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Titel
Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern


Autor(en)
Hosfeld, Rolf
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Umfang
288 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang G. Schwanitz, Middle East Forum, Philadelphia

Eine Katastrophe, Aghet, ereilte osmanische Armenier ein dreiviertel Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Schon am 7. Juli 1915 telegraphierte der deutsche Botschafter Hans von Wangenheim an Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg, zweifelsfrei bezwecke Istanbul, die armenische Rasse im türkischen Reich zu vernichten. Deutliche Worte eines Diplomaten, sagt der Marx-Biograph Rolf Hosfeld. Er ist weder Mittelosthistoriker oder Islamologe noch Arabist oder Turkologe, womit einige Sprachen in Quellen, Umschriften und Einsichten fehlen. Vielmehr trat er 2005 durch sein Buch über die Operation Nemesis hervor, mit der an den Leitern des Völkermords an Armeniern Rache geübt wurde. Der Genozid begann am 24. April 1915, kulminierte 1916 und zog sich noch lokal bis Kriegsende hin.

Die Kapitel seines zu besprechenden Buches behandeln den Massenmord in Anatolien, der ungeheure Ausmaße hatte und Blaupausen für Verbrechen im Zweiten Weltkrieg lieferte. Es geht um Gewalt gegen zivile Minoritäten, um Revolution und Radikalisierung, gefolgt von Repression, "Säuberungen" und den Weg in die Wüste. Das Kapitel "Endlösungen" lässt Zeugen der Deportation sprechen, oft über das syrische Aleppo in die mesopotamische Wüste.

So reiste der deutsche Autor und Sanitäter Armin T. Wegner Mitte November 1915 von Istanbul zum Stab des Feldmarschalls Colmar von der Goltz nach Bagdad. Er sah auf den Höhen des Taurus endlose Karawanen nach Aleppo. In einer Baracke des Bahnhofs Ras al-Ain erzählte er, als er aus einem Lager zurückkam, von Hunger, Tod und Krankheit; Geruch von Verwesung und Kot, das Wimmern einer sterbenden Frau, die Riesenschar all der elternlosen Kinder. Andere lagen im Sterben und ihre kleinen Hände rollten sich zusammen wie ein vom Frost verwelktes Blatt. Konversion zum Islam war in Anatolien auf Frauen begrenzt, die Türken heirateten. Die Waisenheime quollen schon längst über.

Hosfeld stützt sich auch auf die Studien des türkischen Autors Taner Akçam (S. 207), wonach Istanbul vorgab, der Anteil von Armeniern dürfe nach Deportationen nirgends 10% Prozent übersteigen. Damit sollte ihnen jede Chance auf ein eigenes kulturelles und politisches Leben verwehrt werden. Die Vorgabe gebot aufgrund der offiziellen Statistik, die armenische Vorkriegsbevölkerung von etwa 1,7 Millionen auf 200.000 zu reduzieren. Dies bedeutete eine de facto vorgeschriebene genozidale "Lösung".

Wegner berichtete zudem über die zweite Phase des Völkermords an Armeniern, die im Sommer 1916 begonnen habe, als man gewahr wurde, dass zwischen Aleppo, Damaskus, der Euphratlinie und Dair az-Zur noch etwa eine halbe Million Deportierte lebten. Diese Region wurde für Ausländer wie Nichtmuslime gesperrt und jede Hilfe untersagt. Eine "unreformierbare Bevölkerung" habe man in einer "unreformierbaren" (S. 210) Region auf die bekannte Art verschwinden lassen. Der letzte Leichnam? Dies fragte sich Wegner am 11. Oktober 1916. Doch im Licht der Leichenberge sah er "alle Keime der Liebe vernichtet".(S. 211)Öfter spielt Hosfeld auf Ereignisse drei Dekaden später an (S. 215): diese Massaker waren systematisch, gnadenlos und in einigen Fällen ein regelrechter "Holocaust" (S. 215). Etwa 2.000 gefesselte Waisenkinder wurden Todesflammen mit Kerosin ausgesetzt. Im Lager Sabha habe man 60.000 Menschen verbrannt. Zwischen April und Herbst 1916 seien 200.000 Armenier in der Region Dair az-Zur getötet worden. Das ist jetzt wieder ein Todesraum.

Gleichwohl gab es oft Deutsche, die Mord und Todschlag erlebt haben. Kriegsminister Enver Pascha habe betont (S. 219), eine Trennung zwischen dem Volk und militärischen Gegner wäre im Falle der Armenier nicht möglich, da sie allesamt feindlich gesinnt seien und wie mit Russen, so nun mit Engländern verbunden wären. Das war Tod per Liaison.

Friedrich Kreß von Kressenstein, Leiter der deutschen Delegation im Kaukasus, sah, dass Osmanen ihre Absicht, die Armenier auszurotten, keineswegs aufgegeben hätten. Selbst Baku sollte noch kurz vor dem Kriegsende unter Nuri Paschas "Islamischer Armee - al-Jaish al-Islami", türkisch werden. Dieser Halbbruder Enver Paschas verübte dort Mitte September 1918 noch ein Massaker und Inferno für ein panturanisches Reich in Mittelasien.

In der letzten Oktoberwoche 1918, so Hosfeld, trafen sich in Enver Paschas Villa Leiter des Genozids, wobei Innenminister Talat vorschlug, eine zweite Widerstandsorganisation zu bilden. Sie sollte, neben der Teshkilat-i Makhsusa, im klandestinen Zellensystem unter Kara Kemal fortan Weisungen aus Berlin an den nationalen Untergrund weiterleiten, um ein homogenes türkisches Kernland zu bewahren. Danach setzten sich die meisten Führer nach Berlin ab. Talat, Enver, Baha ad-Din Shakir, Mehmed Nazim und andere gingen zum Bundesgenossen, der den Völkermord nicht nur erlaubt, sondern mit initiiert hatte.

Hosfeld gibt einen soliden Überblick, der "eine Mitverantwortung des Deutschen Reichs" (S. 15-17) bestätigt. Er blendet aber Forschungen zur deutsch-osmanischen Jihadisierung des Islam aus. Der Leser hört nichts darüber wie des Kaisers amtliche Islampolitik ab 1898 Christen und Juden über das Osmanenreich hinaus gefährdete; das Auswärtige Amt die Nachrichtenstelle für den Orient mit 75 Lesesälen im Osmanenkalifat hegte; acht islamistische Bruderschaften wirkten; zwei Dutzend Expeditionen Islamräume revolutionieren sollten; etwa 100 deutsche Jihadeiferer den regierenden Drei Paschas mit ihrem Islamismus halfen. Der Jihad in Afrika, Asien und Europa war auch eine deutsche Idee und Forderung des Kaisers zu Kriegsbeginn - und bewirkte mehr als ein "paar pittoreske Vorfälle" (S. 115).

Heute kämpfen Muslime stärker gegen die "vor 100 Jahren installierte Misskonzeptionen des Islam", so Ägyptens Präsident Abd al-Fattah as-Sisi am 20. März 2015 im Wallstreet Journal. Das ist Hosfelds Kerndefizit, denn im Ersten Weltkrieg gab es im Osmanischen Reich multiple Genozide an nichtmuslimischen Minoritäten wie Armeniern, Griechen, Assyrern und den versuchten Genozid an Palästinas Juden. Dies erlaubte eine Ideologie der "ethno-religiösen Suprimität" mit dem Tod ziviler Gruppen als Kriegsziel. Sie kam nach 1700 in einer hybriden Moderne in Mittelost auf. Vor 1900 hieß sie Pan-Islamismus, dann einfach Islamismus, damals schon eine Selbstidentifikation von Islamisten unter Muslimen. Abd al-Malik Hamza edierte 1917 seine "Theorie des Islamismus", in der er eine globale Muslimbruderschaft für das Kalifat forderte, um universell Feinde zu schlagen und die 1928 in Ägypten entstand.

Osmanische Islamisten und Nationalisten wurden zu Tätern mit Hilfe deutscher Nationalisten, so auch im Zweiten Weltkrieg. Kamen die Täter aus den Jahrgängen 1884 bis 1900, so stiegen sie und ihre islamistischen Partner auf. Generationen der Jungoffiziere von 1914 wurden 1939 zu Kommandeuren, die auch später, im Kalten Krieg die Ära der deutschen Zweistaatlichkeit in Amerika, Mittelost und Europa mit gestalteten. So erklärt sich, warum nichtmuslimische Gruppen Ansatz weiter verfolgt wurden und heute immer noch werden.

Hosfeld liefert Einsichten in Handlungsmuster von Führungseliten, in die Stilisierung von Minderheiten als innere Feinde und in offizielle Kriegsziele. Er zeigt, dass Deportationen nicht als Umsiedlung oder Vertreibung zu verstehen sind, sondern als Weg, die Leichen der genozidalen Massaker in Schluchten, Seen, Flüsse, Höhlen oder tödlichen Wüsten zu entsorgen. Dies bildete keine "militärisch nötige Präventivstrategie", sondern es lag von Anbeginn der politische Vernichtungswille für die ethnoreligiös "reine Nationsbildung" vor. Überleben durch Zwangskonversion zum Islam blieb auf Frauen oder adoptierte Kinder begrenzt. Verglichen mit Raphael Lemkins Definition des Genozids (S. 236), der Naziverbrechen und den Völkermord an Armeniern erhellte, treffen solche Muster zu. Daran hat Rolf Hosfeld keine Zweifel gelassen. Eine komparative Kernfrage bleibt also offen: wie wirkte jene Ideologie gegen all die Nichtmuslime, einst auch gegen Juden, warum kam es bei Christen zum Genozid - und im Parallelfall zum versuchten Genozid?

Zitation
Wolfgang G. Schwanitz: Rezension zu: : Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern. München  2015 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 09.10.2015, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-24517>.
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09.10.2015
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