveräns geht politischer Souveränität voraus – so Vogls politikgeschichtliches Argument an der Stelle (S. 94). Am Beispiel norditalienischer Städte zeichnet er nach, wie sich jener neuzeitliche Machttyp ausformte, über den Ausnahmezustand und Krieg zur Regel der Schuldenpolitik wurden (S. 95ff.). Nicht Kapitalismus und Staat stehen sich hier antagonistisch gegenüber, nicht etwa im Gegensatz zwischen Ökonomie und Politik wirken spezifische Machtrelationen neuzeitlicher Gesellschaften, sondern die politischen Kredit- und Finanzpraktiken amalgamierten in einem komplexen und zugleich unscheinbaren historischen Gefüge. In diesem wird immer wieder die Konvertierung staatlicher Macht in Kapital und die Kapitalisierung von Macht betrieben (S. 103).

Diese Prozesse betrachtet Vogl im vierten Kapitel an Institutionen. In der „Apotheose der Finanz“ rücken zunächst die Niederlande als ein Musterbeispiel finanzkapitalistischer Verflechtung in den Blick. Hier entstand ein „neues ‚diagrammatisches‘ Gefüge in der Organisation von Macht“, indem sich private Finanzinteressen in die Ökonomisierung des Regierens zu Beginn des 17. Jahrhunderts in neuer Qualität integrierten (S. 109). Neben der systematischen Durchschuldung des Staates ist die „Vereenigde Oostindische Compagnie“ das Beispiel, an dem der Text nachzeichnet, wie sich private Interessen und staatliches Handeln verschränkten und in einer gewaltsamen kolonialen Verflechtungsgeschichte im Verlaufe des 17. Jahrhunderts zunehmend in Schuld- und Schuldenverhältnissen kulminierten (S. 111). Die Gründung der „Bank of England“ (1694) bezeichnet Vogl in diesem Sinne als einen „Akt fiskalischer Verzweiflung“ und stellt dar, wie die Gründung als Kompensation gegenüber den Gläubigern des Vereinigten Königreichs etabliert wurde. Als „emergency situation“ durch Kriegsnöte legitimiert und anschließend entfristet, wurden künftige Steuern und Zölle den Anteilseignern der Bank verpfändet (S. 120). Als ungeklärte Machtfigur wirke dieses Verhältnis von privaten Finanzkräften und Staatspolitik, von „Regierungsstrukturen und Marktdynamik“ weiter im britischen Einflussbereich. Dass die öffentliche Meinung zu Expansionen und Einträglichkeiten des Kolonialismus nun eine wichtige Rolle spielte, ist brisant, denn es scheint so, als könne Vogl die gelobte Tradition des britischen Pressewesens als Teil jener neuen Machtform erklären, durch die sich private Investoren über die zu erwartenden Renditen ihrer Investition in kolonialistische Politiken des Staates einmischten. Als eine Art paradoxes Ergebnis der Glorious Revolution 1688/89 erscheint das feste Band, das Vogl um 1700 in der dauerhaften Installation öffentlichen Kredits ausmacht (S. 136). In einer neuen Autoritätsenklave bildete sich eine bürgerliche Öffentlichkeit, die als investierendes Finanzpublikum eine neue Gewalt darstellte (S. 142).

Dieses investierende Finanzpublikum bezeichnet er im Titel des vorletzten Kapitels als „vierte Gewalt“. In diesem Kapitel synthetisiert er die historischen Beispiele mit dem Gegenwartsbezug. Gemäß Vogls These, dass Finanz und Politik seit der Frühen Neuzeit ineinander verwoben waren, stellt er fest: „Die Expansion und Verstreuung von Finanzmärkten korrespondierte mit der Verstetigung (finanz-)politischer Ausnahmesituationen, mit der Perpetuierung von Staatsschuld und öffentlichem Kredit, mit der dauernden Einbindung privater Finanz in die Ausübung der Politik.“ (S. 143) So wird die Gründung der „Federal Reserve Bank“ in den USA 1913 in diese Diskursformation eingeordnet. Aus privaten Banken zusammengesetzt, verstehe sich die Federal Reserve als unabhängige Einheit im Rahmen der Regierung, was nicht neu ist, aber durchaus in Vogls Kritik passt, dass sich (auch) mit dieser Notenbank eine „öffentlich-private Zweiseitigkeit“ innerhalb US-amerikanischen Souveränität etablierte (S. 151f.). Durch Liquiditätskontrolle und Reservebildung sei eine solche Struktur – innerhalb der Regierung – und gleichzeitig unabhängig von dieser und stattdessen eng an den Finanzsektor geknüpft worden (S. 161). Vogl zeigt eindrucksvoll, wie sich generell die Asymmetrie aus Unabhängigkeit der zentralen Notenbanken bei gleichzeitig immanenter Souveränitätsteilhabe auch in der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte (164ff.). Die Unabhängigkeit der Bundesbank vom demokratischen Staat begründete eine „radikal ökonomische“ Ordnung, die auch für die Europäische Zentralbank Modell stehen sollte – ein komplexer Zusammenhang, der auf einigen Seiten ausgeführt wird (S. 177ff.). Im Hinblick auf die Frage nach Souveränität präpariert Vogl anhand der Praxis ab 2008 die Prekarität dieser Struktur heraus und stellt fest: „Die EZB versorgt also die Privatbanken mit billigem Geld, das diese teuer zur Staatsfinanzierung verleihen, während sie umgekehrt Staatsschulden kauft, die zuvor von Privatbanken erworben wurden.“ (S. 185) Nach Überlegungen zur Finanzpolitik der USA seit den späten 1970er-Jahren kommt Vogl am Ende des Kapitels auf den überwölbenden argumentativen Bogen zurück: Seit dem 19. Jahrhundert habe sich aus dem Zentralbankenwesen eine „parasitäre“ Ausnahmegestalt institutionalisiert, die als „vierte Gewalt“ unabhängig von der Regierung sei und die Regierung aber gleichwohl in Abhängigkeit von sich halte. Vogl bezeichnet diese seigniorale Machtform mit Michael Hudson als „‚Klassenkampf‘ des Finanzpublikums gegen den Rest der Bevölkerung“ (S. 199).

Das letzte Kapitel trägt den ambivalenten Titel „Souveränitätsreserven“. Nach der Lektüre des Buchs meine ich zwei Richtungen in dem Begriff zu verstehen – eine pessimistische und eine optimistische Variante. Vogl beschreibt unter Zuhilfenahme seiner ausgebreiteten historischen Beispiele eine Gegenwart, in der sich seit den 1980er-Jahren die Instrumente der vierten Gewalt gewissermaßen enigmatisch jeder Erkennbarkeit entzogen hätten. In diesem „gefährlichen Nichtwissen“ hat sich deren Souveränitätsteilhabe ausgeweitet und ein zerklüftetes Soziales in den westlichen Ländern und strukturell darüber hinaus erzeugt. Auch die Internationalisierung in der Konjunktur der „global governance“ in den 1990er-Jahren schreibt er in die analysierte Struktur ökonomisierter Politik ein (S. 222). Weltbank, IWF und OECD nennt Vogl als die internationalen Sicherheitsgaranten der Devisen- und Schuldenpolitik. Insbesondere die im Washingtoner Consensus 1989 festgehaltenen Kriterien – Schuldenbremse, Haushaltsdisziplin, Privatisierungen – wurden in Entwicklungsländern erprobt und finden sich bis in die gegenwärtige Politik in der Eurozone (S. 231f.). Dies alles zielt in seiner Lesart nicht auf die Einschränkung von Staatlichkeit, sondern auf seine Umformatierung in eine radikale Finanzökonomie des Regierens. Die Krisenpolitik habe neue Souveränitätsreserven im Sinne einer Umschichtung zugunsten des Finanzregimes freigemacht und eine „schlagkräftige Oligarchie“ hervorgebracht (S. 250). Doch auch wenn sich „soziale und politische Ordnungen an finanzökonomische Risikolagen an[passen]“, so scheint doch – und da wäre die optimistische Variante des Reservebegriffs – eine teilweise Rückforderung dieser Souveränität nicht gänzlich undenkbar. In seiner historischen Darstellung beschreibt das Buch jedoch ein gewaltiges Dispositiv eines neuzeitlich-modernen Schuldenstaates, in dem Souveränität a priori verschuldete Souveränität ist.

Einen historisch noch weiter ausgreifenden Versuch, dem gegenwärtigen Problem geschichtlichen Kontext zu verschaffen, lieferte David Graeber bereits vor einigen Jahren. Sein Buch „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“ wurde nach dem Erscheinen des englischen Originals 2011 zu einem beachteten Bezugspunkt der politischen Diskussion um Bankenrettung, individuelle Überschuldung und staatliche Schuldenkrise. Graebers wesentliches Argument ist ein moralisches und der Erfolg des Buches ist möglicherweise einer Knappheit an ethischen Ideen zum Kreditsystem und dessen Einflechtungen ins Soziale geschuldet. Er fragt, wie sich Schulden – eigentlich Ergebnis menschlicher Beziehungen – in quantifizierbare und übertragbare Gleichungen verwandeln, die dabei „einfach, kalt und unpersönlich“ würden (S. 20). Jedes gewaltsame Eintreiben von Schuld lasse sich ab jenem Moment rechtfertigen. Um dieses Argument zu untermauern, holt er weit aus. Sicher bleibt historisch arbeitenden Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftlern viel Raum für Kritik an den Darstellungen und Beispielen aus den Kapiteln, führt Graebers Vermessung der Zivilisationsgeschichte anhand von Schuldenpraktiken doch von Mesopotamien ins Spätmittelalter und von da bis in die kapitalistischen Expansionen aus Europa in der Neuzeit. Mal in longue durée-Betrachtungen, mal in synchronen Vergleichen konturiert sich diese Geschichte der Schulden bis in die komplexen Finanzströme in die Zeitgeschichte. Der Suche nach anthropologischen Konstanten in der ersten Hälfte des Buches folgen diachrone Durchläufe, die sich an den gängigen westlichen Epochenbegriffen entlanghangeln – Achsenzeit, Mittelalter, Zeitalter der kapitalistischen Imperien. Ein zentrales Kapitel ist das achte, worin ein Changieren zwischen materiellem und virtuellem Geld nachgezeichnet wird (S. 223ff.). Ich interessiere mich an dieser Stelle für Graebers Zugriff auf neuzeitliche Schuldengeschichte, da mir dieser Teil für den Vergleich zu Vogls Studie besonders ertragreich erscheint.

„Das Zeitalter der kapitalistischen Imperien“ beginnt bei Graeber in China, denn er meint, für das Verständnis der modernen Weltwirtschaft könne diese Geschichte nicht in Europa ihren Ausgang nehmen (S. 325). Die brutale Eroberung und Ausbeutung der Mienen und Menschen in Amerika wurde von der Nachfrage an Edelmetallen in Ostasien vorangetrieben (S. 328). Der Reichtum, den italienische, niederländische oder deutsche Handelsbanken in der neuen Globalwirtschaft schürften, kam zudem nicht bei den Bevölkerungen Europas an. Das erklärt Graeber durch seine Schuldenbrille etwas anders als Vogl, bei dem ja die vierte Gewalt der Neuzeit gerade in der Verquickung von Finanz und Staat und nicht allein in privaten Kredit- und Finanzinteressen Wirkung entfaltet. Graeber erzählt dagegen die Geschichte eines endlos gierigen Schuldknechtschaftssystems, das beispielsweise Konquistador Hernán Cortés in Mittelamerika errichtete, beleuchtet moralische Fragen zu Zins und Wucher in der Reformation und führt die Leser/innen hinein in die Brutalität von Kasimir von Brandenburg-Kulmbach im Bauernkrieg (S. 333, S. 337 und S. 340). Im Zusammenhang mit Graebers Skizze der moraltheologischen Diskussion im Protestantismus, sind seine Überlegungen zum Wandel des Begriffs des Eigen-Interesses spannend, den er zwischen Luther und Hobbes verortet und zu Zinsen – „interest“ – in Bezug setzt (S. 348). Auf der Ebene der Staatsschulden widmet sich auch sein Text eingehend der Praktik von staatlichen Schuldverschreibungen, die im 16. und 17. Jahrhundert Handelsleute und Vermögende erwerben konnten – was Joseph Vogl als Geburtsmoment der „seignioralen Macht“ zum historischen Ankerpunkt der Kritik am Souveränitätseffekt genommen hat.

Interessant und lesenswert ist Graebers Sicht auf die Etablierung des Kapitalismus und auf den Zusammenhang von Spekulationsblasen, Kolonialismus und Gier ab dem 18. Jahrhundert. Er pointiert: „Papiergeld war Schuldengeld, und Schuldengeld war Kriegsgeld […].“ (S. 364) Den Beginn des 20. Jahrhunderts erreicht der Text mit dem Beispiel des Putomayoskandals, als zwischen 1909 und 1911 britische Händler in den peruanischen Tropen viele Huitoto ermordeten, von denen man behauptete, sie seien in Schuldenknechtschaft geraten. Im Brückenschlag zu Kasimirs Wüten im Bauernkrieg erklärt Graeber, dass diese Praxis keine Ausnahme, sondern ein signifikantes Beispiel für das generelle Prinzip von Schuldenpraktiken darstelle (S. 368). Den Skandal des Kapitalismus sieht Graeber darin, dass bis heute ein Glaube daran vorherrsche, das System sei von freier Arbeit bzw. von einer Tendenz zur Befreiung der Arbeit von Knechtschaft gekennzeichnet. Er konstatiert dagegen ein Nahverhältnis von „Lohnarbeit und Sklaverei“, das sich in der Produktion von Schuldenverhältnissen immer wieder perpetuiert (S. 370). Adam Smith attestiert er, eine „Phantasiewelt“ erschaffen zu haben „in der Schulden und Kredit so gut wie keine Rolle spielten“, schreibt jedoch solchen wirtschaftswissenschaftlichen Modellen eine wirklichkeitsgenerierende Kraft zu und stellt dar, dass sie über den verbreiteten Glauben an ihre Validität Wirkung entfalteten (S. 372). Nachdem er auch den Marxismus in diese Sicht eingeordnet hat, beschließt Graeber sein historisierendes Kapitel zur Neuzeit mit dem Verdacht, dass der scheinbare Sieg und die Alternativlosigkeit des Kapitalismus stets zu seiner Explosion führen müssten – 1710 wie 2009. Mit der Aussicht auf ein ewiges Leben des Systems bestehe kein Limit, maßlos Kredit und somit zukünftiges Geld zu erzeugen (S. 378).

Das letzte Kapitel des Buchs ist unter dem Titel „1971 – Der Anfang von etwas, das noch nicht bestimmt werden kann“ eine Anwendung der bis zu diesem Punkt anthropologisch bestimmten Verbindung von Krieg, Macht und Schulden auf zeitgeschichtliche Zusammenhänge (S. 379). Nixons Lösung des Dollarkurses vom Gold zur Kriegsfinanzierung nimmt Graeber zum Ausgangspunkt, um eine Gegenwartsgeschichte der Schuldenfinanzierung zu entwerfen. Er diagnostiziert: Man glaubt an die Eigenkräfte des Marktes und gleichzeitig an die Lenkung dieser scheinbaren Naturgewalt durch den Geldmarktleitzins der „Federal Reserve“. Staatsverschuldung und Kriegsfinanzierung gingen auch über die Standardisierung des Dollars ab den 1970er-Jahren wieder Hand in Hand – da sind sich David Graeber und Joseph Vogl einig – wie schon im frühneuzeitlichen Europa. Die Staatsschulden der USA seien von Beginn an Kriegsschulden, spitzt Graeber seine Kritik jedoch weiter zu (S. 383). Sein Vorwurf lautet, die Absicherung der USA basiere auf der von letzten Rückforderungen freien Schuldenfinanzierung eines immensen Militärapparates in Drohhaltung – die Darlehen, die den USA von anderen bereitgestellt wurden, seien dagegen mehr ein Tribut jener Gläubiger (S. 382ff., S. 388f.). Die Vereinigten Staaten stellen unter diesem Blickwinkel eine modellhafte Ausnahme des Rückzahlungsprinzips dar. Auf die eigene Bevölkerung und andere bezogen, wurde dagegen das Kreditwesen in seiner Gläubigerorientierung dort am radikalsten vorangetrieben.

Nationale Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt und Emanzipationsbewegungen in den USA hätten im 20. Jahrhundert versucht, Beanspruchungsplätze innerhalb des Wirtschaftssystems über Kreditzugriff zu schaffen. Graeber hält das nicht nur für einen fatalen Irrweg, er bezweifelt sogar, dass das System überleben könne, wenn alle freie Lohnarbeiter wären – und nicht verschuldete Knechte (S. 393)! So überrascht auch der Befund nicht, indem er die Entwicklung unter Thatcher und Reagan in den 1980er-Jahren in der Umstrukturierung der Lohnarbeiterschaft in verschuldete Teilhaber am Finanzkapitalismus interpretiert (S. 395f.). Überzeugend zeigt Graeber verschiedene Felder auf, in denen die Menschen in den USA als Aktionäre und Teilhaber an einem finanzkapitalistischen System in soziale Beziehungen investierten – Gesundheit, Familienhäuser, Bildung. Doch weder soziale Motive noch Prosperitätsversprechen hatten die Leute in der Finanz- und Immobilienkrise vor dem Bankrott zu schützen vermocht (S. 398ff.).

Im Ergebnis wird noch einmal pointiert herausgestellt, wie sich das moderne Kreditsystem legitimierte, vor dessen Hintergrund die zeitgeschichtliche Abkopplung des Dollars von Bretton Woods erkennbar macht, dass Geld wie Schulden keine rückbezüglichen Essenzen, sondern nur (historische) Kontingenzen aufweisen. Und dabei sei das Versprechen – im engeren Sinne seit dem 19. Jahrhundert –, dass Banken in ihrer Kreditvergabe Geldströme demokratisieren würden und diese von den ‚trägen Reichen‘ zu den ‚tüchtigen Armen‘ lenkten (S. 409). Graeber sieht die modernen Wirtschaftswissenschaften und ihre Modelle in weiten Teilen als ideologische Absicherung dieses falschen Versprechens, so wie er auch die Wachstumsidee als Absicherung eines Ausplünderungsdispositivs sieht. Folgerichtig ist eines der wenigen politischen Rezepte, die in seinem Buch ganz am Ende ausgestellt werden, dass er einen Schuldenschnitt fordert. Ein „Ablassjahr nach biblischem Vorbild“ für Staats- und Konsumschulden lautet sein Vorschlag (S. 410). Die Schuldenverhältnisse, wie sie Graeber beschreibt, basieren auf einer Vielzahl an Hierarchisierungen im System. Für die historiografische Perspektive bleibt am Ende dieses großen Appells die Arbeit, kleinere Bausteine des groben Bildes weiter auszuforschen und an vielen Stellen zu fragen, wo sich einzelne Teile genauer und in dem Sinne noch kritischer einordnen lassen. Das müsste an etlichen Stellen möglich sein. Doch hierfür bietet Graebers Wurf ein hilfreiches Raster, wie auch Vogls zeitlich nicht ganz so ausgreifende Darstellung, die dafür stärker diskursanalytisch orientiert ist.

Das dritte Buch, das ich hier auf seine Verwendbarkeit für weitergehende Untersuchungen vorstellen möchte, hat Irene Finel-Honigman verfasst. Dieser Band verfügt weder über einen solch groben Ausgriff wie Graebers Buch noch über eine ähnlich dezidierte Gegenwartskritik wie Vogls Darstellung der neuzeitlichen Verbindung von Finanz und Staat. Dafür präsentiert „A Cultural History of Finance“ etliche Ansatzpunkte aus liberaler Wirtschaftssicht und reflektiert kulturelle Zusammenhänge mit ökonomischen Verläufen kulturhistorisch. Finel-Honigman verbindet in ihrer Einleitung ein recht herkömmliches Verständnis von Kultur mit der Frage nach deren Verflechtung mit ökonomischer Geschichte. Es geht dabei zunächst um Literatur, Theater, Kunst – doch gelangt sie von Künstlern wie Jeff Koons oder Andy Warhol zur Vermarktlichung und von Filmen wie „Goldfinger“ zur Gesellschaftsgeschichte wirtschaftlicher Ereignisse in ihrer jeweiligen Zeit (S. 3). Ideengeschichtliche Zusammenhänge liest sie durchweg in die Ökonomiegeschichte vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart ein, wie sie ihre geschichtlichen Darstellungen zu aktuellen Fragen der Markt- und Finanzwirtschaft in Beziehung bringt. In einem knappen Fazit führt sie die inhaltliche – vor allem die historische – Konzeption ihres Zugriffs noch einmal zusammen. Bei dem in der Reihe „Routledge Explorations in Economic History“ publizierten Band dominiert der handbuchartige Charakter. Das ist eine Stärke und Schwäche des Buches zugleich. Während Finel-Honigman viele eigenständige Interpretationen liefert und unterschiedliche Texte kreativ verarbeitet, verkürzt sie doch manche geschichtliche Dimension dabei oder kappt durch kursorische Verwendung Zusammenhänge in ihrer historischen Tiefe. Andererseits existiert ein guter Index, der dazu einlädt, das Buch als vernetzten Ansatz für weitere historiografische Arbeit zu benutzen (S. 321-338).

Vom ersten Kapitel – überschrieben mit: „Dead gages, naked debentures“ bis zum sechsten und letzten „American financial culture: myths and model of American capitalism“ sind die Kapitel überzeugend systematisch binnendifferenziert – beispielsweise das erste nach den Begriffen „Etymology“, „Currency“, „Agents“, „Institutions“. Kapitel 2 behandelt moralistische Dimensionen: Stigmatisierungen, Antisemitismus und Sexismus, führt von den Finanzblasen im Kolonialhandel bis in die die Finanzkrise um 1929. Kapitel 3 nimmt Veränderungen und historischen Wandel in den Blick – Säkularisierung, Verwissenschaftlichung und ökonomische Theoriebildung. In diesem Kapitel zeigen sich an einigen Stellen die angesprochenen Schwächen. So reiht Finel-Honigman beispielsweise im Unterkapitel 3.2 „Wealth distribution and mobility“ aus den Standardwerken von Braudel Zitat an Zitat (S. 85).[2] Ihr kreativer Umgang mit Theoretikern wie Smith, Rousseau oder Voltaire – gewissermaßen die ideengeschichtlichen Volten – kontrastieren mit den historisierenden Passagen, in denen keine geschichtswissenschaftliche Arbeit steckt. Überschrieben mit „World bankers: ambivalences of modernity“, wendet sich Kapitel 4 Globalisierung und Nationalismus in der Entwicklung zu Finanzmärkten zu – hauptsächlich im britischen, französischen und deutschen Kontext und immer mit Bezug auf die US-Entwicklung. Ihre Reflektionen zu Spekulanten oder der Figur des Brokers lesen sich eingängig (S. 138ff.). Für das fünfte Kapitel bildet der Kapitalismus das Ideengerüst, innerhalb dessen sie geschichtliche Zusammenhänge mit der marxistischen Kritik an Ausbeutungsverhältnissen zusammenbringt. Unter dem Untertitel 5.14 „Americanisation of global finance“ (S. 192) bereitet sie der Konzentration auf die US-Hegemonie in der Kulturgeschichte der Finanzen den Weg, die im letzten Kapitel ins Zentrum rückt. Das Kapitel zur US-Finanzkultur ist das ausführlichste und sicher das stärkste, was die Synthese aus Geschichtsperspektive und politischer Eingruppierung ökonomischer Zusammenhänge betrifft (S. 212–290). Lesenswert sind beispielsweise die Ausführungen zum Banker J.P. Morgan, an dem Finel-Honigman Spezifika des US-Finanzkapitalismus verdeutlicht (S. 232). Die Vorgeschichte der Großen Depression in Fitzgeralds „Great Gatsby“ einzulesen, zeigt die eingangs angesprochene Praktik (auch) literarische Texte mit ökonomischen Ereignissen zusammenzubringen (S. 247f.).

Die Conclusio führt die eingeschlagene Zentrierung auf den US-Finanzkapitalismus fort – vor allem in der gängigen Orientierung an den Finanzkrisenereignissen der Gegenwart (S. 291ff.). Daneben werden noch einmal die finanzgeschichtlichen Zusammenhänge aus den übrigen (westlichen) Perspektiven aufgerufen. „A Cultural History of Finance“ ist damit im Vergleich zu den anderen beiden Geschichten von Joseph Vogl und David Graeber bescheidener, was den historiografischen Wurf anbelangt, berührt vielmehr in etlichen Ansätzen immer wieder historische Entwicklungen – aus westlichen Perspektiven und kann daher sehr gut als ein Studienbuch Ideen und erste Einordnungsansätze liefern, von wo aus dann die Arbeit an Quellen allerdings neu beginnen müsste.

Was man bei allen drei Büchern vergeblich sucht, ist eine konkrete subjektivierungstheoretische Perspektive, die künftige historiografische Untersuchungen anleiten könnte.[3] So versprechen Fragen danach, wie Menschen in Geld- und Finanzsystemen auf unterschiedliche Weise Anerkennung als Subjekte erhalten haben oder wie sich die moralische Wertung von Verschuldung entlang verschiedener Stratifizierungsachsen darstellte, produktive Ergebnisse – auch im Hinblick auf Materialitäten. Sowohl größer angelegte Arbeiten, als auch solche, die auf regionale Spezifika von Schuldenpraktiken ausgerichtet sind, könnten sich auf solchen Wegen in die Lücken hineinarbeiten, welche die drei besprochenen Betrachtungen auffächern.[4] Wenn dabei Differenzen zwischen Schuldnerinnen und Schuldnern und Unterschiede zwischen Schuldenpraktiken ernst genommen werden, wird die Geschichte der Finanzkulturen in Machtanalysen weitergehend historisierbar.[5] Insgesamt bieten alle drei Bücher hierzu etliche Anregungen und sollten als Inspiration für künftige Arbeiten ernst genommen werden.

Anmerkungen:
[1] Susanne Soederberg, Debtfare States and The Poverty Industry. Money, Discipline and the Surplus Population, London 2014, und Christy Rogers / John A. Powell, Where Credit is Due. Bringing Equity to Credit and Housing after the Market Meltdown, Lanham 2013. Neben der Kritik von postmarxistischen, queeren und postkolonialen Autorinnen und Autoren hat die feministische Ökonomiekritik seit den 1990er-Jahren bereits auf immanente Ungleichheit in liberalen Märkten hingewiesen. Beispielsweise Christine Bauhardt / Gülay Çağlar (Hrsg.), Gender and Economics. Feministische Kritik der Politischen Ökonomie, Wiesbaden 2010. Vergleiche darüber hinaus zur Konsumgeschichte: Peter van Dam, Tales of the Market: New Perspectives on Consumer Society in the 20th Century, in: H-Soz-Kult, 04.12.2015, <http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2832> (1.2.2016) – und zu neueren Perspektiven auf Markt und Kapitalismus: Ralf Ahrens / Marcus Böick / Marcel vom Lehn, Vermarktlichung. Zeithistorische Perspektiven auf ein umkämpftes Feld, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 12 (2015), H. 3, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2015> (1.2.2016).
[2] Fernand Braudel, The Wheels of Commerce, Civilisation and Capitalism, Vol. II, New York 1982.
[3] Als politische Gouvernementalitätstheorie angelegt in: Maurizio Lazzarato, Governing by Debt, Cambridge 2015.
[4] Vergleiche beispielsweise: Mischa Suter, Das Wissen der Schulden: Recht, Kulturtechnik und Alltagserfahrung im liberalen Kapitalismus, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 37 (2014), S. 148–164.
[5] Gender ist beispielsweise eine Achse, die nur am Rande in den drei Büchern mitanalysiert wird – das kritisiert an Graebers Arbeit unter anderen: Annie Spencer, Woman Is an Object Without History (and Other Reflections upon Reading David Graeber’s Debt: The First 5,000 Years), in: Women's Studies Quaterly 42 (2014) 1–2, S. 38–45.

Zitation
Felix Krämer: Rezension zu: : A Cultural History of Finance. London  2009 / : Der Souveränitätseffekt. Zürich  2015 / : Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart  2012 , in: H-Soz-Kult, 08.02.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24380>.
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Veröffentlicht am
08.02.2016
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