Sammelrezension: A Cultural History of the Senses

Toner, Jerry (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In Antiquity. London : Bloomsbury Publisher  2014 ISBN 978-0-8578-5339-4, XIII, 266 S., 35 s/w Abb. € 107,16; $135.00.

Newhauser, Richard (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Middle Ages. London : Bloomsbury Publisher  2014 ISBN 978-0-8578-5340-0, XIII, 266 S., 46 s/w Abb. € 107,16.

Roodenburg, Herman (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Renaissance. London : Bloomsbury Publisher  2014 ISBN 978-0-8578-5341-7, XI, 273 S., 35 s/w Abb. € 107,16.

Vila, Anne (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Age of Enlightenment. London : Bloomsbury Publisher  2014 ISBN 978-0-8578-5342-4, XII, 276 S., 41 s/w Abb. € 107,16.

Classen, Constance (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Age of Empire. London : Bloomsbury Publisher  2014 ISBN 978-0-8578-5343-1, XI, 276 S., 45 s/w Abb. € 107,16.

Howes, David (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Modern Age. London : Bloomsbury Publisher  2015 ISBN 978-0-8578-5344-8, XI, 284 S., 49 s/w Abb. € 107,16.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Blanck, a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities, Universität zu Köln

Die Frage nach den menschlichen Sinnen ist die Frage nach der Wahrnehmung der Welt und damit so alt wie das Denken selbst: „Nichts ist im Geist, was nicht vorher in den Sinnen war“, heißt es bei Thomas von Aquin im Rückgriff auf Aristoteles[1], Karl Marx wiederum bemerkt 1844: „Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“[2] Grund genug also für die Kulturgeschichtsschreibung, diese Frage und die zu unterschiedlichen Zeiten darauf gegebenen Antworten zu historisieren. In den letzten Jahren hat sich unter dehnbaren Schlagwörtern wie Sinnesgeschichte oder Sensory Studies eine Forschungsrichtung etabliert, die sich mit der Geschichte des Sehens, Riechens, Hörens, Schmeckens und Fühlens beschäftigt; die dem Zusammenhang zwischen sinnlicher Wahrnehmung und sozialen Ordnungsvorstellungen nachspürt; die nach den sich wandelnden technischen, medialen und epistemologischen Voraussetzungen sinnlicher Welterfahrung fragt.[3] In enger Nachbarschaft zur Sinnesgeschichte stehen dabei jene Arbeiten, die sich einem einzelnen Sinn und seiner Geschichte widmen. An erster Stelle ist hier sicher die mittlerweile zum Kernbestand des kulturgeschichtlichen Methodenapparates zählende Visual History zu nennen, hinzu kommen Studien, Zeitschriften und Artikel, die sich etwa der historischen Hörkultur, vergangenen „smellscapes“ oder der Geschichte des Tastsinns widmen.[4]

So disparat diese Arbeiten in Bezug auf fachliche Herkunft und methodischen Zugriff oft sind, so lassen sich doch zwei Grundannahmen erkennen, denen die meisten von ihnen folgen: zum einen die an Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz geschulte Prämisse, dass die menschliche Wahrnehmung überhaupt eine Geschichte hat und sich nicht als biochemische Körperfunktion essenzialisieren lässt. Zum anderen ist dies eine mal mehr, mal weniger explizite Kritik an jenem letztlich modernisierungstheoretischen Konjunkturmodell der menschlichen Sinne, wie es Marshall McLuhan prominent vertritt. So kritisiert etwa Mark M. Smith McLuhans These, dass die vormoderne Kultur der Innerlichkeit und Nähe (und damit tendenziell des Hörens, Schmeckens, Riechens und Fühlens) in der Moderne einer Kultur der Rationalität und Distanz (und damit tendenziell des Sehens) gewichen sei, als „Great Divide Theory“. Es geht der Sinnesgeschichte also nicht zuletzt auch darum, nach dem Eigenrecht und den Spezifika nicht-visueller Wirklichkeitserfahrung zu fragen, um die Geschichte der Sinne nicht als ein „Nullsummenspiel“ (Jonathan Sterne) erscheinen zu lassen (vgl. Bd. IV: Enlightenment, S. 110).

Der Anspruch, den das hier zu besprechende enzyklopädisch angelegte Werk dabei an sich selbst stellt, ist denkbar hoch, und groß sind damit die geweckten Erwartungen: Die vorliegende sechsbändige Kulturgeschichte der Sinne, so Reihenherausgeberin Constance Classen, sei nichts weniger als „an authoritative six-volume series investigating sensory values and experiences throughout Western history […] presenting a vital new way of understanding the past.“ (Bd. V: Empire, S. X). Doch wohl niemand wäre der Aufgabe, eine solche Syntheseleistung zu erbringen, besser gewachsen als die an der McGill University forschende Historikerin Classen, die nunmehr seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Vertreterinnen der Sinnesgeschichte gehört.[5] Die Reihe kann somit auch als ihr Opus Magnum verstanden werden, in dem sie epochen- und themenspezifische Forschungsstränge unter gemeinsamen Fragstellungen zusammenführt und Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Fachrichtungen vereint, um so das weite Feld der Sinnesgeschichte in einheitlichem Maßstab zu kartographieren.

Gemessen an dem Anspruch, einen neuen Zugang zum Verständnis der Vergangenheit zu bieten und im Vergleich mit anderen theoretisch und methodisch oft avancierten sinnesgeschichtlichen Publikationen nimmt sich die Struktur des Werkes eher klassisch aus, was sich zunächst in der Periodisierung der Einzelbände zeigt: Der erste widmet sich der Antike von 500 v.Chr. bis 500 n.Chr., es folgen 950 Jahre Mittelalter und im dritten Band die zwischen 1450 und 1650 angesetzte Renaissance, daran schließen die Epoche der Aufklärung (1650–1800) und das „Age of Empire“ (1800–1920) an, den Abschluss bildet im sechsten Band die Moderne (1920–2000). Die Struktur der einzelnen Bände bleibt dabei gleich, stets folgen einem einleitenden Kapitel des Bandherausgebers neun Unterkapitel, die sich jeweils einem Aspekt der „sensory culture“ im Untersuchungszeitraum widmen. Diese Struktur ermöglicht es, die Bände sowohl diachron als auch synchron zu lesen, um etwa die Geschichte der Sinne in der Stadt („Urban Sensations“) vom antiken Griechenland bis ins New York des 20. Jahrhunderts zu verfolgen oder aber, um sich ein umfassendes Panorama der sensorischen Ordnung einer einzelnen Epoche zu erschließen. Letzteres allerdings gestaltet sich gerade in den ersten zwei Bänden oft schwierig, da die Untersuchungszeiträume jeweils tausend beziehungsweise 950 Jahre umfassen, womit sich die einzelnen Artikel gezwungenermaßen auf kürzere Perioden konzentrieren müssen. Neben den Zeiten sind auch die untersuchten Räume nach klassischem Standard gewählt. So konzentrieren sich die Artikel ausnahmslos auf den antiken Mittelmeerraum, das europäische Mittelalter und schließlich die atlantische Neuzeit, die epochenspezifischen Peripherien spielen so gut wie keine Rolle. Das verwundert, denkt man an den großen Einfluss der globaler orientierten Ethnologie und historischen Anthropologie auf die Sinnesgeschichte.

Alle sechzig der jeweils circa zwanzig Seiten langen und sinnvoll bebilderten Artikel können hier nicht besprochen werden, deswegen folgen einige Bemerkungen zu den in jedem Band wiederkehrenden Themenkapiteln. Grundsätzlich ist dabei zu sagen, dass Classen ein beeindruckendes Tableau an internationalen Expertinnen und Experten für die einzelnen Sektionen zusammengerufen hat, die Bandbreite reicht von Peter Burke über Alain Corbin bis hin zu Martin Jay. Wie die einzelnen Autorinnen und Autoren die vorgegebenen Kapitelüberschriften inhaltlich und methodisch interpretieren, variiert stark, dementsprechend unterschiedlich sind Zuschnitt und Aussagekraft der einzelnen Abschnitte. In den Einführungskapiteln geben die Bandherausgeber meist einen Überblick über die grundlegende sensorische Ordnung der untersuchten Epoche, das heißt über die Sinneshierarchien, die soziale Bedeutung sinnlicher Praktiken sowie das Wissen, das über die Sinne existierte und durch die Sinne entstand. Herauszuheben ist hier etwa Herman Roodenburgs erfrischende Einführung in das Sensorium der Renaissance (Bd. III: Renaissance, S. 1–17), in der er zunächst darauf hinweist, dass die Sinnesgeschichte an der Schwelle der Neuzeit keineswegs so neu und unerforscht ist, wie es der an anderer Stelle proklamierte „sensory turn“ (Bd. II: Middle Ages, S. 2) glauben machen will. Dennoch helfe ein sinnesgeschichtlicher Ansatz dabei, althergebrachte Periodisierungen zu überwinden und die Annahme eines plötzlich hereinbrechenden Subjekt-Objekt-Dualismus in der Renaissance zu hinterfragen (Bd. III: Renaissance, S. 2). Der Einleitung folgen die Themenkapitel zum „Social Life of the Senses“. Und ob hier Sophia Rosenfeld die Stimmabgabepraxis in der französischen Revolutionszeit zwischen Öffentlichkeit und Privatheit skizziert (Bd. IV: Enlightenment, S. 21–39) oder Tim Edensor die Stadtplanungen Le Corbusiers als den Versuch interpretiert, ästhetische und sinnliche Kontrolle über den Raum und seine Bewohner zu gewinnen (vgl. Bd. VI: Modern Age, S. 36) – letztlich geht es stets um den Zusammenhang zwischen sinnlichen Praktiken und gesellschaftlicher Ordnung.

Die folgenden Kapitel zur Sinnesgeschichte der Stadt versuchen sich zumeist darin, aus schriftlichen Quellen die „sensescape“ vergangener urbaner Räume zu rekonstruieren. Gemein ist den Kapiteln, dass die Stadt dabei epochenunabhängig und ohne dies ausführlich zu begründen als ein Ort erhöhter sensorischer Intensität geschildert wird (vgl. Bd. IV: Enlightenment, S. 41). Gregory S. Aldrete etwa beschreibt einen städtischen Triumphzug in der Antike als „true extravaganza for all the senses, and one that the modern world would be hard-pressed to match“ (Bd. I: Antiquity, S. 67). Auch wenn sich unterhaltsam liest, was ein mittelalterlicher Händler (vgl. Bd. II: Middle Ages, S. 46–65) oder ein Reisender der Renaissance (vgl. Bd. III: Renaissance, S. 43–59) in der Stadt gesehen, gerochen und berührt hat, fehlt diesen Kapiteln der klare analytische Zugriff. In Formulierungen wie „the medieval city returns to life in our imaginations“ (Bd. II: Middle Ages, S. 65) schwingt ein alltagssprachliches Verständnis von mittelalterlicher Sinnlichkeit mit, das die Kernfrage nach der Historizität der Wahrnehmung eher verdeckt als beantwortet (vgl. die Kritik Alain Corbins, Bd. V: Empire, S. 48).

In den Abschnitten zur Geschichte der Sinne „in the Marketplace“ zeigt sich dieses Problem der additiven Darstellung weniger, liegt der Fokus hier doch stärker auf der Konsumgeschichte und der Frage nach der Ökonomisierung der menschlichen Sinne. Joan Dejean (vgl. Bd. IV: Enlightenment, S. 65–84) zum Beispiel zeichnet die Entwicklung der Luxusgüterindustrie im ausgehenden 17. Jahrhundert in Frankreich und England nach: Mit Kaffee, farbiger Baumwollkleidung und Sofas war nicht nur ein bisher unbekanntes Warenangebot auf dem Markt, vielmehr schufen Kaffeehäuser und Ladengeschäfte überhaupt erst die Nachfrage nach sinnlich wahrnehmbarem und käuflichem Komfort.

Mit Gewinn lesen sich die Kapitel zum Verhältnis von Religion und Sinneswahrnehmung. Stellt man die einzelnen Kapitel epochenübergreifend nebeneinander, erscheint dabei das Kernproblem dieses Verhältnisses über die Jahrhunderte hinweg unverändert: Einerseits sind religiöse Transzendenzerfahrungen – von antiken Opferfesten über den mittelalterlichen Gottesdienst bis hin zur Praktik des Zungenredens in der Pfingstbewegung – Momente gesteigerter sinnlicher Intensität und Präsenz, die über den als alltäglich empfundenen Modus der Wahrnehmung und Welterfahrung hinausgehen (vgl. Bd. II: Middle Ages, S. 107). Dabei aber sahen sich religiöse Autoritäten stets verpflichtet, eben diese Sinnlichkeit nicht zum Selbstzweck werden zu lassen, sondern sie in ein religiöses Dogma einzuordnen, das Häresie und Götzendienst vorbeugt. Innerchristliche Reformbemühungen (und Religion ist in den besprochenen Bänden weitgehend identisch mit dem katholischen und protestantischen Christentum) lassen sich über weite Strecken nicht zuletzt als Prozesse verstehen, die dieses Verhältnis neu zu bestimmen suchen. Dies ist insofern analytisch hilfreich, als es nicht mehr um die diffusen Fragen geht, wie sinnlich bestimmte religiöse Praktiken sind oder auf welche Sinne bestimmte Denominationen fokussieren, sondern darum, „Sinnlichkeit“ als Argument religionspolitischer und dogmatischer Debatten offenzulegen: „Consequently, accusations of sensuality were a crucial element in religious polemic and were linked to social discipline.“ (Bd. III: Renaissance, S. 102).

Konzeptionell schwierig in den folgenden Kapiteln zu „Philosophy and Science“ ist zunächst, dass mit der Unterscheidung zwischen Philosophie und (Natur-)Wissenschaft ein modernes Begriffsraster an Phänomene angelegt wird – beide wurden frühestens in der Aufklärung als eigenständige Gegenstandsbereiche wahrgenommen. Offensichtlich ist dies den Wünschen des Verlags geschuldet (vgl. Bd. IV: Enlightenment, S. 109, Anm. 1). Dies tut der Qualität der einzelnen Beiträge jedoch keinen Abbruch. In ihrer wissenschafts- und wissensgeschichtlichen Anlage schlagen sie einen großen Bogen von der langen Dominanz aristotelischer Sinnestheorien über den aufklärerischen Sinnesempirismus bis zum gegenwärtigen informationstechnologischen Verständnis der Wahrnehmung. Matthew Nudds macht abschließend auf die heute nicht zur Debatte stehende Autorität naturwissenschaftlicher Erklärungen des menschlichen Sinnesapparates aufmerksam und fordert dazu auf, die sinnliche Pentatonik endgültig aufzulösen und danach zu fragen, auf Grund welcher Annahmen überhaupt eine Anzahl der Sinne bestimmt werden kann – und noch grundlegender, was überhaupt ein „Sinn“ ist (vgl. Bd. VI: Modern Age, S. 147).

Medizingeschichtlich geht es weiter im sechsten Abschnitt des Handbuchs. Herauszuheben ist hier Patrick Singys Aufsatz zur Medizin der Aufklärung, in dem er das Verhältnis von platonischer Ideenwelt und diagnostischer Praktik neu bestimmt: Zwar verschrieben sich die Mediziner der Aufklärung noch der Vorstellung einer überindividuellen Krankheitsessenz, aber zugleich versuchten sie mittels Praktiken des Sehens, Hörens und Fühlens ihrer konkreten Erscheinungsform auf den Grund zu kommen. Damit, so seine Schlussfolgerung, relativiert sich der Gegensatz zwischen theoretischer und empirischer Medizin im 18. beziehungsweise 19. Jahrhundert (vgl. Bd. IV: Enlightenment, S. 153). Gleichermaßen überzeugend ist auch Anamaria Iosif Ross’ Analyse veränderter visueller Codes im Gesundheits- und Krankheitsdiskurs in der Moderne. Galt etwa „weißes“ Essen in Form von Milch, Weißbrot und Butter Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA als gesund, gilt dies heute für „buntes“ und damit vielfältiges Essen: „[T]he whiter the bread the sooner you’re dead.“ (Bd. VI: Modern Age, S. 159)

Die jeweils siebten und achten Kapitel der Bände behandeln mit Literatur und Kunst zwei eng benachbarte Themenkomplexe, wobei hier die Kriterien der Auswahl und Abgrenzung nicht recht deutlich werden – warum etwa ein Kapitel zur Literatur, aber keines zur Musik? Dennoch finden sich anregende Beobachtungen, wie zur Wechselwirkung zwischen literarischen Metaphern und sinnlicher Wahrnehmung in der Renaissance (vgl. Bd. III: Renaissance, S. 154) oder Ralf Hertels Untersuchungen einer reflexiven, sich selbst hinterfragenden Sinnlichkeit bei Virginia Woolf und James Joyce (vgl. Bd. VI: Modern Age, S. 176). Was die Beiträge zur Kunst angeht, so liegt es auch an der Breite des Oberthemas „Art and the Senses“, dass sie sich teils in der Feststellung erschöpfen, dass Kunst stets alle Sinne anspricht und zugleich soziale, politische und kulturelle Identitäten verhandelt (vgl. Bd. I: Antiquity, S. 208). Dies mag für das Feld der Kunst in besonderer Weise wichtig und richtig sein – allerdings stellt sich die Frage, für welchen Gegenstandsbereich diese Feststellung nicht zutrifft.

Am Ende des Werkes stehen Beiträge zur Mediengeschichte der Sinne, was sich als sehr gelungen herausstellt, da dieser Zugriff einen gewissen Zwang zur Synthese epochenspezifischer Entwicklungen mit sich bringt. So bewegt sich die Analyse der „Sensory Media“ auf einer Metaebene, die zum Beispiel nach Konjunkturen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Renaissance fragt (vgl. Bd. III: Renaissance, S. 203–219) oder die Praktiken des Schreibens, Publizierens und Lesens in den nordamerikanischen Kolonien als multisensorisches Mediennetzwerk beschreibt, das eng mit der Entstehung der amerikanischen Nation verwoben war (vgl. Bd. IV: Enlightenment, S. 222).

Auf insgesamt gut 1.300 Textseiten – hinzu kommen in den einzelnen Bänden umfassende Literaturverzeichnisse sowie präzise Sach- und Personenregister – entfaltet Classens „Cultural History of the Senses“ ein beeindruckendes Panorama all dessen, was Sinnesgeschichte sein kann. Zwei grundsätzliche Kritikpunkte seien angeführt, der erste betrifft das unentschlossene Verhältnis von Inhalt und Struktur: Die in den Einzelbänden stets gleiche Kapitelaufteilung macht zunächst Hoffnung auf ein Handbuch. Diese wird jedoch enttäuscht, denn die Auswahl von Gegenstand und Methode in den Einzelbeiträgen variiert zu stark. Zugleich aber ist es eben diese feste Struktur, die das kreative Moment vieler Aufsätze künstlich zu begrenzen scheint. Eine klare Entscheidung zugunsten eines Handwörterbuchs auf der einen oder einer explorativeren Publikation auf der anderen Seite hätte dem Werk hier gut getan.

Der zweite Kritikpunkt ist, dass sich nach der Lektüre der sechs Bände der Eindruck erhärtet, Zeuge einer Verlustgeschichte zu sein: Sie beginnt, als die Sinne noch ihren Platz „at the heart of ancient cultures“ (Bd. I: Antiquity, S. 20) hatten und endet mit den „emotionally compelling but sensorially limited communities in the twenty-first century“ (Bd. VI: Modern Age, S. 241). Damit bricht sich ein normatives Bild von Sinnlichkeit als unverfälschter Wirklichkeitswahrnehmung Bahn, das es gerade zu dekonstruieren gilt. Die gegenwärtige Konjunktur der Sinnesgeschichte müsste in dieser Hinsicht nicht zuletzt selbst als Symptom einer Krise der sensorischen Ordnung gelesen werden. Dennoch: Jeder, der sich mit der Geschichte der Sinne auseinandersetzt, kommt an Classens sechs Bänden nicht vorbei – nicht obwohl, sondern gerade weil das hier entfaltete sinnesgeschichtliche Panorama breit ist und die entwickelten Thesen zu weiterer Forschung aufrufen.

Anmerkungen:
[1] „Nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu.“, in: Thomas von Aquin, Quaestiones disputatae de Veritate, II, 3, arg. 19.
[2] Karl Marx, Privateigentum und Kommunismus, in: Marx-Engels Werke, Bd. 40, Berlin 1968, S. 541f.; online: <https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band40.pdf> (03.06.2016).
[3] Vgl. exemplarisch Mark M. Smith, Sensing the Past. Seeing, Hearing, Smelling, Tasting, and Touching in History, Berkeley 2007.
[4] Vgl. Martin Jay, In the Realm of the Senses. An Introduction, in: The American Historical Review 116 (2011) 2, S. 307–315.
[5] Vgl. Constance Classen, Worlds of Sense. Exploring the Senses in History and Across Cultures, London 1993; dies., The Deepest Sense. A Cultural History of Touch, Urbana 2012.

Zitation
Thomas Blanck: Rezension zu: Toner, Jerry (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In Antiquity. London  2014 / Newhauser, Richard (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Middle Ages. London  2014 / Roodenburg, Herman (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Renaissance. London  2014 / Vila, Anne (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Age of Enlightenment. London  2014 / Classen, Constance (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Age of Empire. London  2014 / Howes, David (Hrsg.): A Cultural History of the Senses. In the Modern Age. London  2015 , in: H-Soz-Kult, 17.06.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24520>.
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Veröffentlicht am
17.06.2016
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