J. Hammerstaedt u.a.: The Epicurean Inscription of Diogenes of Oinoanda

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Titel
The Epicurean Inscription of Diogenes of Oinoanda. Ten Years of New Discoveries and Research


Autor(en)
Hammerstaedt, Jürgen; Smith, Martin Ferguson
Erschienen
Umfang
288 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Essler, Institut für Klassische Philologie, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Die Inschrift des Diogenes von Oinoanda in Lykien ist ein in seiner Art einzigartiges Zeugnis. Der ursprüngliche Umfang von etwa 25.000 Wörtern sprengt den gewöhnlichen Rahmen dieses Mediums, der Text, eine protreptische Abhandlung über epikureische Philosophie, wurde vom Autor und Stifter der Inschrift ad hoc verfasst. In späterer Zeit wurde die Stoa, an der sich die Inschrift befand, abgetragen und die Steine an verschiedenen Orten wiederverwendet. Zur Edition des Textes müssen die einzeln aufgefundenen Fragmente in einem gigantischen Puzzle wieder (virtuell) zusammengefügt werden. Seit der ersten Entdeckung 1884 wurden 299 Fragmente gefunden, weniger als ein Drittel der ursprünglichen Inschrift. Treibende Kraft bei der Erforschung der Inschrift ist seit 1968 Martin Ferguson Smith (MFS). Von ihm stammt die 1993 erschienene letzte Gesamtedition des Textes, dem drei Jahre später ein Band mit Abzeichnungen und Abbildungen folgte.[1] Im Jahr 2003 veröffentlichte er die seit der Gesamtausgabe hinzugekommenen Neufunde in einem Supplementband.[2]

Inzwischen haben die Zusammenarbeit von MFS mit Jürgen Hammerstaedt (JH) und ein von Martin Bachmann (DAI Istanbul) in den Jahren 2007–2012 geleiteter Survey in Oinoanda zu vielen und wichtigen neuen Erkenntnissen geführt. Insgesamt sind 76 Fragmente neu gefunden worden, davon 75 im Zuge des Surveys. Diese Texte wurden von MFS und JH in vorbildlicher Weise rasch nach der jeweiligen Kampagne in Aufsätzen veröffentlicht. Der vorliegende Band ist als Supplement zum Supplementband von 2003 konzipiert. Er vereint im Nachdruck die 2004–2012 erschienenen textkritischen Beiträge und Editionen, gibt eine Neuedition der durch die Neufunde nun längsten erhaltenen durchgängigen Textpassage, Berichtigungen zu den früheren Veröffentlichungen und Indizes der Neufunde.

MFS und JH begründen diese Anlage des Bandes mit der Aussicht auf baldige Fortsetzung der Arbeiten in Oinoanda und der auf 3D-Bildern aufbauenden Rekonstruktion der die Inschrift tragenden Wand, was beides zu neuen Einsichten für die Textherstellung führen könnte: „If it were known that there will be no more investigations at Oinoanda for many more years, we should busy ourselves straightaway with the preparation of an edition of all the pieces of the inscription found between 1884 and 2012. … In the circumstances it seems best to opt for a compromise, which is to collect between two covers the articles, published by us during the last ten years or so, in which we presented new texts and new readings, and to add some supplementary material and indices of Greek names and words.“ (S. 3)

Entsprechend der Absicht, einen zusammenfassenden Zwischenstand vorzulegen, nehmen die Nachdrucke den größten Umfang ein. Auf eine Einleitung mit einem knappen Abriss der bisherigen Studien zur Inschrift des Diogenes und der Anlage des Bandes (S. 1–3) und einer Anleitung zum Auffinden und Zitieren der jeweils neuesten Edition eines Fragments der Inschrift (S. 4–6) folgt als umfangreichster Teil der Neuabdruck aller 2004–2012 erschienenen neuen Fragmenteditionen (S. 9–211). Nur der erste der insgesamt sieben Aufsätze ist von MFS allein veröffentlicht. Er bietet die Edition eines 2003 endeckten Fragmentes, das im Folgejahr in den „Anatolian Studies“ erschien (S. 9–20). Wegen des größeren Formates jener Zeitschrift wurden die Seiten für den Neuabdruck um circa 20–25 Prozent verkleinert, was jedoch der Lesbarkeit des Textes und der Abbildungen keinen Eintrag tut.[3] Alle übrigen neu abgedruckten Aufsätze sind ursprünglich in den „Epigraphica Anatolica“ veröffentlicht worden. Dabei stimmt das Format des Sammelbandes augenscheinlich mit dem früheren Format überein. Bei den Aufnahmen wirken vor allem die dunklen Partien im Neuabdruck etwas heller als in der Erstpublikation. Die Deutlichkeit scheint mir dadurch aber eher verbessert. Die folgenden sechs Aufsätze enthalten die Ersteditionen mit den Fragmenten aus dem Survey Bachmanns, die ursprünglich jeweils von MFS und JH gemeinsam 2007–2012 publizierten wurden (S. 21–211). Unter „Further Contributions“ wird zunächst ein Aufsatz von JH mit textkritischen Beiträgen abgedruckt, der 2006 vor dem Survey erschien und den einzigen deutschen Beitrag darstellt (S. 215–262). Darauf folgt als neues Material die Neuedition des nach heutigem Stand längsten zusammenhängenden Abschnitts der Inschrift, der sich aus lange bekannten und kürzlich aufgefundenen Stücken zusammensetzt. Hierfür geben MFS und JH erstmals einen kompletten Text mit Übersetzung (S. 263–270). Den Abschluss bilden eine Liste mit Addenda und Corrigenda zu bisherigen Veröffentlichungen, einschließlich der wiederabgedruckten Aufsätze (S. 271–278), und Indizes der im Band abgedruckten griechischen Texte (S. 279–288). Sie sind ebenso als Supplement gedacht und decken das gesamte seit dem Supplementband neu hinzugekommene Material ab. Bei Zusammensetzungen neuer mit bereits bekannten Fragmenten werden nur die neuen Wörter und Ergänzungen aufgenommen. Am Ende stehen die Korrekturen zu den Indizes in der Gesamtedition von 1993 und dem Supplementband von 2003.

Beim erfreulichen Zuwachs des Materials der Inschrift stellt der vorliegende Band ein willkommenes Arbeitsmittel dar, das auch für Bibliotheken ohne die genannten epigraphischen Zeitschriften den aktuellen Publikationsstand der Inschrift leicht und mit vollständigen Indizes zugänglich macht. Dies kommt vor allem dem philosophisch interessierten Publikum entgegen. Freilich kann dieser vorläufige Kompromiss keine neue Gesamtausgabe ersetzen und bleibt der Leser darauf angewiesen, zum Studium der Inschrift wenigstens drei Werke, die Gesamtausgabe, das Supplement und den vorliegenden Band, einschließlich ihrer Indizes parallel zu benutzen. Dazu kommt, wie MFS und JH selbst hervorheben (S. 3), dass Teile der hier nachgedruckten Editionen durch spätere Funde überholt sind. Die Hinweise zur Auffindung der jeweils neuesten Fassung (S. 4–6) und die beigegebene Neuedition mit Übersetzung des längsten zusammenhängenden Abschnittes (S. 263–270), suchen diese Nachteile zu mindern, zeigen jedoch gleichzeitig die Schwierigkeiten auf, gegen die sie sich stellen. Dies liegt beim Druck in der Natur der Sache. Es fragt sich jedoch, ob nicht gerade angesichts zu erwartender neuer Fragmente, wodurch bisherige Lesungen ergänzt oder korrigiert werden, künftig anstelle einer weiteren Reihe von Supplementbänden die beste und am einfachsten zu benutzende Lösung eine online-Publikation der Inschrift wäre, deren Text ständig aktualisiert und erweitert werden könnte.

Anmerkungen:
[1] Diogenes of Oenoanda. The Epicurean Inscription. Edited with introduction, translation and notes by M. F. Smith. La Scuola di Epicuro Supplemento 1, Napoli 1993; Martin Ferguson Smith, The philosophical inscription of Diogenes of Oinoanda. Ergänzungsbände zu den Tituli Asiae Minoris Nr. 20, Vienna 1996.
[2] Supplement to Diogenes of Oenoanda. The Epicurean Inscription, by Martin Ferguson Smith. La Scuola di Epicuro Supplemento 3, Napoli 2003.
[3] Allerdings wird die aus der Vorlage übernommene Angabe „Scale 12:100“ bei Fig. 4 auf S. 38 nach der Verkleinerung nicht mehr zutreffen.

Zitation
Holger Essler: Rezension zu: : The Epicurean Inscription of Diogenes of Oinoanda. Ten Years of New Discoveries and Research. Bonn  2014 , in: H-Soz-Kult, 01.02.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24467>.
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01.02.2016
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