B. Sielhorst: Hellenistische Agorai

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Titel
Hellenistische Agorai. Gestaltung, Rezeption und Semantik eines urbanen Raumes


Autor(en)
Sielhorst, Barbara
Erschienen
Berlin 2015: de Gruyter
Umfang
X, 354 S.
Preis
€ 119,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulf-Henning Willée, Abteilung Alte Geschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Lange Zeit wurde die soziale und politische Verfasstheit hellenistischer Poleis im Allgemeinen und der Stellenwert von Agorai bei der Erforschung hiervon im Speziellen von den Altertumswissenschaften vernachlässigt. Vor allem im Gegensatz zu den gut erforschten archaischen und klassischen Agorai fällt das Fehlen einer gründlichen Untersuchung für die hellenistische Zeit auf – ist doch der Hellenismus gerade für die Poleis eine Epoche sozialer und politischer Umwälzungsprozesse, die Fragen und Problemstellungen aufwerfen, die Christian Mann anschaulich zusammengefasst hat[1].

Barbara Sielhorst setzt sich in der zu besprechenden Monographie daher mit den hellenistischen Agorai auseinander. Ihre Arbeit steht damit in einer Reihe mit Untersuchungen, die sich für öffentliche Räume interessieren und deren Zahl in den letzten 20 Jahren zugenommen hat[2]. Sielhorst legt ihren Fokus auf die gesamte Epoche des Hellenismus, dehnt jedoch bewusst den zu untersuchenden Zeitraum auf 400 v.Chr. bis 50 n.Chr. aus, um Entwicklungen besser nachzeichnen zu können (S. 4). Räumlich konzentriert sie sich auf das griechische Mutterland, die Ägäis, das westliche Kleinasien und Lykien (S. 6). Die Quellengrundlage bilden die archäologischen Befunde von insgesamt 66 Platzanlagen.
Bei der Gliederung des Buches entschied sich Sielhorst für eine Trennung in einen Textteil und einen Katalogteil, die dem Leser die Beschäftigung mit dem Themenkomplex erleichtert. Im ersten, einleitenden Kapitel (S. 3–20) erläutert Sielhorst Thema und Fragestellung ihrer Arbeit (S. 3–7), positioniert ihr Buch innerhalb der Forschung (S. 7–15) und widmet sich der von ihr angewandten Methoden (S. 15–20), deren theoretische Grundlage sie ebenso erläutert wie ihre Anwendung in der vorliegenden Untersuchung. Dabei bedient sich Sielhorst auch der Kultursemiotik, Gedächtnistheorie, Rezeptionsästhetik und Architektursoziologie. Sielhorst hat es sich zu Aufgabe gemacht, durch ihre architektursoziologische Untersuchung „die Gestalt der Agora als soziales Konstrukt und somit als Produkt funktionaler, rezeptionsästhetischer sowie semantischer Konzepte zu beschreiben, zu analysieren, historisch zu bewerten und deren Spezifika in der Epoche des Hellenismus herauszuarbeiten“ (S. 16).

Die Resultate dieser Arbeit sind vor allem in den Kapiteln 2 und 3 gebündelt. Im zweiten Kapitel (S. 21–66) untersucht Sielhorst alle Agorai des Katalogteils anhand der vier Aspekte: Gestalt, Funktion, Rezeptionsästhetik und Semantik. Die einzelnen Funktionen (politisch, sakral, agonal und merkantil) weiß Sielhorst anhand von Beispielen nachzuweisen und führt die Bedeutung bestehender vorhellenistischer Strukturen vor Augen. Ein Charakteristikum des 2. Jahrhunderts v.Chr. sieht sie in der Rahmung von Agorai durch Säulenhallen. In dieser Abgrenzung durch Stoai vom Rest der Stadt erkennt Sielhorst die Grundlage für die im Hellenismus wachsenden Bedeutung der ästhetischen Gestaltung der Platzanlage (S. 28f.). Die Beschäftigung mit Fragen der Rezeptionsästhetik und der Semantik besitzt einen zentralen Stellenwert in Sielhorsts Untersuchung, weshalb sie beide Aspekte in ihrer Analyse miteinander verknüpft. So kann sie durch eine Inbezugsetzung zwischen materiellen Hinterlassenschaften und Interaktionen auch für ihren Untersuchungsgegenstand die Architektur als Informationsträger verwenden und so Rückschlüsse auf die untersuchten Gesellschaften ziehen. Diese Vorgehensweise wendet Sielhorst beispielsweise bei ihrer näheren Beschäftigung mit dem Phänomen der signifikant höheren Zahl an errichteten Ehrenstatuen auf Agorai im Hellenismus an. Hiermit schlägt Sielhorst den Bogen zur Frage nach einem Wandel der Polis hin zum Honoratiorenregime, die insbesondere in der althistorischen Forschung reges Interesse geweckt hat und stellt den interdisziplinären Wert ihrer Arbeit unter Beweis.

In Kapitel 3 (S. 67–77) fasst Sielhorst die Ergebnisse der systematischen Analyse zusammen und betrachtet die hellenistischen Agorai unter dem Gesichtspunkt des sozialen Phänomens. So erläutert sie: „Die Agora als sozialer Kristallisationsort der Selbst- und Fremdwahrnehmung bot Raum für einen intensiven Austausch über gesellschaftliche Themen, politische Aktivitäten und die Interpretation von Geschichte sowie die Festlegung ihrer Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft der Polis.“ (S. 76) Danach folgen in Kapitel 4 (S. 78–168) die Einzelanalysen von 16 Platzanlagen, die Sielhorst den drei Themenkomplexen Form, Funktion und Topografie zuordnet, und deren Ergebnisse sie im fünften Kapitel (S. 169–171) resümiert. Im sechsten Kapitel (S. 172–180) werden die Ergebnisse der Kapitel 3–5 rekapituliert, miteinander verknüpft und den eingangs formulierten Thesen (S. 6) gegenübergestellt. Nach einem knappen Vergleich mit anderen öffentlichen Plätzen führt sie mögliche Anknüpfungspunkte zu anderen Altertumswissenschaften auf. Besonders sei hier der Verweis auf die Frage nach der Partizipation am politischen System genannt. Es folgt mit Kapitel 7 (S. 181–186) ein Ausblick auf die Agorai der frühen römischen Kaiserzeit. Nach einer englischen (S. 187f.) und französischen (S. 189–191) Zusammenfassung in den Kapiteln 8 und 9, endet der Textteil im zehnten Kapitel mit dem Literaturverzeichnis (S. 192–211) dieses ersten Teils. Davon trennt sie die Literatur des Katalogteils, die jeweils im Anschluss an die Beschreibung der Agora zu finden. So fehlt zwar ein Gesamtverzeichnis der im Katalogteil verwendeten Literatur, dennoch ist derart die gezielte Suche anhand lokaler Kriterien erleichtert. Im Katalogteil (S. 215–353) stellt Sielhorst sämtliche untersuchten Agorai vor, die sie in die ausführlich analysierten (I–XVI) der Einzelanalyse und die nicht so detailliert untersuchten (1–50) unterteilt.

Barbara Sielhorst hat es mit diesem Buch geschafft, eine auch für nicht-archäologische Altertumswissenschaftler gut verständliche Untersuchung und Interpretation hellenistischer Agorai vorzulegen und einen wichtigen Beitrag zur Erforschung urbaner Räume und soziologischer Fragen zu leisten. Dabei gelingt es ihr, an zahlreiche übergreifende Fragestellungen und interdisziplinäre Studien anzuknüpfen und ihre Untersuchung überzeugend in die bestehenden Forschungsthesen einzubinden. Aus althistorischer Sicht wäre ein stärkerer Einbezug literarischer und epigraphischer Quellen wünschenswert gewesen, um so die Argumentationsbasis zu vergrößern. Jedoch fasst sie die Schriftquellen knapp und kursorisch zusammen und verweist auf die wichtigen Studien zu den vorhandenen Schriftquellen. Der Althistoriker sollte Sielhorsts Buch aber auch deshalb beachten, da es sich schwerpunktartig mit einem wichtigen öffentlichen Raum der Polis als sozialem Phänomen auseinandersetzt. So geht sie beispielsweise den Partizipationsfragen von Gesellschaftsgruppen an politischen Entscheidungsprozessen anhand der Praxis Ehrenstatuen zu errichten nach. Einem bedeutsamen Themenkomplex in Bezug auf die Frage, ob die Verfasstheit hellenistischer Poleis als Honoratiorenherrschaft[3] im Sinne Max Webers bezeichneten werden kann. Herrschte in hellenistischen Poleis tatsächlich Demokratie oder lediglich ein formales Weiterbestehen klassischer Strukturen, die durch den politischen Vorrang einer Oberschicht auf Grundlage ihrer ökonomischen Potenz längst nicht mehr der Lebenswirklichkeit entsprachen? Dies führt letztendlich zu der Frage, ob Demokratie oder Oligarchie die Ausnahme in der Verfasstheit griechischer Poleis war, und reiht Sielhorsts Arbeit in die Studien zu sozio-politischen Fragen des urbanen Raumes ein.

Anmerkungen:
[1] Christian Mann, Gleichheiten und Ungleichheiten in der hellenistischen Polis. Überlegungen zum Stand der Forschung, in: Christian Mann / Peter Scholz (Hrsg.), „Demokratie“ im Hellenismus. Von der Herrschaft des Volkes zur Herrschaft der Honoratioren?, Mainz 2012, S. 11–27.
[2] Die Aktualität des von Sielhorst behandelten Themas wird anhand von Christopher Dickensons zeitnaher, bislang leider noch nicht in einem Verlag publizierten Dissertation bestätigt: Christopher P. Dickenson, On the Agora. Power and Public Space in Hellenistic and Roman Greece, Diss. Groningen 2012.
[3] Vgl. zum Forschungsdiskurs die neuere Literatur: Christian Mann / Peter Scholz (Hrsg.), „Demokratie“ im Hellenismus. Von der Herrschaft des Volkes zur Herrschaft der Honoratioren?, Mainz 2012; John Ma, Statues and Cities. Honorific Portraits and Civic Identity in the Hellenistic World, Oxford 2013.

Zitation
Ulf-Henning Willée: Rezension zu: : Hellenistische Agorai. Gestaltung, Rezeption und Semantik eines urbanen Raumes. Berlin  2015 , in: H-Soz-Kult, 04.04.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24489>.