G. Decker: 1965. Der kurze Sommer der DDR

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Titel
1965. Der kurze Sommer der DDR


Autor(en)
Decker, Gunnar
Erschienen
München 2015: Carl Hanser Verlag
Umfang
493 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Günter Agde, Berlin

Der geschichtsbewusste Feuilletonist Gunnar Decker eröffnete die dies Jahr zu erwartende Erinnerungs-Konjunktur zum 50. Jahrestag des berühmt-berüchtigten 11. SED-ZK-Plenums 1965, des so genannten Kahlschlag-Plenums, mit einer durchgeschriebenen Erzählung dieses ganzen Jahres auf immerhin 690 Seiten. Der Rezensent bekennt einen Zwiespalt: Er sympathisiert mit dem Wagnis Deckers, eine Geschichte des DDR-Jahres 1965 für ein breiteres Publikum vorzulegen. Er vermisst freilich eine Aktualisierung mittels neuer Quellen.

Im Wesentlichen war dieses Jahr gekennzeichnet durch heftige Auseinandersetzungen um eine Modernisierung der DDR, die mit einer Modernisierung der Wirtschaftspolitik, also durch ökonomische Reformen, beginnen sollte. So sah es Walter Ulbricht, der 1. Sekretär des ZK der SED und de facto erster Mann der DDR, und mit ihm etliche Ökonomen und Wissenschaftler. Verkürzt gesagt: Zusammen mit einer Lockerung der volkswirtschafts-planerischen Strenge sollten zunehmend marktwirtschaftliche Komponenten die Effizienz der gesamten Produktion steigern. Das Programm des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖSPL genannt) würde – das war allen klar – über rein ökonomische Prozesse hinausgreifen. Diesem gesellschaftlichen Projekt standen maßgebliche, konservativ-dogmatische SED-Politiker entgegen, allen voran Erich Honecker. Diese sahen durch eine Modernisierung die Existenz der DDR und ihre eigene Herrschaft gefährdet und versuchten, das NÖSPL zu blockieren und zu unterlaufen. Im Verlauf des Jahres 1965 spitzte sich die Auseinandersetzung zwischen den Reformern und den Konservativen zu, als die Planungen für die kommenden Jahre diskutiert werden sollten.

Oberflächlich betrachtet stellte sich dieses gesamte Konfliktfeld als Kampf Honeckers gegen Ulbricht um die Macht dar.[1] Ulbricht als SED-Parteichef verfügte über die gesamte Macht. Honecker war als ZK-Sekretär für Sicherheit verantwortlich, aber auch für Kaderfragen (was oft übersehen wird), nahm also zwei entscheidende Lenkungspositionen innerhalb der Parteiführung ein. Beide waren Exponenten diverser Gruppierungen von SED-Spitzenfunktionären. Das mit ihnen agierende Personal bildete keine homogenen, geschlossenen Blöcke mit klaren Abgrenzungen. Vielmehr handelte es sich um mehrfach wechselnde, nicht immer stabile und schwer zu überschauende Zweckallianzen mit personell und zeitlich fließenden Grenzen und Überlagerungen.

Diese Widersprüchlichkeit gewann im Sommer/Herbst 1965 an Schärfe und mündete in das 11. Plenum, das so genannte Kahlschlag-Plenum vom Dezember 1965. Diese zunächst als Wirtschafts-Debatte angelegte Versammlung aller SED-ZK-Mitglieder veränderte sich während des Verlaufs. Honecker weitete in seinem Politbüro-Bericht (der bei ZK-Tagungen üblichen Eröffnung durch Rechenschaftslegung) seinen Rückblick zu einer prinzipiellen und überaus scharfen Kritik an Künstlern und Kunstwerken aus. Diesen Attacken schlossen sich weitere SED-Spitzenpolitiker an. Honecker und die anderen hantierten nicht mit Argumenten, sondern mit Unterstellungen, Bigotterien und Verfälschungen und scheuten nicht vor Häme, üblen Beschimpfungen und Verbalinjurien zurück. Damit wurde eine Flut von Verboten und Restriktionen gegenüber Künstlern und Künsten eingeleitet, die verheerende Folgen auf Jahre hin vor allem für Künstler hatte, eben ein Kahlschlag. Das Drohpotential hielt lange an.

Die hier nötige Verkürzung der überaus komplexen Zusammenhänge lässt auch die heftigen Ambivalenzen, Rivalitäten, Egoismen und Profilierungssüchte in der obersten Parteiführung beiseite. Decker nennt dieses Gemisch treffend „ein einziges Gestrüpp an Widersprüchen“ (S. 296) und führt es eng an der DDR-Kunstentwicklung dieser Zeit entlang. Tatsächlich hatten sich in diesem Jahr (und auch schon davor) Künstler aller Genres unmittelbar für gesellschaftliche Entwicklungen engagiert, da sie die Verheißung eines Aufbruchs nach dem Mauerbau 1961 wahrnahmen und mit ihren Kunstmitteln mittragen wollten.

Decker geht chronologisch vor und gestattet sich an ihm wichtigen Punkten erklärende Exkurse, Rückblenden und Vorausgriffe, um seine Beweisführung zu stützen. Er beschreibt diese Entwicklungen an Kunstwerken und Künstlern. Dafür trifft er seine persönliche Auswahl und flicht auch persönliche Erinnerungen und Emotionen mit ein. Das ist legitim, vernünftig und geht auch im Wesentlichen mit den wichtigsten relevanten Erscheinungen einher. Er nennt vor allem Christa Wolf, Franz Fühmann, Volker Braun, Werner Bräunig, Wolf Biermann, Günter Kunert, auch Benno Bessons Inszenierung von „Der Drache“ 1965 am Deutschen Theater Berlin. Diverse Projekte, die er zu Rate zieht, waren damals freilich öffentlich noch nicht zugänglich, wie Fühmanns „Simpliccissimus“-Filmentwurf oder Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“, von dem ein (ein!) Kapitel vorabgedruckt worden war, das nun auf den Roman „hochgerechnet“ und heftig verurteilt wurde.[2] Decker rechnet auch kunstnahe multiplikative Ereignisse dazu: etwa Stefan Hermlins spektakuläre Aktion einer öffentlichen Lyrik-Lesung in der Akademie der Künste (im Dezember 1962), Fritz Cremers heftige Rundum-Kongreß-Kritik 1964, Beat-Sendungen des Rundfunks. Eine Vollständigkeit der relevanten Werke kann er begreiflicherweise nicht erreichen, dazu war das Jahr zu lebhaft und zu fruchtbar, entstanden zu viele Arbeiten dieses Neuaufbruchs, flankiert von Importen neuer ausländischer Filme und Bücher. Der Aufbruch jedenfalls war vielgestaltig und vielstimmig, ein reiches Ensemble.

Der Kunstanspruch dieses ganzen Jahres 1965, den Decker behauptet, darf zwar Lücken dulden, jedoch nicht herbe Ungewichtigkeiten. Einige sind: Bessons Inszenierung von „Der Drache“ lebte von den üppigen szenischen Bühnen-Phantasien des Malers Horst Sagert, die jenen „freien Umgang mit dem Stoff“ fabulierten, den Christa Wolf in ihrem Diskussionsbeitrag auf dem 11. Plenum dann für alle Künste anmahnte. Frank Beyers Film „Spur der Steine“ schätzt Decker sehr; den (noch nicht endgefertigten) Film „Berlin um die Ecke“ von Gerhard Klein (Buch Wolfgang Kohlhaase) hingegen erwähnt er überhaupt nicht, wo doch – genau besehen – der junge Schlosser Olaf aus Kleins Film in Habitus, Temperament, Arbeitsanspruch und Ethik der jüngere Bruder Ballas aus Beyers Film sein könnte. Oder: das Filmfragment „Fräulein Schmetterling“ würdigt Decker als schwermütig-melancholisches, sehnsuchtsvolles Visions-Spiel vor allem der Autoren Christa und Gerhard Wolf. Egon Günthers Film „Wenn Du groß bist, lieber Adam“ aus dem gleichen Jahr fabulierte ebenfalls ein Utopie-Spiel, jedoch als einen spielerisch-heiteren, komödiantischen Gegen-Entwurf. Diesen Film und diesen Regisseur nennt Decker ebenfalls nicht.

Allein diese beiden Paarungen in vier Spielfilmen offenbaren eine ästhetisch- philosophische Einheitlichkeit in der Verschiedenartigkeit, die dem reformerischen Grundgestus jener Jahre entsprang. Die Visualisierung des reformerischen Impetus‘ fand hier konkrete Gestalt, sichtbar und als ein Versprechen auf massenhafte Zuschauerresonanz – und eben das bildete den Hauptgrund für die Verbote. Auch daß in allen vier Filmen der Generationenkonflikt, den Decker auf der Ebene der Herrschenden thematisiert, wie sonst nirgendwo in den Künsten dieser Jahres personalisiert wird, übersieht Decker. Und: Die außergewöhnlichen Korrespondenzen zwischen Frauenfiguren in den Filmen übergeht er. Gerade die Frauenfiguren verkörperten einen erheblichen humanitären emanzipatorischen Schub dieser Jahre.

Decker verliert im Fortgang seiner Erzählung einige Künste ohne erkennbare Gründe völlig aus dem Blick, was deren Verflochtenheit mit dem Aufbruch gerade dieses Jahres nicht gerecht wird. Die reiche Beatmusik und ihre jungen Produzenten, einmal genannt, verschwinden aus seinem Text ebenso wie der Rundfunk, der freilich als ihr massenhafter Multiplikator weiterwirkte. Auch die bildenden Künstler spielen (bis auf Cremer) kaum noch eine Rolle. Er erwähnt nur, daß Wolfgang Mattheuer in diesem Jahr sein Gemälde „Kain und Abel“ schuf. Daß Mattheuer damit die bedeutende Reihe seiner verschlüsselt-allegorischen Zeichen-Deutungen der Zeit eröffnete und mit sehr spezifischen malerischen Mitteln seinen eigenen „freien Umgang mit dem Stoff“ vorschlug, wird freilich nicht gesagt.

Decker erschließt keine neuen Archivquellen, was aber 50 Jahre nach den Vorgängen unabdingbar wäre, sondern trägt anderswo bereits Publiziertes – mit den schon dort mitgeteilten Dokumenten – zusammen. Das ist für seine Art Erzählung legitim, aber unzureichend, auch bei einem solchen mehr feuilletonistischen als historiographischen Projekt. Seine Hauptquellen sind über eineinhalb Jahrzehnte alt.[3] In den Archiven seitdem neu erschlossene Quellen berücksichtigt er nicht: etwa die Produktions- und Zulassungsakten der DEFA- und Fernsehfilme, die Zensurentscheidungen in den Druckgenehmigungsverfahren, diverse Nachlässe. Eine enorme Quelle bilden auch die Tonband-Protokolle der Tagung, die das Bundesarchiv (SAPMO) komplett online gestellt hat.[4]

Decker hantiert durchgängig mit dem Sammelbegriff „Funktionäre“, die er als entscheidende Kraft im Dualismus zwischen Reformern und Beharrern festmacht. Sie sind ihm eine amorphe, geheimnisvolle Masse von ungenauer Größe, einflussreich, unberechenbar, manipulierbar. Seine Vokabeln dafür sind „Funktionär“ (S. 324, 270, 353), „Fronde“ (S. 325), „Gewinner ist der Apparat“ (S. 71), „aus dem Dunkel des Apparats“ (S. 152), „Klüngel“ (S. 235) und viele andere. Nirgendwo unternimmt er den Versuch, diese anonyme Masse „aufzulösen“ und den Begriff zu erklären. Aber wenn die Funktionäre, wie Decker behauptet, tatsächlich eine so mächtige wie bedrohliche Kraft gewesen sind, so sollte es doch unabdingbar sein, zu hinterfragen: Wer waren denn diese Funktionäre, die im Parteiapparat „politische Mitarbeiter“ genannt wurden? Welchen konkreten Anteil hatten diese politischen Mitarbeiter am politischen Willen und an den Reden der ZK-Mitglieder und an den Texten des Plenums? Wer hat die umfangreiche Lesemappe strukturiert, die alle Teilnehmer des Kahlschlag-Plenums lesen mussten und die als überaus durchdachte Inszenierung eine wichtige strategische Funktion innehatte, weil sie anhand von Dokumenten suggerierte, dass sich die angeblich erhebliche Gefährdung der DDR potenzierte? Die Funktionäre stellten sowohl Honeckers als auch Ulbrichts Manövriermasse dar, waren zugleich aber auch als Bodenpersonal die Ideologie-Zu-Arbeiter im Polit-Weinberg ihrer Herren und fleißige Schreiber. Im Jahr 1965 arbeiteten immerhin 733 politische Mitarbeiter im ZK, davon 26 allein in der Abteilung Kultur.[5]

Deckers Unwillen, die Innenarchitektur der anonymen Masse der „Funktionäre“ zu beschreiben, trägt zur weiteren Verschleierung des Wesens und des Funktionierens der Funktionäre bei. Sie leistet damit ein weiteres Mal dem Mythos Vorschub, dass nur Honecker oder Ulbricht „die Sache gemacht“ hätten. Nur durch die Skelettierung aller dieser Mechanismen kann man die Machtkämpfe ihres Verschwörungs-Nimbus entkleiden und den „Apparat“ entmystifizieren. Genau dort wäre auch der Ansatz zu finden, diese Plenartagung auf ihren Stellenwert in der Stalinismus-Diskussion jener Jahre zu untersuchen (Stich- und Reizwort: Personenkult).

Deckers Abgesang auf das Jahr ist eine Besinnung auf die Großen, Alten: vor allem Anna Seghers, Erich Ahrendt, Stefan Hermlin, weil er mit ihnen den Kernwiderspruch zwischen Geist und Macht auf philosophisch-anspruchsvolle Art über das Jahr hinausweitet und in den Grundwiderspruch in der DDR versetzt. Die Kluft zwischen Fleiß und erzählerischem Stilwillen der durchgeschriebenen Erzählung einerseits und unzureichender Erschließung von Dokumenten andererseits bleibt für den Rezensenten bestehen. Zugleich bildet das Buch einen ersten ernstzunehmenden und differenzierenden Versuch, diesem Jahr 1965 – 50 Jahre danach – leserfreundlich beizukommen.

Anmerkungen:
[1] Regina Mönch nennt dies verharmlosend eine Ulbricht-Honecker-„Kabale“, Regina Mönch, Schreckensdamen im Plenum, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. März 2015.
[2] Der Roman erschien erst 2007 in einer exzellent kommentierten Ausgabe: Werner Bräunig, Rummelplatz, Roman, Mit einem Vorwort von Christa Wolf, Hrsg. von Angela Drescher, Aufbau-Verlag Berlin, 2007.
[3] Monika Kaiser, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972, Berlin 1997 und Günter Agde (Hrsg.), Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, 2. erheblich erweiterte Auflage, Berlin 2000.
[4] Bundesarchiv Berlin / SAPMO, Tondokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Ton Y 1 / 1365 und 1366.
[5] Strukturpläne der Abteilungen des ZK, SAPMO-BArch, DY 30 / J IV 2/3 A, Nr. 1243.

Zitation
Günter Agde: Rezension zu: : 1965. Der kurze Sommer der DDR. München  2015 , in: H-Soz-Kult, 20.10.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24563>.
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20.10.2015
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