A. Wirsching u.a. (Hrsg.): Erinnerung an Diktatur und Krieg

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Titel
Erinnerung an Diktatur und Krieg. Brennpunkte des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland seit 1945


Hrsg. v.
Wirsching, Andreas; Zarusky, Jürgen; Tschubarjan, Alexander; Ischtschenko, Viktor
Erschienen
Umfang
X, 388 S.
Preis
€ 54,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wigbert Benz, Karlsruhe

Die 29 Beiträge deutscher und russischer Historiker gehen auf eine gemeinsame Doppeltagung 2012 zunächst in Moskau, dann in München zurück, die vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin sowie vom Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften zum Problemkomplex „Brennpunkte des kulturellen Gedächtnisses zwischen Deutschland und Russland“ durchgeführt wurde. Den fünf Sektionen der Tagung entsprechend werden die zentralen Ergebnisse in fünf thematischen Großkapiteln vorgestellt. Die Autorinnen und Autoren sind in der Regel durch einschlägige eigene Forschungen ausgewiesene Expertinnen und Experten. Ihre Beiträge entsprechen dem Forschungsstand, wie er jüngst auch in einem anderen einschlägigen Sammelband erörtert wurde.[1]

Im ersten Abschnitt stellt Lorina Repina grundsätzliche Überlegungen zur Problematik der Erinnerungskultur an, denen konkrete Beispiele und Erfahrungen aus deutscher Sicht von Bernd Bonwetsch und aus russischer Sicht von Aleksandr Boroznjak folgen. Bonwetsch stellt heraus, dass beide deutsche Nachkriegsstaaten in ihrer offiziellen Erinnerungskultur, wenn auch unterschiedlich, den Umstand ausklammerten, dass die UdSSR im Falle des besiegten Deutschen Reiches eben nicht wie bei allen anderen Ländern zwischen der Sowjetunion und Deutschland von einer „Befreiung vom Faschismus“ sprach, sondern von einer Mitschuld der Deutschen insgesamt am Faschismus und am Krieg. Während sich die Westdeutschen gerne selbst als Opfer der Hitler-Diktatur sehen wollten, habe man sich in der DDR „von der Mitschuld am Faschismus de facto freigesprochen“ und sich „zum Juniorpartner des Sieges über ihn“ erklärt (S. 20). Boroznjak zeigt in einer Art Parforceritt durch die wissenschaftliche Literatur und das öffentliches Erinnern in Deutschland, dass die Geschichtswissenschaft längst den Vernichtungscharakter des deutschen Krieges gegen die UdSSR herausgearbeitet hatte, ohne dass diese Erkenntnisse in der sonstigen deutschen Öffentlichkeit halbwegs adäquat angekommen waren. So sei die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung zu den Verbrechen der Wehrmacht in den 1990er-Jahren zum „Feld der politischen Auseinandersetzung“ geworden (S. 34). Während der Tag des deutschen Überfalls auf die UdSSR, der 22. Juni 1941, „für die Bürger Russlands auf ewig ein Volkstrauertag bleiben“ würde, sei er in der deutschen Erinnerungskultur nie besonders herausgehoben worden, da „den Deutschen zu unangenehm“ (S. 39).

Die Beiträge der zweiten Sektion beleuchten Erinnerungsorte des Kriegs, deren unterschiedliche Wahrnehmung von je einer/einem russischen und einer/einem deutschem Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler dargestellt wird. So zeigt Michail Mjagkov, dass die Rote Armee vor Moskau 1941 noch ohne große Hilfe der Verbündeten aus eigener Kraft den Ansturm der Wehrmacht erfolgreich abwehrte und die vielfach kolportierte Auffassung, die sowjetische Heerführung habe die Wehrmacht nur zurückgeschlagen, „indem sie den Feind mit den Leichen ihrer nicht ausgebildeten Soldaten überhäuften, der Kritik nicht standhält“ (S. 45). Johannes Hürters Untersuchung zu „Moskau 1941 als westdeutscher Erinnerungsort“ zeichnet die Narrative der Bestseller-Literatur an den Beispielen Theodor Plievier und Paul Schmidt-Carell nach. So unterschiedlich beide Autoren waren – Schmidt-Carell Ribbentrops Pressechef und ein glühender Nazi, Plievier ein entschiedener Nazigegner – bedienten sich beide der vom deutschen Generalstab in die Welt gesetzten Legende von der „sauberen“ Wehrmacht, den tapferen von Hitler ins Verderben geführten deutschen Soldaten und ihrer hoch professionellen Generalität. Danach seien Hitler und der harte Winter für das Scheitern der Wehrmacht vor Moskau verantwortlich gewesen. Hürter weist darauf hin, dass zwar die wissenschaftliche Literatur diesen „Wehrmachtsmythos“ als unhaltbar dekonstruiert hat und längst nachgewiesen hat, dass „die Fehlentscheidungen der Heeresleitungen mindestens genau so gravierend waren wie die Eingriffe Hitlers“, dass aber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Sichtweise vom „Wetter“ und dem „Diktator, der nicht auf Generäle wie Guderian hören will“ bis in die Gegenwart gepflegt wird (S. 60f.).

Aufschlussreich sind auch die Beiträge von Jörg Echternkamp zur Stalingrader „Schlacht als Metapher“ und Aleksandr Epifanov zum „Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen aus Stalingrad“. Epifanov kann zeigen, dass die hohe Todesrate der Deutschen nach der Gefangennahme eben nicht, wie von Generalfeldmarschall Erich von Manstein behauptet und entsprechend in der bundesdeutschen Erinnerungskultur verbreitet, vorwiegend am fehlenden guten Willen der Sieger lag, sondern zum einen an der erbitterten Gegenwehr der 6. Armee, die alle russischen Ressourcen forderte und zum anderen an der bis zuletzt unklaren Kenntnis zum wahren Ausmaß des bevorstehenden Aufwandes für die Kriegsgefangenen. Echternkamp stellt eine lange Zeit dominierende Rhetorik von „Opferbereitschaft (BRD) und Katharsis (DDR)“ fest (S. 105). Zwar sei in jüngerer Zeit Stalingrad auch als Ort eines verbrecherischen Vernichtungskrieges thematisiert worden, doch stehe immer noch das Opfernarrativ im Vordergrund.

Im folgenden Kapitel rücken die Schicksale unterschiedlicher Gruppen der sowjetischen Bevölkerung während und nach dem Krieg in den Fokus der Betrachtung. Neben den 27 Millionen Kriegstoten hatte die UdSSR viele Millionen von Kriegswaisen, Kriegswitwen und Kriegsinvaliden zu beklagen. Beate Fieseler stellt in ihrem Beitrag zu den sowjetischen „Kriegsinvaliden“ dar, dass von der horrenden Zahl von 22 Millionen Fällen an Kriegsverletzungen auszugehen sei, jedoch „Stalin das Riesenheer der Kriegsversehrten mit keinem Wort“ erwähnte (S. 167). Die Invalidenversorgung verbesserte sich nur im Schneckentempo, da deren Bild den Kult um den heroischen Großen Vaterländischen Krieg gestört habe. Pavel Polian hebt in seiner Untersuchung zum Schicksal der sechs Millionen sowjetischen Menschen, die ihre Verschleppung ins Ausland überlebten, hervor, dass diese als Rückkehrer in die UdSSR vielfältige Diskriminierungen erfahren mussten. Die Repatriierten – überwiegend Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter – standen grundsätzlich unter dem Verdacht der Kollaboration mit dem Feind. Bis heute gäbe es in Russland, der Ukraine und Weißrussland „keine einzige Gedenkstätte oder wenigstens eine Erinnerungstafel zu ihren Ehren“ (S. 188).

Dass der deutsche Vernichtungskrieg und der Holocaust in Deutschland und Russland höchst unterschiedlich gewichtet und erinnert werden, problematisieren die Beiträge Ilja Altmans und Jürgen Zaruskys. Der russische Holocaustforscher Altman, der 2002 die erste russische Gesamtdarstellung zum Holocaust an den Ostjuden auf dem Territorium der besetzten Ostgebiete vorgelegt hat[2], stellt fest, dass in Russland bis heute die Nichtanerkennung der Einmaligkeit des Holocaust dominiert und die ermordeten „Juden in der Liste der Opfer lediglich erwähnt [werden], üblicherweise erst nach den slawischen Völkern“ (S. 220). Erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts wird der „Holocaust“ explizit in den staatlichen Lehrplänen für den Geschichtsunterricht thematisiert.

Gegenteilig sind die Erinnerungsschwerpunkte in Deutschland, so Jürgen Zarusky, in seinem Beitrag zu den eher vergessenen sowjetischen Opfern des deutschen Vernichtungskrieges. Bis heute sei kein deutscher Fernsehsender bereit, Beate Lehr-Metzgers Dokumentarfilm „Keine Kameraden“ zum Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand zu zeigen. Und als am 27. Januar 2014 der 95-jährige Autor des „Blockadebuchs“ Daniil Granin aus Anlass des 70. Jahrestages der Beseitigung der eine Million Opfer fordernden Blockade Leningrads im deutschen Bundestag sprach, habe Bundestagspräsident Lammert zwar die „Zensur“ des Buches in dessen Heimatland kritisiert, nicht aber, dass das Buch in der Bundesrepublik Deutschland, abgesehen von alten von Antiquariaten vertriebenen DDR-Ausgaben, gar nicht erhältlich ist.

Die beiden letzten Kapitel beschäftigen sich mit verschiedenen Erinnerungsformen, etwa Gedenkorten und Fernsehsendungen sowie zuletzt mit dem Wechselverhältnis von Befreiung und Besatzung. Dabei sind die Beiträge von Yuliya von Saal zur Problematik des Erinnerns an sexualisierte Gewalt am Beispiel des deutsch-russischen Films „Anonyma – eine Frau in Berlin“ und von Bettina Greiner zu den sowjetischen Speziallagern in Nachkriegsdeutschland besonders hervorzuheben. Der auf dem gleichnamigen Tagebuch basierende Film „Anonyma“ versuchte eine gemeinsame deutsch-russische Annäherung an das Thema sexuelle Gewalt „ohne dabei die Rote Armee zu dämonisieren“ (S. 335). Doch genau so wurde er von den russischen Kritikern wahrgenommen: Als Film mit der Funktion einer Relativierung der Verbrechen der Deutschen, der nicht nur die 27 Millionen Menschenopfer der UdSSR, die 1.700 Städte und 70.000 Dörfer, welche die Deutschen in Schutt und Asche legten, ausblendet, sondern „die Rote Armee zu einer Truppe alkoholisierter Massenvergewaltiger stilisiert“ (S. 338). Gegensätzliche Kritik dominierte in Deutschland. Der Film wurde überwiegend als langweiliges politisch-korrektes „Mainstream-Prestigeprojekt“ verrissen, bei der die brutale Gewalt der sowjetischen. Soldaten mittels einer „melodramatisch bis kitschig[en]“ Beziehungsgeschichte relativiert werde (S. 335f.).

Bettina Greiners Untersuchung zu den sowjetischen Speziallagern, die der sowjetische Gemeindienst NKVD mit Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone errichtete, zeigt eine doppelte Problemkonstellation. Zum einen die Praxis der Militärtribunale, mit vom NKVD unter Folter erpressten Geständnissen tatsächliche oder vermeintliche NS-Täter und Kriegsverbrecher zu langjähriger Lagerhaft zu verurteilen. Zum anderen die öffentlichkeitswirksame Inanspruchnahme und Umdeutung dieser sowjetischen Unrechtspraxis in Richtung „deutscher Opfernarrative“ mit dem Versuch, „ausnahmslos alle Speziallagerhäftlinge zu unschuldigen Opfern zu erklären“ (S. 386).

Alles in Allem betrachtet gelingt dem Sammelband die Präsentation unterschiedlicher deutscher und russischer Perspektiven auf hohem fachlichen Niveau. Wünschenswert wäre statt des bloßen knapp zweiseitigen Vorworts eine instruktive Einführung in die Thematik gewesen sowie ein Literaturverzeichnis, das die wichtigsten Publikationen aus dem Anmerkungsapparat zusammenführt.

Anmerkungen:
[1] Babette Quinkert / Jörg Morré (Hrsg.), Deutsche Besatzung in der Sowjetunion 1941–1944. Vernichtungskrieg, Reaktionen, Erinnerungen, Paderborn 2014.
[2] Das Werk liegt seit 2008 auf Deutsch vor: Ilja Altman, Opfer des Hasses: der Holocaust in der UdSSR 1941–1945. Gleichen 2008; vgl. die Rezension von Richard Albrecht, in: H-Soz-u-Kult, 24.10.2008 <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11770> (18.09.2015).

Zitation
Wigbert Benz: Rezension zu: Wirsching, Andreas; Zarusky, Jürgen; Tschubarjan, Alexander; Ischtschenko, Viktor (Hrsg.): Erinnerung an Diktatur und Krieg. Brennpunkte des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland seit 1945. Berlin  2015 , in: H-Soz-Kult, 20.10.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24419>.
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Veröffentlicht am
20.10.2015
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